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Julius Cäsar, Frédéric Mitterrand und die gewöhnliche Wählerschaft

Im August 2007 finden Archäologen, gerade im Begriff, das Tauchen nach verlorenen Schätzen im trüben Strom zu beenden, im Flußbett der Rhône, bei Arles, neben vielen anderen antiken Stücken eine Marmorbüste von Gaius Julius Cäsar (100 - 44 v.d.Z.), original aus seiner Zeit, wahrscheinlich geschaffen zwischen 49 und 46. Cäsar gründet die Stadt Arles im Jahr 46. Das ist ein sensationeller Fund. Die Archäologen nehmen an, daß die Büste den Pontifex Maximus und Römischen Diktator auf Lebenszeit darstellt, wie er wirklich aussieht, mit tiefen Stirnfurchen, vom Leben gezeichnet, weniger strahlend schön, als spätere Verklärung ihn gern hätte. Im Frühjahr 2008 teilt der Archäologe Luc Long, der Chefkonservator von Arles, den Fund offiziell mit. WeltOnline veröffentlicht Fotos der Büste sowie anderer Darstellungen Cäsars. (1)

Zur kurzen Begeisterung der Öffentlichkeit, wie ein Kommuniqué des Kulturministeriums meint, werden drei der bemerkenswerten Rhône-Funde, darunter der Kopf des Julius Cäsar, anläßlich der 26. Europäischen Tage des Kulturerbes in den Räumlichkeiten des Kulturministeriums ausgestellt. (2)

Man ahnt, welche Kosten entstehen für Verpackung, Transport, Versicherung etc., für nur zwei Tage, für den 19. und 20. September 2009. Das zeigt die Großmannssucht des Frédéric Mitterrand, der anscheinend in allen Lebensbereichen eigene Maßstäbe setzt - oder hat der Sponsor Kärcher die Kosten übernommen? Frédéric Mitterand est tombé sous le charme. Il a même fait acheminer le buste à son ministère à Paris, lors des journées du patrimoine. Er ist dem Charme der Büste verfallen und hat sie sogar während der Tage des Kulturerbes in sein Ministerium, nach Paris transportieren lassen, berichtet der Midi Libre, in dessen Einzugsbereich der Fundort liegt. (3)

Er läßt die Büste und zwei weitere Fundstücke nach Paris überführen, als ob es dort nicht Tausende von Kunstwerken gäbe, die für zwei Tage im Ministerium ausgestellt werden können. Dabei ist noch nicht einmal ein Kouros dabei, sondern die Büste des Julius Cäsar, im Alter von 51 - 54 Jahren, und zwei Stücke, die das Kommuniqué des Kulturministeriums für nicht erwähnenswert hält. Nix is jedenfalls mit nackt, athletisch, stocksteif stehend, symmetrisch, die Fäuste an den Seiten, mit einem leichten Lächeln um die Lippen. (4)

Die Marmorbüste des Julius Cäsar wird in Arles verbleiben. Ein Vertrag regelt, daß das Staatsgut im dortigen Museum ausgestellt wird. Im Pariser Louvre gibt es nämlich schon 350 000 Ausstellungsstücke, von denen regelmäßig 10 Prozent den Besuchern des Museums gezeigt werden. In Arles sind im Juli 2009, nach der Ankündigung des Fundes, noch bevor die Büste überhaupt ausgestellt worden ist, die Besucherzahlen des Musée Arles Antique aufs Doppelte im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, auf 120 000. In der am 24. Oktober 2009 eröffneten Austellung mehrerer Fundstücke, ist die Büste die Krönung. Man sieht dort u.a. eine rekonstruierte, 1,80 Meter hohe Statue von Neptun, aus dem 3. Jahrhundert d.Z., vor der Zerstörung von Arles, die Bronze eines besiegten gefangenen gallischen Kriegers, einen kleinen Kopf einer Schönen aus dem ersten Jahrhundert d.Z. sowie die Tiara der Artemis, Göttin der Griechen, römisch Diana, eines der Meisterstücke. Dieser Göttin wurde besonders gehuldigt in Ephesus, in der heutigen Türkei. Groß ist die Diana der Epheser. Ja, ich weiß, es gibt bessere Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. (5)

Bis 19. September 2010 dauert die Ausstellung, und man rechnet mit explosionsartigem Anstieg der Besucherzahlen. Auf, nach Arles! (6)

FrĂ©dĂ©ric Mitterrand hat die Ausstellung in Arles eröffnet. Man erinnert sich? Minderjährige JĂĽnglinge, "Kouroi", finden das Interesse des Kulturministers, und er macht sich stark fĂĽr Roman Polanski, der eine 13-jährige vergewaltigt hat, sowie fĂĽr zwei von drei jungen Männern, die der Gruppenvergewaltigung einer Minderjährigen auf La RĂ©union angeklagt sind. Das zusammen aber hindert die französische Regierung nicht, den Kulturminister, comme si de rien n´Ă©tait, seine Aufgaben routinemäßig wahrnehmen zu lassen. (7)

Seit dem 14. Oktober 2009 ist der Skandal der Jünglinge der Pat Pong aus fast allen französischen MSM verschwunden. (8)

Wie ich aber im Update des ersten Artikels, FrĂ©dĂ©ric Mitterrand. Das schlechte Leben der französischen Regierung, vorausgesagt habe - man bedarf dazu allerdings keiner hellseherischen Fähigkeiten, gesunder Menschenverstand tut´s auch, gibt es keine Ruhe an der Skandalfront: Präsident Nicolas Sarkozy und die französische Regierung werden, wenn sie nicht bald einlenken, an FrĂ©dĂ©ric Mitterrand ersticken. Triumph der Ironie fĂĽr den Parti Socialiste, dem der Staatspräsident das Markenzeichen Mitterrand entwendet und auf seine Fahne geheftet hat.

Gibt man jetzt in die Google.fr ActualitĂ©s "FrĂ©dĂ©ric Mitterrand" ein, so erhält man Informationen ĂĽber die Sekundärskandale und Auswirkungen des Skandals von Anfang Oktober. Wie immer spielen darin junge Männer die Hauptrollen. Der ProzeĂź der drei Angeklagten von La RĂ©union wird verschoben, nunmehr leugnen alle drei; FrĂ©dĂ©ric Mitterrand startet eine Aktion Mon journal offert, kostenlose Zeitungsabonnements fĂĽr 18 bis 24-jährige - immerhin sind´s Volljährige, fĂĽr die von den französischen Steuerzahlern 60 Varianten des notleidenden französischen Altpapiers in den nächsten drei Jahren mit fĂĽnfzehn Millionen Euro subventioniert werden: FrĂ©dĂ©ric Mitterrand vous offre le journal, wird das von ActualitĂ©.com beschönigt, und der Nouvel Observateur titelt: FrĂ©dĂ©ric Mitterrand va distribuer des journaux gratuits. Die einen tun so, als wenn das Geld aus der Privatschatulle des Kulturministers stammte, die anderen erklären ihn zum Verteiler, ohne eigens darĂĽber zu informieren, daĂź es das sauer verdiente Geld der BĂĽrger ist.

Die Zeitschrift Marianne bleibt am Skandal des Frédéric Mitterrand: Befragt von Marianne2.fr kommt Benoît Hamon zurück auf die Affäre Frédéric Mitterrand, dessen Verhalten er kritisiert hatte und sich dadurch angeklagt wiederfand, Marine Le Pen zu folgen. Der Figaro spielt plötzlich die Information in Person, nichts ist mehr mit der Meinung lamentierender Journalistinnen über den armen Roman Polanski und den verfolgten Kulturminister, sondern zitiert werden BVA-Umfrageergebnisse: Die Beliebtheit von Frédéric Mitterrand schmilzt zusammen, und die des Staatspräsidenten ebenfalls. François Bayrou und Ségolène Royal sind die Gewinner der Umfrage vom 23. und 24. Oktober 2009. (9)

Nun schlagen sich die Skandale - auĂźer der Affäre FrĂ©dĂ©ric Mitterrand gibt´s noch die des 23-jährigen Jurastudenten Jean Sarkozy - in der neuesten Umfrage von Opinion Way-Fiducial nieder. Die UMP, Partei des Staatspräsidenten, verliert zwei Prozent, der Parti Socialiste gewinnt zwei und der Front National sogar drei Prozent. Beeindruckend aber ist das Ergebnis fĂĽr die Nichtwähler: 28 Prozent, drei Prozent mehr als im September, wollen nicht wählen.

Wer ist schuld an diesem Ergebnis? Richtig, die Verantwortlichen der Regierungsmehrheit sind darĂĽber nicht ĂĽberrascht: Sie wissen, daĂź in der gewöhnlichen Wählerschaft, dans l´Ă©lectorat populaire, diese Folge, die begonnen hat mit den Protesten FrĂ©dĂ©ric Mitterrands gegen die Verhaftung des Regisseurs Roman Polanski, und die sich fortgesetzt hat mit der langen Geschichte der Kandidatur des Jean Sarkozy fĂĽr die Spitze des EPAD, die meisten Schäden verursacht hat. (7)

Den Politikern kommt nichts anderes in den Sinn, als diejenigen als l´Ă©lectorat populaire zu diffamieren, die sich dem Ausverkauf der Werte nicht anschlieĂźen mögen. Ich bin jetzt also Teil der gewöhnlichen Wählerschaft, von der man nichts Besseres erwarten kann. In meinem Bekanntenkreis in Perpignan, darunter befinden sich Angestellte, Ă„rzte, Beamte, Biologen, Juristen, Meeresforscher, Unternehmer, Winzer, sind alle, ĂĽber die Parteigrenzen hinweg durchweg alle, nicht einverstanden mit den Affären FrĂ©dĂ©ric Mitterrand und Jean Sarkozy. Nicht ich habe meine Bekannten auf die beiden Skandale angesprochen, sondern sie mich: "Gudrun, was hälst du denn davon, wie wirkt solches auf dich?"

Prompt verliert die UMP zwei Prozent, der PS, der selbst gar nichts tut, was ihn im Ansehen der Wähler heben könnte, gewinnt zwei Prozent, und diejenigen, die bei der letzten Umfrage den PS wählen wollten, gedenken auch nicht, bei den Regionalwahlen Enthaltung zu üben. Vielleicht ist das, zumindest teilweise, dem mutigen Einschreiten des Benoît Hamon zu danken?

Durch die Skandale verschiebt sich das Rechts-Links-Verhältnis von 43:36 auf 42:33 Prozent. Die Verluste bei den Linken gehen auf Rechnung der Grünen, der Kommunisten und des Parti de Gauche, einer Splitterpartei links vom PS; sie haben ihre eigenen die Wähler abstoßenden Querelen. Eine weitere Änderung in der Wählermeinung zeigt sich in der Gewichtung der Regionalwahlen in Bezug auf das, was auf nationaler Ebene auf dem Spiel steht. 47 Prozent der Befragten, 5 Prozent mehr als im September, geben an, daß ihre Wahlentscheidung bei den Regionalwahlen, im nächsten Jahr, davon bestimmt werde. 52 Prozent wollen nach regionalen Aspekten abstimmen. Das erklärt die Kampagne des Eric Besson zum Thema der nationalen Identität. Die Regierungsmehrheit will auf die plumpeste Art die Wähler rechts der UMP zu sich herüberziehen. Das ist die ungeeignete Antwort darauf, daß der Front National auf einen Streich drei Prozent mehr Zuspruch bei der Umfrage erhalten hat. (10)

Nicolas Sarkozy hat die Marke Mitterrand gewollt, und er hat sie bekommen. Der Ăśberläufer vom PS Eric Besson, auch ´ne Marke fĂĽr sich, wird der nächste Klotz am Bein des Nicolas Sarkozy sein, wetten?

31. Oktober 2009

Quellen

(1) Büste gefunden – So sah Caesar wirklich aus. Fotos. Von Berthold Seewald,
WeltOnline, 16. Mai 2008
http://tinyurl.com/ykgf2jr

Exposition. Le buste de Jules CĂ©sar est visible Ă  Arles. Par Sophie Guiraud,
Midi Libre, 23 octobre 2009
http://tinyurl.com/ygj7sja

(2) Frédéric Mitterrand se félicite de la découverte de nouvelles sculptures et
d´Ă©lĂ©ments d´architecture provenant des rĂ©centes fouilles sousmarines
du Rhône, à Arles. Communiqué de presse,
Ministère de la Culture et de la Communication, 5 octobre 2009
http://tinyurl.com/yfmkgsu

Journées européennes du Patrimoine 2009, 19 et 20 septembre 2009
http://www.journeesdupatrimoine.culture.fr/presentation

(3) Exposition. Le musĂ©e d´Arles cĂ©lèbre le retour de CĂ©sar.
Par Sophie Guiraud, Midi Libre, 29 octobre 2009, p. TEO1
(nicht online)

(4) Der Kouros: Griechischer Prototyp antik. Statuen. Von Felix Reid,
Suite101.de, 29. August 2008
http://tinyurl.com/ykvcsx8

Kouroi. Google.de Bilder. 4 800 Angebote
http://tinyurl.com/yfupot8

(5) Johann Wolfgang von Goethe: GroĂź ist die Diana der Epheser
http://www.textlog.de/18603.html

(6) César. Le Rhône pour mémoire. 20 ans de fouilles dans le fleuve à Arles.
Musée départemental Arles antique, Conseil Général du Bouche-du-Rhône
http://www.cesar-rhone.fr/

(7) Frédéric Mitterrand. Das schlechte Leben der französischen Regierung.
13. Oktober 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-10-13_20-52-06.html

(8) Nicolas Sarkozy und Frédéric Mitterrand: Vorher - Nachher. 17. Oktober 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-10-17_23-46-46.html

(9) Frédéric Mitterrand. 3 494 résultats chez Google.fr
http://tinyurl.com/yalh4c3

(10) RĂ©gionales : l´UMP recule, le FN progresse. Par Judith Waintraub,
Le Figaro, 30 octobre 2009, p. 4
http://tinyurl.com/yfhuzqp


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