Homepage von Gudrun Eussner
Gudrun Eussner
Links
Homepage von Gudrun Eussner
Artikel

Zeitung gelesen [2]: Lose BlÀtter, nicht von Dauer ...

... nur ein leichter Wochenschauer!

Midi Libre. Immigrationsminister Éric Besson fĂ€ngt erneut eine Diskussion an ĂŒber das Wahlrecht auf kommunaler Ebene von in Frankreich lebenden Personen aus Nicht-EU-Staaten. Éric Besson ist gleichzeitig Stellvertretender GeneralsekretĂ€r der Regierungspartei UMP. Am selben Tag spricht sich dafĂŒr auch der Sozialist Claudy Lebreton aus, der PrĂ€sident der Association des dĂ©partements de France, der Vereinigung der Departments Frankreichs. Der UMP-GeneralsekretĂ€r Xavier Bertrand ist gegen das Wahlrecht und gegen eine Diskussion darĂŒber zum jetzigen Zeitpunkt, da die Franzosen andere PrioritĂ€ten hĂ€tten. Das sagt er auch in einem Interview mit i-TĂ©lĂ©, berichtet der Figaro in einem FĂŒnfzeiler. (1)

Éric Besson ist der ÜberlĂ€ufer vom Parti Socialiste zur UMP, wo er von Nicolas Sarkozy sehr zum Ärger alter Mitstreiter aus RPR/UMP mit dem Amt des Ministers fĂŒr Immigration, Integration und IdentitĂ€t (heißt wirklich so!) betraut wird. Er hat nicht einmal etwas gegen die Ganzkörperverschleierung der muslimischen Frauen, wie kann er dann gegen das Wahlrecht fĂŒr alle sein? In Deutschland will die SPD es schon fĂŒr Personen, die drei Monate in Deutschland wohnen.

Einmal Sozialist, immer Sozialist.

Le Figaro. Auf Seite 9 geht´s ganzseitig ĂŒber die von immer mehr Lehrern geforderte RĂŒckkehr in das traditionelle Lehrsystem der Grundschule. Weg vom "PĂ©dagogisme" ist die Devise. Darunter verstehen die Franzosen die von den 68ern eingefĂŒhrte und seit 40 Jahren praktizierte Abkehr von der Wissensvermittlung hin zur Vermittlung von savoir-faire und savoir-ĂȘtre, etwa wissen, wie man´s macht, und wie man ist. Das ist eine Idee aus den USA der 30er Jahre: Der SchĂŒler, nicht die Wissensvermittlung, steht im Mittelpunkt des Schulsystems. Diesen Ansatz der USA hat Hannah Arendt bereits 1958 kritisiert, wĂ€hrend Pierre Bourdieu Kritik ĂŒbt an der Schule als Ort der Übertragung der dominierenden Kultur und der Reproduktion der Ungleichheiten. (2)

Hannah Arendt kritisierte Erwachsene, die Kindern Probleme aufladen, die sie selbst zu lösen sich scheuen, schreibt der Journalist Reinhard Kahl, und stellt den heute Ă€ußerst aktuellen Vortrag auf seine Site. 40 Jahre haben bewiesen, daß Ungleichheiten nicht so beseitigt werden, wie die 68er das behaupten, aber es ist einmal mehr so, daß Tatsachen der Wahrheit nichts anhaben können. (3)

Jeder, der vor diesem Kahlschlag zur Schule gegangen ist, und jeder, der demnĂ€chst auf Lehrer stĂ¶ĂŸt wie die von der Association SOS Éducation, die meinen, der erste und wichtigste Auftrag der Lehrer sei es, die SchĂŒler etwas zu lehren, kann sich glĂŒcklich preisen.

Le Figaro. Kurz vorm Schluß, auf Seite 14 (nicht online), bevor als Krönung des Blattes, vom 2. September 2009, auf Seite 16, ganzseitig ein MĂ€rchen der Washington-Korrespondentin Laure Mandeville ĂŒber die "Passionaria der Uighuren" Rebiya Kadeer die Herzen der Leser höher schlagen lĂ€ĂŸt, gibt´s eine Übersetzung aus dem Englischen der Meditationen des ehemaligen Außenministers Joschka Fischer ĂŒber die fĂŒr den Iran nicht zu verpassende historische Gelegenheit, die ausgestreckte Hand des Barack Obama zu ergreifen und einzuschlagen. Er meint, die Revolution des Ayatollah Ruhollah Khomeini seit nicht so sehr eine islamische wie eine nationale gewesen, fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit des Landes von auslĂ€ndischer Einflußnahme, eine Dritte-Welt-Revolution gegen den Kolonialismus. Der Artikel ist eine Übersetzung aus dem Englischen, der Vermarkter des Joschka Fischer, Project Syndicate/Institute of Human Sciences, tingelt damit mehrsprachig durch die Welt, von Guatemala bis nach Paris. (4)

Eine ErklĂ€rung fĂŒr die tatsĂ€chliche gnadenlose Islamisierung des Iran und fĂŒr dessen expansionistische Politik gegenĂŒber dem Irak, dem Libanon und seiner Hezbollah, gegenĂŒber Syrien sowie den palĂ€stinensischen Gebieten und ihrer Hamas gibt er nicht, oder legitimiert er sie gar mit dem Satz Thirty years later, Obama´s offer would enable Iran not just to consolidate its independence through reconciliation with the United States, but also to live up to its increased significance within the region and in world politics?

Der Islam kommt in seinen ErwĂ€gungen nicht vor. Joschka Fischer scheint noch immer auf dem Schoß seiner Gönnerin Madeleine Albright zu sitzen und mit ihr die gute alte Aufbruchszeit der Eroberung des sowjetischen Einflußbereichs zu kontemplieren. Man bekommt jedenfalls einen Eindruck vom Dilletantismus, der seine Außenpolitik bestimmt hat. Wenigstens ist Gehrhard Schröder klug genug, die letzten Jahre seinen Adlatus Frank-Walter Steinmeier die ernsteren Entscheidungen der Bundesrepublik Deutschland vorbereiten zu lassen. Nun ist er Adlatus von Angela Merkel, die es nach dem 27. September 2009 gern dabei belassen möchte. (5)

2. September 2009

Lose BlÀtter, nicht von Dauer

(1) Immigration. Vote des étrangers : le débat rouvert. Midi Libre,
2 septembre 2009, page TEO 6
http://tinyurl.com/m7lqfx

(2) Le "pédagogisme", une idéologie soixante-huitarde inspirée par
Jean-Jacques Rousseau. Par Natacha Polony, Le Figaro, 2 septembre 2009
http://tinyurl.com/lhsdyb

(3) Hannah Arendt. Vortrag: Die Krise der Erziehung, 13. Mai 1958
http://www.reinhardkahl.de/artikellesen164r_5.html

(4) Quo Vadis, Iran? By Joschka Fischer, The Guatemala Times,
September 1, 2009
http://tinyurl.com/lh9ayy

(5) "Zwei Schwache ergeben manchmal einen halben Starken".
Videokommentar von Roger Köppel, Die Weltwoche, 31. August 2009
http://tinyurl.com/ltcokh

Bisher erschienen:

Zeitung gelesen: Lose BlÀtter, nicht von Dauer ... 2. September 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-08-31_21-24-48.html


Hoch zum Seitenanfang Diese Seite drucken
Zurück zur vorigen Seite Zum Archivdieses Abschnitts Weiter zur nächsten Seite