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Polizeiruf 110. Aquarius. Das Letzte im Ersten

Ein verwahrloster Mann mittleren Alters wirft in einem Caf√©, an der Ostseek√ľste, irgendwo in der ehemaligen DDR, mit Euro-Scheinen um sich. Ein Vater, der mit seinen Kindern dort Eis i√üt, meint den Mann zu erkennen. Er l√§√üt die lieben Kleinen, sie sind nicht einmal im schulpflichtigen Alter, unter der Bemerkung Ich hole mal eben Zigaretten allein im Caf√© zur√ľck und folgt dem Mann bis ans Warnowufer. Das liegt in Rostock, und so wei√ü ich, wo der Krimi spielt. (1)

Der verwahrloste Mann, ein Obdachloser, tritt durch eine T√ľr in ein bunker√§hnliches Verlies, derweil der Familienvater auf eine alte Ufermine aus den 70er Jahren tritt und zerfetzt wird. So fordert die DDR noch heute ihre Opfer. Das herzzerrei√üende Ende des Familienvaters wird durch eine Explosion angedeutet, von dem Mann sieht man zun√§chst nichts mehr, erst sp√§ter, aber ich will nicht vorgreifen. (2)

W√§hrenddessen stellt Fall-Analytikerin Katrin K√∂nig im Polizeipr√§sidium fest, dass jemand ihren Arbeitsplatz durchst√∂bert hat. Jeansbejackt und offenen Mundes staunt sie √ľber so viel Frechheit. Was eine Fall-Analytikerin ist? Wenn ich das nur w√ľ√üte. Bis vor kurzem nannte man das Ermittlerpersonal Kommissar, Hauptkommissar, Kriminalrat etc. (3)

Tatsächlich macht sich ein Mann an den Laptop der Fall-Analytikerin, er kopiert jede Menge Daten auf einen Stick.

Dann aber wird´s endlich spannend. Eine Gruppe, nahezu so verwahrlost wie der Mann aus dem Eiscaf√©, feiert, ein Schwein br√§t am Spie√ü, und die Typen haben Dreitageb√§rte, Zottelfrisuren, hinten mit ´ner Spange zusammengehalten, tragen verdreckte T-Shirts, und der Held mit dem schicken Namen Sascha, der die Fall-Analytikerin als Quotenfrau beschimpft, sp√§ter aber tr√§umt, sie verw√∂hne ihn, dieser Held k√∂nnte Undercover unterm Berliner B√ľlowbogen unauff√§llig seine Kreise ziehen, er w√ľrde dort unter dem Gesocks nicht auffallen.

Das ist das Personal der heutigen Krimis zur besten Sendezeit, und man frage nun nicht, warum die Kommissare Haferkamp, Brinkmann und Bienzle, von Kommissar Keller nicht zu reden, es zu Kultstatus gebracht haben.

Dann tritt Kriminaldirektor Michael Kaiser ins Bild und bumst Rosamunde Weigand auf dem K√ľchentisch. Das h√§tte sich die Leiterin der Spusi Halle nicht tr√§umen lassen, da√ü sie nochmal den Pulli von den vollen Schultern gerissen kriegt, was? Aber, Mist, sie werden gest√∂rt durch den Ehemann, das ist der Bruder des Kriminaldirektors, der hier inkognito den Gangster spielt und Heinz Kowski hei√üt. Rosamunde l√§uft unter Gisela Kowski, und auf ihre Sp√ľrnase mu√ü man nun in Halle verzichten, wie auch auf meine Lieblingskommissare, die Herberte Schm√ľcke und Schneider. (4)

In einer meiner freundlichen Krimi-Kritiken schreibe ich, jeder sollte mal rundum jeden spielen, Ermittler des einen Krimis Opfer im anderen Krimi, das t√§te mir gefallen. Prompt kommen die Drehbuchautoren meinen W√ľnschen nach, ja, sie √ľberbieten meine bescheidene Anfrage, und Sascha Bukow, der ermittelnde Beamte, wird T√§ter und schl√§gt schon in diesem Krimi einen Mann zusammen, bis der blut√ľberstr√∂mt liegenbleibt. Dann unterzieht er sich einer Teilrasur, so da√ü nur noch ein Menjou-B√§rtchen und etwas Gestoppele √ľbrigbleiben, und er in ein Rudolf Valentino Remake als Ersatzbesetzung hineinpassen w√ľrde, vielleicht als Garderobenkellner, T√ľrsteher oder Kameltreiber. (5)

Inzwischen ist es 21 Uhr, und ich wei√ü nicht, worum es geht, und warum Sascha Bukow randaliert. Irgendwas ist mit Ulli, dem Bruder des Heinz Kowski. Ulli ist Witwer, bei der Bundeswehr will den Kampfschwimmer der ehemaligen DDR niemand haben, und so ist er ein h√§ngeriges H√§meken, das von seiner Frau Rosamunde alias Gisela nicht mehr an sich herangelassen wird; denn sie tr√§umt von Heinz. R√ľhrend k√ľmmert sie sich stattdessen um den verwahrlosten Mann, der sein Geld nun schon seit einiger Zeit nicht nur im Eiscaf√©, sondern sonstwo unters Volk gebracht hat, er hungert, bricht bei Kowski ein und will von Rosamunde weitere Scheinchen. Sie gibt ihm einige und l√§√üt sich, nur Minuten sp√§ter, von ihrem Mann w√ľrgen, um 21:20 Uhr, sowie von Kriminaldirektor Michael Kaiser alias Heinz Kowski zusammenschreien, um 21:25 Uhr. Der kann das. In einem Interview zur ZDF-Soko erkl√§rt er: "Ich besitze eine nat√ľrliche Autorit√§t." (6)

Das habe ich im Polizeiruf 110 nicht ganz best√§tigt gesehen, aber daf√ľr wird dort um sich geworfen mit mysteri√∂sen Begriffen und Namen aus guter alter Zeit, und woher das Geld kommt, COCOM, Schalck-Golodkowski, Franz-Josef Strau√ü, Millionenkredite, Gold, f√ľr 35 Millionen Euro - oder sind´s Deutschmark? Das alles inmitten sinn- und zielloser Brutalit√§t. Der verwahrloste Mann schl√§gt einen Polizisten zusammen. Die Zuschauer wissen, er ist ein K√ľnstler, der seine naive Malerei mit Gold aus dem Schatz versch√∂nert, was Heinz w√ľtend macht - es kann aber sein, da√ü ich das nicht richtig verstanden habe. (7)

Heinz Kowski will sein Gold zur√ľck, das ist von Bruder Ulli an einem sicheren Ort unter Wasser versenkt, mehrere Kisten sind es, und wenn der Taucher sie √∂ffnet, schimmert es golden, und man sieht, der Schatz ist noch da. Dem Ulli Kowski aber ist das Wasser zu kalt, immerhin schneit´s, und er schwimmt dem Bruder davon. Im Wald rennen nun au√üer Heinz einige umher, die Reste des von der Mine zerrissenen Familienvaters, der Zigaretten holen wollte, werden von einem J√§ger gefunden, gleich neben dem geschossenen, schrecklich blutenden Wildschein. Ulli aber ist hinter dem K√ľnstler her, der alles verraten hat, und ersticht ihn mit einem aus seiner K√ľche mitgebrachten, unter dem Mantel versteckten Messer, mit mehreren Stichen, zack, zack, zack, r√∂chel, r√∂chel, tot.

Nun irrt der Mörder durch den Wald, Schnee kommt auf, Heinz ist hinter ihm her. Ich hasse dich, kreischt Ulli, und Kriminaldirektor Michael Kaiser will eben kurzen Prozeß machen und Ulli erschießen, da erscheinen seine Kollegen: Waffe runter! Machen Sie es nicht noch schlimmer! Zuletzt sieht man, wie das Gold professionell gehoben wird, und man freut sich, daß dem Fiskus dieser Coup gelungen ist. Wie sollte sonst der Kredit an Griechenland finanziert werden? (8)

Welch ein Gl√ľck, da√ü 3sat um 0:20 Uhr den Film Foreign Correspondent, von Alfred Hitchcock, zeigt. Wo aber Gefahr ist, w√§chst das Rettende auch, wei√ü schon Friedrich H√∂lderlin. Danke, 3sat! (9)

This is the dawning of the age of Aquarius / The age of Aquarius, Aquarius! (10)

3. Mai 2010

Quellen

(1) Warnowufer. Rostock
http://tinyurl.com/2vdufgl

(2) Bild 1. Bildergalerie
http://tinyurl.com/34jwfk3

(3) Bild 2. Bildergalerie
http://tinyurl.com/32vehvu

(4) Soko Stuttgart. Tödliche Falle. ZDF, 29. April 2010
http://tinyurl.com/39mn33y

Polizeiruf 110. Blutiges Geld (MDR). Das Erste, 5. April 2010
http://www.daserste.de/polruf/sendung.asp?datum=05.04.2010

(5) Menjou-Bärtchen. Academic Dictionairies and encyclpedias
http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/943363

Rudolph Valentino. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=JqGWeHoNF-4&feature=related

(6) Interview. "Ich besitze eine nat√ľrliche Autorit√§t". Ein Gespr√§ch mit
Karl Kranzkowski. Von Hansgert Eschweiler, ZDF, 12. November 2009
http://sokostuttgart.zdf.de/ZDFde/inhalt/26/0,1872,7915034,0 0.html

(7) COCOM Liste. Wirtschaftslexikon24.net
http://www.wirtschaftslexikon24.net/d/cocom-liste/cocom-list e.htm

Alexander Schalck-Golodkowski (geb. 1932). Haus der Geschichte
http://tinyurl.com/36dy3oe

(8) Polizeiruf 110. Aquarius (NDR). Buch: Edward Berger und Martin Rosefeldt.
Regie: Edward Berger, Das Erste 2. Mai 2010, 20:15 - 21:45 Uhr
http://www.daserste.de/polruf/sendung.asp?datum=02.05.2010

Polizeiruf 110. Das Erste
http://www.daserste.de/polruf/

(9) Der Auslandskorrespondent (Foreign Correspondent).
Regie Alfred Hitchcock. USA 1940, 3 sat, 3. Mai 2010, 0:20 Uhr
http://www.3sat.de/programm/?viewlong&d=20100502#2420

Patmos. Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)
http://www.hoelderlin-gesellschaft.de/index.php?id=311

(10) Hair - Aquarius. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=EhbxI5eVnM4

Siehe auch:

Vetternwirtschaft und Geb√ľhrenverschwendung. Der gro√üe ARD-Report 1.
Von G. Brandenburg und H.-W. Saure, BILD.de, 28. April 2010
http://tinyurl.com/2urg2e5

Filz und Schlamperei. So versenkt die ARD Millionen. Der große ARD-Report 2.
Von G. Brandenburg und H.-W. Saure, BILD.de, 29. April 2010
http://tinyurl.com/2wxyhxc

Dabei sein ist alles! Was machen die ARD-Chefs bei Olympia? Der große
ARD-Report 3. Von G. Brandenburg und H.-W. Saure, BILD.de, 30. April 2010
http://tinyurl.com/2uzjugd

ARD - Tatort: Das kalte Herz und ZDF - Wilsberg: Gefahr im Verzug.
21. März 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-03-21_23-05-02.html

Artikel √ľber den Krimi-M√ľll von ARD und ZDF in meinem Archiv
http://tinyurl.com/djfolz


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