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Tatort Oben und Unten. Was einmal down ist, kommt nicht wieder hoch

Gibt´s im Tatort Häuserkampf die ersten 20 Minuten Langeweile, so erstreckt sich dieser Zustand im Tatort Oben und Unten über eineinhalb Stunden, allerdings ist diesmal keiner der Ermittler mit Opfern, Zeugen, Tätern verwandt, verschwägert, befreundet, alles muß sich aus dem Gegensatz der Kommissare zu einem ihnen fremden Beziehungsgeflecht selbst entwickeln, nicht einmal der Pathologe der Spusi kennt einen, und daraus entwickelt sich bei den Drehbuchautoren heutzutage selten etwas. (1)

"Oben und unten" steht auch für die Kluft in unserer Gesellschaft, hat die Kritikerin Kathrin Buchner herausgefunden, Regisseur Nils Willbrandt findet starke Symbolbilder für gesellschaftliche Kluften und die Diskrepanz zwischen Privilegierten der Oberschicht und den vielen Menschen ohne Chance. Himmel und Hölle, reich und arm, oben und unten. Was bitte, ist daran Unterhaltung? Der STERN bucht dieses Melodram darunter ab. Guter Hauptstadt-Krimi mit einigen Längen? Die Längen dauern 90 Minuten. (2)

Mitten im Verständnis des Leidens der Welt im allgemeinen und der in den Fluren der Berliner U-Bahn und in ihren Katakomben lebenden oder besser krepelnden geschiedenen Ehefrauen, Einwegflaschen sammelnd, und Jugendlichen, Parties feiernd, angereichert mit einem schrägen Künstler in seiner phantasievoll gestalteten Unterweltinstallation, kann keine Spannung aufkommen, und allmählich meine ich, daß die in den Tatort-Krimis der ARD vielleicht schon lange nicht mehr beabsichtigt ist, daß die Leiche des Bauunternehmers Horst Baumann - er, der gar nicht mitspielt, hat im Gegensatz zum permanenten Team-Mitglied Kommissar Weber einen Vornamen, daß dieser Tote nur ein Vorwand mehr ist, um den Zuschauern zur besten Sendezeit bebilderten Sozialkundeunterricht zu erteilen. Drehbuchautorin Natja Brunckhorst, im berühmten Film Christiane F., das Kind vom Bahnhof Zoo, ist in die Jahre gekommen, aber für sie ist die Welt von 1981 anscheinend geronnen, entsprechend wird die Darstellung des Tatorts und seiner Umgebung zum Retro. (3)

Gesellschaftliche Zustände, die 1978 nicht nur die Berliner entsetzt und aus dem Schlaf getrommelt haben, sondern ganz Deutschland, von Kai Hermann und Horst Rieck dokumentiert in der Geschichte des Berliner Mädchens, werden heute zur Kulisse erniedrigt, und Nadja schreibt sich nun nach der Ersten germanischen Lautverschiebung mit hartem "t", einer Lautverschiebung, die in der realen Welt zwischen 1200 und 1000 v.d.Z. stattgefunden hat. Derweil ist Christiane F. rückfällig geworden oder hat den Drogenkonsum niemals aufgegeben; so zeitlos ungültig kann´s in der deutschen Gesellschaft zugehen. (4)

Der Tatort weckt allerlei Assoziationen: Richtig, einige Kacheln am Alex sind blau, ächt, der Fernsehturm befindet sich gleich dort, ach ja, BVG-Mitarbeiter sind oftmals bürokratisch, stimmt, die Goldelse steht trotz der Predigt des Messias, am 24. Juli 2008, immer noch an ihrem Platz, die von seinem Auftritt begeisterten Berliner hätten sie ihm vielleicht geschenkt, aber er hat nicht gebeten, sie demontieren und ins New Yorker MoMA tranportieren zu lassen, schließlich ist sie keine Buddha-Statue aus Afghanistan. (5)

In meiner insgesamt 34 Jahre währenden Berliner Zeit, verteilt auf 39 Jahre, hat die Goldelse allerdings keine Geldscheine auf mich hernieder regnen lassen wie heuer auf Hauptkommissar Till Ritter, erst recht keine Golddukaten. Trotzdem ein herzliches Dankeschön für den Blick auf die zahlreichen Orte aus dem Berliner Bilderbuch des Tourismus und die dezenten Einsprengsel des Berliner Jargons durch den vornamenlosen Kommissar Weber. Er hebt sich positiv ab von dem gekünstelten "ikke-dette-kieke ma" des ZDF-Ermittlers Otto Garber, des Raubeines mit Herz und blauem Strickmützchen. (6)

Drehbuchautorin Natja Brunckhorst hat sicherlich viele Freunde unter Berliner Künstlern, die Werke eines von ihnen werden vom schrägen Künstler und Einsiedler Gregor Namenlos werbewirksam in den BVG-Katakomben ausgestellt. Das ist sensationell, das haben die BVG-Mitarbeiter bis dahin selbst nicht gewußt, was es in ihrem Verantwortungsbreich alles gibt, und auch mir ist es in all den Jahren entgangen: das wahre Berlin ist unterirdisch. Endlich weiß ich, was der Spruch "das ist unterirdisch schlecht" bedeutet, dafür sind Szenen wie die aus den Berliner U-Bahn-Gewölben Vorbild. (7)

Was in dem Tatort als Berliner Miljö vermittelt wird, nennt Kathrin Buchner ein gelungenes Kaleidoskop der Hauptstadtbewohner, auch wenn die Angehörigen der Oberschicht eher steif und profillos bleiben, wie etwa Baumanns Ex-Frau Alissa (Muriel Baumeister) oder der Immobilienspekulant Alsfeld (Hansjürgen Hürrig). Das also sollen Angehörige der Oberschicht sein? Ist die Teamleiterin Kultur des STERN jemals in Berlin gewesen? Wenn ja, hat sie nie mit der Berliner Oberschicht zu tun gehabt, ihren Fuß nicht in den Tennis-Club "Rot-Weiß", in Berlin-Grunewald, oder in einen der zehn Golf Clubs in und um Berlin gesetzt, in den Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee, von 1895, beispielsweise, den ältesten Golf Club Deutschlands? Kennt sie in Berlin keine reichen Leute? In Konkurs gegangene Bauunternehmer, die sich zehn Jahre ins Ausland absetzen, sind für sie die Berliner Oberschicht? Wie peinlich! (8)

Das Kaleidoskop der Hauptstadtbewohner besteht aus Einsiedlern und Gästen der Kellergewölbe der Berliner U-Bahn und aus verkrachten Bauunternehmern? Welche Vorstellungen es doch von der Berliner Bevölkerung gibt - und welche von spannenden Krimis! (9)

Eine optimale Nutzung labyrinthischer Stadtlandschaften und ihrer unterirdischen Gänge und Kanäle für einen spannenden Krimi zeigt wie zum Hohn das SWR Fernsehen zur Mitternacht desselben Sonntags mit der Ausstrahlung des britischen Films Der dritte Mann. Regisseur Carol Reed verfilmt das gleichnamige Buch von Graham Greene. (10)

Was ist schön im Leben? Der dritte Mann - mindestens dreimal! Zum Trost für alle in letzter Zeit ständig von den Tatort-Machern geprellten Zuschauer hier das berühmte von Anton Karas komponierte und gespielte Harry Lime Thema mit Ausschnitten aus dem Film. (11)

Und am nächsten Sonntag, zur Geisterstunde, gönnt das SWR Fernsehen seinen Zuschauern den Orson Welles Klassiker Im Zeichen des Bösen. Da dürfen Freunde des guten Film mit sich hadern, ob sie dort einschalten oder doch ihren geliebten Kommissar sehen, der ist nämlich mit Ermitteln fertig, da hat sich das Zeichen des Bösen in Form einer Autobombe, in der mexikanisch-nordamerikanischen Grenzstadt Los Robles, schon zehn Minuten früher gezeigt. (12)

Wie wäre es, wenn ARD und ZDF statt ihrer oben und unten, hinten und vorn nicht stimmigen Krimis à la Höllenfahrt und Häuserkampf des Samstags und Sonntags, um 20:15 Uhr, die wunderbaren Filme wiederholten, von denen man sich an einigen nicht sattsehen kann? Oder geht das nicht, weil dann keiner mehr Krombacher tränke, oder die Drehbuchschreiber und Regisseure zum Arbeitsamt müßten?

20. April 2009

Quellen

(1) Krimi-Misere. Tatort vom Ostermontag: Häuserkampf. 13. April 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-04-13_17-59-42.html

(2) Der Tod in den Katakomben von Berlin. Von Kathrin Buchner,
Stern.de, 20. April 2009
http://tinyurl.com/djvfrk

(3) Natja Brunckhorst
http://www.natjabrunckhorst.de/

"Das hat mich herausgefordert". Autorin Natja Brunckhorst zum TATORT
"Oben und Unten", tatort-fundus
http://tinyurl.com/cqzrjn

Natja Brunckhorst. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Natja_Brunckhorst

(4) Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Von Christiane F. (Autor),
Kai Hermann/Horst Rieck (Bearbeitung), Stern-Verlag; 50. Aufl. Bertelsmann,
München 2008
http://tinyurl.com/c3yztu

Einträge getaggt mit: nadja brunckhorst, Tagebuch eines Versagers
http://tagebucheinesversagers.blog.de/tags/nadja-brunckhorst /

Drogen: "Bahnhof Zoo". Die langen Leiden der Christiane F. sueddeutsche.de,
10. August 2008
http://www.sueddeutsche.de/panorama/748/305715/text/

Erste Lautverschiebung. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Erste_Lautverschiebung

(5) Die Siegessäule in Berlin : Preußisches Soldatenglück - Goldelse,
in-Berlin-Brandenburg.com
http://www.in-berlin-brandenburg.com/Freizeit/Siegessaeule-b erlin.html

1016 x Berlin. The Museum of Modern Art (MoMA), New York
http://search.moma.org/?q=berlin

(6) ZDF. Ein starkes Team. Samstagskrimi
http://einstarkesteam.zdf.de/

(7) Alles Gute für 2009. Eisenbahn Romantik, Forum SWR, 2. Januar 2009
http://www.swr.de/forum/read.php?5,35269

(8) Lawn-Tennis-Turnier-Club "Rot-Weiß"e.V. Berlin
http://tinyurl.com/cldgla

Golf- und Land-Club Berlin-Wannsee e.V.
http://www.glcbw.de/

(9) Oben und Unten (RBB). Buch: Natja Brunckhorst, Regie: Nils Willbrandt,
Das Erste, 19. April 2009
http://www.daserste.de/tatort/sendung.asp?datum=19.04.2009

Alles über die deutschen Krimis in meinem Archiv
http://tinyurl.com/ccujnh

(10) Der dritte Mann (The Third Man) Spielfilm Großbritannien 1949.
Regie: Carol Reed. SWR, 20. April 2009, 0:00 - 1:40 Uhr
http://www.swr.de/tv/-/id=2798/nid=2798/did=4614128/45578m/i ndex.html

Graham Greene: Der dritte Mann (The Third Man).
Dieter Wunderlich Buchtipps & Filmtipps
http://www.dieterwunderlich.de/Greene_mann.htm

(11) Anton Karas - Der dritte Mann - live - 1982. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=lZZHq2JSnnE

(12) Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil), Spielfilm USA 1958.
Regie: Orson Welles, SWR, 27. April 2009, 0:00 - 1:45 Uhr
http://www.swr.de/tv/-/id=2798/nid=2798/did=4640314/szcc3r/i ndex.html

Der Kommissar. Folge 44. Die Tote im Park. Buch: Herbert Reinecker,
Regie: Wolfgang Staudte. Erstsendung: 18. Februar 1972, 3sat,
26./27. April 2009, 23:10 - 0:10 Uhr
http://tinyurl.com/c86spe

Der Kommissar. Folge 44. Die Tote im Park. Buch: Herbert Reinecker,
Regie: Wolfgang Staudte. Erstsendung: 18. Februar 1972
http://www.kommissar-keller.de/44.htm

Das meinen die anderen über den Klüngel:

Unausgegorene Vaterkonflikte, traurige Sozialfälle und sentimentale Gespräche gab es im gestrigen Tatort: Oben und Unten zu Genüge ...

Meinung: Tatort Oben und Unten. Ritter und Stark gehen unter (Tage).
Von Anna Sita Zinn, moviepilot, 20. April 2009
http://tinyurl.com/d6y4s9

Besonders profilieren konnte sich das seit 2001 aktive Duo nicht. Schade, denn Aljinovic verkörpert als zurückhaltender Stark - im Gegensatz zum coolen Ritter - einen interessanten Typus Kommissar.

TV-Kritik: Tatort - "Oben und Unten" (So, ARD). Lahmer Anfang, danach
spannender. Von Andrea Kaiser, Hamburger Abendblatt, 20. April 2009
http://www.abendblatt.de/daten/2009/04/20/1128203.html

Kriminalhauptkommissar Till Ritter alias Dominic Raacke: "Ich hätte nie gedacht, dass wir auf diese Weise nochmal zusammenkommen würden."

Unsere Liebe begann bei einem Schokopudding. Dominic Raacke &
Natja Brunckhorst sprechen erstmals über ihre Trennung – und eine
überraschende Wende. Von Michael Schacht, BILD.de, 18. April 2009
http://tinyurl.com/dxbmla

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