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Frankreich. Linke im Krieg zur Rettung der Menschheit

Kaum die Faucheurs volontaires erwähnt, die freiwilligen Schnitter, schlägt frau die Provinzzeitungen L´Indépendant und Midi Libre auf und liest dort über neue kriegerische Operationen der Linken. (1)

Aus ganz Frankreich strömen ihrer 61 in Colmar zusammen und verwüsten, am Sonntagmorgen, den 15. August 2010, gegen 5:30 Uhr in der Früh´, ein mehrfach gesichertes Versuchsfeld mit genverändertem Wein, sie reißen alle Weinstöcke mit der Wurzel aus. Es handle sich um einen für die Forschung schwerwiegenden Fall, kommentiert Jean Masson, der Präsident des Inra-Zentrums Colmar, "das sind Kranke".

Der Wissenschaft, dem Institut national de recherche agronomique (Inra), dem vom französischen Staat finanzierten nationalen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut und somit den französischen Steuerzahlern, entsteht ein irreparabler Schaden. (2)

Im September 2009 bereits verwüstet der Doktor der Biologie Pierre Azelvandre, aus dem elsäßischen Sausheim, dieses Feld, in dem er die 2005 gesetzten Stöcke ratzfatz absägt. Seit April 2004 macht er mit Hilfe der Gerichte, bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof, Front gegen genveränderte Organismen (GVO). Die lange Geschichte seines Kampfes ist dokumentiert bei 20minutes.fr. (3)

Er wird im November 2009 vom Gericht in Colmar zu einem (!) Euro Schadensersatz und 2 000 Euro Strafe verurteilt. Behandelt wird der Fall als Privatklage. Der Verurteilte bezahlt umgehend, was ihm eine Reduktion der Strafe auf 1 500 Euro einbringt. Der Fall geht inzwischen in Berufung und wird zur Empörung der Faucheurs volontaires und ihrer Anhänger vom Ankläger am 19. November 2010 als Strafprozeß öffentlichen Interesses verhandelt. (4)

16 000 Euro kostet die Neuaufpfropfung, aber diesmal leisten die Faucheurs ganze Arbeit, sie beseitigen alles mit Stumpf und Stiel. Zwar wird anders als im September 2009 der Alarm ausgelöst, und in zehn Minuten sind 30 Kriminal- und 15 Ortspolizisten am Tatort, aber die Faucheurs schließen sich auf dem Feld mit Ketten ein, um ihr Werk zur Rettung der Menschheit vor genverändertem Wein in aller Ruhe zu vollenden. Der Polizei stehen im Gegensatz zu den Tätern anscheinend keine Werkzeuge zur Verfügung, die Ketten zu öffnen, oder haben sie die benötigten Zangen im Kommissariat vergessen?

Mit Hilfe von Zangen haben sie zunächst ein erstes Gitter durchtrennt, das sich hinter dem Gebäude des Zentrums befindet, um in das mit zwei Meter hohen stacheldrahtversehenen Gittern gesicherte Freiluftlaboratorium zu gelangen, schreibt L´Alsace, die dortige Provinzzeitung. Sie benutzen Spaten und Schaufeln, um die 70 Versuchspflanzen auszugraben, die sie dann in Tausend Stücke zersägen, en mille morceaux. Anschließend informieren sie die Medien über die gelungene Operation.

L´Alsace bringt einige Fotos, Ausreißer in trautem Gespräch mit Polizisten, lächelnde Täter, einen fahnenschwenkenden Dickbauch der Confédération paysanne, der "Bauerngewerkschaft", eine verdörrte Rebe und Ermittler der Polizei. (5)

Die Polizei verfügt offensichtlich nicht über Mittel, den Faucheurs eindeutig klarzumachen, daß sie sofort mit der Operation aufzuhören haben. Es ist nicht das erste Mal, daß Polizisten, meist gemeinsam mit vorab informierten Journalisten, dem Spektakel seelenruhig beiwohnen. Man kann es in meinen Artikeln nachlesen. (6)

Wen wundert es da noch, daß die Polizei sich nicht in von muslimischem Mob beherrschte No-go-areas traut?

Im Einzelfall, und wenn Gefahr für Leib und Leben von öffentlichen Bediensteten nach allem Ermessen nicht besteht, funktioniert´s anders. Wer einmal eingeschlossen ist in einem Fahrstuhl, erlebt, daß die Feuerwehr nicht nur mit den zur Befreiung benötigten Werkzeugen, sondern mit mehreren Löschzügen und einer vollständigen Ausrüstung zur Bekämpfung eines Großbrandes anrückt. Auf Nachfrage antwortet der Einsatzleiter, man könne nicht davon ausgehen, daß der Anrufer in der Aufregung den Fall korrekt geschildert habe.

Bei den Faucheurs volontaires rechnet die Polizei anscheinend mit gar nichts, sind sie doch friedliche Weltverbesserer. Am Samstagabend werden sie bei strömendem Regen in Zelten von ihren Führern instruiert. Olivier Florent, von Europe Écologie, der Partei des Daniel Cohn-Bendit, Sprecher der Bewegung Vaucluse sans OGM, Vaucluse ohne genveränderte Organismen, lobt die ausgezeichnete Motivation seiner Kämpfer: "Wir haben gewaltlos gehandelt, mit offenem Visier. Öffentliches Geld finanziert die Genveränderung, diese Versuche finden auf freiem Feld statt, und das wollen wir nicht." Das ist hinreichende Begründung für die Rechtmäßigkeit der Operation sowie für spätere Strafmilderung: Die Linken wollen keine genveränderten Nahrungsmittel.

Die französische Regierung und ihre Behörden sind auf ihrer Seite, sie genießen bevorzugte Behandlung. Die Täter werden von der Polizei verhaftet, ohne weiteres steigen sie in einen eigens angeforderten Bus ein und werden zum Kommissariat gefahren. Nach dem Verhör dürfen sie nach und nach wieder gehen, die letzten noch vor 12 Uhr, rechtzeitig zum Déjeuner. Empfangen werden sie von elsässischen Bauern der Confédération paysanne; sie unterstützen die Faucheurs und bereiten ihnen ein Picknick, gleich hinter dem Kommissariat. Ob Beamte der Polizei zum Mitfeiern eingeladen werden, wird nicht berichtet, es ist aber erfahrungsgemäß nicht auszuschließen. Derweil beginnen die polizeilichen Ermittler aus Mulhouse und Straßburg mit den ersten Erhebungen zum Schadensfall. Die Staatsanwaltschaft wird zu entscheiden haben, was nun geschieht. Die wohlorganisierten Faucheurs, Motto: OGM NON, Falsche Lösung für falsche Probleme, FUCK, werden nicht viel zu befürchten haben.

Derweil verbirgt der Präsident des Irna Colmar, den Tränen nahe und rot vor Wut, seine Verzweiflung nicht. Das Forschungszentrum befaßt sich schwerpunktmäßig mit Krankheiten des Weines und Möglichkeiten, ihnen durch Genveränderung beizukommen. Es handelt sich um die Erforschung einer weltweit in nahezu allen Weinanbaugebieten auftretenden Krankheit, sie wird von einem Fadenwurm auf die gesamte Parzelle übertragen und führt zum Absterben der Pflanzen. Auf der Parzelle kann anschließend kein Wein mehr angebaut werden. Die Wissenschaftler wollen eine Pflanze züchten, die gegen die Krankheit Selbstheilungskräfte entwickelt. Die Vereinigung der Winzer des Elsaß beklagt die Vernichtung mehrjähriger Arbeit. (7)

Das Zentrum hat von der französischen Regierung eine Erlaubnis von vier Jahren erhalten, die Forschungen weiterzuführen. "Sieben Jahre Arbeit haben sich in Luft aufgelöst. Diese Leute zerstören die Öffnung des Geistes, die wissenschaftliche Demokratie und die freie Forschung. Sie dienen dem Obskurantismus." Der für den Versuch verantwortliche Wissenschaftler Olivier Lemaire spricht von "absolutem Wandalismus". Einer Herde von Wildschweinen gleich, hätten die Faucheurs das gesamte Wurzelwerk zerstört, was eine Wiederverwendung der Stöcke ausschließe. Solches sehen die heutigen Linken als ihre Aufgabe an. Sie wenden sich mit ihrer Operation gegen die französische Gesellschaft, ihren Staat, ihre Regierung, Gesetze und Verordnungen. Das ahndet eine großzügige Justiz mit Strafen, die Täter geradezu auffordern, ihr Werk zu wiederholen.

Die Faucheurs betrachten ihre Nacht-und-Nebel-Aktion als eine "Neutralisierung von genveränderten Pflanzen". Wohin sind die Zeiten, als Linke zur Avantgarde gehören? Heute tragen sie bei zur Hysterie in Europa. Zwar gibt es nicht einen einzigen Fall von Krankheit nach dem Genuß von genveränderten Nahrungsmitteln, aber da ihre Unbedenklichkeit für die Gesundheit der Konsumenten bis heute nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, benutzen Linke diese Tatsache zu Agitprop dagegen. Derweil werden in den USA und in Indien genveränderte Nahrungsmittel weiter erforscht und produziert, der Markt wird von ihnen beherrscht. (8)

Die Forschung in Frankreich kann nicht mithalten, Wissenschaftler wandern in die USA ab, aber die Franzosen dulden die Zerstörung ihrer Gesellschaft, setzen nichts dagegen. Ziehen nicht auch aus Deutschland jedes Jahr mehr als 100 000 gut ausgebildete Menschen in die Welt hinaus?

"Sie geben vor, für Bio einzutreten, aber sie öffnen die Tore weit für das, was sie ablehnen, die großen multinationalen Konzerne, die den Verbrauch von genveränderten Nahrungsmitteln durchsetzen ... Sie bilden sich ein, daß sie gegen die Millionen Hektar an genveränderten Nahrungsmitteln, die weltweit angebaut werden, ankämpfen können, in dem sie einen mit öffentlichen Mitteln finanzierten Versuch zerstören, das ist doch Schwachsinn!" zitiert der Indépendant den Präsidenten von Inra Colmar Jean Masson. (9)

Das ist für heute das Schlußwort über die Verkommenheit der Linken, seufz! und ich gönne mir zur Aufmunterung Ernst Busch: Er rührte an den Schlaf der Welt ... (10)

16. August 2010

Quellen

(1) KONKRET im Krieg. 15. August 2010 (Anmerkung 21)
http://www.eussner.net/artikel_2010-08-15_11-22-13.html

(2) Institut national de recherche agronomique (Inra). Région d´Alsace
http://www.inra.fr/l_inra_dans_votre_region/alsace

Alsace. Emotion après l´arrachage de vignes OGM. Midi Libre, 16 août 2010
http://tinyurl.com/3a3v47x

(3) OGM: L´Ã©preuve de vérité européenne. 20minutes.fr, 19 février 2009
http://tinyurl.com/29q5745

(4) Pierre Azelvandre, jugé et condamné pour destruction de vignes GM, sera rejugé au pénal. Par Christophe Noisette, infoOGM, février 2010
http://www.infogm.org/spip.php?article4338

VIGNE OGM : FRANCE - Le procès de Pierre Azelvandre repoussé à
novembre 2010. Par Christophe Noisette, infoOGM, juin 2010
http://www.infogm.org/spip.php?article4448

(5) Les faucheurs "neutralistent" les vignes OGM. Par Jean Daniel Kientz,
L´Alsace.fr, 15 août 2010
http://tinyurl.com/2ud4woh

(6) Faucheurs volontaires in meinem Archiv
http://tinyurl.com/327hocp

(7) Le court-noué. Institut français de la vigne
http://www.vignevin-sudouest.com/publications/fiches-pratiqu es/court-noue.php

(8) Development and History of GM Foods
http://www.geneticallymodifiedfoods.co.uk/development-histor y-gm-foods.html

(9) Des vignes OGM saccagées à l´Inra de Colmar, un "acte grave pour
la recherche". L´Indépendant, 16 août 2010
http://tinyurl.com/2usk8s6

(10) Er rührte an den Schlaf der Welt ... Lenin! Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=lyIDzhAuvUU


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