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Das Elend der deutschen Krimis

Ich traue meinen Augen nicht; in der Neuen ZĂŒrcher Zeitung schreibt Heribert Seifert einen empfehlenswerten Artikel ĂŒber das Elend der Tatort-Krimis. Jeder Satz spricht mir aus dem Herzen, und in jedem Satz jedes einzelne Wort. (1)

Traurige Kommissare von Heribert Seifert gelesen? Dann geht´s hier weiter:

Wer Krimi-Fan ist, der wird von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schlecht bis miserabel bedient; in meinem Archiv befinden sich einige BeitrÀge zu dem unleidigen Thema. (2)

Übt man Kritik, so setzt es bizarre Antworten, beispielsweise diese, daß der "Pinkel-Tatort" mit Maria FurtwĂ€ngler fast neun Millionen Zuschauer angezogen hĂ€tte: Was den "Tatort" betrifft, so meldete das "Hamburger Abendblatt" heute online: "Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) als verantwortlicher ARD-Sender wehrte sich gegen die Kritik mit dem Hinweis, der "Tatort" habe fast neun Millionen Zuschauer gehabt." (3)

Welch ein durchschlagendes Argument!

Wie Wolfgang Röhl, habe auch ich mir den Tatort Das Gespenst nicht angetan, und da wußte ich noch nichts vom Natursekt, sondern mich hat diese AnkĂŒndigung abgeschreckt: FĂŒr Charlotte Lindholm scheint der Fall allerdings bereits nach wenigen Stunden klar. Zu ihrer eigenen Überraschung ist die mutmaßliche Mörderin ihre Jugendfreundin Manu. Nein, nicht schon wieder! (4)

Es gibt in ARD und ZDF keinen Krimi mehr, in dem nicht die Ermittler mit TĂ€tern, Opfern, Lokalreportern und anderen Haupt- und Nebendarstellern verbandelt sind, in denen sie nicht Verwandter, Nachbar, Freund oder gar selbst Opfer oder TĂ€ter sind, dieser seltener, jener hĂ€ufiger. Nach frĂŒheren Einsprengseln dieser Art bei der SOKO 5113 scheint das in den neuen Folgen auch dort zur Routine zu werden. In einigen Artikeln habe ich mich darĂŒber aufgeregt, sogar mein Schaf habe ich blöken lassen, weil das immer dann von mir ĂŒbernehmen muß, wenn ich nicht mehr kann.

Man ahnt ja nicht, wie sehr ich mich auf den Tatort mit meinen Lieblingen Prof. Karl-Friedrich Boerne / Jan-Josef Liefers, Frank Thiel / Axel Prahl und "Alberich" / Christine Urspruch gefreut habe. DĂźner am Sonntagabend? Nee, geht´s nicht mittags, in Frankreich, denke ich, speist man am Sonntag mittags? Ach, du kannst nur abends, ja, also, nee, da gibt´s meinen Lieblings-Tatort ... (5)

Das sagt sogar den Franzosen etwas; denn den Tatort kennt man synchronisiert auch hier, man spricht ihn "tatĂłr" aus, von "t´as tort", zu deutsch "du hast Unrecht". Das DĂźner wird meinetwegen verschoben. Entsprechend groß ist die EnttĂ€uschung. Ich gestehe, daß ich nix verstanden habe, und ab sofort buche ich Thiel/Boerne unter "Kriminalkomödie" oder besser unter "Klamotte" ab. Alles, was diesen Tatort bislang so einzigartig gemacht hat, die Ausgewogenheit zwischen Spannung, Humor, Witz, haben Drehbuchautoren und Regisseur ruiniert, und der Plot mit dem WĂŒstenmörder, der seinen Freund ermordet oder nicht, oder den ein EntfĂŒhrer ermordet usw., wie gesagt, ich nix verstehen. Eine Freundin ruft mich aus Deutschland an: Ich gehe nicht davon aus, daß du dir Anne Will antust, wenn ja, rufe ich spĂ€ter noch mal an. - Nein, worum geht´s? - Na, worum wohl? Um den Jan-Josef Liefers, wie er im Mercedes aus dem Maisfeld prescht, es geht um die nie vorher in Thiel/Boerne-Tatorten gesichteteten armen gequĂ€lten Seelen, einfach grĂ€ĂŸlich, und Frank Thiels Vater war nicht dabei, und "Alberich" war nicht in der Pathologie, sondern turnte mit großem Koffer in kleinem roten Auto durch die Landschaft, im BlĂŒmchenkleid, und ... und ...!

Wer sich weitere Tatorte antun möchte, der nĂ€chste kommt aus MĂŒnchen, es geht ums Hellsehen und Wahrsagen, um "Astraltime" und "Aura-Sehen", die Verbandelung von Ermittlern und dem TĂ€ter-/Opferkreis ist ganz auf den Hund gekommen: Batic ist verblĂŒfft, weil Fefi ihm von seinem einstigen Hund berichten kann, der lange tot ist und an dem sein Herz hing. Es geht einfach nicht ohne! Man kann fast sicher sein, daß der Rest des Krimis sich um die Kommissare dreht; oder was heißt das: Er bemĂŒht sich, im Lauf der weiteren Ermittlungen bei klarem Verstand zu bleiben. Denn die Entwicklungen in der Villa und vor allem die Begegnung mit Fefi fĂŒhren die Kommissare in eine rĂ€tselhafte Welt. (6)

Heribert Seifert macht sich Gedanken ĂŒber die Auswirkungen, die von den Tatort-Krimis auf unsere GesetzeshĂŒter ausgehen könnten: Wirklich schlimm wĂŒrde es, wenn die echten Polizisten sich ihre Fernsehkollegen zum Rollenvorbild nĂ€hmen. Da wird sich nicht viel tun, die Polizei hat eigene Sorgen, fern von Tatort-Spinnereien. Unterbesetzt, wie die Reviere sind, haben die Polizisten gar keine Zeit, Tatort zu sehen, sondern sie hetzen vom Mannichl-Phantom zum WattestĂ€bchen-Phantom, suchen Rechtsextreme und das KillerkĂ€thchen, ´ne Serienmörderin aus Heilbronn, und wie sie heil durch die von Muslimen besetzten deutschen No-Go-Gegenden kommen, das ist auch wichtiger.

Wer sich derweil informieren will ĂŒber die guten alten Krimis, dem empfehle ich meinen Artikel ARD und ZDF. Krimis - ein einziger Pißpott. In den Anmerkungen sind die Websites verlinkt, unter denen man sich informieren kann ĂŒber Stahlnetz und den Kommissar, ĂŒber Derrick und den Alten. (7)

Warum die Regionalsender immer dieselben Tatort-Krimis wiederholen, doppelt und dreifach, das bleibt ihr kleines Geheimnis. Es gibt mehr als 700 Tatorte, mindestens, wo sind sie, warum werden die frĂŒhen nicht wiederholt, warum sieht man fast immer die Tatorte der letzten Jahre? (8)

Update zu Kommissar Stolberg

Jetzt zeigt das ZDF eine ganz neue Ermittler-TĂ€ter-Opfer-Variante. Es werden zwei nebeneinander laufende HandlungsstrĂ€nge in einen Krimi gepackt, damit der Charakterdarsteller Rudolf Kowalski besser rauskommt und seine WandlungsfĂ€higkeit von starr zu ernst zu trist vorfĂŒhren kann. Weil der ewig gleiche Plot vom Sexualmörder allein nicht trĂ€gt, wird Hauptkommissar Martin Stolberg in einem anderen, der außer dem Drang nach Wahrheitsfindung von Anfang bis Ende nichts mit dem Fall der Morde zu tun hat, von einem exaltierten Schnösel aus der Innenrevision vorgefĂŒhrt, der ihm zwischen verstaubten Aktenbergen lĂŒmmelnd, aus einem Fall von vor zwanzig Jahren etwas anhĂ€ngen will. Im Nebenkrimi hat er angeblich seinen Dienstverpflichtungen entgegen gehandelt, dabei war´s die Liebe. Selbstverfreilich wird er gen Schluß rehabilitiert. Derweil plagen sich seine Kollegin und sein Kollege ohne ihn, den Sexualmörder zur Strecke zu bringen, das heißt, nicht ganz ohne ihn, denn die entscheidenden Hinweise gibt Hauptkommissar Martin Stolberg zwischen zwei Schnöselverhören. (9)

Dem aufrechten Hauptkommissar Martin Stolberg singt seine alte Liebe Elena Wagner, die ihn nie vergessen kann, ein wunderbares Lied. (10)

27. MĂ€rz 2009

Erstes Update zum Tatort aus Bayern

Den Tatort aus Bayern lasse ich vorĂŒberziehen, von wegen Hund und so, aber dann kriege ich wieder einen Anruf von meiner Freundin: Hast du den Tatort gesehen, Gesang der toten Dinge? - Nee, was ist wieder damit? - Das ist irre! Der Tatort war seit ewigen Zeiten mal nicht politisch. Er spielt im Wahrsagermilieu, die Darsteller sind gut, auch die Faßbindermuse Irm Hermann, einfach super. Dazu die neue Schweizer Assistentin der Kommissare. Und null TĂŒrken, kein sozialer Sprengstoff, nix mit Gutmenschentum, die reinste Erholung!!! Ich konnte mehrfach lachen! Eigentlich mĂŒĂŸte man jetzt mal zur Ermutigung einen Lobesbrief an das Fernsehen schreiben. (6)

Ich habe den Film in EinsFestival gesehen und bestÀtige das. Danke, Bayerischer Rundfunk!

Zweites Update zum Tatort aus Bayern

Hatte sich Beate Strobel schon auf den sattsam bekannten, von Heribert Seifert ausfĂŒhrlich gewĂŒrdigten seichten Tiefgang eingestellt, auf Dickicht zwischen Wirrheit und Wahrheit, wollte nach der PACE-Fahne auf dem Balkon nichts dergleichen erscheinen. Was den einen oder die eine (mich) schockt, mit leichter Hand inszenierter Tiefgang, Hirn und Humor in schönster Balance unter weiß-blauem Himmel, das braucht die andere zur permanenten Komplettierung ihres Weltbildes: Tiefgang. Sie sollte lieber den Krimi KĂŒstenwache im ZDF sehen, da gibt´s stĂ€ndig Tiefgang, besonders tiefen, wenn Albatros II auslĂ€uft. (11)

30. MĂ€rz 2009

Quellen

(1) Traurige Kommissare. Seichte Talkshow-Soziologie prÀgt den ARD-"Tatort".
Von Heribert Seifert, Neue ZĂŒrcher Zeitung, 27. MĂ€rz 2009
http://www.nzz.ch/nachrichten/medien/traurige_kommissare_1.2 267621.html

(2) Artikel ĂŒber den Krimi-MĂŒll von ARD und ZDF in meinem Archiv
http://tinyurl.com/djfolz

(3) Der Pinkel-"Tatort". Nachschlag vom Verfassungsschutz. Von Wolfgang Röhl, Achse des Guten, 18. MÀrz 2009
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/d1/

Der Pinkel-"Tatort" und die Folgen. Das letzte, weise Wort. Von Wolfgang Röhl, Achse des Guten, 19. MÀrz 2009
http://tinyurl.com/cq5gsn

Artikel ĂŒber den Tatort-MĂŒll unter Röhl-Tatort auf der Achse des Guten
http://tinyurl.com/cxtws9

(4) Tatort. Das Gespenst. Drehbuch: Stefan DĂ€hnert, Regie: Dror Zahavi. DasErste, 15. MĂ€rz 2009
http://www.daserste.de/tatort/sendung.asp?datum=15.03.2009

(5) Tatort: Höllenfahrt, Drehbuch: Matthias Seelig und Claudia Falk,
Regie: Tim Trageser. DasErste, 22. MĂ€rz 2009
http://www.daserste.de/programm/tvtipp.asp?datum=22.03.2009

(6) Tatort. Gesang der toten Dinge. Drehbuch: Markus Fenner,
Regie: Thomas Roth, DasErste, 29. MĂ€rz 2009
http://www.daserste.de/tatort/sendung.asp?datum=29.03.2009

(7) ARD und ZDF. Krimis - ein einziger Pißpott. 15. Februar 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-02-15_22-22-39.html

Eine Nacht fĂŒr Wolfgang Menge: zum 85. Geburtstag. Tatort-Forum,
NDR, 11./12. April 2009
http://www.tatort-forum.de/viewtopic.php?f=33&t=631

Stahlnetz Folge 20. Nacht zum Ostersonntag. NDR, 12. April 2009, 1:10 Uhr, Stahlnetz24.DE.VU
http://stahlnetz.visiontainment.de/stahlnetz_sendetermine.ht ml

(8) Tatort. Alle FĂ€lle. Das Erste
http://www.daserste.de/tatort/faelle.asp

(9) Kommissar Stolberg. Die tote vom Fluss.
Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner, Martin Eigler, Regie: Martin Eigler,
ZDF, 27. MĂ€rz 2009
http://stolberg.zdf.de/ZDFde/inhalt/12/0,1872,7530156,00.htm l

(10) Mireille Mathieu-Martin. YouTube, August 30, 2008
http://www.youtube.com/watch?v=K13_yWOax04

(11) "Tatort: Gesang der toten Dinge". Fefis Visionen. Von Beate Strobel,
FocusOnline, 30. MĂ€rz 2009
http://tinyurl.com/clmxy6


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