Homepage von Gudrun Eussner
Gudrun Eussner
Links
Homepage von Gudrun Eussner
Artikel

Mathematik der Ethik. Zehn weniger neun ist null

Seit 2004 veranstaltet der Darmstädter Stadtkirchenpfarrer Martin Schneider zur Passionszeit einen Predigtzyklus zu den Zehn Geboten. DarmstadtNews.de berichtet darüber sowie über Rahmenveranstaltungen; diesmal werden die Dekalogfilme des polnischen Regisseurs Krzystof Kieslowski gezeigt.

Die Juden haben diese Gebote in die Welt gebracht, sie unterteilen sie so (eine Numerierung lasse ich weg): (1)

  • Ich bin "der Ewige" dein G´tt
  • Du sollst keine anderen G-tter haben vor mir
  • Du sollst den Namen "des Ewigen", deines G-ttes, nicht zur Unwahrheit aussprechen
  • Wahre den Schabbath-Tag, ihn zu heiligen
  • Ehre deinen Vater und deine Mutter
  • Du sollst nicht morden!
  • Du sollst nicht ehebrechen!
  • Du sollst nicht stehlen!
  • Du sollst nicht aussagen wider deinen Nächsten als falscher Zeuge!
  • Und du sollst nicht begehren das Weib deines Nächsten! Und du sollst dich nicht gelüsten lassen nach dem Haus deines Nächsten, nach seinem Feld, nach seinem Knecht und nach seiner Magd, nach seinem Ochsen und seinem Esel, nach allem, was deinem Nächsten gehört.

Das entspricht auf der Gesetzestafel dreimal einem Gebot und siebenmal einem Verbot, du sollst nicht, "lo". (2)

Katholiken und Protestanten fassen Exodus 2:2 und 2:3 in einem Gebot zusammen. So haben sie Probleme, auf zehn zu kommen. Deshalb reißen sie das Verbot, das Besitztum seines Nächsten zu begehren, Haus, Weib, Knecht, Magd, Ochse, Esel und alles was deines Nächsten ist, in zwei getrennte Gebote auseinander. Ein Blick in die Stellen der Thora, und man sieht, daß dort die Numerierung nicht nur keine Rolle spielt, sondern, daß es sie nicht gibt. (3)

Man kann davon ausgehen, daß die meisten Menschen, die nicht Theologie studiert haben, sich mit solchen Einzelheiten und vermeintlichen Spitzfindigkeiten nicht befassen. Von Stadtpfarrer Martin Schneider aber sollte man das erwarten.

Welcher evangelische Christ erinnert sich nicht an seinen Konfirmandenunterricht, in dem der Pastor den Katechismus herunterbeten bzw. -leiern läßt, mit dem zehnmaligen Was ist das? Bitte nicht verwechseln mit dem Vasistas! (4)

DAS VIERTE GEBOT
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir´s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.
Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.

Niemand, wirklich niemand in der evangelischen Kirche, hat mir jemals erklärt, daß es sich um DAS WORT handelt, daß die Numerierung keine Reihenfolge bedeutet, gar eine Hierarchisierung, sondern nur ein Hilfsmittel ist, niemand hat hingewiesen auf eine andere Numerierung bei den Juden. Die Einzigartigkeit und Einheit aller zehn Gebote - in jedem sind die neun anderen eingeschlossen - muß so verborgen bleiben.

Was bedeutet das für den Predigtzyklus zu den zehn Geboten?

Fünf der sechs Predigten der Passionszeit 2010 befassen sich mit den Geboten, mit 2, 3, 6, 9 und 10 christlicher Zählweise, in der Variante ohne eigenes Bilderverbot. Exodus 20:14 wird auseinandergerissen, als wenn zu biblischen Zeiten eine Trennung zwischen Immobilien und beweglicher Habe, Personen, Tieren, Sachen bestanden hätte. Aber wenn´s die katholische Kirche und Martin Luther so vorschreiben, dann trennt man das bis zum heutigen Tage, wobei die Katholiken das Begehren des Nächsten Weibes im Neunten Gebot verbieten, da kommt also immerhin zuerst die angetraute Ehefrau, wenn auch Sklaven zu Sachen degradiert werden, während bei den Protestanten die Habe wichtiger ist, vor allem das Haus. Mit den Bildern und Abbildern käme man in der Christenheit arg ins Schleudern, wäre es ein eigenes Gebot. Es ändert aber nichts daran, daß Exodus 20:4 ein Bilderverbot ausspricht, nicht nur vom Konterfei Mohammeds, sondern von nichts im Himmel droben und auf Erden hierunten, nichts im Wasser und unter der Erde. Juden und Muslime kommen dem in Synagogen und Moscheen nach. (5)

  • Den Anfang macht am 21.2. Sibylle Lewitscharoff mit dem 2. Gebot "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen".
  • Am 28.2. wird sich der Journalist und Historiker Götz Aly mit dem 9. Gebot "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus" beschäftigen.
  • Am 7.3. reflektiert der Direktor des Instituts Mathildenhöhe Ralf Beil das 3. Gebot "Du sollst den Feiertag heiligen".
  • Am 14.3. geht der Evolutionsbiologe und Sigmund-Freud-Preisträger Josef H. Reichholf der Bedeutung des Gebotes der "Nächstenliebe" nach.
  • Heinrich Steinfest, einer der profiliertesten deutschsprachigen Krimiautoren, vier Mal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, predigt am 21.3. über das 10. Gebot: "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh, noch alles, was sein ist".
  • Ausführungen der ehemaligen Princeton-Professorin Barbara Hahn, die jetzt Germanistik an der Vanderbilt University in Nashville lehrt, am 28.3. zum 6. Gebot: "Du sollst nicht ehebrechen"

Die Predigt vom 14. März 2010 behandelt die Bedeutung des Gebotes der "Nächstenliebe", die aber in den zehn Geboten nicht erfaßt ist, und das aus gutem Grund. Die Stelle im Leviticus 19:17-18 lautet so: (6)

17. Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen; zur Rede stellen sollst du deinen Nächsten, daß du nicht seinetwegen Sünde tragest.18. Du sollst dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kindern deines Volkes, sondern deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. Ich bin der Ewige.

Es ist kein eigenes Gebot, sondern eine sich auf Juden untereinander sowie auf ihr Verhältnis zu Fremden beziehende Ausführungsbestimmung zu den zehn Geboten. Entsprechend handelt es sich bei den Erklärungen um praktische Beispiele, wie man bei Christa Karas liest. Man soll den Fremdling lieben wie sich selbst, dessen Recht nicht beugen, man soll dem Esel seines Feindes (!) aufhelfen, wenn er unter seiner Last zusammenzubrechen droht, dem hungrigen Feind soll man zu Essen geben, dem dürstenden zu trinken. Es steht die Absicht dahinter, ihn zu ändern. (7)

Raschi von Troyes (4800/1040 - 4865/1105), der Rabban Schel Israel, der Großlehrer Israels, einer der größten Talmud- und Thorakommentatoren, bringt ein noch banaleres Beispiel: Einer weigert sich, dem Nachbarn seine Sense zu leihen, am nächsten Tag will jener sich von diesem eine Axt leihen, der sagt, ich leihe sie dir nicht, wie du auch mir nicht geliehen hast, das ist Rache. Um Nachtragen geht es, wenn der Nachbar ihm die Axt gibt mit den Worten: hier hast du sie; ich bin nicht wie du, denn du hast mir nicht geliehen; das ist Nachtragen, er bewahrt den Hass in seinem Herzen, wenn er sich auch nicht rächt. (8)

Weitere lesenswerte Ausführungen zur Nächstenliebe findet man bei David Seldner, in dessen Artikel "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". (9)

Die Zehn Gebote sind etwas anderes. Sie werden nicht mit Juden und Fremdlingen, mit Esel, Axt und Sense erklärt, sondern sie sind DAS WORT, sie sind nicht numeriert oder gar nach Wichtigkeit geordnet, in der Thora steht nirgends eine Nummer davor. Raschi kommentiert: (8)

Exodus 20, 1. Gott sprach, dieser Gottesname hat die Bedeutung Richter; weil es Abschnitte in der Thora gibt, für deren Erfüllung der Mensch Lohn empfängt und deren Nichterfüllung er keine Strafe erhält (wie die freiwilligen Opfer, Lev. 1), hätte ich dies auch von den zehn Geboten meinen können; darum heisst es, Gott sprach als Richter, um zu bestrafen (Mech.) Alle diese Worte, das lehrt, dass der Heilige, gelobt sei Er, die zehn Gebote in einem Worte aussprach, was ein Mensch nicht so aussprechen kann; wenn es aber so ist, was lehrt dann noch, Ich bin ..., du sollst nicht haben ...? Er wiederholte dann und erklärte jedes einzelne Gebot für sich. Also, das lehrt, dass sie auf die Gebote mit Ja und auf die Verbote mit Nein antworteten (Mech.).

Deuteronomium 5, 12. Hüte, und in den ersten sagt er (Exod. 20,8), gedenke; beides wurde durch einen Ausspruch und ein Wort gesagt und durch eine Wahrnehmung gehört ...

Ausgeplünderte tote Juden dienen zur Erklärung des Neunten Gebotes

Am 28. Februar 2010 hält also Götz Aly eine Predigt zum Neunten Gebot am Beispiel der Judenverfolgung. Wieder geht´s in die Vergangenheit, einmal mehr gedenkt man der toten Juden, es gibt heute anscheinend nichts Angesagteres als die Beschäftigung mit Neid und Gier in Darmstadt zur Zeit des Dritten Reiches:

Immer, wenn du denkst es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ´n Jude her,
daß du ihn noch einmal wieder zwingst
und von Totenschein und Beute singst.
Leichter trägst des Alltags harte Last
und wieder Kraft und Mut und Glauben hast.

Über den Raub an Juden habe ich ausführlich am Beispiel der Firma des Alfred Leschnitzer berichtet, im Artikel Leschnitzer - Konfektion - Juden in Krems, über Wortschöpfungen wie Entjudungsauflage, Judenabgabe, Zwangsentjudung, und über die schleppende Behandlung von Entschädigungsanträgen nach dem Krieg. (10)

Götz Aly versucht sich am Neunten Gebot: Liebe Gemeinde!

Allein mit dem Gebot Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen ist nichts ausgesagt, im Gegenteil, es lockt einen auf die falsche Fährte. Götz Aly beginnt: Die Zehn Gebote betreffen das Verhältnis der Menschen zu Gott, insbesondere verbieten sie den Menschen die Vergottung des Irdischen, den selbstgefälligen Tanz um das Goldene Kalb, den Götzenglauben, der das Paradies auf Erden verspricht. Davon handeln die ersten drei Gebote dieses alten, knapp gefassten Gesetzeswerks, des Dekalogs. Die folgenden sieben Gebote beinhalten Regeln, mit deren Hilfe die Menschen den Haus-, Stadt- und Landfrieden wahren, Rechtsordnungen begründen, Faustrecht und Willkür zurückdrängen können.

Alle zehn betreffen das Verhältnis des (!) Menschen zu Gott, des einzelnen, es gibt kein "insbesondere", kein Gebot ist wichtiger als das andere, der selbstgefällige Tanz um das Goldene Kalb, der Götzenglauben, der das Paradies auf Erden verspricht werden nicht hervorgehoben. Es handelt sich bei den Geboten nicht um Regeln, sondern um Kategorien der Ethik und Moral. Man meint ja auch nicht, die Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wären Richtlinien zu Ausführungsbestimmungen des Strafgesetzes.

Götz Aly sieht, daß die beiden Gebote Neun und Zehn zusammengehören, die darf er aber nicht zusammen behandeln, weil Weib, Knecht, Magd, Vieh, noch alles, was sein ist vom Stadtpfarrer an den ausgezeichneten Krimiautor Heinrich Steinfest vergeben sind, und so bleibt ihm "Haus". Die Gebote werden zerfleddert, und vor Schreck kann Götz Aly nicht mehr richtig zählen: Die Gebote vier bis acht verbieten den Diebstahl, den Mord, den Ehebruch und die falsche Beschuldigung. Sie handeln von der Untat selbst. Ich wüßte gern, wieso das Vierte Gebot, Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir´s wohlgehe und du lange lebest auf Erden eine Untat verbietet.

Man erfährt, daß der Stadtpfarrer ihm den Auftrag erteilt habe, anhand des Neunten Gebotes "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus" über die Judenverfolgung zu sprechen, insbesondere über die sogenannte Arisierung des Eigentums der Juden in der Zeit des nationalsozialistischen Deutschland. Was soll er groß sagen darüber, Musike liegt im Rest, in Weib, Knecht, Magd, Vieh.

Götz Aly umgeht den Auftrag, man könnte auch sagen "Thema verfehlt", und redet doch von Menschen und Mobilien, und er geht im folgenden aus vom typischen Zerrbild des im Gegensatz zum einfachen "Arier" reichen und klugen Juden. Wenn dem so wäre, warum sind auch arme und verarmte, alte und kranke Juden verfolgt und umgebracht worden? Was die Reichen angeht: Warum nehmen sich die Zukurzgekommenen nicht der erfolgreichen "Arier" an? Sie sind in Deutschland in weitaus größerer Anzahl vorhanden als reiche Juden. Was ist mit Neid und Gier ihnen gegenüber, Klassenkämpfer würden sagen mit der Schaffung von sozialer Gerechtigkeit? Und was ist mit den stein- und stinkreichen deutschen Antisemiten? Sind sie auch von Neid und Gier getrieben, oder ist es doch eher der Judenhaß, der sie leitet?

Relativierung der Verbrechen an den Juden

Wie die herrschende Lehrmeinung heutzutage kann auch Götz Aly sich nicht enthalten, die Einmaligkeit der Verbrechen an den Juden durch die Deutschen zu relativieren. Er hält es wie viele andere, er läßt die Juden selbst sprechen. Die Juden machen es untereinander ebenso, es ist keine deutsche Besonderheit, sich Vermögen und Leben der Juden anzueignen. In 1. Könige 21, 1-16 werde berichtet, wie derartiges geschehen kann. Die Verfolgung, Ausplünderung und Ermordung der Juden ist derartiges!

Die Verfolgung der Juden ist weder im Islam noch im Christentum des Neides und der Gier geschuldet, die sind Folge und Dreingabe; es zählt allein die Tatsache, daß sie Juden sind, ob arm oder reich. Der Grund für den Haß ist DAS WORT, es sind die Zehn Gebote, von denen niemand sagen kann, er kennte sie nicht. Der Jude Jesus predigt eben diese Lehre.

Götz Aly und die Geschichte des Antisemitismus: Liebe Gemeinde!

Das Begehren von Häusern ist für eine Predigt allein nicht tragfähig, und so schweift Götz Aly ab in die Geschichte des Antisemitismus: Wie verhielt es sich vor rund 70 Jahren mit den Juden in Darmstadt? Ein bißchen Raul Hilberg, Entlassungen, Arisierungen, Vermögensteuern, gesperrte Gelder, Zwangsarbeit und Lohnkürzungen, ein bißchen Daniel Jonah Goldhagen, das eliminatorische Programm und seine Institutionen, und es geht direkt zur Umsiedlung der Juden aus dem Volksstaat Hessen, ab März 1942. (11)

Nebenbei wird deutlich, daß Neid und Gier keine wesentliche Rolle spielen, sondern die Ideologie, der Judenhaß. Götz Aly ist über die Darmstädter empört: 1288 wurden in das Konzentrationslager für alte Leute Theresienstadt verschleppt - ihres üppigen Vermögens wegen? Weder für die Darmstädter noch für die anderen Deutschen und Österreicher ist der Grund für ihr Tun, daß sie scharf auf die Besitztümer der Juden sind. Später erst begehren sie, als sie sehen, wie leicht man darankommen kann, oder andersherum: Niemand hätte sich an den Juden vergriffen und bereichert, wenn er sie nicht abgrundtief gehaßt hätte.

Götz Aly zitiert die Rede von Thomas Mann, vom November 1941, darin erwähnt dieser das Ausplündern nicht, weil es nicht wesentlich ist, dann springt Götz Aly in seiner Geschichtsbetrachtung zurück vor 1933, mit den Wahlen 1932 und 1933 hätten sich im Zeichen der Rassenlehre viele Christen von einem der wichtigsten Grundsätze ihres Glaubens ab(gewandt): Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Sie verleugneten Gott, vergotteten ihre weltlichen Führer und gerieten auf die Bahn des Bösen. Es ist aber hier so wie immer, der Verstoß gegen ein Gebot, die Mißachtung eines Verbotes bedeutet den Verstoß gegen DAS WORT. (12)

Es folgt die Aufzählung enteigneter jüdischer Firmen, Oppenheim, Morgenthau, Baar, Rothschild, Tietz, Buchdahl. Am Beispiel des von der Darmstädter Geschichtswerkstatt geschilderten Falles der Firma Leonard Tietz A.-G. wird deutlich, daß Begriffe wie Neid und Gier sowie Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus nicht greifen. (13)

Was die kleinen materiellen Vorteile angeht, kann man zynisch fragen: Was sollten die Nachbarn und Kollegen der Deportierten denn anderes tun, als deren Habe auf die eine oder andere Weise an sich zu bringen, Schnäppchen, Hausrat und Wäsche, ja selbst eingewecktes Obst und Marmeladenvorräte, sollten sie etwa verrotten? Es ist nicht durch die Gebote 9 und 10 zu erklären, und das Gewissen ist diesen Bürgern schon viel früher abhanden gekommen, die Regierung brauchte ihnen keine Gewissensfessel überzustreifen, solches könnte eine Regierung gar nicht. Das Lied Die Gedanken sind frei stammt aus dem Jahr 1780. Der Grundgedanke des Liedes findet sich jedoch schon im 13. Jahrhundert bei Freidank (1229: "Diu bant mac nieman vinden, diu mine gedanke binden") und Walther von der Vogelweide (etwa 1170 bis 1230; "Sind doch Gedanken frei"), wie auch bei dem österreichischen Minnesänger Dietmar von Aist (12. Jhd.): "Die Gedanken, die sind ledig frei", schreibt Freiklick.at. (14)

So ist es, und so hat sich auch eine Minderheit der Deutschen und Österreicher verhalten, von den aktiven Widerstandskämpfern nicht zu reden, aber Götz Aly bedient sich lieber der Mär vom gewissensgefesselten Volke. Das aber hat schon, siehe die Leonard Tiertz A.-G. im Jahre 1933, vor der 1938 systematisch wirkenden Arisierungsmaschinerie vom Schicksal der Enteigneten nichts mehr wissen wollen. Die Deutschen brauchten kein Geheimnis, keine Offerte, keine Marmeladenvorräte, die ihnen geboten wegzusehen, dass ihre Mitmenschen in den Tod deportiert wurden, sie haben auch nicht unter moralischer Überforderung gelitten. Ihre christliche Herkunftsmoral ist schon vor 1933 abhanden gekommen, der Abfall von allen zehn Geboten hat ihre Moral zerstört, und zwar zuerst die der deutschen Protestanten, was eine Graphik über die Verteilung der katholischen Population 1934 und das Abstimmungsergebnis für die Nationalsozialisten 1932 beweist. (15)

Die Deutschen und Österreicher wollten die Vernichtung der Juden, welches Haus des jüdischen Nächsten hätten sie noch begehren können, als sie bis zum bitteren Ende kämpften? Und daß die Deutschen mit harter militärischer Gewalt von sich selbst befreit wurden, ist ja wohl ein Witz!

Gefolgt wird diese Fehleinschätzung der von sich selbst befreiten Deutschen und Österreicher von den Versuchen des Götz Aly, den Antisemitismus mit der mächtigen Triebkraft des Neides und der Habgier zu erklären. Den Ausspruch des Wilhelm Marr "Wir sind diesem fremden Volksstamme nicht mehr gewachsen" reduziert er aufs Neunte und Zehnte Gebot. Es folgen allerlei Pseudobeweise für diese These, beispielsweise: Im frühen 20. Jahrhundert zahlte ein jüdischer Bürger Frankfurts durchschnittlich viermal so viel Steuern wie ein protestantischer, achtmal so viel wie ein katholischer. Damit ist nicht erklärt, warum das nicht zum Ansporn für die Christen geworden ist, ebenfalls solche Höchstleistungen zu erreichen, und das durchschnittliche (!) Steueraufkommen der Juden Berlins, zur selben Zeit, wüßte ich auch einmal gern. Eike Geisels Buch Im Scheunenviertel könnte weiterhelfen. (16)

Vergessene Tage: Am 5. und 6. November 1923 zog der Mob prügelnd und plündernd durch die Grenadierstraße. Zehn Jahre vor Hitlers Machtergreifung wurden Juden geschlagen, beraubt und nackt durch Berlin getrieben, beginnt Karsten Krampitz seinen Artikel über das Scheunenviertel. Reiche Juden werden beneidet? Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus? (17)

Weiterhin wüßte ich gern, wie Götz Aly diese Behauptung belegen will: Anders als die meisten Christen hatten sie (die Juden) in der alten, untergehenden sozialen Ordnung nichts zu verlieren. Die meisten Christen hätten von der Ordnung zu Beginn des 19. Jahrhunderts profitiert? Die meisten sind ebenfalls arm und haben nichts zu verlieren.

Götz Aly und die Überlegenheit der Juden: Liebe Gemeinde!

Und dann bringt Götz Aly ein Klischee nach dem anderen zur Überlegenheit der Juden über die Christen und zur Entstehung derer Neidantisemitismus. Er gerät geradezu ins Schwärmen: Der Bildungswille bezog seine Kraft aus drei Quellen: aus der Religion, der Jahrhunderte langen Rechtlosigkeit und aus der Urbanität. Und wie ist das mit den Landjuden?

Die Chronik der Familien Lucas und Keller, von Eric Lucas: Jüdisches Leben auf dem Lande gibt Auskunft über die Verbindung des religiösen Lebens mit dem Berufsleben. Die acht Seiten über die 1864 geborene Tante Rosal dürften für eine Einschätzung reichen. (18)

Nun kommt die Neidvariante der Verschlafenen, der Verlangsamten, Desorientierten, Faulen und Begriffsstutzigen. Ist Götz Aly im falschen Film, über heutige Muslime? Auch sie sollen die Gefährdeten, die wenig Selbstbewussten sein, das mache sie zu den Gefährlichen. Die gewaltsame Verbreitung des Islam wird ebenfalls solchen zugeschrieben, und das ist ebenso falsch, oder wie erklärt Götz Aly, daß im Islam wie im Nationalsozialismus erfolgreiche gebildete Menschen agieren? In den beiden totalitären Systemen sind es diese, die den Terror durchsetzen. Neid und Gier sind nicht wesentlich, sie sind Kategorien aus der Welt der Individuen. Götz Aly verwischt diese Tatsache gleich zu Anfang, in dem er die Zehn Gebote nicht an den einzelnen Menschen, sondern an die Menschen gerichtet sieht. Dann aber stünde in der Thora gewiß der Plural. Es ist auch nicht Israel gemeint, als Volk, sondern aufgerufen ist der einzelne Mensch, wie man an Exodus 20:6 sehen kann: Der aber Gnade übet am tausendsten Gliede denen, welche mich lieben und meine Gebote halten. Auch an den Geboten zur Ehrung von Vater und Mutter sowie nicht ehebrechen, morden, stehlen sieht man, daß der einzelne Mensch gemeint ist. (6)

Von diesen Geboten haben sich die Deutschen, jeder einzeln, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schrittweise und dann ab Anfang der 30er Jahre zügig verabschiedet. Der Haß ist vor dem kollektiven Neid da, man könnte vielleicht sagen: Wie können solche verhaßten Menschen auch noch reich sein? Götz Aly kommt noch einmal mit dem Klischee vom beneideten Juden, der zum Vogelfreien wird. So muß es sein; denn sonst könnte er seine Predigt umschreiben. (19)

Zum Schluß schenke ich meinen Lesern von Sidor Belarsky Dos Lidl Fun Goldenem Land. Es sind Erinnerungen eines Dichters an ein Lied, das ihm seine Mutter gesungen hat. Ihre Schönheit, ihr tröstendes Lachen, ihre Augen, die voller Liebe waren, sind ihm unvergessen. Aber er muß noch das goldene Land seiner Träume finden, nach dem Lied seiner Mutter sehnt er sich immer ... (20)

15. März 2010

Quellen

(1) Die Zehn Gebote. haSchanah: Das Wochenfest und der Käsekuchen,
HaGalil
http://www.hagalil.com/kinder/kidz/haschanah/koscher-1.htm

(2) Gesetzestafel. Foto. Kennst du die Zehn Gebote? HaGalil
http://www.hagalil.com/kinder/kidz/haschanah/images/luchoth. gif

(3) Luthers Kleiner Katechismus. Das Erste Hauptstück. Die Zehn Gebote.
Evangelische Kirche in Deutschland
http://www.ekd.de/bekenntnisse/kleiner_katechismus_1.html

Die Zehn Gebote Gottes. Katholische Kirche
http://web246m.dynamic-kunden.ch/maria/gebote.html

(4) Vasistas. Etymologie
http://tinyurl.com/pp6qs

(5) Stadtkirche: Passion 2010. Dekalog II. Predigten in der Gegenwart. DarmstadtNews.de, 17. Februar 2010
http://tinyurl.com/yjjx4qe

(6) Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift. Übersetzung von Arnheim,
Sachs, Fürst und Zunz. Victor Goldschmidt Verlag, Basel 1995, S. 111
http://tinyurl.com/yvanvd

(7) Much: Zwischen Mythos und Realität. Von Christa Karas,
Wiener Zeitung, 18. November 2008
http://tinyurl.com/yzs2all

(8) Exodus 20. Raschis Pentateuchkommentar. Selig Bamberger (Übersetzer).
Victor Goldschmidt Verlag, 2. Auflage 1928, 4. Auflage 2002, S. 370
http://tinyurl.com/lhxdzg

Raschi = Rabbi Schlomo Izchaki (1040 - 1105) in meinem Archiv
http://tinyurl.com/yjctjy2

(9) "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Von David Seldner, Mitglied im Oberrat der badischen Juden, Pfälzisches Pfarrerblatt o.J. (2006)
http://www.pfarrerblatt.de/text_34.htm

"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Von David Seldner. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Pfalz
http://www.christen-und-juden.de/html/seldner.htm

(10) Leschnitzer - Konfektion - Juden in Krems. 13. November 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-11-13_23-52-42.html

(11) Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden.
(Taschenbuch, 3 Bde.). Fischer, Frankfurt 1990
http://tinyurl.com/yg5h4w8

Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker,
Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1996. Dieter Wunderlin 2005
http://www.dieterwunderlich.de/Goldhagen_vollstrecker.htm

(12) Thomas Mann - Deutsche Hörer 1 - November 1941. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=25YNc5bX7xY

(13) Aus "Leonhard Tietz A.-G." wird 1933 "Kaufhof" – ein Arisierungsverbrechen. Von Christoph Jetter, Darmstädter Geschichtswerkstatt e.V., 2008
http://tinyurl.com/ybpa5s3

(14) Free mp3 - Leonhard Cohen: Die Gedanken sind frei! Freiklick.at
http://freiklick.at/index.php?option=com_content&task=view&i d=109&Itemid=61

(15) Map 1: Distribution of the Catholic Population in Germany (According to the
1934 census). Map 2: National Socialist Votes (%) (from the 1932 elections)
http://tinyurl.com/ye7z3kz

Der Wolpertingerphysiologe. Von Calamitas, Die Flache Erde, 22. Januar 2010
http://tinyurl.com/yeqb46w

(16) Mischket Liebermann: Ruben Rosenfeld aus der Grenadierstraße.
Fundsachen, 14. Juni 2005
http://www.eussner.net/fundsachen_2005-06-14_05-34-16.html

(17) Straße der Verlorenen. Von Karsten Krampitz, Berliner Morgenpost,
30. Mai 2008
http://tinyurl.com/yguffrb

(18) Eric Lucas: Jüdisches Leben auf dem Lande. Eine Familienchronik.
Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1991
http://www.fischerverlage.de/

Israel einer Anfängerin [11]: Auf dem Weg nach Jerusalem. 18. Dezember 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-12-18_19-02-01.html

(19) Neid und Gier in Darmstadt. Eine Predigt über das Neunte Gebot, gehalten in der Stadtkirche Darmstadt. Von Götz Aly, Perlentaucher, 11. März 2010
http://www.perlentaucher.de/artikel/6079.html

(20) Dos Lidl Fun Goldenem Land. Sidor Belarsky in Songs
by Mordechaj Gebirtig. Audio. Judaica Sound Archives
http://tinyurl.com/ydnk3g7


Hoch zum Seitenanfang Diese Seite drucken
Zurück zur vorigen Seite Zum Archivdieses Abschnitts Weiter zur nächsten Seite