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T├╝rkei. Au├čenminister Ahmet Davutoglu protegiert die Mavi Marmara

Der Figaro bringt einen Artikel von Laure Marchand ├╝ber den t├╝rkischen Au├čenminister: Ahmet Davutoglu, Baumeister der Emanzipation der t├╝rkischen Diplomatie. (1)

Et son ministre (Ahmet Davutoglu) a sponsoris├ę tacitement l´op├ęration maritime vers Gaza afin d´en "faire une sorte de porte-voix" de la Turquie selon l´├ęditorialiste Mehmet Ali Birand. Und sein Minister Ahmet Davutoglu hat stillschweigend die Operation zur See nach Gaza protegiert bzw. finanziert, um nach Aussage des Leitartiklers Mehmet Ali Birand aus ihr "eine Art von Sprachrohr" der T├╝rkei "zu machen".

Mehmet Ali Birand ist ein bekannter Schriftsteller, Fernsehmoderator und Leitartikler, er hat die B├╝ros der liberalen Zeitung Milliyet der Dogan Yayin Holding in Br├╝ssel und Moskau geleitet. (2)

Was aus der Milliyet des Erzfeindes von Recep Tayyip Erdogan Aydin Dogan inzwischen geworden ist, liest man im K├Âlner Stadt Anzeiger, n├Ąmlich ein von der Berichterstattung ├╝ber die Aktivit├Ąten und Machenschaften des t├╝rkischen Ministerpr├Ąsidenten ausgeschlossenes Blatt. Man darf vermuten, da├č in diesem Zusammenhang auch Mehmet Ali Birand seine Beratert├Ątigkeit eingeb├╝├čt hat. (3)

Er ist ein hinter den Kulissen agierender Professor f├╝r internationale Beziehungen gewesen, von 2003 bis 2009 ist er Berater des Ministerpr├Ąsidenten Recep Tayyip Erdogan. Zu seiner Zeit als Berater befreit sich die Au├čenpolitik der T├╝rkei schrittweise von ihren westlichen Verb├╝ndeten; sie hat sich emanzipiert, meint Laure Marchand. Stattdessen hat sie sich abh├Ąngig gemacht vom Wohlwollen des Iran und von ihren osmanischen Illusionen. (4)

Wie in jeder Diktatur gehen die erfahrenen Ratgeber nach&nach, oder sie werden gegangen, und gef├╝gigere, die zu plumpen Operationen wie der Mavi Marmara raten, treten an ihre Stelle. Eine Dialektik, die eines Tages und unter gro├čen Opfern der Vernunft zum Durchbruch verhelfen wird.

Von der Lenkung der Operation und der Provokation Israels durch die t├╝rkische Regierung wissen zwar alle schon vor dem 31. Mai 2010, vor allem diejenigen, die heuer am alleremp├Ârtesten ├╝ber den Tod der neun t├╝rkischen Glaubensk├Ąmpfer sind, sie wissen auch, da├č die israelische Regierung die T├╝rken mehrfach ersucht, von der Provokation abzulassen, aber es wird erst jetzt offen mitgeteilt, da├č es sich um eine von der t├╝rkischen Regierung gelenkte Operation handelt. Verschwiegen werden dabei von Laure Marchand noch immer die Versuche der Israelis, die T├╝rken von der Operation Mavi Marmara und der "Friedensflottille" abzubringen. Wann wird der Tag kommen, da uns der Figaro dar├╝ber auch noch informiert? Vielleicht dann, wenn der Untersuchungsbericht ├╝ber die Mavi Marmara kommentiert wird, und die Kommentare davon handeln, da├č die israelischen sowie die beiden internationalen Mitglieder der Untersuchungskommission voreingenommen gewesen seien, wie man am Ergebnis sehen k├Ânne, und da├č man lieber einen UNO-Bericht Goldstone II gehabt h├Ątte?

Laure Marchand berichtet, da├č eben der Au├čenminister, der die Operation f├Ârdert, sich vor dem UN-Sicherheitsrat aufbaut mit den Worten, es habe sich um "einen durch einen Staat begangenen Mord" gehandelt, einen Akt "des Banditentums und der Piraterie". Er ist es, der die heimkehrenden "Friedensaktivisten" und Terroristen auf dem Flughafen von Ankara als Helden begr├╝├čt.

Ahmet Davutoglu f├Ądelt die Ann├Ąherung an Brasilien ein, das sich in der Sitzung der Vereinten Nationen zur Verurteilung Israels prompt auf seine Seite schl├Ągt, und man darf sich fragen, ob die Politiker Brasiliens wissen, auf was sie sich einlassen. Von den Afrikanern, die von der t├╝rkischen Au├čenpolitik mit Truppen und Botschaften best├╝ckt werden, kann man wenig Einsicht erwarten, sie werden sp├Ątestens dann lernen, wenn sich ihre Erfahrungen mit den Osmanen in moderner Form wiederholen.

Was die Serben angeht, die Ahmet Davutoglu mit den Bosniaken zusammenbringen will, da kann man bei der Geschichte, etwa ab dem Amselfeld, im Jahre 1389, sehr gespannt sein, was daraus wird. Der NATO ist aber zuzutrauen, da├č sie, wie Laure Marchand berichtet, Bosnien als Mitglied aufnimmt. Zu Zeiten des Barack Obama ist wirklich alles m├Âglich, erkl├Ąrt der doch soeben die ├ľlkatastrophe im Golf von Mexiko zum ├Âkologischen 11. September 2001. So funktioniert er die Angriffe des radikalen Islams um zur Katastrophe, und auch die Bosniaken sind nun unter dem Aspekt keine von den Wahhabiten mit einem muslimischen Staat bedachte religi├Âse Speerspitze mehr. Die Islamisierung der NATO ist mit der T├╝rkei und den bosnischen Ambitionen in vollem Gange. (3)

Die H├Âflichkeit dieses von seinen Botschaftern respektierten Experten der internationalen Beziehungen werde von allen seinen Gespr├Ąchspartnern hoch gelobt. Man fragt sich, was wohl mit einem Botschafter der T├╝rkei gesch├Ąhe, wenn er seinen Chef nicht respektierte. Es ist allenfalls in ehrvergessenen Kreisen Deutschlands m├Âglich, da├č sich Botschafter lauthals ├╝ber ihre Chefs am├╝sieren, auch von Frankreich hat man nicht geh├Ârt, da├č Botschafter sich ├╝ber Bernard Kouchner ├Âffentlich aufhalten. Was die t├╝rkischen Beziehungen im Nahen Osten angeht, so sind sie bestimmt durch imperiale osmanische Tr├Ąume. Der fromme Mann mit verschleierter Ehefrau "nimmt ohne Komplexe das osmanische Erbe der T├╝rkei seit 1453 an. Er kn├╝pft das Netz des t├╝rkischen Neo-Imperialismus", erkl├Ąre ein europ├Ąischer Diplomat. Man kann davon ausgehen, da├č es ein franz├Âsischer ist. Osmanische Tr├Ąume bestimmen die Strategie des Ahmet Davutoglu, dem auch noch keiner erkl├Ąrt hat, da├č man niemals in denselben Flu├č steigt. La grenouille qui veut se faire plus grosse que le boeuf, der Frosch, der sich gr├Â├čer machen will als einen Ochsen, steigert der Diplomat seinen Jean de La Fontaine, bei dem der Frosch schon platzt, wenn er ebenso gro├č werden will. Das Platzen ist jedenfalls sicher. (4)

Au risque d´├¬tre instrumentalis├ę par les Iraniens. Auf die Gefahr hin, von den Iranern instrumentalisiert zu werden, erg├Ąnzt der Diplomat. Das ist aber keine Gefahr, sondern eine Tatsache, derer die T├╝rken in ihrer Verblendung nicht gewahr werden k├Ânnen.

Der heute 50-j├Ąhrige Ahmet Davutoglu ist auf der deutschen Schule in Istanbul ausgebildet worden, wei├č die Korrespondentin, die nicht erw├Ąhnt, da├č auch der radikale Muslim und Islamisierer der T├╝rkei Necmettin Erbakan zu den ehemaligen Sch├╝lern geh├Ârt. Solche zum Verst├Ąndnis des Zusammenhangs n├Âtige Informationen liefert der Figaro nicht, es k├Ânnte doch zu schnell eine positive Einsch├Ątzung der Aktivit├Ąten Israels zur Abwehr dieser die Demokratie zerst├Ârenden Kr├Ąfte entstehen. Im Wikipedia-Eintrag ├╝ber die Deutsche Schule Istanbul werden Necmettin Erbakan und Ahmet Davutoglu ebenfalls nicht erw├Ąhnt, vielleicht sch├Ąmt sich die Schulleitung, die Wiki mit den Informationen versorgt haben wird, ihrer ber├╝hmt-ber├╝chtigten Absolventen? (5)

Man ahnt, wie auf dem Alman Lisesi durch die politischen Gezeiten man├Âvriert wird: Aber ein Blick zur├╝ck belehrt nicht nur ├╝ber den zeitlichen Wandel, etwa Br├╝che und tiefgreifende Ver├Ąnderungen. Er zeigt auch die immer wieder erneuerte F├Ąhigkeit, flexibel dem Lauf der Zeiten zu gen├╝gen und zugleich dem Anspruch einer dem Wohl der heranwachsenden Generation verpflichteten Erziehung gerecht zu werden, hei├čt es sybillinisch auf der offiziellen Site der Deutschen Schule Istanbul. (6)

So ist zu erkl├Ąren, da├č es ehemalige Sch├╝ler wie Ahmet Davutoglu gibt, der meint, seine Islamh├Ârigkeit mit einer EU-Mitgliedschaft der T├╝rkei in Einklang bringen zu k├Ânnen, er gen├╝gt flexibel dem Lauf der Zeiten. Er bewege sich in Mekka ebenso selbstverst├Ąndlich wie in Washington, seine Politik sei mit einem Eintritt in die EU kompatibel, da die T├╝rkei gleichzeitig europ├Ąisch und orientalisch sein k├Ânne, sie sei beides. Vielleicht sieht er in die Zukunft, f├╝r die er ein Eurabia erhofft? Seinen Studenten gebe er Niccol├▓ Machiavelli und Ibn Khaldun zu lesen, letzteren bezeichnet Laure Marchand als gro├čen islamischen Denker des Mittelalters.

Machiavelli und Ibn Khaldun, man mu├č es sich vorstellen!

Heute wie ehedem gilt f├╝r Muslime, was der ber├╝hmteste Sohn Tunesiens, der arabische Philosoph, Historiker und malakitische Jurist Abd ar-Rahman Ibn Mohammad, bekannt unter dem Namen Ibn Khaldun (1332-1406) erkl├Ąrt, da├č in der muslimischen Gesellschaft der Jihad, der Glaubenskrieg, der Universalit├Ąt der islamischen Mission wegen eine religi├Âse Pflicht sei. Jedermann habe zum Islam bekehrt zu werden, entweder durch ├ťberzeugung oder mit Gewalt. Der Islam habe die Verpflichtung, Macht ├╝ber andere Nationen zu gewinnen.

├ťber das Christentum und seine Heilige Schrift sagt Ibn Khaldun in seinem ber├╝hmten Werk Muqaddimah: It is for them (the Christians) to choose between conversion to Islam, payment of the poll tax, or death. Es ist an ihnen (den Christen), zu w├Ąhlen zwischen Konversion zum Islam, Zahlung der Kopfsteuer oder Tod. F├╝r die Juden gilt das gleicherma├čen. An diese Politik halten sich die arabischen Kalifen und die osmanischen Sultane allzeit. (7)

Niccol├▓ Machiavelli ist nicht komplement├Ąr zu Ibn Khaldun, sondern sein Gegenteil. Die menschliche Gesellschaft werde von Mechanismen bestimmt, wie man sie in der Natur findet. Derjenige, der sich mit diesem Mechanismus auskenne, sei in der Lage die menschliche Gesellschaft zu beherrschen. Seine Vorstellungen vom Staat stehen denen des Ibn Khaldun entgegen, auch wenn er wie im Islam Gewalt, Betrug (taqiyya) und politischen Mord f├╝r angemessene Mittel h├Ąlt, und Moral und Ethik wie im Islam keinen Platz im politischen System haben; letztere sind allenfalls f├╝r pers├Ânliche Belange g├╝ltig. (8)

Bei Niccol├▓ Machiavelli wird die Religion dem Machtstreben untergeordnet, sie wird instrumentalisiert, im Islam geht das Machtstreben von der Religion aus; sie, genauer gesagt Allah, rechtfertigt das Streben nach Vorherrschaft. Diametral entgegengesetzte Vorstellungen von Gesellschaft und Staat bestimmen den Machiavellismus und den Islam.

Ahmet Davutoglu verbreitet unter seinen Studenten die Herrlichkeit des Machtstrebens gem├Ą├č Niccol├▓ Machiavelli gemeinsam mit der Aufforderung der Islamisierung Europas und seine Unterwerfung unter islamische Herrschaft gem├Ą├č Ibn Khaldun. Seine Aktivit├Ąten Europa und dem Westen gegen├╝ber sind Taktik, die der islamischen Welt gegen├╝ber Strategie und Herzensangelegenheit. Die Verbindungen zur Hamas, die Verteidigung des sudanesischen Massenm├Ârders Omar el-Bashir werden zwar seiner ├ťberzeugung entsprechen, aber die massenwirksamen Bekundungen neuer Freundschaften ├╝berl├Ą├čt er dem Ministerpr├Ąsidenten Recep Tayyip Erdogan. "Ein Muslim kann keinen V├Âlkermord begehen", sagt der Freund des Mahmud Ahmadinejad und der Hamas. So gegen jede Erfahrung w├╝rde es Ahmet Davutoglu niemals formulieren; denn er spricht nicht zu den Massen, sondern zur Elite der T├╝rkei, Europas und der USA.

Laure Marchand stellt es noch immer in Frage, ob die Wut gegen Israel eine isolierte Entgleisung des Ministerpr├Ąsidenten oder eine von nun an herrschende Ideologie ist. Diese Frage sei f├╝r Beobachter offen. Nein, diese Frage wird seit dem Amtsantritt von Recep Tayyip Erdogan, im Jahr 2003, beantwortet, jeden Tag und mit jeder Operation erneut und eindeutig. Residiert die Korrespondentin in Istanbul, oder hat sie nur einen Ausflug dorthin unternommen? Ihr f├Ąllt die seit Jahren fortschreitende Islamisierung der T├╝rkei nicht auf? Sie kennt nicht den Islam und seine Anforderungen an die Muslime? Sie meint, was in der T├╝rkei abgeht, das sei inspiriert von Niccol├▓ Machiavelli? Es ist im Sinne des Ibn Khaldun.

15. Juni 2010

Quellen

(1) Ahmet Davutoglu, ma├«tre d´oeuvre de l´├ęmancipation de la diplomatie turque.
Par Laure Marchand, Le Figaro, 15 juin 2010, p. 6
http://tinyurl.com/2uz7u2r

(2) Mehmet Ali Birand (1941). biyografi.net
http://www.biyografi.net/kisiayrinti.asp?kisiid=1186

(3) Erdogan straft Reporter. Von Gerd H├Âhler, K├Âlner Stadt-Anzeiger,
18. November 2008
http://www.ksta.de/html/artikel/1226655097209.shtml

(4) Obama bataille sur le front de la mar├ęe noire. Par Laure Mandeville,
Le Figaro, 15 juin 2010, p.7
http://tinyurl.com/2g4g3sf

(5) Jean de La Fontaine (1621 - 1695) : La Grenouille qui veut se faire aussi grosse que le Boeuf. Les grands classiques
http://tinyurl.com/yklqbte

(6) Deutsche Schule Istanbul. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Schule_Istanbul

Necmettin Erbakan. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Necmettin_Erbakan

(7) Deutsche Schule Istanbul. Alman Lisesi
http://www.ds-istanbul.de/start.htm

Die Geschichte der Deutschen Schule Istanbul 1868 - 2006
http://www.ds-istanbul.de/rueckblick.htm

(8) Rekindling an Ancient Rage. By Andrew G. Bostom. FrontPageMagazine.com,
September 22, 2006
http://www.frontpagemag.com/Articles/ReadArticle.asp?ID=2454 5

Antisemitismus und Islam. Der Judenha├č der Muslime ist kein deutsches Erzeugnis. 21. M├Ąrz 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-03-21_01-09-40.html

(9) Niccol├▓ Machiavelli (Firenze, 1469-1527). Vita
http://www.ildiogene.it/EncyPages/Ency=Machiavelli.html

Siehe auch:

"Mas-Kom-Ya" Erdogan, and His Ur-Jew Hatred.
By Andrew Bostom, June 13, 2010
http://tinyurl.com/36vuqb9

Israel´s Naval Blockade of Gaza is Legal, Necessary.
By Dore Gold, June 14, 2010
http://tinyurl.com/35c4pdm

The Gaza flotilla and the maritime blockade of Gaza. Documentation.
1. Juni 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-06-01_06-50-10.html

IHH Gaza in meinem Archiv
http://tinyurl.com/2vdgjs7


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