Homepage von Gudrun Eussner
Gudrun Eussner
Links
Homepage von Gudrun Eussner
Artikel

Paul Abraham. Reich mir zum Abschied noch einmal die HĂ€nde ...

Vom 11. September bis zum 30. Dezember 1998 ist im Berliner Zeughaus, Unter den Linden, die Sammlung Robert Dachs, Wien, ausgestellt. Es gibt dazu einen Katalog: Sag beim Abschied ..., nach dem gleichnamigen Walzerlied von Peter Kreuder. Sechs Seiten des Katalogs widmet Robert Dachs dem Komponisten Paul Abraham: (1)

Eines Nachts auf der Madison Avenue, in der NĂ€he des Broadways, wird ein sehr dĂŒnner Mann, unrasiert, aber mit eleganten schneeweißen Handschuhen, von Polizisten von der Straßenmitte weggefĂŒhrt. Dort hatte er, den Verkehr gefĂ€hrdend, ein imaginĂ€res Orchester dirigiert. Sein Blick und seine Gestik wirken geistesverwirrt. Er wird in die Irrenabteilung des Bellevue-Hospitals gebracht. In seinem ungarischen Paß steht: AbrahĂĄm PĂĄl. (2)

"WĂ€hrend minder begabte, aber ´arische´ Komponisten, wie etwa Fred Raymond, seinen Typus der luxuriösen Schlageroperette schlecht und recht kopierten," so Volker Klotz in seinem Buch "Operette", "mußte Abraham emigrieren." Und zwar ohne, daß ihm auch nur ein einziger von den vielen Millionen, die sein schmachtendes Abschiedslied liebten und sangen, zum Abschied die HĂ€nde gereicht hatte. (3)

"Paul Abraham hatte 200 Melodien ´beiseite gelegt´. Diese unveröffentlichten Melodien hatte er in ein Geheimfach seines Schreibtisches gesperrt, sozusagen als Reserve. Als er aus Berlin floh, vertraute er sein Geheimnis seinem Diener an, an dessen Treue und Ergebenheit er keinen Moment zweifelte. (S. 137)

Kaum war Abraham aus Berlin fort, als der ´treue´ Diener das Geheimfach öffnete und die Melodien an minderbegabte Komponisten verkaufte. Mindestens zwei Dutzend Lieder, die in den Jahren des Dritten Reiches populĂ€r geworden sind, stammen aus dem Geheimfach Paul Abrahams. (Aus dem Programmheft zu "Ball im Savoy", Baden bei Wien, 1992). (4)

Über Kuba, wo er sich als Barpianist durchgeschlagen hatte, war er nach New York gekommen, mittellos, da er aus seiner alten Heimat keine Tantiemen mehr bekam. Obendrein mußte er es einfach hinnehmen, daß dort viele seiner Melodien unter anderen Komponistennamen höchst erfolgreich gespielt wurden ... Dies miterleben zu mĂŒssen, die Armut, das Nicht-Fuß-Fassen Können verbitterten ihn. (S. 138)

Vor seiner Emigration war er ein ganz fröhlicher, witziger Kerl gewesen: Als ihn z.B. bei den Proben zu seiner "Viktoria" der ungarische Komödien-Autor Ladislaus Bus-Fekete, den er nicht leiden konnte, störte und beim Plaudern mit einer Soubrette auch noch laut lachte, unterbrach Abraham: "Ich muß schon sehr bitten, Herr Bus-Fekete. Ich lach´ doch bei Ihren Lustspielen auch nicht!"

Er war der höflichste aller Operettenkomponisten. "Paul Abraham ist derart höflich, daß er in grĂ¶ĂŸte Verlegenheit kommt, wenn er allein aus einem Zimmer gehen muß. Er weiß dann nicht, wem er bei der TĂŒre den Vortritt lassen soll," erzĂ€hlte der ungarische Kritiker Imre Harmath. ... (S. 139f.)

Das Besondere des Abraham´schen Orchesters war die Üppigkeit des Klanges, die er mit relativ schwacher Besetzung zauberte: Wenig Streicher, sparsames Blech, zwei Klarinetten, eine Flöte, eine gestopfte Soloposaune, zwei FlĂŒgel, eine Celesta, Schlagzeug, das war alles, aber er erzielte damit das Dreifache an Wucht.

"Als junger, ideal veranlagter Musiker schrieb ich Streichquartette, die mir nichts eintrugen," hatte Paul Abraham der Wiener Zeitschrift ´Tonfilm, Theater, Tanz´ Mitte der 30er Jahre erzĂ€hlt. "Meine schönsten Sonaten und Fugen brachten mir nicht den geringsten Lohn. Eines Tages war ich in einer Schallplattenhandlung, wo man einen fĂŒrchterlichen Schmachtfetzen spielte: ´Ich kĂŒsse Ihre Hand, Madame´. Die VerkĂ€uferin aber sagte mir, daß von dieser Platte schon eineinhalb Millionen StĂŒck verkauft seien. So begann ich, Schlager zu komponieren. In jede Operette schmuggle ich aber einige kleine Fugen hinein, denn ich habe immer großen Spaß, wenn nach der Premiere der eine oder andere ernste Musikliebhaber mir dafĂŒr dankbar die Hand schĂŒttelt." (5)

Daß er seinerzeit sehr eigenwillige Klangfarben benutzt hat, so z.B. eine Celesta und chinesische Trommeln kombiniert mit einem Xylophon, Vibraphon und gedĂ€mpften BlechblĂ€sern, und zum DrĂŒberstreuen eine Hawaii-Gitarre, wissen wir nur aus den alten Partituren. Die wenigsten können sich davon ĂŒberzeugen, wie diese Klangfarben geklungen haben, da sie keine Aufnahmen davon haben. In der Nachkriegszeit wurde bei Neuaufnahmen nicht die geringste RĂŒcksicht darauf genommen, sondern mit billigstem Geschmack orchestriert. Die Originalaufnahmen zwischen 1930 und 1933 klingen verrĂŒckt-synkopisch-jazzig, die Cover-Versions aus unserer Zeit sind so schlecht arrangiert, daß sie Paul Abraham nicht als seine Kompositionen erkennen wĂŒrde. (S. 140f.)

"Schön war das MĂ€rchen, nun ist es zu Ende," die Zeile aus Abrahams "Viktoria und ihr Husar" hatte 1938 fĂŒr ihn einen zynischen Beigeschmack - in diesem Satz lag exakt sein Schicksal. Abrahams mĂ€rchenhafter Aufstieg als Komponist war nun zu Ende ... (6)

Seelisch verkraftete er das nicht. In seinem New Yorker Hotelzimmer fanden ihn Freunde in der Badewanne in eiskaltem Wasser, tagtrĂ€umend, halluzinierend: er erzĂ€hlte ihnen, er werde eine berĂŒhmte Hollywood-Diva heiraten und lud alle fĂŒr den nĂ€chsten Tag zur Hochzeit ein. Am nĂ€chsten Morgen konnte er sich an nichts mehr erinnern. Robert Stolz, der ihn auf der Flucht in Paris und dann in Amerika wiedersah: "So endete einer der talentiertesten Komponisten."

Von Paul Abrahams Familie hat nur ein Neffe, Bela Feszelnyi, die Ausrottung durch die Nazis ĂŒberlebt. Geistig und seelisch völlig gebrochen, saß Paul Abraham mit 50 anderen Nervenkranken im "Flugzeug der Verdammten", wie die Maschine von der Presse damals genannt wurde, und landete am 30. April 1956 in Frankfurt. Gedankenlos (da nicht sehr passend) spielte ein Orchester bei seiner Ankunft: "Reich mir zum Abschied noch einmal die HĂ€nde" ... In Deutschland hatte man ihn jahrelang fĂŒr verschollen oder sogar tot gehalten. Erst als eine deutsche Filmgesellschaft eine (im ĂŒbrigen fĂŒrchterlich "deutsch" gewordene) Neuverfilmung seiner Operette "Die Blume von Hawaii" plante, war eine Pressekampagne gestartet worden, durch die er in Amerika gefunden wurde. Von Frankfurt wurde er dann in ein Hamburger Sanatorium gebracht, wo er der Presse einen bedauernswerten Anblick bot. Allein in einem Krankenzimmer sitzend, teilte er sich und einem unsichtbaren GegenĂŒber Spielkarten aus. Dann spielte er eine Karte aus und wartete stundenlang ... (7)

Einige Jahre spÀter starb er; vor 50 Jahren, am 6. Mai 1960.

Das Hamburger Abendblatt behauptete am 9. Mai 1960 - nach seinem Tod -, er habe niemals Noten schreiben gelernt und habe seine EinfĂ€lle von Gehilfen zu Papier bringen lassen mĂŒssen. (S. 142) (8)

Soweit der Text von Robert Dachs. Die Links habe ich ergÀnzt. (9)

Bin kein Hauptmann, bin kein großes Tier

Der erste große Hit von Paul Abraham: One of the first spoken movies in German cinema and actually the first spoken movie of the famous German UFA. It premiered in December 1929 starring those days teenage idol Willy Fritsch and Dita Parlo. Produced in several versions (German, English, French, Hungarian, silent) it became a worldwide success. Director of the original movie was Hanns Schwarz. The song "Bin kein Hauptmann, bin kein großes Tier" which is featured throughout the whole original movie was composed by Paul Abraham and performed by Willy Fritsch. It became a big hit at that time as well. (10)

Danke fĂŒr die wunderbare Musik, Paul Abraham!

Danke fĂŒr die WĂŒrdigung des Komponisten, fĂŒr die Ausstellung, in der ich 1998 in Berlin dreimal war, und fĂŒr den sehr gelungenen Katalog, Robert Dachs!

12. Mai 2010

Quellen

(1) Willy Forst. Sag beim Abschied, aus dem Film "Burgtheater", 1936.
Johann Strauß/Peter Kreuder. Text: Hans Lengsfelder und Siegfried Tisch
Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=S05_en7srmA

(2) Paul Abraham. Biografie: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen
der NS-Zeit. LexM, UniversitÀt Hamburg
http://tinyurl.com/38mhh49

(3) Nun schnaubt mal nicht so verĂ€chtlich. Volker Klotz´ unverzichtbares
Operetten-Buch in stark erweiterter Auflage / Von Gerhard Rohde, FAZ,
6. Oktober 2004, buecher.de
http://tinyurl.com/33l4om3

Volker Klotz: Operette. Perlentaucher, Oktober 2004
http://www.perlentaucher.de/buch/19070.html

(4) Ball im Savoy. Musik: Paul Abraham, Text: Alfred GrĂŒnwald und
Fritz Löhner-Beda, 23. Dezember 1932. Wapedia
http://wapedia.mobi/de/Ball_im_Savoy

Gitta AlpĂĄr. Was hat eine Frau von der Treue? Musik: Paul Abraham,
Text: Alfred GrĂŒnwald, Fritz Löhner-Beda, aus "Ball im Savoy",
18. Dezember 1932. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=KlyfyH_htv4

(5) Richard Tauber. Ich kĂŒsse Ihre Hand, Madame, 1929. Musik: Ralph Erwin,
Text: Fritz Rotter. Video. Youtube
http://www.youtube.com/watch?v=q_guxRtoZB8

Das Stelenfeld - kein Denkmal fĂŒr Paul OÂŽMontis. 23. MĂ€rz/19. Dezember 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-28_19-47-50.html

(6) Good Night! Julian Fuhs mit Orchester Refraingesang: Paul FĂ©her.
Berlin, 19. August 1930,Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=w7AM73-0MO0

Good Night! Karl Jöken. Orchester dirigiert von Paul Abraham (nicht online)
Hier zu finden: Meine Mama war aus Yokohama. Originalaufnahmen von
1929 - 1933. Zusammenstellung: Viktor Rotthaler.
Aus dem Archiv Raoul Konetzni. Edition Berliner Musenkinder
http://www.duo-phon-records.de/index.php

"Metropol Tanzorchester" "Paul Abraham". Google.de
http://tinyurl.com/33xsxzs

(7) Blume von Hawaii. Musikfilm 1953. Buch und Regie: Geza von Cziffra.
TF Transit Film
http://www.transitfilm.de/de/suche/suchergebnis.asp?ID=11816

(8) "Hamburger Abendblatt" "Paul Abraham". Google.de 83 Ergebnisse
http://tinyurl.com/39ajan6

(9) Paul Abraham. Sag beim Abschied ... Wiener Publikumslieblinge in
Bild&Ton. Katalog. Die Sammlung Robert Dachs, Wien 1992, S. 137-142
http://tinyurl.com/2vyu22c

(10) Willy Fritsch in "Melodie des Herzens" (1929). Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=I3qB-nQ2Ojw&feature=related

Meine Mama war aus Yokohama und andere Hits

Paul Abraham. Meine Mama war aus Yokohama. Originalaufnahmen von
1929 - 1933. Zusammenstellung: Viktor Rotthaler. Alle Titel bis auf Nr. 14 -
Bernd Steinhauser, entstammen dem Archiv Raoul Konetzni.
Edition Berliner Musenkinder
http://www.duo-phon-records.de/index.php

Lizzi WaldmĂŒller und Oscar DĂ©nes singen "Meine Mama war aus Yokohama",
aus "Viktoria und ihr Husar". Musik: Paul Abraham, 18. August 1930.
Video. Youtube
http://www.youtube.com/watch?v=6sWnls4FFJ4

Marta Eggerth. Kann nicht kĂŒssen ohne Liebe. Aus "Blume von Hawaii".
Musik: Paul Abraham, Text: Alfred GrĂŒnwald, Emmerich Földes und
Fritz Löhner-Beda, MÀrz 1933. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=Hc3pNXqQRjw&feature=related

Oscar DĂ©nes. Do-do-do. Paul Godwin Tanzorchester, Dir. Alois Melichar.
Musik: Paul Abraham, Text: Alfred GrĂŒnwald, Fritz Löhner-Beda,
18. August 1930. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=hZSi6rXDSJU

"Roxy und ihr Wunderteam" mit Oscar Denes. Film von 1938,
Musik: Paul Abraham. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=ggNod94VCU8

Ja so ein MĂ€del, ungarisches MĂ€del. Metropol Tanzorchester Berlin. Komponist
und Orchesterleiter: Paul Abraham. Berlin, 21. August 1930. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=65oESo9RbqM


Hoch zum Seitenanfang Diese Seite drucken
Zurück zur vorigen Seite Zum Archivdieses Abschnitts Weiter zur nächsten Seite