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Plume du Paon. Hartmut Krauss: Kulturspezifischer Sozialisationshintergrund als zentraler (Des-)Integrationsfaktor

Das dominante Klischee besagt, da√ü Sch√ľlerinnen und Sch√ľler aus Zuwandererfamilien per se "sozial benachteiligt" seien, und das deutsche Schulsystem diese Benachteiligung schuldhaft zementiere. Nun kann tats√§chlich festgestellt werden, da√ü das deutsche Bildungssystem zu fr√ľh folgenreiche Schullaufbahnentscheidungen festschreibt, zu wenig durchl√§ssig ist, organisatorische und lerninhaltliche M√§ngel aufweist etc. und insofern verbessert werden mu√ü. Wahr ist aber auch, da√ü das Schulsystem in erster Linie nicht Verursacher, sondern vielmehr Manifestationsmedium gesellschaftlich erzeugter bzw. systemextern produzierter Problemkonstellationen ist. Auf diese Weise werden die Schulen in ihrer urspr√ľnglichen Prim√§rfunktion als Institutionen der Vermittlung von Wissensinhalten, Lernmethoden, n√ľtzlichen Kompetenzen etc. sowie des Erkennens und des F√∂rderns von Begabungen tendenziell ausgeh√∂hlt und dem schleichenden Umbau zu sozialtherapeutischen Reparaturwerkst√§tten ausgesetzt. Dabei resultiert der aufgen√∂tigte Reparaturaufwand a) aus vielfach mi√ülungener Prim√§rsozialisation (Familienerziehung) sowie b) aus der "√úberreizung" der Kinder und Jugendlichen durch die sp√§tkapitalistische Massenkultur des Habens mit ihren werbepsychologischen Einwirkungen und Modellsetzungen. Wo sich in der Bewu√ütseins- und Verhaltensstruktur von Kindern und Jugendlichen diese beiden negativen Determinanten verflechten und festsetzen, steht Schule als klassische Lerninstitution immer mehr auf verlorenem Posten bzw. wird zum wesentlichen Erscheinungsort gesamtgesellschaftlicher Krisenprozesse.

Die simplifizierende Rede von der sozialen Benachteilung, die obendrein als ideologisches Abwehr- und Ablenkungsinstrument eingesetzt wird, verstellt zudem den wissenschaftlich-analytischen Blick auf die reale Komplexität der Problemlage:

Kinder aus Zuwandererfamilien, deren Eltern (a) aus der Unterschicht stammen,
(b) einen niedrigen Bildungsstatus und eine geringe Bildungsorientierung aufweisen,
(c) gem√§√ü religi√∂s-autorit√§ren ("pr√§modernen") Prinzipien erziehen und (d) kaum oder nur schlecht Deutsch sprechen, sind sozialisatorisch so negativ konditioniert, da√ü die bereits in der vorschulischen Entwicklung angeh√§uften und sp√§ter weiterwirkenden Entwicklungsnachteile durch die Bildungsinstitutionen mitunter noch abgeschw√§cht, aber nicht mehr kompensiert werden k√∂nnen. Es ist also nicht die soziale Unterschichtzugeh√∂rigkeit an sich, sondern die eigent√ľmliche Verflechtung von sozialen, sprachlichen und kulturellen Einflussfaktoren, die hier negativ zum Tragen kommt.

Betrachtet man verschiedene Gruppen von Zuwanderern im Vergleich, dann wird deutlich, da√ü trotz gleicher oder √§hnlicher Soziallagen sehr unterschiedliche Lernergebnisse erzielt und Bildungsprozesse absolviert werden. So erreichten vietnamesische Sch√ľler im Bundesland Brandenburg √ľberwiegend bessere Schulabschl√ľsse als ihre deutschen Mitsch√ľler, obwohl ihre Eltern zumeist relativ schlecht deutsch sprachen und als Kleinh√§ndler zumeist eine schwierige soziale Existenz fristen. (Das kann auch als ein Indiz gegen die Behauptung gewertet werden, im deutschen Schulsystem w√ľrden Kinder von Zuwanderern generell diskriminiert, schlechter bewertet und benachteiligt.) Einer Studie der Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg zufolge besuchen 74 Prozent der Kinder vietnamesischer Einwanderer im Sekundarschulalter das Gymnasium,
17 Prozent die Gesamtschule und neun Prozent die Realschule. (1)

Entscheidend ist hier bei den Vietnamesen - wie auch bei j√ľdischen Zuwanderern aus Ru√üland - insbesondere die hohe mitgebrachte kulturelle Wertsch√§tzung von s√§kularem Wissen und diesbez√ľgliche Bildungsbereitschaft als normative Grundorientierung.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in anderen europäischen Ländern: So ist zum Beispiel in England die Arbeitslosigkeit unter jungen Muslimen dreimal höher als in der Gesamtbevölkerung. 54 Prozent der Kinder von Immigranten aus Bangladesch und Pakistan leben in Familien, die von staatlicher Sozialhilfe abhängig sind. Nur
34 Prozent von ihnen erreichen einen qualifizierten Hauptschulabschluss. Im Vergleich dazu ist die Lage anderer Immigrantengruppen - Inder, Sikhs, Zyprioten etc. - wesentlich besser ‚Ķ In dieser Hinsicht (wie in einigen anderen Punkten) √§hnelt also die Lage in Gro√übritannien der in Deutschland, Frankreich und anderen europ√§ischen L√§ndern: Die muslimische Minderheit leistet weniger als andere und klagt st√§rker √ľber Diskriminierung. Zwar sind in D√§nemark nur 5% der Bev√∂lkerung Muslime, diese nehmen aber 40 Prozent der Sozialhilfeausgaben in Anspruch. (2)

Gro√übritannien hat - trotz wesentlich besserer wirtschaftlicher Entwicklung und insgesamt geringerer Arbeitslosigkeit als in Deutschland - eine drei Mal so hohe Arbeitslosigkeit bei Muslimen zu verzeichnen, wie bei Gruppen christlicher oder hinduistischer Herkunft. Insgesamt ist in Gro√übritannien die wirtschaftlich-soziale Integration der pakistanischen Einwanderer noch weniger gelungen, als die der t√ľrkisch-st√§mmigen Zuwanderer in Deutschland. (3)

F√ľr die Situation in Gesamtdeutschland sind nun leider nicht die Lernergebnisse der vietnamesischen Sch√ľler in Brandenburg oder aber die Bildungsorientierungen von j√ľdischen Zuwanderern aus Ru√üland ausschlaggebend, sondern die gravierenden Bildungs-, Qualifikations- und Integrationsm√§ngel eines Gro√üteils von Zuwanderern mit einem orthodox-islamisch gepr√§gten Sozialisationshintergrund. Der Berliner Innensenator K√∂rting hat zum Beispiel einen Monat lang in Form einer Stichprobe die Qualifikation von T√ľrkinnen und T√ľrken erfassen lassen, die nach Berlin kamen, um einen hier lebenden Partner zu heiraten. 64 Prozent hatten keinen oder nur den Hauptschulabschlu√ü. 30 Prozent kamen vom Dorf oder aus Orten mit weniger als 10.000 Einwohnern. (4)

Was diese Zuwanderer √ľberwiegend charakterisiert, sind folgende integrationswidrige Kernmerkmale:

  • subjektive Pr√§gung durch eine vormodern-agrarische Lebensweise,
  • individuelle Gebundenheit an eine repressiv √ľberwachte und traditionalistisch normierte Gemeinschaft mit einer archaischen Ehrenmoral und
  • Bildungsferne, gepaart mit einer starken antiaufkl√§rerischen Ablehnung bis hin zu Verachtung der Grundprinzipien einer s√§kular-demokratischen Gesellschaft.

Letztendlich verk√∂rpert die traditionalistisch-islamische Familie mit ihrer religi√∂s √ľbersteigerten und umgeformten Ehren- und Pflichtmoral eine kulturspezifische Extremvariante des autorit√§r-reaktion√§ren Spie√üb√ľrgertums, wie es f√ľr den deutschen Entwicklungskontext treffend von Wilhelm Reich (1930-33) sowie von Max Horkheimer, Erich Fromm, Herbert Marcuse u. a. (1936) beschrieben worden ist. Dabei erweist sich die patriarchalische Familie als Keimzelle einer totalit√§ren Herrschaftsordnung sowie als Reproduktionsst√§tte nach innen unterwerfungsbereiter und nach au√üen aggressionsbereiter Subjektivit√§t.

Von den Betroffenen wird die vorgefundene Tradition, in die sie hineingeboren werden, vielfach entweder als gottgewolltes und damit subjektiv hinzunehmendes Schicksal empfunden und damit als unver√§nderbare Gegebenheit verdinglicht, der man sich fraglos unterwerfen mu√ü, oder aber gegen√ľber der kulturellen Moderne aktivistisch-k√§mpferisch ("fundamentalistisch" bzw. "islamistisch") verteidigt. So steht laut der vom Bundesinnenministerium herausgegebenen Studie Muslime in Deutschland einem knappen F√ľnftel von gering religi√∂s orientierten Zuwanderern aus islamischen Staaten eine √ľberw√§ltigende Mehrheit von orthodox-religi√∂sen (21,7%), traditionell-konservativen (19%) und fundamental orientierten (40,6%) Muslimen gegen√ľber. Der Aussage "Der Islam ist die einzig wahre Religion" stimmen 65,6% zu. 45 % sind der Meinung, "Nur der Islam ist in der Lage, die Probleme unserer Zeit zu l√∂sen" und 50,6% sind der √úberzeugung, "Auf lange Sicht wird sich der Islam in der ganzen Welt durchsetzen". Zudem besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Bindung an den islamischen Glauben und der Distanz zu Demokratie und westlicher Kultur. So stimmen 46,7% der Aussage zu "Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist f√ľr mich wichtiger als Demokratie". Zwar bekennt nur eine Minderheit von 7,6% offen ihre Bereitschaft zur Gewaltanwendung gegen Ungl√§ubige. Aber 44,3% gegen davon aus, da√ü Muslime, die im bewaffneten Kampf f√ľr den Glauben sterben, ins Paradies eingehen. (5)

Von entscheidender Bedeutung f√ľr die best√§ndige (auch bewu√üt beabsichtigte) Reproduktion geschlossener islamisch-traditionalistischer Sozialisationsmilieus ist zum einen die strikte Befolgung der religi√∂s bestimmten Heiratsregel, wonach muslimische Frauen nur muslimische Ehem√§nner heiraten d√ľrfen, und eingewanderte muslimische M√§nner ebenfalls √ľberwiegend muslimische Ehefrauen - oftmals "arrangierte" Importbr√§ute aus dem Herkunftsland - ehelichen. Von den Verheirateten unter den Befragten der Studie Muslime in Deutschland gaben 95,8% an, da√ü der Ehepartner auch ein Muslim ist.

Insgesamt ist demnach festzustellen: Eine starke Bindung an den Islam, insbesondere an dessen dominierende konservativ-orthodoxe Auspr√§gung, wirkt als zentraler Desintegrationsfaktor. Damit erweist sich letztlich die ungebrochene Reproduktion muslimischer Sozialisationsverh√§ltnisse als der kausale Problemkern, in dem n√§mlich der Grundstein gelegt wird f√ľr (a) eine disparate sprachliche, schulische, berufliche und weltanschauliche (Bildungs-)Orientierung des Subjekts und (b) eine dysfunktionale bis feindselige Normorientierung im Kontrast zur s√§kular-demokratischen Wertekultur der Aufnahmegesellschaft. Das wird indirekt auch durch Untersuchungen des Zentrums f√ľr T√ľrkeistudien best√§tigt. Je (muslimisch-)religi√∂ser die Befragten sind, um so weniger f√ľhlen sie sich der ‚Ķ bundesdeutschen Gesellschaft zugeh√∂rig. Hinzu kommt folgendes: Je l√§nger die Befragten in Deutschland leben, um so eher f√ľhlen sie sich religi√∂s. Ein langer Aufenthalt in einer nichtmuslimischen Umgebung f√ľhrt folglich nicht zur Losl√∂sung von der urspr√ľnglichen Religion. (6)

Die undifferenzierte Etikettierung der Situation islamisch stämmiger Jugendlicher als "sozial benachteiligt" muß in dieser realitätsverschleiernden Einfachheit demnach ad acta gelegt werden, denn dieses Label blockiert kritisch-wissenschaftliche Analyse und Reflexion. Tatsächlich handelt es sich bei der Problemlage muslimischer Jugendlicher weniger um "soziale Benachteiligung" als vielmehr um im eigenen Herkunftsmilieu erzeugte sozialisatorische Deprivation gemäß des islamisch-herrschaftskulturellen Regelkanons. (7)

9. Februar 2009

Quellen

(1) Vietnamesen machen Brandenburg schlauer. Von Mirjam Mohr, AP, netzeitung.de, 18. November 2008
http://www.netzeitung.de/politik/deutschland/1215697.html

(2) Laqueur, Walter: Die letzten Tage von Europa. Ein Kontinent verändert sein Gesicht. Berlin 2006. 2. Auflage. S. 94 und 80
http://www.perlentaucher.de/buch/25656.html

(3) Luft, Stefan: Abschied von Multikulti. Wege aus der Integrationskrise.
Gräfeling 2006, S. 379
http://www.stefanluft.de/Multikulti/multikulti.htm

(4) Falsche Migration. Gegen Faschismus und Islamismus, 7. November 2008
http://antiislam.wordpress.com/2008/11/07/falsche-migration/

(5) Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion und
Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter
Gewalt. Ergebnisse von Befragungen einer multizentrischen Studie in
städtischen Lebensräumen. Von Katrin Brettfeld und Peter Wetzels.
Universität Hamburg, 2007
http://tinyurl.com/bvpuwj

(6) Sen, Faruk/Sauer, Martina/Halm, Dirk (2004): Euro-Islam: eine Religion
etabliert sich in Europa: Stand, Perspektiven, Herausforderungen.
Stiftung Zentrum f√ľr T√ľrkeistudien, Essen, in: zft-aktuell/102, S. 37 und 27
(nicht mehr online)

F√ľr eine genauere Analyse der muslimischen Sozialisationsverh√§ltnisse siehe:
Krauss, Hartmut: Islam, Islamismus, muslimische Gegengesellschaft.
Eine kritische Bestandsaufnahme. Osnabr√ľck 2008, S. 368- 395
http://tinyurl.com/6zkkb7

(7) Hartmut Krauss: Gescheiterte Integration als Katalysator gesellschaftlicher
Destabilisierung. Fakten und Zusammenhänge jenseits der offiziellen
Diskursverwirrung

  • Einleitung
  • I. Sozial√∂konomische Strukturver√§nderungen als integrationspolitische Rahmenbedingung
  • II. Arbeitslosigkeit und Armut als Ausdruck gescheiterter Integration
  • III. Schulischer Ausbildungs- und beruflicher Qualifikationsmangel als Grund f√ľr die gescheiterte sozial√∂konomische Integration
  • IV. Kulturspezifischer Sozialisationshintergrund als zentraler (Des-)Integrationsfaktor
  • V. Kriminalit√§ts- und Gewaltbelastung als Folge und Ausdrucksform gescheiterter Integration
  • VI. Schlussfolgerung

http://tinyurl.com/bewtl9

Ausblenden, Verleugnen, Dementieren: Zum notorisch-apologetischen
Abwehrritual der sog. "Migrationswissenschaft". Von Hartmut Krauss,
Kritiknetz, 8. Februar 2009
http://www.kritiknetz.de/?position=artikel&aid=492

Siehe auch:

Mohammeds Geburtstag im Dar al-Islam Bochum. 10. Mai 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-05-10_00-42-57.html

Hartmut Krauss: Islam, Islamismus, muslimische Gegengesellschaft. 21. Juli 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-07-21_01-32-40.html

Das vietnamesische Wunder. Von Martin Spiewak, Die Zeit, 22. Januar 2009
http://www.zeit.de/2009/05/B-Vietnamesen?page=all

Bundesausländerbeirat fordert Abschaffung der Hauptschule. Mehmet Kilic im Gespräch mit Birgit Kolkmann, dradio.de, 9. Februar 2009
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/916506/


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