
ARD - Tatort: Das kalte Herz und ZDF - Wilsberg: Gefahr im Verzug
Die Tatort-Fans freuen sich riesig auf den neuen Ballauf/Schenk aus Köln, aber mir kommt der Kaffee von der Konfirmation hoch, wie man bei uns im Ostwestfälischen sagt und dabei leicht würgt. Mord in der Sozialbausiedlung: Marco Steinbrück vom Kölner Jugendamt wurde erschlagen und ein vierjähriges Mädchen ist spurlos verschwunden. (1)
Die weiteren Vokabeln der Vorankündigung sind: Sozialarbeiter, die kleine Clara, Heim,Verzweiflungstat, die sichtlich angetrunkene Stefanie Karstmann, durchzechte Nacht, die sehr junge Mutter, ihre kleine Tochter, verwahrloste Wohnung, Jugendamt, Jugendamtsleiter, liebevoll renovierter Bauernhof am Stadtrand, Pflegekinder, Notfall.
Alles klar? Wieder ein Agitprop, das ohne mich die Millionen Zuschauer beglückt, da können die TV-Zeitschriften den Film loben und rühmen, wie sie wollen. Es geht im Tatort um Mißbrauch an Kindern, genauer: Dieser Tatort ist ein weiterer Mißbrauch. Darum kämpfen solche Krimis mit Kindern immer wieder mit demselben Problem: dass in ihrem Zentrum etwas steht, das man weder sehen möchte noch sieht, schreibt Jürgen Kaube, und die FAZ beweist einmal mehr, daß sie zu klaren Stellungnahmen fähig ist, wenn es nicht um die Beschönigung des Islams geht. (2)
Autoren, Regie, Sender, ihnen ist nichts heilig, sie sind schamlos, sie zerren die Probleme unserer Gesellschaft ins Abendunterhaltungsprogramm, sie machen Quote mit Ideologie, etwas anderes fällt den Autoren nicht ein.
Aber ich freue mich schon auf den Hansjörg Felmy, am Mittwoch, 24. März 2010, ab 23 Uhr, im selben WDR. Wer Spannung und solides Handwerk schätzt, der ist fast immer gut bedient mit den frühen Tatort-Krimis. Ich hoffe, der WDR nimmt mein Lob jetzt nicht zum Anlaß, zum 36. Mal Reifezeugnis aufzulegen. Autoren, Regisseure und Darsteller alter Tatorte wie auch anderer alter Krimis, Stahlnetz, Der Kommissar, Derrick, lassen einen vor Neid erblassen. (3)
Die Einschaltquote für den Tatort beträgt 9,88 Millionen. Da kann die ARD getrost weitermachen mit ihren Themen, die Zuschauer wollen den Tatort sehen, welchen Inhaltes und welcher Qualität auch immer. (4)
Wilsberg: Gefahr im Verzug
Wie staune ich, auf der offiziellen Site des ZDF keine schriftliche Information zum Inhalt zu finden, da gibt es das Video "Gefahr im Verzug", ´n Trailer, ´ne Bilderserie, ´n Interview, Filmmusik, kurz, es ist die Information für Analphabeten. Das sehr kluge Interview mit Redakteur Martin R. Neumann könnte eine Ergänzung zur Inhaltsangabe sein, aber auf die verzichtet das ZDF: Glotz´ oder stirb! (5)
Wilsberg ist einer meiner Lieblingskrimis. Ein Glück nur, dass Wilsberg Zeitgeist-resistent ist. An dem perlen Internet-Blasen, Banken-, ja sogar ganze Weltwirtschaftskrisen oder auch Aufregungen um Casting-Shows völlig ab, sagt Martin R. Neumann im Interview. So ist es, im Gegensatz zum bemühten Tatort-Krimi Kaltes Herz.
Nun suche ich also im Internet eine Inhaltsangabe; schließlich kann frau sich nicht alles merken. Wie staune ich, daß TV-Zeitschriften, evangelisch.de, Kino.de, TV Spielfilm der deutschen Sprache nicht mächtig sind, und blind sind sie auch noch, können nicht einmal abschreiben; sie nennen als Titel Gefahr in Verzug, in TV Spielfilm sind Titel und Regisseur des Weihnachts-Wilsbergs falsch angegeben. Ja, deutsche Sprache sein schwere Sprache, die Journalisten haben scheint´s mindestens 1,57 Promille getankt. Es wäre eine dankbare Aufgabe für die Evangelische Kirche in Deutschland, Kurse zur Einführung in die deutsche Sprache für Journalisten auszuschreiben. Man könnte sie mit einem Vaterunser beginnen und mit Amen beenden, das ist gewißlich wahr.
Den Filminhalt gibt Tilmann P. Gangloff in evangelisch.de einigermaßen treffend wieder, man lese bitte dort. (6)
Die Rollen sind optimal besetzt, Leonard Lansink, Rita Russek, Oliver Korittke, Ina Paule Klink u.a. Rita Russek ist nach wie vor eine schöne Frau, ich habe sie neulich in einem alten Krimi gesehen, ganz jung, sie hat von ihrem Charme nichts eingebüßt, und Ina Paule Klink wird auch immer edler. Martin Brambach spielt mit, ein alter Bekannter aus der Soko Wismar, und Star ist endlich einmal Overbeck alias Roland Jankowsky. (7)
Den letzten Wilsberg hat es drei Tage vor Weihnachten gegeben, er hat gut in die Saison gepaßt mit seinem Witz und seiner Komik. (8)
Nun aber ist es gut, möge Wilsberg nicht zur Klamotte degenerieren! Das ist das Schlimme an den Deutschen, sie können nicht aufhören, meint in einem seiner Werke bissig der Vorklassiker Christoph Martin Wieland, Schöpfer der Abderiten. (9)
Die Amokfahrt von Overbeck mit der Jungpolizistin ist überzogen, der hätte auch mit weniger Speed und Grimassen seinen Unfall verursachen können. Die Polizistin, Tochter des Kripo-Chefs, fällt ins Koma, aus dem sie gen Schluß mit Tralala aufwacht. Das ist ebenfalls ´ne Nummer zu dick und außerdem nicht stimmig. Kommissarin Anna Springer und ihre Schönheitspflästerchen werden zu lange ins Bild gesetzt, damit wird die Person lächerlich gemacht, und die Sudan Connections, Lieferung von Waffenteilen in dieses Mörderland, können selbst durch Parodie nicht in einen Wilsberg eingemeindet werden. Es wird zuviel und ohne erkenntlichen Sinn gespielt mit zu ernsten Problemen. Wenn, dann müßte ein solcher Film durchgängig so konzipiert sein, etwa wie Der große Diktator: "Schtonk!"
Hier eine Einschätzung des Films Gefahr in (sic!) Verzug von Fabian Riedner, Quotenmeter.de: Zwischendurch entwickelt sich die Storyline kaum weiter, was dem Zuschauer sauer aufstoßen könnte. Es werden nur rohe Fakten geliefert, eine Verbindung findet erst in den letzten Minuten statt. Insgesamt ist "Wilsberg" ein recht guter Krimi, auch wenn die Geschichte zeitweise nicht überzeugen kann. (10)
Was den Reiz der Wilsberg-Filme bislang ausgemacht hat, das waren Lebensfreude, Humor, Witz, komische Alltagsszenen, Ausgelassenheit und leise Töne. Davon ist in Gefahr im Verzug nur wenig übrig, es wird zu dick aufgetragen, und die Geschichte kann insgesamt nicht überzeugen. Der Film bewegt sich streckenweise auf Stammtischniveau. Schade!
21./22. März 2010
Quellen
(1) Tatort Folge 759: Kaltes Herz. Regie – Thomas Jauch. Tatort Fans
http://tatort-fans.de/tatort-folge-759-kaltes-herz/
Tatort: Kaltes Herz. Buch: Peter Dommaschk und Ralf Leuther,
Regie: Thomas Jauch, Das Erste, 21. März 2010, 20:15 Uhr
http://www.daserste.de/programm/tvtipp.asp?datum=21.03.2010
(2) Ein einziges Trauerspiel. Von Jürgen Kaube, FAZ.net, 21. März 2010
http://tinyurl.com/yduygom
(3) Tatort Folge 078: Drei Schlingen. Buch: Karl Heinz Willschrei,
Regie: Wolfgang Becker. Erstausstrahlung 28. August 1977
http://tatort-fans.de/tatort-078-drei-schlingen/
Tatort - Drei Schlingen. Deutschland 1977, WDR Fernsehen,
24. März 2010, 23.00 - 00.23 Uhr
http://tinyurl.com/yc5h3cp
(4) Einschaltquoten. Das Erste, 21. März 2010
http://www.daserste.de/programm/quoten.asp
Fast zehn Millionen sahen neuesten Tatort. Von Manuel Weis,
Quotenmeter.de, 22. März 2010
http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=40891&p3=
(5) "Das Leichte ist verdammt schwer". Redakteur Martin R. Neumann im Gespräch mit Birgit Mangold, ZDF, 20. März 2010
http://wilsberg.zdf.de/ZDFde/inhalt/6/0,1872,1020646,00.html ?dr=1
(6) TV-Tipp des Tages: "Wilsberg: Gefahr in Verzug" (ZDF).
Von Tilmann P. Gangloff, evangelisch.de, 20. März 2010
http://tinyurl.com/y9fcbo3
Wilsberg. Gefahr im Verzug. Buch Eckehard Ziedrich,
Regie: Hans-Günther Bücking, ZDF, 20. März 2010
http://wilsberg.zdf.de/ZDFde/inhalt/6/0,1872,1020646,00.html ?dr=1
(7) Wilsberg: Gefahr in Verzug. Kriminalfilm, Deutschland 2010
http://www.kino.de/kinofilm/wilsberg-gefahr-in-verzug/122760 .html
(8) "Oh du tödliche ..." Buch: Eckehard Ziedrich. Regie: Hans-Günther Bücking. ZDF, 21. Dezember 2009
http://tinyurl.com/y9ksjo5
(9) Christoph Martin Wieland (1733 - 1813). Fundsachen,
15. Mai 2005 / 9. März 2010
http://www.eussner.net/fundsachen_2005-05-15_20-08-03.html
(10) Die Kritiker: "Wilsberg: Gefahr in Verzug". Von Fabian Riedner, Quotenmeter.de, 18. März 2010
http://www.quotenmeter.de/cms/?p1=n&p2=40831&p3=
Artikel über den Krimi-Müll von ARD und ZDF in meinem Archiv
http://tinyurl.com/djfolz
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