
Stolpersteine und ihre Gegner
"Kairos" in der klassisch-hellenistischen Bedeutung
Die Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland (ZJD), die "integrierte Vizepräsidentin unserer Bundesrepublik Deutschland", wie sie sich selbst betitelt, Frau Charlotte Knobloch verteilt gern in großem gesellschaftlichen Rahmen Preise an bedeutende Leute, zum Beispiel den Leo-Baeck-Preis. Wer zählt die Häupter, nennt die Namen der Preisträger und der Gäste bei der Verleihung dieses jährlich vergebenen Preises. In den 90er Jahren bekommen ihn Bundespräsident Johannes Rau (1995), der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl (1997) und der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog (1998). (1)
Im September 2003 erhält ihn Ralph Giordano. Die Vizepräsidentin hält dazu eine "BegrüßungsRede".
Die Spitzen der deutschen Politik und der internationalen Diplomatie sowie hochrangige Repräsentanten der drei monotheistischen Weltreligionen, darunter der salafidische Islamist Nadeem Elyas und die Verfechterin des Kopftuches für muslimische Frauen und Mädchen Marieluise Beck werden zu diesem Ereignis von Charlotte Knobloch persönlich begrüßt, während sie viele andere Gäste pauschal abtut. Von der PISA-Generation, glaubt Charlotte Knobloch, weile keiner in dem erlauchten Kreise, sie zeigt ihre humanistische Bildung, in dem sie ihr Auditorium mit dem griechischen Begriff "Kairos" und dessen "tiefem Bezug zur Persönlichkeit unseres Preisstifters" beglückt.
Sie schmeichelt den Anwesenden damit, dass sie von ihnen allen selbstverständlich annimmt, sie hätten eine klassische Bildung auf dem altsprachlichen Gymnasium genossen und seien des Griechischen mächtig. Dennoch erklärt sie den Begriff vorsichtshalber als "günstigen Augenblick, jenen fruchtbaren, entscheidenden Moment, wo sich Gegensätze berühren und Widersprüche auflösen". So ähnlich steht´s auch im Duden-Fremdwörterbuch. Welch ein Glück, dass sie den Begriff erklärt, sonst hätten sicherlich mindestens die Hälfte der Gäste, die beschämt ihres Bildungsdefizits inne werden, die weiteren Ausführungen der Rednerin nicht richtig verstanden. (2)
In diesem schönen Sinne des "Kairos" bekommt den Leo-Back-Preis 2004 der deutsche Außenminister Joseph "Joschka Fischer", ein guter Bekannter des Jasser Arafat: "1969 nimmt Fischer in Algier an einer Konferenz der damals terroristischen PLO teil (auf dieser Konferenz propagierte Palästinenserführer Jassir Arafat den Kampf gegen Israel bis zum ´Endsieg´)", schreibt Wikipedia. (3)
Die Spitzen des ZDJ würdigen, ohne dabei vor Scham rot zu werden oder zu erbleichen, diesen Lieblingspolitiker der Deutschen heutzutage kairos-mäßig so: "Der Außenminister hat niemals Zweifel an seiner Verantwortung für die Sicherheit Israels erkennen lassen, hat aber zugleich den Palästinensern als ehrlicher Makler gedient und damit bewiesen, dass er die Lehre eines grenzübergreifenden Humanismus verinnerlicht habe."
Mit dem Leo-Baeck-Preis, dem "Oscar für Toleranz", wird die Schauspielerin Iris Berben im Jahre 2002 "für ihr Lebenswerk der Toleranz und des Miteinanders, für Humanismus und Völkerverständigung sowie für ihr aktives Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus" geehrt. (4)
"Gedenken - handtellergroß"
Welten liegen zwischen diesem Jet-set Glamour des ZDJ und der sowohl körperlich und seelisch als auch finanziell mühseligen Arbeit des Gedenkens, wie es der Kölner Künstler Gunter Demnig und sein Freundeskreis, wie es alle Aktivisten und Paten der "Stolpersteine", der etwa 10x10 cm kleinen Messingplatten verstehen.
Rund 4000 "Stolpersteine" erinnern in 52 Städten, davon allein 750 in Berlin, an ermordete Juden, Sinti, Roma, an Homosexuelle, Kommunisten und Sozialdemokraten und deren einstigen Wohnort. Gunter Demnig beginnt sein Projekt im Jahre 1993. Inzwischen unterstützen ihn zahlreiche Bürgerinitiativen. "Auschwitz war der Ziel- und Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das Grauen", sagt Gunter Demnig zur Begründung seines Projektes. (5)
Die Stolpersteine werden inzwischen in mehreren Publikationen positiv erwähnt. (6)
Alan Mairson vom US-amerikanischen National Geographic Magazine (NGM) berichtet, im Heft vom Juni 2004, über sieben Stolpersteine für die ermordeten Mitglieder der Hamburger Familie Wolf. Der Autor zitiert Gunter Demnig: "Sie können ein Buch aufschlagen und lesen, dass die Nazis sechs Millionen Juden und fünf Millionen andere ermordet haben, aber Sie können nicht voll ermessen, was geschah. Wenn Sie aber über das Schicksal eines Mannes oder einer Frau erfahren, die in einem bestimmten Haus wohnten, ist das etwas anderes."
Alan Mairson schildert die pädagogische Wirkung, die das Projekt bei Schülern, Studenten und in den Medien hat. Gunter Demnig sagt ihm, dass einige Deutsche nichts mit den Stolpersteinen und dem Erinnern zu tun haben wollen. Ein Kölner strengt einen Prozeß an, weil durch das Anbringen der Plakette sein Haus 100 000 Euro weniger wert würde. (7)
Von einer anderen Seite argumentiert die Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland (ZJD), die Leo-Back-Preisrednerin Charlotte Knobloch. Sie wünscht nicht, dass Juden, die früher mit Stiefeln getreten wurden, erneut ihre Namen mit Stiefeln getreten und beschmutzt sehen. Auf solche Spitzfindigkeiten muß man erst kommen. (8)
Der Vizepräsident des ZJD und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Salomon Korn hingegen unterstützt in einem Brief vom Herbst 2003 das Projekt "Stolpersteine" und empfiehlt "als Beauftragter des Zentralrates der Juden in Deutschland für Gedenkstätten, Denkmäler und Mahnmale, dessen Realisierung." Das läßt auf bessere Zeiten hoffen. (6)
Die "Münchner Linie"
Auf Gunter Demnigs Web Site sind einige Argumente nachzulesen, mit denen die Verlegung weiterer Messingplatten abgelehnt wird bzw. Steine wieder entfernt werden:
Nun ist zu ergänzen, dass eine weitere Stadt zwei bereits angebrachte Stolpersteine entfernt, weil die Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland (ZJD) diese Steine für unschicklich hält, die Stadt München. Zwei einflußreiche Münchner Freunde der Frau Charlotte Knobloch sind Leo-Baeck-Preisträger: Die Schauspielerin Iris Berben, im Jahre 2002, und der ehemalige Münchner Oberbürgermeister und Bundesminister Hans-Jochen Vogel, im Jahre 2001. Beide widersprechen Charlotte Knobloch nicht. Der jetzige Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) reiht sich in die Münchner Ablehnungsfront der Charlotte Knobloch ein.
"In den meisten deutschen Großstädten ist das Projekt erwünscht, doch München lehnt es bis jetzt ab", schreibt Anne Goebel, in der Süddeutschen Zeitung. In München ist das deutschlandweit anerkannte Projekt nicht willkommen. Eine Schülerinitiative des Luisengymnasiums, in München-Bogenhausen, erforscht das Schicksal des von den Nazis ermordeten jüdischen Ehepaares Siegfried und Paula Jordan, ehemals wohnhaft in der Mauerkirchstr. 13. Die Initiative sammelt Geld für für zwei Stolpersteine, und der Künstler Gunter Demnig verlegt, am 25. Mai 2004, ohne Genehmigung zwei Steine. "Ausdrücklich gewünscht war sie (die Verlegung) von Peter Jordan, dem aus England angereisten Sohn des ermordeten Ehepaares." Weitere Münchner Bürger und Holocaust-Überlebende möchten für ihre Angehörigen Stolpersteine verlegen lassen. (9)
Die Verlegung dieser beiden Stolpersteine, wie übrigens auch die der übrigen mehr als 4000, ist mit einer umfassenden Arbeit der Erforschung der Geschichte und vor allem mit sehr viel Liebe für die ermordeten Menschen und deren überlebende Angehörige verbunden. Das Leiden der jeweiligen konkreten Menschen ist Ausgangspunkt für die Aufarbeitung unserer deutschen Geschichte. Der Sozialkunde- und Geschichtslehrer Wunibald Heigl leitet das Projekt, an dem bis zu 15 Schüler mitarbeiten. Sie erforschen das Leben der Familie Jordan und sammeln Geld und Unterschriften für die Stolpersteine. Die Überlebenden der Familie geben ihr Einverständnis zur Verlegung der Steine.
Lucia Hundt und Anya Deubel sind nun geschockt. Sie sind die beiden Münchner Schülerinnen, auf deren Initiative die Verlegung der beiden Steine vor allem zurückgeht. Das aber läßt die Gegner der Stolpersteine unbeeindruckt. Der Stadtrat räumt die beiden kleinen Gedenkplatten wieder weg. In München hält man nichts von dieser Art des Gedenkens, dort gibt es laut Oberbürgermeister Christian Ude eine "Münchner Linie", wobei er auf Charlotte Knobloch verweist. In München gibt diese Frau vor, wie entschieden wird, sie ist so eine Art bayerische Lea Rosh. Nichts ist mit dem Gedenken "Hier wohnte Fritz Jordan. Ermordet am 25.11.1941 in Kaunas" und dem daneben angebrachten Stein für Paula Jordan. Die "sogenannten Stolpersteine" müssen raus: "Klare Haltung der Stadt zur Aktion Stolpersteine". Diese Haltung steht angeblich im Einklang mit der Israelitischen Kultusgemeinde München.
Die Argumente des Oberbürgermeisters und des Stadtrats
Der Oberbürgermeister Christian Ude macht schon Anfang 2004 in einem langen Schreiben an die Befürworter der Stolpersteine die ablehnende Haltung der Stadt München deutlich. Er zählt darin die umfangreichen Leistungen der Stadt und vor allem seine eigenen Leistungen im Bereich Gedenken auf. Er erinnert darin an die Anfeindungen, die man aushalten muß, weil die "sogenannte Wehrmachtsausstellung" in der Stadt gezeigt wird.
Er zählt als Gründe für die Ablehnung von Stolpersteinen auf:
Der Oberbürgermeister entwickelt bei der Darstellung, warum das Projekt der Stolpersteine abzulehnen ist, einen bemerkenswerten Ideenreichtum. Deutsche sind schon immer Meister darin aufzuführen, warum etwas nicht geht. (10)
In München gibt es ca. 5000 jüdische Einwohner. In ganz Bayern gehören 8693 Juden zum Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und 8605 Juden zur Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie sollen gegen die Verlegung der Stolpersteine sein? Sind sie befragt worden? Haben sie sich geäußert? (11)
Der Münchner Stadtrat schließt sich, am 28. Juni 2004, mit markigen Worten dem Oberbürgermeister an:
"Der Stadtrat und die Münchner Stadtverwaltung haben sich über ein Jahr lang mehrmals intensiv mit dem Projekt ´Stolpersteine´ befasst und haben die ablehnende Haltung der Stadt München immer wieder öffentlich begründet:
Durch die ungenehmigte Verlegung der Stolpersteine in der Mauerkircherstraße sollte der Stadtrat gezwungen werden, entweder gegen seine wiederholt bestätigte innere Überzeugung den öffentlichen Straßenraum zur Verfügung zu stellen oder sich als Schänder von Gedenkstätten anprangern lassen." (12)
Die Schülerinnen werden über die Entscheidung des Stadtrates nicht einmal informiert. Sie sammeln Unterschriften und halten Mahnwachen in der Stadt ab. Der Künstler Wolfgang Kastner, der Schriftsteller Uwe Timm, die Mitglieder der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom, vertreten durch Jan Mühlstein, und andere sind auf ihrer Seite. Die Vertreter der Stadt behandeln die Schülerinnen von oben herab, vor allem die SPD-Ratsfraktion. Die beiden Schülerinnen geben nicht auf. Sie wollen mit Charlotte Knobloch sprechen. Das ist wirklich mutig von ihnen.
Christoph Oellers schreibt in der Zeitschrift des Deutschen Bundestages "Das Parlament" über die gesellschaftspolitischen Aktivitäten des Luisengymnasiums. Es gilt als "links". Es ist Mitglied eines europaweiten Netzwerkes von Schulen, die gegen Rassismus und Diskriminierung arbeiten.(13)
Zwei CSU-Stadträte gegen die Stolpersteine
Bereits im Februar 2004 äußern sich die beiden CSU-Stadträte Marian Offman und Richard Quaas gegen das Projekt. Sie sind für Gedenkveranstaltungen, es gibt ein "Memobuch" über die "Lebens- und Leidensgeschichte von 2200 jüdischen Münchnerinnen und Münchnern, die Opfer der Shoah wurden", ein weiterer Band ist in Vorbereitung. Diese Memobücher hielten die Erinnerung in würdiger Form wach. Die beiden Stadträte teilen mit, deshalb demnächst den Antrag zu stellen, diese Bücher in allen Münchner Bibliotheken, einschließlich der Stadtbibliotheken zur Verfügung zu stellen. Da verstauben sie gut. Bei Gedenkveranstaltungen können große Reden geschwungen ("Nie wieder Auschwitz!") und erlauchtes Jet-set Publikum eingeladen werden, anschließend gibt es Häppchen und Champagner Veuve Durand.
Richard Quaas und Marian Offman meinen, die Stolpersteine könnten der Vielzahl der Opfer nicht gerecht werden. Da denken sie vielleicht auch an die allein jüdischen Holocaust-Opfern gewidmeten 2751 Berliner Stelen, "den grauen, gewollt schlingernden Betonwald", wie Rafael Seligmann sie treffend bezeichnet. Die sind gewichtsmäßig und finanziell von ganz anderem Kaliber als solch eine 10x10 cm kleine Messingplatte, die pro Stück 95 Euro kostet. (14)
Ohne Gigantomanie und großen Pomp, gepudert mit Glamour aus dem Show Bizz, gehen eben weder ordentliche Judenehrung und -vertretung noch Preisverleihungen ab. Es werden Reden geschwungen, und Memobücher in Bibliotheken vorrätig gehalten, neben Harry Potter, "Der Brand" und "Der Untergang".
Solche Art der Repräsentation der Juden, des Gedenkens und der Würdigung von Menschen und Ereignissen könnte durch die kleinen Stolpersteine, das Stück zu 95 Euro, in Frage gestellt, reduziert oder gar abgeschafft werden. Das viele Millionen Euro teure unsägliche Mahnmal in Berlin ebenfalls. Gegenseitige Lobhudelei der Preisverleiher und -empfänger fiele aus. Heuchlerische oder aufgeplusterte Festreden bräuchten nicht gehalten zu werden. Die Vereinigungen der Juden in Deutschland, angeführt vom ZDJ, hätten viel mehr Zeit, sich um wesentliche Themen zu kümmern. Es käme auch deutlicher zum Vorschein, wie es wirklich mit der Integration der Juden in Deutschland bestellt ist, nämlich schlecht. Man sieht das auch am Verhalten der Vertreter der Stadt München in der Frage der Verlegung der Stolpersteine. Diese kosten die Stadt nichts, alle Kosten werden von "Paten" übernommen.
Warum also sind sie nicht genehm? Sie stellen den Betrachter vor unangenehme Fragen. Warum denn will ein Kölner keinen Stein des Anstoßes vor seinem Haus? Vielleicht ist es im Zuge der Arisierung für einen lächerlichen Betrag in den Besitz seiner Eltern übergegangen. Getuschel könnte aufkommen über Besitzrechte. Leute könnten sich erinnern, was ihnen ihre Großmutter über die Nachbarn erzählt hat, die plötzlich in eine Wohnung ziehen, aus der die Gestapo die jüdischen Bewohner eines frühen Morgens abholt.
Jeder einzelne Stolperstein bringt verdrängte Wahrheiten und Erinnerungen zum Stolpern und ans Licht. Das soll vermieden werden. Es muß endlich Schluß sein mit der Vergangenheit, die wird in offiziellen Veranstaltungen entsorgt. Schüler könnten bei ihrer Stolpersteinaktion Dokumente ausgraben, die keiner mehr gern sieht, beispielsweise, wer alles beteiligt war an der Verfolgung und Ermordung der Juden Europas: die Bewohner des Hauses, der Straße, der Stadt, fast ganz Deutschland und Oesterreich. Fast alle, die nie etwas gewußt haben.
Die Stolpersteine sind im Gegensatz zu Fest- und Gedenkreden immer da. Sie erinnern an konkrete Sachverhalte. Die Stolpersteine holen die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft aus dem Vergessen, das Gedenken hat in jedem Fall einen Namen. Weitere Namen können mosaikartig assoziiert werden. Es ist nicht wie bei dem Berliner Stelenfeld, dass nicht die Anonymität der Opfer aufhebt, sondern den Besuchern heute einen Ort zur Entwicklung großer Gefühle, die Möglichkeit der Identifizierung mit den Opfern bereitstellt und sie damit ihrer Verantwortung enthebt: vom Sohn und Enkel des begeisterten Nazi-Parteigenossen zum Binjamin Wilkomirski. (15)
Obermayer German Jewish History Award
Am 27. Januar 2004, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, hält Charlotte Knobloch in Berlin eine Rede zur Verleihung des seit dem Jahr 2000 jährlich vergebenen "Obermayer German Jewish History Award". Sie würdigt darin die Arbeit der Preisträger. Die Arbeit der Preisträgerin Christiane Walesch-Schneller beschreibt sie sehr treffend so:
"Im ,Blauen Haus´ in Breisach treffen sich wieder Menschen und plötzlich kehrt auch das Interesse für die zerstörte jüdische Gemeinde der Stadt zurück ... Es ist somit erstmals wieder erlebbar, dass es jüdisches Leben gab, und welche nicht zu füllende Lücke der Holocaust hinterlassen hat."
Das "Blaue Haus" ist das ehemalige jüdische Gemeindehaus von Breisach, bis 1940. Christiane Walesch-Schneller gründet einen Verein zum Erhalt des Hauses, verhindert seinen Abriß und mit den Vereinsmitgliedern sorgt sie dafür, dass es wieder aufgebaut wird. Heute ist es "ein Ort der Forschung und der Kultur sowie eine Anlaufstelle für deutsche und ausländische Juden, die Wurzeln in Breisach haben oder an dem Projekt interessiert sind," sagt Charlotte Knobloch.
Der Award wird jährlich von der Obermayer Foundation vergeben, die ihren Sitz in einem Vorort von Boston, in Newton, Massachusetts hat. Mit dem Preis "werden deutsche Bürger geehrt, die auf freiwilliger Basis besondere Beiträge leisteten, um die jüdische Geschichte, Kultur und überlieferte Zeugnisse ihrer Gemeinden zu bewahren." Die Kandidaten für diesen Preis werden weltweit vorgeschlagen, "besonders von Juden, die diesen Deutschen für ihre hingebungsvolle, ausgezeichnete Arbeit Dank und Anerkennung zollen möchten", schreibt die Obermayer Foundation über die "Ehrung der Ausgezeichneten".
Gründer der Stiftung ist der Unternehmer Dr. Arthur Obermayer, Vorstandsmitglied der Amerikanisch-Jüdischen Gesellschaft. Seine Vorfahren stammen aus Deutschland, jüdische Mitglieder seiner Familie müssen in den 30er Jahren Deutschland verlassen. Er gründet das Jüdische Museum zu Creglingen, der Heimatstadt seiner Vorfahren. Bei seinen Besuchen in Deutschland trifft er "Deutsche, die sich in ihren Gemeinden darum bemühten, jüdisches Leben wiederherzustellen. Diese Erfahrung veranlasste den amerikanischen Geschäftsmann, die Obermayer Foundation zu gründen. Er will mit der Preisverleihung ein Zeichen setzen und das Ansehen der Deutschen im Ausland verbessern", schreibt Veronika Burget, in der Badischen Zeitung. (16)
Es wird Charlotte Knobloch, der Festrednerin, vom 27. Januar 2004, nicht unbekannt sein, wen die Obermayer Foundation mit dem Award 2005 bedenken wird. Man kann wohl davon ausgehen, dass nicht nur Anne Goebel, von der Süddeutschen Zeitung, darüber informiert wird.
Charlotte Knobloch ist gewiß nicht einverstanden mit mindestens einem der diesjährigen Preisträger des "Obermayer German Jewish History Award". Den erhält nämlich im Berliner Abgeordnetenhaus als einer von fünfen, am 27. Januar 2005, der Kölner Künstler und Schöpfer der Stolpersteine Gunter Demnig. "Der Preis ist einer der höchsten internationalen Auszeichnungen, die von jüdischen Organisationen in den USA vergeben werden", schreibt Anne Goebel, am 23. Dezember 2004.
Dennoch macht Charlotte Knobloch nicht halt in ihrem Feldzug gegen die Stolpersteine. Sie beschimpft die Befürworter auf einer offiziellen Gedenkfeier auf dem Münchner Jacobsplatz als "Gedenk-Täter". Sie beschimpft damit auch die Obermayer Foundation und die Personen, die Gunter Demnig vorschlagen.
Bei der Entzündung des achten Lichtes des Chanukka-Festes nutzt sie im Beisein des Oberbürgermeisters Christian Ude die Gelegenheit, um erneut scharfe Kritik an den Untersützern der Stolpersteine zu üben. Jüdische und nichtjüdische Unterstützer des Münchner Stolpersteinprojektes sind entsetzt. Welch einen Haß muß diese Frau auf Gunter Demnig haben, dass sie das Lichterfest zu solchem Schmäh mißbraucht! (17)
Die Schilderung von Nicolaus Neumann mag einen Eindruck geben über die Wirkung der Stolpersteine bei den Angehörigen der aus den Häusern und Wohnungen verschleppten und ermordeten Juden:
"Erschüttert verfolgt die 82-jährige israelische Professorin Miriam Gillis-Carlebach - die älteste Tochter der Carlebachs war als 16-jährige Touristin nach Palästina gereist und so dem KZ entkommen -, wie Gunter Demnig die Gedenksteine festklopft und das Kiesbett rundherum glättet. ´Ich bin überfordert, wenn ich meine Gefühle zu den Steinen ausdrücken soll. Sie erinnern an die Geschichte und daran, dass in diesem Haus einmal Menschen sehr glücklich gelebt haben.´
Die alte Dame ist für diesen Augenblick, den sie einen ´Gnadenblick vom Himmel´ nennt, eigens aus Israel angereist...."
Gunter Demnig erhält für seine Arbeit in Hamburg, im April 2004, den Max-Brauer-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Mit dem Preisgeld von 15 000 Euro finanziert er einen Hamburger Stolperstein-Stadtplan und eine Dokumentation über seine Kunstaktion. (18)
Der Hamburger Kunstsammler Peter Hess, "einer der erfolgreichsten Stolperstein-Aktivisten" hofft, "dass die Stolpersteine eines Tages das größte ´dezentrale Mahnmal Europas´ sein werden". In Deutschlands Nachbarländern gibt es diesbezüglich noch einige Schwierigkeiten zu überwinden - und in Deutschland auch.
Gunter Demnigs Projekt erfährt hauptsächlich deshalb Widerstand, weil es vom abstrakten namenlosen Gedenken übergeht zu den konkreten Schicksalen. An den Einzelfällen werden die Ausmaße des Verbrechens deutlich. Die ermordeten Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen, Kommunisten und Sozialdemokraten gehen nicht in einem wogenden Stelenmeer unter, das eh nur für das Gedenken an die ermordeten Juden wogt, sondern die Menschen können sich etwas vorstellen, sie werden gefordert dadurch, dass das Gedächtnis an jeden einzelnen und jede einzelne wachgerufen wird. Es ist richtig, dass nicht sechs Millionen Stolpersteine verlegt werden können, das weiß der den Künstler bei dessen Projekt unterstützende Kölner Citykirchenpfarrer Kurt-Werner Pick schon 1993, aber die bereits vorhandenen sind wie Knotenpunkte in einem Netzwerk der Erinnerung. Reden halten, Kränze niederlegen, 2751 Betonstelen errichten, das sind große Gesten, hinter denen sich verstecken kann, wer will.
Beispielsweise Christian Ude, der sich nicht schämt, die beiden vor der Mauerkirchstraße 13 verlegten und in seinem Auftrag entfernten Stolpersteine auf dem jüdischen Friedhof (!) deponieren zu lassen. Da liegen sie jetzt und verkünden: "Hier wohnte Fritz Jordan. Ermordet am 25.11.1941 in Kaunas".
Der in London lebende Sohn Peter Jordan ist verbittert. Den Umzug der beiden Steine nennt er eine "zweite Deportation". (19)
Möge es Gunter Demnig und seiner Lebensgefährtin und Projektmitarbeiterin Uta Franke sowie allen Stolperstein-Aktivisten und "Paten" gelingen, noch viele Stolpersteine in Europa zu verlegen. Mögen sie alle Kraft genug haben, Hindernisse wie die in München zu überwinden und sich nicht unterkriegen zu lassen!
9. Januar 2005
Quellen
(1) Leo-Baeck-Preis. Zentralrat der Juden in Deutschland
http://www.zentralratdjuden.de/lbp.htm
(2) BegrüßungsRede der Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, anläßlich der Leo-Baeck-Preis-Verleihung, am 17. September 2003 in Berlin, an Dr. h.c. Ralph Giordano
http://www.zentralratdjuden.de/down/Rede_Ch_Knobloch_lbp2003 .pdf
(3) Joschka Fischer
http://de.wikipedia.org/wiki/Joschka_Fischer
(4) Leo-Baeck-Preis 2004
http://www.zentralratdjuden.de/lbp.htm
(5) Hier wohnte 1933 - 1945. Ein Kunstprojekt für Europa, von Gunter Demnig
http://www.stolpersteine.com/
Gedenken - handtellergroß. Von Tilman Steffen. Sonntagsblatt Bayern Nr. 46, vom 14. November 2004
http://www.sonntagsblatt-bayern.de/news/aktuell/2004_46_21_0 1.htm
(6) Stolpersteine. Die Chronik
http://www.stolpersteine.com/chronik.htm
(7) Embedded Memories, by Alan Mairson. National Geographic Magazine, June 2004
http://magma.nationalgeographic.com/ngm/0406/resources_geo.h tml
Mahnmale im Gehsteigpflaster. Susanne Gilges, National Geographic Deutschland, September 2003
http://www.nationalgeographic.de/php/magazin/redaktion/2003/ 09/redaktion_geographica.htm
(8) Keramikplatten und Stolpersteine. Verschiedene Arten des Gedenkens
http://www.eussner.net/artikel_2004-09-25_21-17-15.html
(9) Neue Diskussion über die "Stolpersteine". Anne Goebel, Sueddeutsche.de, 13. Juni 2004
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/324/33291/
(10) Klare Haltung der Stadt zur Aktion Stolpersteine. Rathaus-Umschau, 25. Mai 2004
http://www.muenchen.de/Rathaus/dir/presse/archiv/2004/presse mitteilungen/90743/stolperstein.html
(11) Zentralrat der Juden in Deutschland. Mitglieder
http://www.zentralratdjuden.de/mitglieder.htm
(12) "Stolpersteine": Ältestenrat weist Vorwürfe zurück. 28. Juni 2004
http://www.muenchen.de/Rathaus/dir/presse/archiv/2004/presse mitteilungen/97751/stolpersteine.html
(13) Christoph Oellers: Zivilcourage als Unterrichtsfach fürs Leben. Schülerinnen kämpfen um Stolpersteine des Gedenkens. Das Parlament 29-30/2004
http://www.das-parlament.de/2004/29-30/JugendimDialog/002.ht ml
(14) Offman und Quaas gegen "Stolpersteine". Anne Goebel, Sueddeutsche.de, 9. Februar 2004.
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/371/26345/
(15) Der Fall Wilkomirski. Perlentaucher.de, Sommer 2000
http://www.perlentaucher.de/buch/2409.html
(16) Mutig die Vergangenheit meistern. Award für Walesch-Schneller. Veronika Burget, Badische Zeitung, 29. Januar 2004
http://www.juedisches-leben-in-breisach.de/bz-breisach-29-01 -2004.html
Obermayer German Jewish History Award 2004. Booklet
http://www.obermayer.us/award/2004/O-German-2738_04.pdf
(17) Sensibles Thema, scharfer Ton. Stolpersteine: Knobloch nennt Befürworter "Gedenk-Täter". Anne Goebel, Süddeutsche Zeitung, 23. Dezember 2004
(18) Stolpersteine. Alfred-Toepfer-Stiftung F.V.S. ehrt das Bürgerengagement für die "Stolpersteine". blankenese.de - Die Welt mit Elbclick
http://www.blankenese.de/magazin/aufgrund/judeninblankenese/ stolpersteine
Alfred-Toepfer-Stiftung F.V.S.
http://www.toepfer-fvs.de
(19) Stolpersteine - ein Denkmal sucht Paten. Der Spurenleger, von Nicolaus Neumann. Art- Das Kunstmagazin Online
http://www.art-magazin.de/cgi-bin/news/Kolumne.cgi