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Iran. Delphine Minoui und Navid Kermani ĂĽber den 18. Juni 2009

18. Juni - Die technologische Revolution

Der Iran beweint seine "Märtyrer". Wieviele sind es? Zehn, zwanzig, dreißig, hundert ... Unmöglich zu sagen, unmöglich zu verifizieren, so sehr sind die Möglichkeiten der Kommunikation mehr und mehr eingeschränkt. Zum Filtern der Seiten des Internets kommt jetzt die Tonstörung der Sendungen in persischer Sprache von BBC und Stimme Amerikas, von zwei im Ausland stationierten Sendern, wo die zahlreichen Talk-Shows Iranern des Inlandes das Wort erteilen, die aus allen vier Himmelsrichtungen des Irans anrufen. Die Berichte, die in Wortfetzen zu uns gelangen, sind von einer extremen Gewalttätigkeit. Im Schlafsaal der Universität sind mitten in der Nacht Studenten aufgeweckt und von Männern in Zivil ermordet worden. Ein neues Moment erschwert unsere Arbeit. Seit gestern sind alle Presse-Akkreditionen rückgängig gemacht worden. Es ist den Vertretern der Presse barsch empfohlen worden, sich auf den Demonstrationen nicht "sehen zu lassen". "Ach du liebe Zeit ... Das ist so, als wenn man einem Mollah verböte, an den religiösen Gedenkfeiern zu Aschura teilzunehmen. Ist das wirklich möglich?" spöttelt der Vater einer Freundin, obgleich deren Familie nicht ihre Vorliebe für Ahmadinejad versteckt. Seine Bemerkung ist nicht auf taube Ohren gestoßen.

Nicht "gesehen zu werden", haben sie gewarnt. Für eine Journalistin ist das schließlich nicht so schwer. Ein schwarzer Schal, Sonnenbrille und eine OP-Maske - wie die Demonstranten - um die Tränengasschüsse zu meiden. Die Sache ist geritzt. Ironie des Schicksals: in der Menge, die heute zum Platz des Imam Khomeini zusammenströmt, stelle ich fest, daß Tausende von Iranern von nun an als angehende Journalisten einspringen. Ausgestattet mit Fotoapparaten und Minikameras, die manchmal in ihre Mobiltelefone integriert sind, sind sie gleichzeitig Akteure und Zeugen ihrer eigenen Geschichte. Zauber der neuen Technologien und wirkliche Herausforderung gegen die Zensur: in einigen Minuten machen ihre auf YouTube gestellten oder per Email gesendeten Gesichter die Reise um die Welt. (1)

Donnerstag, 18. Juni

Unter allen hässlichen Plätzen Teherans nimmt der Kanonenhausplatz einen besonderen Rang ein. Er wird überragt von einem zwölf Stockwerke hohen Rechteck aus schmutzigem Beton, in dem das Fernmeldeamt untergebracht ist, ringsum niedrigere Gebäude aus derselben Konsistenz, in der Mitte acht Spuren einer Einbahnstraße und eine ebenso große Asphaltfläche, die einmal ein Parkplatz gewesen sein könnte und heute die nicht weiter definierte Fläche vor dem Eingang der U-Bahn ist. Wer hier in der Gegend wohnt oder seinen Laden hat, einst das prächtige Zentrum Teherans, später Vergnügungsmeile und heute Arme-Leute-Gegend, mag daran glauben, dass Ahmadineschad bei den Präsidentschaftswahlen fast zwei Drittel der Stimmen erhalten haben soll. Der junge Händler, der mir eine iranische SIM-Karte verkauft, winkt spöttisch ab, als ich ihn frage, ob er gleich demonstrieren geht.

Der Präsident imponiere ihm, sagt der Mobilfunkhändler, seine Furchtlosigkeit, sein Patriotismus und vor allem, dass er einer von ihnen sei und gegen die Bonzen der Islamischen Republik kämpfe. Mit der Religion habe er persönlich es weniger, er interessiere sich für Fußball und Filme. An den Wänden hängen Poster amerikanischer Actionhelden, in den Haaren glänzt Gel. Auf meinen Einwand, dass der Präsident Kritiker verhaften lässt, erwidert er trocken: Das tun sie doch alle. Und die Zensur? Mein Herr, ich lese keine Romane. Holocaust? Ich habe keine Ahnung, was stimmt und was nicht stimmt, aber der Präsident hat doch nur eine Frage gestellt. Wirtschaftlich halten sich die Vor- und Nachteile die Waage: Was die Familie an direkten Zahlungen oder Coupons erhalte, werde von der Inflation aufgefressen, räumt der Mobilfunkhändler ein. Es ist keine blinde Gefolgschaft: Man solle dem Präsidenten wie seinen Vorgängern noch vier Jahre einräumen, damit er aus seinen Fehlern lerne, die Inflation in den Griff bekomme und nicht alle gegen sich aufbringe. Viel Spaß beim Demonstrieren, ruft er mir noch nach. (2)

(1) Iran : le chaos au quotidien. Carnets de Reportage II.
Par Delphine Minoui, Le Figaro, 7 juillet 2009
http://tinyurl.com/n7tmyf

Ăśbersetzung: Gudrun Eussner, 8. Juli 2009

Les deux semaines qui ont ébranlé l´Iran. Carnets de Reportage I.
Par Delphine Minoui, Le Figaro, 6 juillet 2009
http://tinyurl.com/ldtrat

(2) Gott gegen Gott in Teheran. Von Navid Kermani, ZeitOnline,
25. Juni 2009
http://www.zeit.de/2009/27/Teheran-Reportage?page=all

Iran. Nachbetrachtungen zu den Präsidentschaftswahlen. 7. Juli 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-07-07_23-00-15.html

Die Ausstellung Holocust International Cartoon Contest in Teheran.
28. Februar 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-02-28_22-46-35.html

isra´il bajad az safhe-e ruzgar mahw schawad. Israel should be wiped out of the face of the world. Israel muss von der Oberflaeche der Welt verschwinden.
Winds of Djihad. By Sheik Yer´mami
http://sheikyermami.com/wp-content/uploads/2007/09/iran-isra el_lg.jpg

Navid Kermani in meinem Archiv
http://tinyurl.com/p9xhp4


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