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"Plume du Paon".
Chaim Noll: Über die Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre ...

... denen offenbar das elementare Grundwissen über das Judentum abhandengekommen ist.

Unter den zahlreichen Bannsprüchen, die binnen weniger Tage über Thilo Sarrazin und sein Buch "Deutschland schafft sich ab" hereinbrachen, war die Verurteilung durch den Zentralrat der Juden eine der aggressivsten. Generalsekretär Kramer war unter den Ersten, die Sarrazin anlässlich seines Buches verurteilten. Er befand sich in prominenter Gesellschaft: Bundeskanzlerin, Parteivorsitzende und Minister beteiligten sich an der Vorverurteilung eines Buches, noch bevor es überhaupt erschienen war. Sie schufen damit einen beängstigenden Präzedenzfall für die versuchte Einschüchterung eines Buchautors durch politische Macht- und Verantwortungsträger.

Nachdem Kramer den Sozialdemokraten Sarrazin in die Nähe der NPD gerückt hatte, sekundierte ihm einige Tage später Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er erklärte, dass Sarrazin, der von einem gemeinsamen Gen der Juden gesprochen hatte, "auf Elemente der Rassehygiene der Nazi-Zeit" zurückgreife. Kurz darauf folgte das Verdikt des Zentralrats der Muslime, Sarrazin sei ein "Nazi in Nadelstreifen".

Graumanns und Kramers Äußerungen zum Fall Sarrazin sind aus Sicht des verbindlichen jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, unhaltbar. Nach der Halacha ist Judesein zum Teil genetisch definiert, indem nämlich jedes Kind einer jüdischen Mutter - im Judentum zählt traditionell die mütterliche Linie - als jüdisch gilt. Daneben gibt es eine zweite Definition des Judeseins, über Konversion oder Annahme der jüdischen Religion. Die genetische und die konfessionelle Definition bestehen seit Jahrhunderten nebeneinander. Graumanns und Kramers Äußerungen werfen ein ernüchterndes Licht auf die Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre, denen offenbar das elementare Grundwissen über das Judentum abhandengekommen ist. Jeder Jeschiwa-Schüler hätte ihnen den Sachverhalt - der in Israel der staatlichen Gesetzgebung zugrunde liegt - erklären können.

Die verschreckte Reaktion der deutschen Zentralrats-Funktionäre auf das Wort "Gen" findet in Israel wenig Verständnis. Ein Tabu, jüdische Identität mit Genetik in Zusammenhang zu bringen, besteht hierzulande nicht. An den israelischen Universitäten wird auf diesem Gebiet intensive fachwissenschaftliche Forschung betrieben, in zunehmendem Ausmaß. Es ist ein Thema, das viele jüdische Wissenschaftler und Laien interessiert und ausführlich in den Medien reflektiert wird. Erst kürzlich veröffentlichte die israelische Zeitung "Makor Rishon" einen mehrseitigen Artikel unter dem Titel "Der Familien-Nukleus", der sich auf eine in der amerikanischen Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung über Zusammenhänge zwischen jüdischer Identität und Gen-Konstellationen berief. Dieser Aufsatz ("The genome-wide structure of the Jewish people"), verfasst von dem in Haifa forschenden Doron M. Behar und anderen Wissenschaftlern, erregte ähnliche Aufmerksamkeit wie eine im "American Journal of Human Genetics" veröffentlichte Studie von Harry Ostrer, Genetiker an der New York University Medical School, der Methoden gefunden haben will, die jüdische Abstammung eines Menschen mit Hilfe von DNA-Proben nachzuweisen.

Diese Thesen sind auch in Israel umstritten. Aber die Debatte wird offen geführt und, anders als in Deutschland, ohne Hysterie. Man ist zu sehr an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert, um sich derlei Untersuchungen von vornherein aus Angst vor Rassismusvorwürfen zu verbieten. Doch selbst wenn man die naturwissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema beiseite lässt, bleibt es für Juden bei der klaren, seit Jahrhunderten bestehenden Regelung der Halacha, dass sich jüdische Identität – neben dem religiösen Bekenntnis – auf Abstammung gründet.

Der Autor ist Schriftsteller. Er lebt in Israel.

4. September 2010

Über "die Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre, denen offenbar das
elementare Grundwissen über das Judentum abhandengekommen ist.".
Von Chaim Noll, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. September 2010, Seite 10
http://mbloch.posterous.com/uber-die-unbildung-deutsch-judis cher-funktion

The genome-wide structure of the Jewish people.
Nature 466, 238-242 (8 July 2010)
http://www.nature.com/nature/journal/v466/n7303/full/nature0 %209103.html

Abraham´s Children in the Genome Era: Major Jewish Diaspora Populations
Comprise Distinct Genetic Clusters with Shared Middle Eastern Ancestry.
By Harry Ostrer et al., American Journal of Human Genetics
http://www.cell.com/AJHG/abstract/S0002-9297(10)00246-6

Kinder Abrahams. Von Sascha Karberg, Jüdische Allgemeine, 17. Juni 2010
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/7637/page %20/1

Sind Sie Jude? Genetische Herkunftsanalyse, Judentum DNA-Test, IGenea
http://www.igenea.com/index.php?c=40


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