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Das Stelenfeld - kein Denkmal f├╝r Paul O´Montis (Stand: 19. Dezember 2004)

"Der Musterjude" Rafael Seligmann kriegt den Spagat hin: er schreibt eine DIN A4 Seite deutlicher Kritik ├╝ber das Stelenfeld und seine schamlose Initiatorin, ├╝ber den Bundestag, der ├╝ber die K├Âpfe der Berliner Bev├Âlkerung hinweg den Bau des teuren Mahnmals beschlie├čt, er schildert die Anma├čung dieser Menschen, die sich mittels Aufbau von Betroffenheit und gro├čen Gef├╝hlen um ihre Verantwortung am V├Âlkermord an den Juden dr├╝cken, die noch jetzt Opferselektion betreiben: hier haben Zigeuner, Schwule, Behinderte keinen Zutritt! und dann (ver)endet er so: "Gedenken, Betroffenheit, Gef├╝hle kann man nicht verordnen. Jetzt gilt es, mit dem Denkmal zu leben. Die Menschen daf├╝r zu gewinnen."

Warum sollen die Menschen f├╝r "den grauen, gewollt schlingernden Betonwald" gewonnen werden, mit dem "nassen, gegen Schmierereien Degussa-versiegelten Stein" leben? Sollen sie dort Betroffenheit und l├Ąhmende Schuldgef├╝hle herausbilden?

Gedenkst├Ątten wie die Stolpersteine des K├Âlner K├╝nstlers Gunter Demnig und andere lokale St├Ątten des Gedenkens, die auch einen Eindruck vermitteln ├╝ber das Leben, das die von den Nazis vernichteten Menschen f├╝hrten, und Orte wie die von Rafael Seligmann erw├Ąhnte "Wannseevilla, in der am 20. Januar 1942 die Shoah organisiert wurde", halten die Erinnerung lebendig und vermitteln den Nachgeborenen, warum wir Deutschen eine Verantwortung haben. Das gigantische Mahnmal des Peter Eisenman jedenfalls sollte man mit Verachtung strafen und m├Âglichst nur hingehen um zu sehen, ob es auch regelm├Ą├čig gereinigt wird. Man kann n├Ąmlich sicher sein, dass es von einigen Menschen f├╝r allerlei gedenkfremde Anl├Ąsse zweckentfremdet wird.

Versiegelter Stein. Gef├╝hle lassen sich nicht verordnen. Rafael Seligmann ├╝ber Peter Eisenmans Stelenfeld, Die Welt, 19. Dezember 2004
http://www.wams.de/data/2004/12/19/376849.html

Paul O´Montis in den Wogen des Stelenfeldes

Manchmal ist in den Medien das ber├╝chtigte Berliner Stelenfeld, die zuk├╝nftige Wellenbewegung der Betonmassen des Mahnmals, als Computersimulation abgebildet, es gibt Diskussionen um Degussa-Zyklon B und Degussa-Zahngold sowie um die H├Âhe von 90 der geplanten 2751 Betonstelen. Manchmal meldet sich Henryk M. Broder zum Thema, das schon l├Ąngst nicht mehr "Mahnmal", sondern "Undankbare Juden" hei├čt.

Dann leuchtet kurz auf, da├č die j├╝dischen ├ťberlebenden und die Nachkommen der Opfer des Holocaust entweder das Mahnmal gar nicht wollen, es einen "Horror" nennen, oder meinen, da├č auch anderer Opfer gedacht werden sollte, sich aber daf├╝r vom Bauherrn zurechtweisen lassen m├╝ssen. (1)

Dieses Mahnmal ist wirklich billig. 4,60 Euro f├╝r jeden ermordeten Juden wird es kosten, und 0,0004585 Stele f├╝r jeden ermordeten Juden stehen bereit zum Gedenken.

Ich schaue ├╝ber die wogenden Kl├Âtze. Wo hat da mein geliebter Paul O´Montis Platz? Ja, w├Ąre er noch lebendig und ein Asylbewerber, dann h├Ątte er Recht auf Individualit├Ąt, auf Einzelfallpr├╝fung, man k├Ânnte ihn hier behalten, nach Hause oder in ein Drittland abschieben, je nach Verordnung und Richtlinie, er k├Ânnte auch Einspruch erheben, sich wehren, aber er geh├Ârt nicht zu solchen Privilegierten, sondern k├Ârper- und schwerelos findet er seinen Platz da, irgendwo in den Wogen. Niemand fragt ihn. Seine Komponisten, Pianisten und Texter Willy Rosen ("Text und Musik von Mir!") und Ralph Erwin ("Eine sch├Âne wei├če Crysantheme") sind mit ihm, ebenso sein Texter Fritz L├Âhner-Beda ("In der Bar zum Krokodil"), der bereits in Auschwitz dichtet: (2)

"Ich bin ein H├Ąftling, sonst bin ich nix
Hab´ keinen Namen, die Nummer X"

Das setzt sich nun im Stelenfeld konsequent fort. Auch hier sind alle nix bzw. die vier K├╝nstler zusammen 0,001834 Stele. Das Mahnmal hat mit den Opfern des Holocaust nix zu tun, sondern mit der Eitelkeit der Lea Rosh und dem Willen der deutschen Politiker, sich endlich des leidigen Falles der Verbrechen des Dritten Reiches zu entledigen, f├╝r immer.

Ramona, Ramona, tralala lihiiii ...

Nun aber zu Paul O´Montis, dem Kabarettisten, Parodisten und Unterhaltungsk├╝nstler aus dem Berlin der 20er Jahre. Er wird am 3. April 1894 in Budapest als Paul Wendel geboren und w├Ąchst in Hannover auf. 1924 geht er nach Berlin, wird von Friedrich Hollaender in seine Revue "Laterna Magica" aufgenommen und entwickelt in den n├Ąchsten Jahren seine elegant pr├Ąsentierte einzigartige Kleinkunst aus Ulk und Nonsense. 1927 macht er seine ersten Schallplattenaufnahmen bei "Odeon". Der Geiger Dajos B├ęla (L├ęon Golzmann) und sein Tanzorchester begleiten ihn. Sp├Ąter wechselt er zur "Deutschen Grammophon", es begleiten ihn dort der "Stehgeiger" Paul Godwin (Pinchas Goldfein) und sein Orchester, das u.a. auch im Revuetheater von Rudolf Nelson und im Delphipalast, Kant-/ Ecke Fasanenstra├če auftritt.

Paul O´Montis ist bald auf den ber├╝hmtesten Berliner Kabarettb├╝hnen zu Haus, aber er tingelt auch in der Provinz und gastiert im Rundfunk. Zahlreiche Aufnahmen von ihm sind erhalten. Bis 1933 steht seiner Karriere nichts im Wege. Titel wie "Mein Bruder macht beim Tonfilm die Ger├Ąusche", "In der Bar zum Krokodil" oder "Erika, Erika, brauchst Du nicht einen Freund?" sind einigen Liebhabern der Kleinkunst heute noch auf Anhieb bekannt. (3)

Aus der Zeit, vom 24. September 1930, stammt auch "Ramona Z├╝ndloch".

"Das Lied, oder wie man zu deutsch sagt: der Song von Ramona Z├╝ndloch, eine Ballade aus dem Gro├čstadtsumpf", er├Âffnet Paul O´Montis seine Darbietung. Begleitet wird er von Hans Bund, am Klavier.

"Beginne, Knabe!" Nickt er dem Pianisten huldvoll zu. (4)

Der Staatsbesuch in Berlin des jungen afghanischen K├Ânigs Amanullah, vom Februar 1928, wird in dem Song genauso als Versatzst├╝ck zweckentfremdet wie das Lehrbuch "Die Vollkommene Ehe" des Dr. Th. T. Van de Velde, des "Oswald Kolle" der Nachkriegszeit, und die Schauspiel-, Gesangs- und Regiegr├Â├čen der 20er Jahre. Eine Anspielung auf die schwule Szenerie darf ebenfalls nicht fehlen, die arme Ramona wird vorgenommen, bis sie nicht mehr wei├č, ob sie "ein Weibchen oder M├Ąnn-e-chen war". Die Heilsarmee kann ihr auch nicht mehr helfen, und Bert Brecht gibt ihr den Rest. Im Panoptikum befindet sie sich wohl schon immer, nun landet sie dort an der Kasse - mit Kind.

Ramona Z├╝ndloch in der Berliner "L├╝tzower Lampe"

Im Wonnemonat Mai 1967 gr├╝ndet Fred Thom├ę, bekannt unter seinem K├╝nstlernamen Karmeen, in der Berlin-Charlottenburger Behaimstra├če die "L├╝tzower Lampe". Dort treten bekannte Damen-Imitatoren von gestern und vorgestern auf, es sind nicht viele ├╝brig geblieben, die bl├╝hende Kabarettszene der 20er Jahre ist bald 35 Jahre pass├ę. Der Nachwuchs ist sp├Ąrlich. Neben Karmeen trifft man Cherie Hell, Daisy, Jacqueline Orel, Mona Loren, Dolly van Doll, Rosita und andere. Zu Besuch kommt nach getaner Arbeit oft Strapsharry, manchmal schauen auch Marcel Andr├ę und Ivana aus dem "Chez Nous" noch vorbei.

Die G├Ąste ergeben eine bunte Mischung. Angefangen vom Nachbarn, der erst nach einem Vierteljahr mitkriegt, da├č die Damen keine sind, ├╝ber biedere Hetero-P├Ąrchen und flockige Tunten und Trinen trifft man auch Prominenz, Kleinschriftsteller und gro├če Herren aus dem Sch├Âneberger Rathaus, und deshalb ert├Ânt der schon aus der Hamburger "Bar Celona" der 50er Jahre bekannte leicht abgewandelte Song:

In der L├╝tzower Lampe brennt noch Licht,
doch alle T├╝ren sind schon dicht.
Dort sitzt die ganze Haute Vol├ęe,
Karten gibt es nur schwarz beim Portier.
...
Und in der Ecke, ganz privat,
sitzt eine Dame vom Senat,
das ist Herr Meier, heut´ mit Rock,
aus dem Rathaus im 14. Stock.

Es tanzt das Publikum
den Tango links herum,
bis morgens fr├╝h um drei
tagt hier die w├Ąrmere Partei ...

Na usw. usw., mit Anspielungen auf den 17. Mai ....

Die nicht mehr ganz junge Karmeen legt immer noch einen astreinen Spagat hin, ausgespannt zwischen zwei Barhockern, die G├Ąste fummeln rum oder kreischen, zwei verziehen sich sofort ins S├ępar├ęe, andere freuen sich ├╝ber Mona Lorens

Ja, ich bin die tolle Frau aus der Tingeltangelschau,
und f├╝r mich gibt´s kein´ Ersatz
auf dem ganzen Rummelplatz,
alle M├Ąnner dreh´n sich nach mir um,
und ich wei├č auch ganz genau, warum!

oder ├╝ber Jacqueline Orels

Tret´ ich abends scheu aus dem Bau,
h├Âr ich, ach, welch reizende Frau!
Ja, ich will nicht mehr leben in des Tages Grau.

Man nennt mich Orel, und ich mache Revue,
Sie seh´n meine Fotografie
manchmal in BILD,
Mensch, da werd´n Se wild,
und heut´ singe ich nur f├╝r Sie ...

Die G├Ąste grinsen ├╝ber Daisy´s sch├╝chterne Tanzversuche und ├╝ber das dicke Ding Dolly van Doll und ihr himmelblaues Ballkleid. An der Theke hockt eine einsame Studentin vor ihrem Bier, andere trinken Sekt oder Whisky. Dann tritt Mona Loren erneut auf, und sie singt die "Ballade aus dem Gro├čstadtsumpf", begleitet von einem Tonband:

Ramona Z├╝ndloch war nicht anders als die andern Frau´n,
sie liebte Alfred Braun, das Funkgenie.
Sie fand den Richard Tauber s├╝├č und musikalisch auch,
und Emil Jannings Bauch umschw├Ąrmte sie.
Sie hat bei Charly Chaplin nicht ein einziges Mal gelacht,
doch Amanullah hat sie Blumen ans Coup├ę gebracht.

Ramona Z├╝ndloch war fast ein Kind noch,
nur in der Liebe war sie ein verfluchtes As,
Spa├č,
wo sie direkt doch an der Quelle sa├č.

Denn ihre liebe Mutter hat ein Sch├Ânheitsinstitut gef├╝hrt,
und hat dort Herrn massiert, streng rituell,
und eines Tages sah ein Perser ihre Tochter dort,
er nahm sie mit sich fort, in sein Bor - ├Ąh, Hotel.
Er hat ihr Van de Velde tropfenweise beigebracht,
doch sie war schon vollkommen ehe - er´s gedacht.

Und dieser Perser wurd´ stets perverser,
bis eines Tages ihr nicht wurde ganz und gar
klar,
ob sie ein Weibchen oder M├Ąnn-e-chen war.

Dann hat sie bei Piscator jugendlich naiv gespielt
und hat ´nen Punkt erzielt bei Alfred Kerr.
Dann blieb ihr weiter nichts mehr ├╝brig als die Heilsarmee,
dort sang sie "Gro├č, juchhe! ist unser Herr!"
Dann nahm Bert Brecht sie f├╝r drei Groschen auf sein Chaiselongue,
und was da ├╝brig blieb von ihr, war nichts als dieser Song.

Ramona Z├╝ndloch bekam, hei, ein Kind noch.
Jetzt sitzt se an der Kasse im Panoptikum,
schrumm!
O Gottogott, wie geht so´n Jungfernleben schnell und schmerzlos um.

Ramona, Ramona, tralala lihiii ....

Au├čer die Studentin, die sich gerade mit den 20er Jahren befa├čt, interessiert kaum einen, wer Amanullah, Richard Tauber, Emil Jannings, Van de Velde oder gar Alfred Braun ist. Niemand weist hin auf Paul O´Montis, und ob Mona Loren, im b├╝rgerlichen Leben Reichsbahner, die Zusammenh├Ąnge kennt, bleibt offen. So vergehen die ersten Jahre im "warmen L├╝tzower L├Ąmpchen". Des Paul O´Montis wird hier n├Ąchtens einmal gedacht, ohne da├č man ihn beim Namen nennt, niemand wei├č auch, wie dessen Leben weitergeht nach 1933.

Paul O´Montis singt auch andere Lieder

Das V├Âlkchen der Kleink├╝nstler, es besteht gr├Â├čtenteils aus J├╝dinnen und Juden. Ihre Darbietungen, jedenfalls diejenigen, die jetzt in den letzten Jahren wieder aufgelegt werden, geh├Âren zum Genre der leichten Muse. Es gibt auf den drei CDs der wunderbaren Trikont-Ausgabe (5) nur vier St├╝cke, die im konkreten Wortsinn als j├╝disch zu identifizieren sind, n├Ąmlich die "j├╝dischen Anektoten" und das "Rothschildlied" von Willi Prager, gesungen von Paul Morgan (Paul Morgenstern, geb. 1886 in Wien, ermordet 1938 in Buchenwald):

Ich kenne ein H├Ąuschen in Frankfurt am Main,
da hat wohl das Gl├╝ck mal gethront,
da hat Amschel Rothschild, auch er war mal klein,
mit seiner Familie gewohnt.
Und schickt eine Mutter ihr Kind in die Welt,
gibt sie auf den Weg ihm die Lehr´:
verdiene wie seinerzeit Rothschild viel Geld,
und bleib´ so bescheiden wie er.

Weiterhin gibt es zwei St├╝cke, die von Paul O´Montis gesungen werden. Es ist das "Kaddisch", von Kurt Robitschek und Otto Stransky, aufgenommen am 26. Juni 1928, am Fl├╝gel Ralph Erwin. Darin wird die Geschichte von Jankel dem Schmied besungen, der zu den Soldaten mu├č, und dessen Frau vom Rabbi die Mitteilung erh├Ąlt, da├č ihr Mann gefallen ist:

Sie weint nicht, so gro├č ist der Schmerz,
sie dr├╝ckt nur sein Kind an ihr Herz.
Mein Kind mu├č beten f├╝r seinen Vater,
bei den Soldaten war er dabei.
Knie mit mir nieder;
denn er kommt nie mehr wieder,
doch gro├č ist unser Adonai.

Das andere St├╝ck ist das "Ghetto", von Ralph Erwin. Es ist auch ├╝bernommen auf die Paul O´Montis gewidmete CD von 1997 des Hamburger Shops "Musik Antik" von Norbert Noritz, in der technischen Bearbeitung durch Misiak Mastering, Frank Misiak, Thorsten Lenk. (6)

Der am 31. Oktober 1896 in Bielitz, heute: Bielsko-Biala, geborene Ralph Erwin (Vogl) ist ein erfolgreicher Dichter und Komponist der leichten Muse. 1927 ├╝bersiedelt er von Wien nach Berlin und komponiert dort 1929 das ber├╝hmte von Richard Tauber gesungene Lied "Ich k├╝sse Ihre Hand, Madame". Der Text ist von Fritz Rotter:

Madame, ich lieb´ Sie seit vielen Wochen,
wir haben manchmal auch davon gesprochen.
Was n├╝tzt dies alles, mein Pech dabei ist,
da├č ach! Ihr Herzchen leider nicht mehr frei ist.

Ihr Blick gebietet mir: sei still!
Doch tr├Ąumen kann ich, was ich will:
Ich k├╝sse Ihre Hand, Madame,
und tr├Ąum´ es war ihr Mund.

Ich bin ja so galant, Madame,
doch das hat seinen Grund:
hab ich erst Ihr Vertrau´n, Madame,
und Ihre Sympathie,

wenn Sie erst auf mich bau´n, Madame,
ja dann, Sie werden schau´n, Madame,
k├╝├č ich statt Ihrer Hand Madame,
nur Ihren roten Mund.

Das Lied "Ghetto" entsteht vorher, es wird am 30. Oktober 1928 aufgenommen: (7)

Weit, weit in Polen, am Ufer des Dnestr,
da bin ich zu Haus´.
Da hatt´ ich mein Weib und mein Techterle, die Esther,
die machten meinen Himmel aus.
Weil man bei uns hat nicht Handeln gekennt,
Hab ich e b├ş├čele das Geigen gelernt,
und gab es im Dorf eine Hochzeit,
wurde gleich nach dem Fidler gerennt.

Ich bin nur ein polnisch´ Jidel,
mit meine Lidel
verdien´ ich mir mein St├╝ckerl Brot.
Mein Reichtum ist meine Fidel,
mein ganzes Gl├╝ck war auf den Wangen
meiner Esther b├ş├čele rot.

Weit, weit in Polen, am Ufer des Dnestr,
ist der Krieg entbrennt.
Bei Nacht und bei Nebel bin ich mit meiner Esther
und mit mein´m Weib davongerennt.
Wochen und Wochen ├╝ber Steine und Feld,
Tage und N├Ąchte in der eisigen K├Ąlt´,
das konnten die zwei nicht ertragen.
Jetzt bin ich allein auf der Welt.

Ich bin nur ein polnisch´ Jidel ...

Beide Lieder, sowohl das Kaddisch als auch das Ghetto-Lied, sind kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstanden. Sie sind zun├Ąchst in jiddischer Sprache verfa├čt. Paul O´Montis Ansehen auf den Kleinkunstb├╝hnen Berlins und seine Beliebtheit sind so gefestigt, da├č er es wagen kann, in einer Zeit des zunehmenden Antisemitismus solche Lieder in sein Programm einzuflechten.

Weder Ralph Erwin noch Paul O´Montis sind aus Polen, dennoch thematisieren sie das Schicksal der Juden in dem von Marschall Joz├ęf Pilsudski gegen die Sowjetunion angezettelten polnisch-sowjetischen Krieg. Das Lied richtet sich auch gegen die assimilierten deutschen Juden, die sich erhaben vorkommen ├╝ber die Ostjuden. (8)

Das Schicksal von Ralph Erwin und Paul O´Montis

Die beiden K├╝nstler Ralph Erwin und Paul O´Montis m├╝ssen 1933 Deutschland verlassen. Ralph Erwin geht nach Frankreich und komponiert vor allem Filmmusik. Nach dem Einmarsch der Deutschen verschleppen ihn die franz├Âsischen Kollaborateure in ein Internierungslager, aus dem ihn seine Frau nach f├╝nf Monaten befreien kann. Er lebt versteckt, wird wieder aufgegriffen, aber ein franz├Âsischer Polizist verhindert seine Deportation.

Am 15. Mai 1943 stirbt er in Beaune-la-Rolande bei Paris an den Folgen eines Bauchschusses, verursacht durch einen Granatsplitter. (9)

Paul O´Montis, der nicht nur Jude ist, sondern sich dazu noch offen zu seinem Schwulsein bekennt, emigriert 1933 nach Wien, wo er bis zum Einmarsch der Deutschen lebt und arbeitet. Dann flieht er nach Prag, aber dort verhaften ihn nach der Besetzung der Tschechoslowakei die Deutschen und ├╝berf├╝hren ihn in das KZ Sachsenhausen bei Berlin. Dort, nur wenige Kilometer von den St├Ątten seiner gr├Â├čten Triumphe, ist er den Schikanen und den Dem├╝tigungen durch die Lageraufsicht ausgesetzt. Er erh├Ąngt sich am 17. Juli 1940. (3)

Paul O´Montis, Ralph Erwin, Willy Rosen, Fritz L├Âhner-Beda und den anderen hier genannten K├╝nstlern wird das umstrittene gesichts- und seelenlose Berliner Stelenfeld auch nicht ann├Ąhernd gerecht. Ich w├╝rde gern die hier vorgestellten K├╝nstler mit je 4,60 Euro ausl├Âsen, mich selbst um das Gedenken an sie k├╝mmern, und damit einige Mal 0,0004585 Stele freimachen. Das Geld w├╝rde ich an Lea Rosh geben, die sich neue gro├če schwarz-wei├če Ohrgeh├Ąnge kaufen k├Ânnte, um damit einen weiteren Fernsehauftritt zu bestreiten, wo ihr eines der Geh├Ąnge auf dem K├╝chenfu├čboden ihrer Wohnung zerschellt. Ich w├╝rde ihr zur musikalischen Untermalung ihres Auftritts den von Paul O´Montis gesungenen und von Mischa Spoliansky am Fl├╝gel begleiteten "Lost River Blues" vorspielen und ihr daf├╝r danken, da├č sie wenigstens die paar von mir hier aufgez├Ąhlten K├╝nstler nicht unter die Stelen geraten l├Ą├čt:

Im Salon der Frau Janette
nimmt Mister Brown den Tee;
denn er schw├Ąrmt f├╝r die kokette
reizende Pariser Fee.

Sie streichelt z├Ąrtlich wei├če Tasten,
stumm lehnt er am Klavier,
und als ihre H├Ąnde rasten,
fl├╝stert er zu ihr:

Spiel mir den Lost River Blues, Lost River Blues
singend und klingend und weich,
mein alter Lost River Blues, Lost River Blues
macht mich begl├╝ckt und reich.

Er bringt mir Freude und Schmerz,
s├╝├č rauschend und lind,
liebkost mein sehnendes Herz
wie die Mutter ihr Kind.

Mein alter Lost River Blues, Lost River Blues
klingt hold wie ein Heimatgru├č.

hmhmhm hmhmhmhm, hmhmhmhm
singend und klingend und weich,
hmhmhm hmhmhmhm, hmhmhmhm,
macht mich begl├╝ckt und reich.

Er bringt mir Freude und Schmerz ....

Anmerkungen

(1) Bei 90 Stelen stimmt die H├Âhe nicht, von Katrin Schoelkopf. Berliner Morgenpost, 1.2.2004
http://morgenpost.berlin1.de/archiv2004/040201/berlin/story6 56884.html

Undankbare Juden, von Henryk M. Broder. Tagebuch.
Henryk M. Broders Homepage, 20.3.2004
http://www.henryk-broder.com/html/tagebuch.html

(2) Fritz L├Âhner-Beda, geb. 24.6.1883 in Wildenschwert/Usti nad Orlici,
totgeschlagen oder vergast am 4.12.1942 in Auschwitz
Im Herzen S├Ągesp├Ąne? Fritz L├Âhner-Beda
In: Sag beim Abschied ..., von Robert Dachs, Wien o.J., S. 199

(3) Paul O┬┤Montis
Kabarettist, Parodist und Unterhaltungsk├╝nstler aus dem Berlin der 20er Jahre
http://www.musik-antik-records.de/bio/02omont/omontis.htm

(4) Hier der komplette Song zum Anh├Âren:
One Person´s Story. Name: Paul O´Montis. Ramona Z├╝ndloch, 1930
http://www.ushmm.org/museum/exhibit/online/hsx/id_montis.php

(5) Popul├Ąre j├╝dische K├╝nstler aus Berlin, Hamburg, M├╝nchen und Wien
Musik & Entertainment 1903 - 1936, von Gudrun Eussner, 29.11.2001
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-16_00-02-04.html

(6) Ich bin verr├╝ckt nach Hilde! Musik Antik am Weidenstieg. CDs
http://www.musik-antik-records.de/

(7) Hier das komplette Lied zum Anh├Âren: Ghetto. OMA - Open Meta Archive
http://meta.orang.org/OMA/orang/culture/Radio%20Documentarie s/2605001.html

(8) Popul├Ąre j├╝dische K├╝nstler. Berlin - Hamburg - M├╝nchen.
CD - Beiheft "Melodie der Zeit", S. 15. Trikont-Verlag

(9) Ralph Erwin. Lebenslauf
http://www.klassika.info/Komponisten/Erwin/lebenslauf_1.html

23. M├Ąrz 2004

Der Artikel ist auch ver├Âffentlicht bei HaGalil Online, am 25. M├Ąrz 2004
http://www.hagalil.com/archiv/2004/03/omontis.htm


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2004-03-28_19-47-50.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 26.02.2017, 23:38 Uhr