
Avicenna-Preis. Roland Koch weist Kritik zurück
Nun versucht es der Ministerpräsident mit Sophisterei, der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bekomme den Preis gar nicht, sondern er werde entgegengenommen vom Leiter der Allianz der Zivilisationen Jorge Sempaio; der ist ehemaliger sozialistischer Ministerpräsident Portugals, von 1996 bis 2006. Um die Kritiker der Sozialdemokratie weiters zu desavouieren, wird herausgestellt, daß Vorstandsmitglied Ulrike Foraci SPD-Kandidatin für das Europaparlament ist. Umso schlimmer!
Roland Koch vergebe auch den Preis nicht, er sei nur Schirmherr. Aber hat er nicht gewußt, worüber er seinen Schirm ausspannt? Ist ihm nicht klar, daß dieser Preis finanziert wird von Geschäftspartnern und Freunden der Regierung des Recep Tayyib Erdogan, und daß es ganz gleich ist, wer ihn entgegennimmt, der Empfänger ist immer er? Was die angeblich handverlesenen Mitglieder des Avicenna-Preis-Vereins sind, wer hat sie handverlesen, wer hat den Vorstand gewählt - oder hat er sich, wie bei islamischen Vereinigungen üblich, selbst ernannt? (1)
Prof. Dr. Mehmet Saglam, der Präsident des Türkischen Nationalen Ethikrats, und ehemalige türkische Erziehungsminister, soll nicht von Recep Tayyip Erdogan eingesetzt worden sein? Für wie dumm hält Roland Koch offensichtlich nicht nur seine Wähler, sondern auch seine eigenen CDU/CSU-Kollegen der höchsten Ebenen, den Generalsekretär der CSU Alexander Dobrindt beispielsweise?
Was Prof. Dr. Hartmut Kreß und seine Zeitschrift für Evangelische Ethik angeht, in der die Redakteure in guter alter NS-Manier Schriftleiter heißen, von 1976 bis 1988 übte er (Prof. Dr. Christofer Frey) die Tätigkeit des Schriftleiters aus: Weiß Roland Koch nichts über deren finanzielle Abhängigkeit von Bertelsmann, vom Inhalt der Zeitschrift und ihrer protestantischen Ethik gar nicht zu reden: Der Kopftuchstreit in diskursanalytischer Perspektive - EU-Beitritt der Türkei? (2)
Das Gütersloher Verlagshaus, das die Zeitschrift herausgibt, ist der Kern des heutigen Bertelsmann-Imperiums, das Haus hat es schon zu meiner Kindheit im Ostwestfälischen gegeben, entstanden aus dem Bertelsmann-Lesering, seinerseits gegründet 1950. Wir hatten ein Abonnement, und mein Stiefvater meinte immer: "Aber ohne den Spiegel!" Das "Drecksblatt" wollte er nicht lesen.
Über die Bertelsmann-Stiftung, die den Deutschen mit Unterstützung der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, des Prof. Dr. Udo Steinbach und ähnlicher Freunde des politischen Islams, aus Geschäftsinteressen und/oder aus Überzeugung heraus den Islam seit Jahren andient, hat er noch nie gehört oder gelesen? (3)
Über die Förderer des Preises weiß Roland Koch ebenso nichts? Gibt´s in seinem Regierungsapparat keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, der sich für einige Stunden ans Internet begeben könnte, um die Verbindungen zu finden, die beispielsweise die Herbert Quandt-Stiftung der Altana AG zum Islam unterhält und sich dazu des Islam-Lobbyisten Prof. Claus Leggewie bedient? Dieser Kämpfer gegen den "Kampfbegriff" Islamophobie schreibt mit Angela Joost und Stefan Recht für die Stiftung, im Jahr 2002, ein Handbuch "Der Weg zur Moschee – eine Handreichung für die Praxis". Kennt Roland Koch etwa dieses Handbuch und freut sich über so viel Moschee- und Brückenbau zwischen dem Islam und dem Westen? Was es sonst noch so gibt in Sachen Islam und Moscheebau ist leicht herauszufinden. Am 27. April 2009 organisiert die Stiftung dazu eine Buchpräsentation und Diskussion: "Moscheen in Deutschland". (4)
Was ist über die Jury bekannt, die den/die Preisträger bestimmt? Ist Roland Koch aufgefallen, daß auf der Site des Avicenna-Preises e.V. nirgends berichtet wird, wer zur Jury gehört? Aufgelistet sind Förderer und Vorstand, aber niemand sonst, keine Jurymitglieder, und von 34 Vereins- und Gremienmitgliedern werden nur fünf auf der Startseite genannt: (5)
Dem Avicenna-Preis e. V. gehören ein Vorstand, eine Jury und ein Beirat sowie derzeit 34 Mitglieder aus den Bereichen Kultur, Medizin, Theologie, Philosophie, Orientalistik, Politik, Wirtschaft und Integration an. In den verschiedenen Gremien sind zahlreiche internationale Experten und renommierte Persönlichkeiten vertreten, darunter die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süßmuth, der ehemalige türkische Ministerpräsident Yildirim Akbulut, Prof. Frank Wilczek (USA), Nobelpreisträger Physik 2004, Dr. Georges Antoine Corm, ehemaliger Finanzminister des Libanon, sowie Prof. Herbert Landau, Richter am Bundesverfassungsgericht.
Vom Experten für den Nahen Osten und Nordafrika Dr. Georges Antoine Corm, dem ehemaligen libanesischen Finanzminister 1998 bis 2000 und Wirtschafts- und Finanzberater der Weltbank, der Vereinten Nationen sowie des Europarates und der Europäischen Kommission, gibt es in meinem Archiv die Zusammenfassung eines aufschlußreichen Interviews mit der Zeitschrift Charlie Hebdo über die Situation im Libanon nach dem Krieg, vom Sommer 2006. (6)
Roland Koch weiß anscheinend, wer den Preis zueignet, schreibt er doch in seinem Grußwort: Mein besonderer Dank gilt den Initiatoren des Vereins, die diesen Preis ins Leben gerufen haben, der Jury, die sich zur Ermittlung der Preisträger zusammenfindet und dem Beirat, der dem Verein beratend zur Seite steht. Es entbehrt nicht der Komik, daß er den Perser Ibn Sina (ca. 980 - 1037), lateinisch Avicenna, bezeichnet als einen für Christen und Muslime gleichsam bedeutenden morgenländischen Arzt und Philosophen. (7)
Mancher mag beim Begriff morgenländisch das Heilige Land assoziieren, in dem die beiden Religionen angeblich friedlich zusammengelebt haben - man sieht´s heute noch, was davon zu halten ist, an die Drei Weisen aus dem Morgenland des Neuen Testaments könnte man ebenfalls denken, Persien und seine reiche Kultur jedenfalls werden eliminiert. Roland Koch zeigt, daß er nichts von dem begreift, was Avicenna bis in unsere Zeit so bedeutend macht. Mit dem Islam hat Avicennas Werk allenfalls am Rande zu tun, vor allem im Zusammenhang mit der Verfolgung, die der Gelehrte hat erdulden müssen. Avicenna lebt nur 14 Jahre seines Lebens in relativem Frieden, sicher ist er nie, er wird von Muslimen verfolgt und flieht vor dem Islam nach Hamadan. In seiner Person ist dokumentiert, was von der Allianz der Zivilisationen zu halten ist: nichts. (8)
Weiß Roland Koch nicht, was diese Allianz ist, nämlich eine von den spanischen und türkischen Ministerpräsidenten José Luis RodrÃguez Zapatero und Recep Tayyip Erdogan initiierte, mit dem Segen der Vereinten Nationen wirkende weitere Einrichtung gegen die Juden und gegen Israel? Er hat nichts mitbekommen von den Aktivitäten dieser Allianz seit ihrem Bestehen? (9)
Mit dem Allianz-Ticket betreibt Spanien seine Interessen im Morgenland. Die Verbündeten und Freunde der spanischen Regierung im Nahen Osten sind die Türkei, der Iran, die Hezbollah und die Palästinensische Autonomiebehörde. Spaniens Regierung ist ein vehementer Gegner des Vorgehens Israels gegen die Hezbollah. Sie findet es durchaus akzeptabel, daß der Iran Atomwaffen bekommt, was sie durch ihre Repräsentanten in Teheran bestätigen läßt. (10)
Auf einem Gipfeltreffen Spaniens und der Türkei, an dem neben den Ministerpräsidenten die Innen-, Außen-, Wissenschafts-, Tourismus- und Handelsminister beider Seiten in Istanbul teilnehmen, bekräftigt Luis RodrÃguez Zapatero, im Vorprogramm des Zweiten Forums der Alianza de Civilizaciones, der Vereinigung, die am 10. Mai 2009 von Roland Koch ausgezeichnet werden soll, noch einmal seine Unterstützung für den EU-Beitritt der Türkei. Beide Länder wollen ihre Beziehungen maximal steigern, sie sehen dazu jährliche Treffen vor. Der Kampf gegen organisiertes Verbrechen, den Terrorismus und illegale Immigration stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Die Position Spaniens zum EU-Beitritt der Türkei sei "firme, clara y contundente", fest, klar und überzeugend. Die Reden der beiden Ministerpräsidenten auf der gemeinsamen Pressekonferenz, vom 5. April 2009, können im Video auf der Site der spanischen Regierung aufgerufen werden. (11)
Das alles weiß Roland Koch nicht? Da fragt man sich doch, was er überhaupt weiß, beispielsweise, wie die Bevölkerung Hessens über die Allianz der Zivilisationen und die Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten über den Avicenna-Preis denkt, unter ihnen besonders die CDU-Wähler. Ob er sich schon einmal Gedanken gemacht hat, warum die CDU einbricht, und die Pro-Bewegung in Deutschland Zulauf erhält, oder warum immer weniger Wahlberechtigte an die Urnen treten?
Roland Koch weist die Kritik am Avicenna-Preis zurück. Die Wähler werden ihn und seine Partei dafür bei der nächsten Wahl zurückweisen. (12)
18. April 2009
Update
Um meinen Lesern einen Eindruck von der in der hessischen Regierung herrschenden Arroganz zu geben, veröffentliche ich hier die Antwort auf meinen an Roland Koch versandten neuesten Artikel, der sich mit eben der Stellungnahme auseinandersetzt, die mir jetzt zur Erklärung übermittelt wird, siehe dazu Anmerkung Nr. 12. Zusätzliche Informationen darüber, wer den Gremien angehört, erhält man erst, wenn es nicht mehr zu vermeiden ist, und zwar in einer Presseinformation:
Betr.: AW: Avicenna-Preis. Roland Koch weist Kritik zurueck
Datum: 18/04/09 22:21
Sehr geehrter Frau Dr. Eussner,
vielen Dank für Ihre E-Mail. Anbei darf ich Ihnen zu diesem Thema eine Stellungnahme des Sprechers der Hessischen Landesregierung mit detaillierten Informationen übersenden und Sie auf die gestrige dpa-Meldung hierzu hinweisen:
http://www.roland-koch.de/Avicenna-Preis/1239977400.html
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Kurz
Landtagsbüro Roland Koch, MdL
Hessischer Ministerpräsident
Schlossplatz 1-3
65183 Wiesbaden
Der Email ist eine Presseinformation der Hessischen Landesregierung angefügt; sie listet die Mitglieder der unabhängigen Jury auf:
- Prof. Dr. Rita Süssmuth, Berlin, früher Bundestagspräsidentin, Mitglied des Interkulturellen Rates
- Yildirim Akbulut, Ankara, von 1989 bis 1991 Ministerpräsident der Türkei, später Parlamentspräsident
- Dr. Georges Antoine Corm, Beirut, ehemaliger Finanzminister des Libanon
- Prof. Dr. Nikolaus Lobkowicz, Starnberg, Direktor des Zentralinstitutes für Mittel- und Osteuropastudien
- Bischof Martin Schindehütte, Hannover, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland
In dieser Presseinformation, vom 17. April 2009, der Stellungnahme des Sprechers der Hessischen Landesregierung, Staatssekretär Dirk Metz, zur Berichterstattung über den Avicenna-Preis, gibt es weitere Informationen über Beirat und Gremien des Vereins. Die Presseinformation ist bis heute nicht auf dem Landesportal Hessen veröffentlicht, obgleich es dort bereits eine Pressemitteilung vom 18. April 2009 gibt: 0 Suchergebnisse für Avicenna preis. (13)
Der Preisempfänger Jorge Sampaio wird bezeichnet als Hoher UN-Repräsentant. Der Beirat besteht laut Presseinformation aus diesen acht Personen:
- Dr. Anette Rein, Frankfurt/Main, Direktorin des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main
- Kenan Kubilay, Mörfelden, Geschäftsführer und Gesellschafter der IHLAS Medien-Holding in Europa
- Prof. Dr. Toni Graf-Baumann, Tenningen, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Muskulo-Skeletale Medizin
- Dr. Walter Kindermann, Wiesbaden, Abteilungsleiter Integration im HSM, jetzt im HMdJ
- Prof. Dr. Hans-Ulrich Klör, Gießen, Universitätsprofessor am Klinikum Gießen
- Prof. Herbert Landau, Karlsruhe, Richter am Bundesverfassungsgericht
- Dr. Jürgen Micksch, Darmstadt, Vorsitzender des Interkulturellen Rates in Deutschland e.V.
- Thomas Rühle, Leimen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Sanofi Pasteur MSD
Der Verein hat derzeit 34 Mitglieder, sie kommen aus den Bereichen Kultur, Medizin, Theologie, Philosophie, Orientalistik, Politik, Wirtschaft und Integration. Die Presseinformation nennt sie nicht. Wer sind sie? (5)
19. April 2009
Quellen
(1) Avicenna-Preis e. V. Vorstand des Vereins
http://avicenna-preis.com/mitglieder.htm
(2) Zeitschrift für Evangelische Ethik, Heft 01/2005. Hartmut Kreß, Geschäftsführer, Gütersloher Verlagshaus
http://zs.gtvh.de/standard.php?idart=513&idcat=204&z_id=54&s ite=4
Dank an Christopher Frey. Von Hartmut Kreß, Zeitschrift für Evangelische Ethik,
Heft 1/2009
http://tinyurl.com/c4fj2p
(3) Die Bertelsmann Stiftung macht uns den Islam schmackhaft.
27. September 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-09-27_23-08-48.html
"Plume du Paon" - Die geplante Preisverleihung an den Großmufti Mustafa Ceric
ist ein Skandal. Prof. Dr. Hartmut Krauss, 21. November 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-11-21_22-24-08.html
(4) Auf dem Weg zum Euro-Islam? Moscheen und Muslime in der Bundesrepublik Deutschland. Von Claus Leggewie, Herbert Quandt-Stiftung
http://www.h-quandt-stiftung.de/root/index.php?page_id=662
Herbert Quandt-Stiftung
http://www.h-quandt-stiftung.de
(5) Avicenna-Preis e.V. Der Verein und seine Zielsetzung
http://avicenna-preis.com/index.htm
(6) Rafiq Hariri, Jacques Chirac, der Libanonkrieg und die Satirezeitung
"Charlie Hebdo". 26. August 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-08-26_18-54-43.html
Dr. Georges Antoine Corm. Wikipédia
http://fr.wikipedia.org/wiki/Georges_Corm
(7) Morgenland. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Morgenland
Morgenland. Wikimedia.org
http://tinyurl.com/2jmplf
(8) Schirmherr des Preises. Grusswort des Hessischen Ministerpräsidenten. Avicenna-Preis e.V.
http://avicenna-preis.com/schirmherr.htm
Jews and Medicine. Fact Paper 11. By Samuel Kurinsky,
Hebrew History Federation Ltd.
http://tinyurl.com/d3zr88
(9) Avicenna - Preis. Roland Koch, die CDU und die Allianz der Zivilisationen.
16./17. April 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-04-16_02-33-17.html
(10) Die Alianza de (Civilizaciones) Terroristas in Aktion.
4. September 2006 / 25. Juni 2007
http://www.eussner.net/artikel_2006-09-04_02-01-08.html
(11) Reunión de Alto Nivel entre España y TurquÃa. España apoya la candidatura
de TurquÃa a la UE, Gobierno de España, 5 de abril de 2009
http://www.la-moncloa.es/ActualidadHome/2009/050409RAN.htm
(12) Kritik an Avicenna-Preis zurückgewiesen (dpa). Roland Koch,
Hessischer Ministerpräsident, 17. April 2009
http://www.roland-koch.de/Avicenna-Preis/1239977400.html
(13) Meldungen / Pressemitteilungen. Zeitraum: März 2009 - April 2009. Gesamtübersicht
http://tinyurl.com/d7gagf
Siehe auch:
Koch weist Kritik an Preis für Erdogan zurück, Politically Incorrect, 18. April 2009
http://tinyurl.com/c8rjfs
Bild Nr. 8. Den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zog es
ebenfalls zum Geburtstag des einstigen Politikers. Geburtstag. Steinmeier
brachte zu Schröder den Rotwein mit. Von dpa/cl, WeltOnline, 18. April 2008
http://tinyurl.com/c3yz38
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