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Ex-Husband und Holocaust

Wie frau sich in eine andere Sprache davonstiehlt

Ich hatte einst eine Bekannte, die sprach von ihrem geschiedenen Ehemann immer als von ihrem Ex-Husband: "Mein Ex-Husband entbl├Âdete sich nicht ...", "Mein Ex-Husband wollte mir weismachen ...". Auf die Frage, ob ihr geschiedener Ehemann Engl├Ąnder oder aus den USA oder Kanada stammte, schaute sie mich verwundert an: "Nein, wieso denn? Er ist Deutscher!"

Sie hatten nie in einem englischsprachigen Land gelebt, ├╝ber Ferienaufenthalte dort waren sie nicht hinausgelangt, aber "Ex-Husband" mu├čte sein. Allm├Ąhlich wurde mir klar, da├č die Scheidung vom geliebten Ehemann somit in eine andere Sprache transferiert worden war. In der deutschen Sprache gab es keinen "geschiedenen Ehemann". Entsprechend brauchte frau auch nichts zu verarbeiten. Alle Probleme, Schuld, Ha├č, Liebe waren ins Englische entsorgt worden. Die Frau endete im Suff. Ich habe ihr viel zu verdanken, aber helfen konnte ihr niemand.

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Was hei├čt das f├╝r den "Holocaust"?

Mittels dieser wohlfeilen Vokabel, die in unserer deutschen Sprache nicht vorkommt, stehlen wir uns aus der Verantwortung. Ein altes Duden-Fremdw├Ârterbuch, von 1966, das mir ansonsten immer noch gute Dienste leistet, kennt den mit "Holo" zusammengesetzten Begriff noch nicht, in einem neueren Duden der Rechtschreibung aber kommt er selbstverst├Ąndlich als deutsches Wort vor: "(griech.) T├Âtung einer gro├čen Zahl von Menschen, bes. der Juden w├Ąhrend des Nationalsozialismus". Der Holocaust ist zum deutschen Begriff mutiert.

Gabriele Yonan schreibt dazu:

"Das neudeutsche Lehnwort ´Holocaust´ ist eine Zusammensetzung aus griechisch ´holos´ in der Bedeutung ´ganz, total´ und dem lateinischen Verbaladjektiv ´caustos´ - ´angebrannt´ (griech. ´kaio´ - brennen)."

Im Mittelalter hei├če das Wort "Brandopfer darbringen", seit dem 17. Jahrhundert bezeichne es den "Feuertod von Menschen".

"In seiner heutigen Bedeutung l├Ą├čt sich das Wort ´Holocaust´ mit ´Massenvernichtung´ ├╝bersetzen, bleibt aber ohne Subjektbenennung neutral. Die einmalige Katastrophe der Vernichtung der Juden w├Ąhrend der Herrschaft des Nationalsozialismus, die viel umfassender war als nur ein ´Feuertod vieler Personen´, ist in dem Wort somit nicht enthalten.
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Bis dahin im Deutschen unbekannt, ist ´Holocaust´ seither ungepr├╝ft auf seine Kongruenz in den deutschen Sprachgebrauch ├╝bernommen worden und wird inzwischen mit erstaunlicher Ausschlie├člichkeit als Synonym f├╝r ´Judenvernichtung´ gebraucht.
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W├Ąhrend das bis dahin gebrauchte Symbolwort ´Auschwitz´, ein Ortsname stellvertretend f├╝r die anderen Vernichtungslager, assoziativ noch einen deutlichen Zusammenhang zur Vernichtung von j├╝dischen Menschen herstellte, ist mit der Einf├╝hrung des Begriffs ´Holocaust´ ein Codewort entstanden, das die kausale Kette zwischen Tat und Benennung der Opfer unterbricht. Wie ein hermetischer Block schlie├čt das fremde Wort/Fremdwort das Geschehen, das unaussprechliche Grauen ein, ohne die Spur einer emotionalen Assoziation zu erzeugen. Im Hegelschen Sinne wird das Grauen in einem unzug├Ąnglichen Begriff aufgehoben.

Das althebr├Ąische ´ha-shoa´ bedeutet dagegen ´Heimsuchung, Vernichtung, Katastrophe´ (vgl. AT Jes.10,3), hier bilden Wort und Wortsinn eine Einheit." (1) Ha-shoa ist also ein Begriff, den die Juden gebrauchen, und dessen Gebrauch sich f├╝r uns nicht ziemt.

Die "erstaunliche Ausschlie├člichkeit", mit der bei uns Holocaust mit Judenvernichtung ├╝bersetzt wird, ist nicht so erstaunlich, wenn wir bedenken, da├č eine Massenvernichtung von Menschen in dieser Form bei uns noch nicht vorkam, handelt es sich doch um sechs Millionen ermordeter Juden. Es ist also f├╝r uns Deutsche angemessen, "Holocaust" mit "Judenvernichtung" zu ├╝bersetzen, man m├Âchte sagen r├╝ckzu├╝bersetzen, den Originalzustand wieder herzustellen und sich endlich damit auseinanderzusetzen.

Stattdessen bem├╝hen sich deutsche Dichter und Denker, den Holocaust mit "k" zu schreiben und ihn so dem Deutschen anzueignen. Etwas Abstruseres gab es wohl selten. So stehlen wir uns immer weiter aus der Verantwortung, bis die Spur gar nicht mehr zur├╝ckzuverfolgen ist - was die Absicht sein d├╝rfte.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin k├Ânnte man sich getrost sparen, denn wir Deutschen verbinden mit dem Begriff Holocaust nichts. Auf diesem Grundst├╝ck in bester Lage h├Ątte anderes besser Platz gehabt. Die Errichtung eines Bankgeb├Ąudes w├Ąre ehrlicher gewesen, aber das h├Ątte der Stimmungslage der ins J├╝dische diffundierten Frau Lea Rosh nicht entsprochen: "Dem Holocaust der Nationalsozialisten ein Mahnmal zu setzen, machte sich Lea Rosh zur Lebensaufgabe". (2) Sie ist nicht die erste, die sich die L├Âsung nicht existierender Probleme zur Lebensaufgabe macht, da├č die Steuerzahler aber daf├╝r noch Millionen hinbl├Ąttern m├╝ssen, macht die Sache ├Ąrgerlich.

Das Holocaust-Mahnmal wird somit ein Denkmal, das an etwas erinnern soll, mit dem niemand etwas verbindet. Ich behaupte, da├č ein Mahnmal zur Erinnerung an die Judenvernichtung niemals genehmigt worden w├Ąre.

Die Debatte ├╝ber eine Holocaust-Industrie kann heftig gef├╝hrt werden, eine Debatte ├╝ber eine "Judenvernichtungsindustrie" w├Ąre unm├Âglich, da dieser Begriff f├╝r die industriell betriebene Vernichtung der Juden steht. Norman Finkelsteins "Holocaust Industry" w├Ąre bei uns mit "Judenvernichtungsindustrie-Industrie" zu ├╝bersetzen. Da h├Ątten sich der ├ťbersetzer und der Piper Verlag aber etwas einfallen lassen m├╝ssen. Ganze Abschnitte des Buches w├Ąren neu zu schreiben gewesen.

Die Sprache entlarvt - die Sprache verbirgt.

Wo werden wir Deutschen enden? Auch im Suff? Oder in ├Ąhnlichen Verbrechen wie der Vernichtung der Juden? Kann uns niemand helfen?

Beginnen k├Ânnten wir damit, uns mit unserer Verantwortung f├╝r die Judenvernichtung auseinanderzusetzen.

11. Juni 2002 - erg├Ąnzt um den von Lea Rosh im Vernichtungslager Belzec entwendeten Backenzahn, am 1. M├Ąrz 2006

Anmerkungen

(1) Eine sprachhistorische Erg├Ąnzung zum Begriff ´HOLOCAUST´,
von Gabriele Yonan (1989)
http://kultur-netz.de/archiv/sonstig/holocau.htm

(2) "Geschmacklos und anma├čend", von Ayhan Bakird├Âgen, Die Welt,
13. Mai 2005
http://www.welt.de/data/2005/05/13/717831.html


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2004-03-24_16-54-47.html
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