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Laternengarage

Anfang der 50er Jahre gibt es nicht viele Autos in den Stra├čen der kleinen Stadt. Wer ein Auto f├Ąhrt, der besitzt auch eine Garage. Der Vater von Ingrid ist der Orthop├Ąde der Stadt, au├čerdem besitzt er eine Klinik. Er f├Ąhrt einen wei├čen Mercedes und hat eine Garage daf├╝r. Die Welt ist in Ordnung. Ein Auto, mindestens eine Garage. Ingrids Vater hat f├╝r seinen Mercedes sogar drei, eine hinter dem Privathaus, eine neben der Praxis und eine im Keller der Klinik.

Dann gibt es den Nachbarn Herrn Kotter. Der ist Soldat gewesen im Krieg und hat einen Arm dort gelassen. Herr Kotter hat umgeschult, was er vorher beruflich gemacht hat, wei├č man nicht, nach dem Krieg ist er Fotograf geworden - mit seinem einen Arm! Er hat R├Ąume gemietet, darin ein Fotoatelier eingerichtet und verdient jetzt gut. Er wohnt mit seiner vierk├Âpfigen Familie in einer Doppelhaush├Ąlfte zur Miete, ihm geh├Âren also weder Wohnung noch Atelier, aber ein Auto mu├č er sich leisten, der einarmige Bandit. Gewi├č, manchmal braucht er es auch beruflich, wenn er eine Hochzeit auf dem Lande fotografiert, aber da k├Ânnte er doch jemanden fragen, ob er ihn f├Ąhrt.

Herr Kotter hat nicht nur kein eigenes Haus, sondern auch keine Garage, das Auto steht des Nachts drau├čen. Die Verkehrsordnung will es, da├č am Stra├čenrand stehende Autos mit Standlicht beleuchtet zu sein haben, es sei denn, sie st├╝nden unter einer Laterne. Das ist die Laternengarage. (1)

Die belegt Herr Kotter - da├č der ├╝berhaupt Auto fahren darf mit seinem einen Arm! Immer schafft er es, des Abends sein Auto unter der einzigen Laterne der Stra├če abzustellen, niemand sonst h├Ątte eine Chance. Es gibt zwar sonst niemanden dort, der ein Auto besitzt, aber es k├Ânnte ja sein, meint der Mieter von gegen├╝ber, und dann w├Ąre es ungerecht, da├č immer Herr Kotter das Rennen macht.

Herr Kotter wei├č von all diesen Erw├Ągungen nichts. Gutgelaunt eilt er morgens zum Auto, einem alten Ford, gr├╝├čt die Hausfrau hinter der Gardine, grinst ein kleines M├Ądchen an, das sich sch├╝chtern an ihm vorbeidr├╝ckt, und steigt in das eigens f├╝r ihn umgebaute Fordmodell.

Wenn sein Vermieter ├╝ber ihn spricht, was h├Ąufig vorkommt, nennt er ihn abf├Ąllig den "Herrn Kotzeck". Diesen Namen hat er verdient, denn er ├Ąu├čert doch ungefragt, da├č sein Heimatland dort sei, wo man ihn leiden k├Ânne und er sein finanzielles Auskommen h├Ątte. Herr Kotter hat zwei Kinder, die er Paula und Paul genannt hat, man stelle es sich vor! Paul und Paula! Wer nennt seine Kinder denn so?

Gewi├č, es gibt sp├Ąter einen Film ├╝ber "Paul und Paula", aber der stammt aus der SBZ/"DDR"/DDR, und au├čerdem ist das ein Paar, also, die leben nicht als Geschwister mit fast demselben Vornamen, das ist eher lustig, aber Geschwister, die Paula und Paul hei├čen? (2)

Paula ist acht Jahre ├Ąlter als Paul, das Nachkriegskind. Kotter ist begeistert, da├č der Krieg vorbei ist, da macht er noch ein Kind, spottet die Hausfrau von schr├Ąg gegen├╝ber. Nun ist die Tochter so viel ├Ąlter, sie tr├Ągt Petticoats, ist ein Teenager. Paul schaut bewundernd zu ihr auf. Ob Paul vielleicht nicht der Intelligentesten einer ist, so wie er immer Maulaffen feilh├Ąlt?

Affaire à suivre ...

1. April 2009

(1) BVerfGE 67, 299 - Laternengarage. Rechtslexikon24.net
http://www.rechtslexikon24.net/d/laternengarage/laternengara ge.htm

(2) Die Legende von Paul und Paula. Drehbuch: Heiner Carow, Ulrich Plenzdorf,
Regie: Heiner Carow, DDR 1973, filmzentrale
http://www.filmzentrale.com/rezis/legendevonpaulundpaula.htm


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