
Die Francophonie oder: Es gibt keine französische Afrikapolitik mehr
Patrick Girard, 55 Jahre, ist Auslandskorrespondent der "Marianne". Nachdem er etwa zwanzig Jahre in Afrika aufwuchs, war er Chefredakteur der Zeitschrift "Jeune Afrique". Er ist Autor zahlreicher Werke, eines davon, über Afrika, wird im März erscheinen. (1) Seine umfassende Kenntnis des schwarzen Kontinents und dessen wichtigster Herrscher macht ihn zu einem klugen Beobachter der französischen Politik in Afrika.
Wie sehen Sie gegenwärtig die Entwicklung der französischen Afrikapolitik?
Es gibt seit Jahren keine französische Politik in Afrika. Man erhält die Quittung für das Fehlen einer kurz-, mittel- und langfristigen Vorstellung von unseren Beziehungen zu diesem Kontinent. Das ist die Konsequenz des Prozesses der Gleichgültigkeit, wie sie Ende der 70er Jahre eingeleitet wurde. Nach dem System Foccart (Anm.: ehemaliger Generalsekretär im Präsidialamt der Republik für die Französisch-afrikanische Gemeinschaft und die Afrikanischen und Madagassischen Angelegenheiten) hat man es nicht verstanden, neue Formen der Beziehungen zu schaffen, und seit der Zeit treibt man in der Improvisation. Die Krise in der Elfenbeinküste ist das Anzeichen dieser Nachlässigkeit.
Wie sehen Sie die Zukunft der Elfenbeinküste?
Ich denke, daß man sich hin bewegt zu einer Neuauflage von Ruanda. Ich habe dort vor und während des Genozids gelebt und finde deshalb in der Elfenbeinküste alle Bestandteile wieder, die den Erfolg dieser Schlächterei ausmachten. Es gibt ein verrücktes Ehepaar wie in Ruanda und junge Patrioten, wie es die Milizen in Ruanda gab. In beiden Fällen läßt man die Weißen das Land verlassen, das heißt, man sagt den Einheimischen, daß sie sich gegenseitig massakrieren können. Alles das ist vorhanden.
Wie ist das Angebot Großbritanniens zu einem "Marschallplan für Afrika" einzuschätzen?
Unsere britischen Freunde haben damit gezielt Jacques Chirac getroffen. Der Vorschlag von Gordon Brown ist total undurchführbar, die Briten setzten einfach erstmalig freiwillig wieder einen Fuß nach Afrika und wurden sehr vorteilhaft empfangen. Die Briten werden bald die EU-Präsidentschaft einnehmen, und sie werden diesen Plan Brown auf dem G8-Gipfel vorstellen. Sie haben den Afrikanern gesagt: "Wir schlagen vor, die Schulden zu streichen" usw. Was machen die Franzosen in Gestalt des Michel Barnier? Sie sagen schlicht, der Plan gehe nicht weit genug, und es brauche auch eine Besteuerung der Kapitalbewegungen. Nur, daß der Plan Brown in den Augen der Afrikaner viel wirksamer ist.
Wird Afrika gegenüber dieser britischen Politik zunehmend empfänglich sein?
Die Afrikaner sind empfänglich für konkrete Hilfen, die sie bekommen. Nun müssen sie aber feststellen, daß die französische Entwicklungshilfe, die sie erhalten, sich seit den 70er Jahren halbiert hat. Die afrikanischen Staaten urteilen nach Lage der Dinge (...) Man kann globalisierungskritische Politik oder "Che-Chirac" betreiben, wenn dem aber keine Handlungen folgen, sehe ich nicht, wozu das dient.
Da Frankreich also kulturelle, wirtschaftliche und Migrationsinteressen in Afrika hat, wie erklären Sie sich diese Gleichgültigkeit?
Dieser Kontinent war nur von Interesse im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg. Von Vietnam abgesehen, haben die wahren Kriege dieser Periode in Afrika stattgefunden, in Zaïre, in Äthiopien, Mosambik, Angola usw. Man hat sich in den 60er Jahren Afrikas wegen der Ressourcen wie Kakao, Baumwolle, Kaffee, Erdnüsse usw. bedient. Inzwischen kann man das alles in anderen Ländern billiger haben. Seit 1981 hat es keinen Besuch eines französischen Handelsministers in Afrika mehr gegeben. Die Investitionen in Afrika, einschließlich Südafrika, betragen ein Prozent des Weltbruttosozialproduktes. Der einzige Kontinent, mit dem die Wirtschaftsbeziehungen geringer sind, ist die Antarktis. Es gibt keine als solche zu bezeichnende französische Politik mehr in Afrika. Man greift zurück auf eine Krämerpolitik, wie im 17. und 18. Jahrhundert. Was zählt, ist die Gewährleistung der Sicherheit der Auslandsfranzosen und der Unternehmen an einigen Stellen der Küste: die Erdölvorkommen im Golf von Guinea, die Touristenorte im Senegal und ein unbestimmter Straßenkorridor, der es gestattet, sich mit den Diamanten der Republik Kongo zu versorgen.
Gibt es nicht eine Art Heuchelei bezüglich der sogenannten kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und Afrika?
Selbstverständlich. Man kleidet das in die traditionellen Ansprachen über die französisch-afrikanische kulturelle Gemeinschaft oder die Francophonie, ganz vergessend, daß die afrikanischen Studenten keinerlei Probleme haben, ein Visum zum Studium in Großbritannien oder in den USA zu erhalten, während sie sich einem wahren Hindernislauf ausgesetzt sehen, um ein Visum für Frankreich zu erhalten. Man muß sich anschließend nicht über die Rückläufigkeit der Francophonie wundern. Wir stehen schon mit dem Rücken zur Wand, aber da wir korrekte und wohlerzogene Leute sind, verkleidet man das in unsere alte imperiale Mystik. Dagegen halte ich, daß dies einen starken Widerwillen gegen Frankreich hervorruft, einen Rassismus gegen die Weißen, wofür man eines Tages den Preis zu zahlen haben wird.
Sie haben eine sehr strenge Sicht auf Afrika ...
Das ist leider nur die Widerspiegelung der Realitäten. Diallo, der Vizepräsident von "Jeune Afrique" war und anschließend Führer der guineïschen Opposition wurde, bevor er 2002 starb, sagte: "En Afrique, il n´y a que le bois qui travaille, que le miroir qui réfléchit, que la forêt qui est vierge et qu´Air Afrique qui ne vole pas." (2) Heute gibt es in Afrika einen Tsunami pro Monat: Monatlich ungefähr 250 000 Kinder sterben an Malaria. Wen interessiert es? Seit 1998 läuft in der Demokratischen Republik Kongo ab, was der erste afrikanische Weltkrieg genannt wird, der drei Millionen Tote und fünf Millionen Vertriebene zur Folge hat. Wer hat davon berichten gehört? Eine kongolesische Stadt mit einer solchen Anzahl Toter oder mehr interessiert viel weniger als ein palästinensisches Dorf oder eine Stadt im Irak. Auch das ist die Realität.
Interview Jérôme Damoison mit Patrick Girard (3)
Übersetzung: 4. Februar 2005
(1) Patrick Girard: Afrique, continent sacrifié. Éditions de l´Archipel, mars 2005
(2) In Afrika arbeitet nur das Holz (arbeiten im doppelten Sinne), reflektiert nur der Spiegel (Wortspiel mit réfléchir = widerspiegeln oder nachdenken), ist nur der Wald unberührt, unbezwungen (Wortspiel mit forêt vierge = Urwald), und nur die Air Afrique, die nicht fliegt (Wortspiel mit voler = fliegen oder stehlen)
(3) Patrick Girard: "Il n´ya plus de politique française". Recueilli par Jérôme Damaison, ACTU. L´Indépendant, vendredi 4 février 2005, page 15
"La Francophonie":
Ougadougou 2004 im Fieber der Vorbereitungen zum Zehnten Gipfel der Francophonie - Eine Blütenlese. Stand: 26. November 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-11-25_19-57-33.html
Ouagadougou und die parlamentarische Versammlung der Francophonie. 28. November 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-11-28_01-57-05.html
Die Francophonie und die neueste Resolution über den Nahen Osten. Stand: 4./5. Dezember 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-12-04_23-51-54.html