
Antisemitismus in Frankreich und kein Ende ...
"Frankreich verzeichnet markante Zunahme rassistischer Übergriffe", schreibt Jochen Hehn in der "Welt", am 22. März 2005. Er bezieht sich auf den Jahresbericht der Commission nationale consultative des droits de l´Homme (CNCDH), der Nationalen Beratungskommission für Menschenrechte.
Der Autor weiß auch sofort, wo es am schlimmsten zugeht, nämlich bei den Übergriffen auf muslimische Einwanderer: "Die stärkste Zunahme wurde bei Übergriffen auf muslimische Einwanderer, meist nordafrikanischer Herkunft, registriert. Sie haben sich von 232 im Jahr 2003 auf 595 im letzten Jahr mehr als verdoppelt." Dann erst geht er zu den Angriffen auf Juden über: "Zahlenmäßig die meisten Drohungen und Straftaten werden aber nach wie vor gegen die jüdische Bevölkerung verübt. So stieg die Zahl antisemitischer Akte von 601 im Jahr 2003 auf 970 im letzten Jahr." Die werden von da an im Rest des Artikels gar nicht mehr erwähnt, sondern "Rassismus und Antisemitismus an Schulen", also beides wird zusammengefaßt, und zum Täterprofil heißt es, es weise "dem rechtsextremen Umfeld eine Schlüsselrolle zu".
Weder Antisemitismus von linksradikaler Seite noch aus den Kreisen der arabischstämmigen Immigranten und deren Kinder kommt in dem Artikel vor. (1)
Diese Einseitigkeit ist nicht allein dem Autor der "Welt" anzulasten. Abgesehen davon, daß der Bericht erst am 21. März vom Präsidenten des CNCDH Joël Thoraval an den französischen Premierminister übergeben wird und noch nicht auf der Web Site der Kommission einzusehen ist, lassen sich auch die französischen Medien viele Zeilen Zeit, bevor sie auf den Antisemitismus kommen. Rassistische und antisemitische Übergriffe werden von der linken, ehemals maoistischen und inzwischen zu einer Art Regierungszeitung mutierten "Libération" gemeinsam abgehandelt, es seien im Jahre 2004, Gewalttaten und Drohungen zusammen genommen, 1565 - 87 Prozent mehr als im Jahre 2003 (833). Auch bei den Schändungen muslimischer und jüdischer Friedhöfe wird nicht differenziert, es habe 65 Schändungen gegeben, gegenüber 44 im Jahre 2003, sie hätten vor allem im Elsaß stattgefunden.
Dann wird über den Anstieg der Gewalttaten und Bedrohungen an Schulen berichtet, ebenfalls undifferenziert, und ohne jeden Hinweis auf die Herkunft der Täter.
Nachdem der Leser so einen Zahlenwust konsumiert hat, heißt es: "Die im Jahre 2004 registrierten 970 antisemitischen Taten bedeuten einen Anstieg von 61,4 Prozent gegenüber 2003. Sie machen 62 Prozent aller bekanntgewordenen rassistischen Ausschreitungen aus. Die Schwere der antisemitischen Gewalt steigt mit 117 körperlichen Aggressionen an, wobei 53 davon an Kindern verübt werden. Sie haben im letzten Jahr 36 Verwundete, gegenüber 22 im Jahre 2003 und 18 im Jahre 2002 verursacht.
Die antisemitischen und revisionistischen Drohungen sind ebenfalls angestiegen, von 474 im Jahre 2003 auf 750 im Jahre 2004." (2)
Weder Jochen Hehn noch die "Libération" machen auch nur den geringsten Versuch, den Lesern diese Zahlen in Zusammenhängen zu erklären. Beispielsweise stehen 970 Ausschreitungen gegen Juden 595 gegen Muslime gegenüber. In Frankreich leben ca. 700 000 Juden und 5 Millionen arabischstämmige Muslime.
Die Aggressionen in Schulen gehen zu einem großen Prozentsatz auf das Konto von arabischstämmigen Schülern gegen ihre jüdischen Mitschüler. Davon liest man kein Wort. Die Zeitungsberichte des Jahres 2004 scheinen vergessen. "Rassismus und Antisemitismus fallen nicht unter die Freiheit der Meinungsäußerung, sondern sie sind ein Straftatbestand", sagt Joël Thoraval subsumierend.
So kommt die "Libération" umgehend und mit sehr mißverständlichen Formulierungen wieder zurück zu den Taten des Rassismus und der Xenophobie, die, mehrheitlich gegen Maghrebiner verübt, um das 2,5-fache angestiegen seien, von 232 Taten im Jahre 2003 auf 595 Taten im Jahre 2004. Wie es dort steht, sieht nur derjenige, der sehr genau und konzentriert liest und ein gutes Zahlengedächtnis hat, daß es nicht heißen soll, die meisten Taten insgesamt, sondern nur die nicht gegen Juden gerichteten Taten seien mehrheitlich gegen Maghrebiner gerichtet und um das 2,5-fache angestiegen.
Das Ergebnis dieser spitzfindigen Formulierung findet sich dann im Artikel des Jochen Hehn wieder, der sofort auf die "mehr als verdoppelten" Taten gegen die Muslime eingeht.
Der konservative "Figaro", jetzt im Mehrheitsbesitz von Serge Dassault, ist genauer in seiner Berichterstattung. Er behält noch am 22. März den Antisemitismus in der Überschrift des Artikels. Die neuesten Ausgaben der "Libération", des "Nouvel Observateur" und der "Le Monde" lassen nur wenige Stunden, im Fall der "Le Monde" eine Stunde nach der ersten Berichterstattung den Antisemitismus in der Überschrift der aktualisierten Ausgaben wegfallen. Bei der "Welt" und bei der kommunistischen "L´Humanité" kommt er gar nicht erst vor. "L´Humanité" titelt unverbindlich: "Die rassistische Gewalt verdoppelt sich in Frankreich". Man kann die französischen Medien, zumindest was die Berichterstattung über den Antisemitismus angeht, als gleichgeschaltet ansehen.
Cécilia Gabizon stellt im "Figaro" als einzige Zusammenhänge her:
"Die Juden, die 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wurden Opfer von 117 Aggressionen, davon 53 gegen Kinder. Insgesamt wurden 36 Juden verletzt, gegenüber 22 im Jahre 2003.
Diesem plötzlichen Anstieg gegenüber zeigt sich der Sekretär der CNCDH Gérard Fellous ratlos: ´Die antisemitischen Ausschreitungen scheinen nicht mehr mit der aktuellen internationalen Lage verbunden zu sein. Der Antisemitismus richtet sich auf hohem Niveau auf fortwährende nachhaltige Weise ein.´ "
Cécilia Gabizon zitiert den CRIF, der befürchte, daß es sich nicht mehr um ein konjunkturelles, sondern um ein strukturelles Phänomen handele.
"Le Figaro" berichtet auch detaillierter als die "Libération" über die Ausschreitungen gegen die Muslime. "Le Figaro" berichtet wie die "Welt" über eine Umfrage des Institut d´études de marché et d´opinion (BVA), angeblich vom November 2004, für die CNCDH. Eine solche Studie findet sich nicht im Internet, wohl aber eine Befragung zu "Xénophobie, antisémitisme, racisme et anti-racisme en France", durchgeführt von BVA im Auftrag der CNCDH und des Service d´information du Gouvernement, vom 24. November bis 5. Dezember 2003. Allein diese Befragung und keine andere wird erwähnt in BVA Actualité, vom Januar 2005: "L´Opinion en Question: Les Français et la question de l´intégration des étrangers", Meinungsumfrage: Die Franzosen und die Frage der Integration der Ausländer. (3)
Es gibt dann noch die Zusammenfassung einer BVA-Umfrage für dieselben Auftraggeber, die angeblich ebenfalls vom 24. November bis 5. Dezember durchgeführt wurde, allerdings im Jahre 2002. So steht es auf dem Titelblatt. Im Text ist dann aber die Rede von der schon erwähnten "sondage de 2003", so daß es kein Wunder ist, wenn die französischen Medien mit den Daten nicht mehr klar kommen.
Jedenfalls meinen die Franzosen entgegen den vorliegenden Tatsachen, daß Nordafrikaner und Muslime (46%) sowie Immigranten (18%) zu einem höheren Prozentsatz Opfer von Rassismus und Diskriminierung seien als Juden (15%). Der Bericht streicht positiv heraus (!), daß die Franzosen im Jahre 2003 sehr viel sensibler (+10% im Vergleich zu 2002) für die Tatsache seien, daß die Juden Opfer von Diskriminierungen sind.
Entsprechend äußern die befragten Franzosen zu 48 Prozent, daß sie Zeugen von antimuslimischen, zu 55 Prozent, daß sie Zeugen von anti-arabischen und nur zu 31 Prozent, daß sie Zeugen von antisemitischen Ausschreitungen gewesen seien. Auch dies widerspricht, was die Anzahl der antisemitischen Ausschreitungen angeht, den vorliegenden Tatsachen, und es kann nur so erklärt werden, daß die meisten Taten ohne Zeugen stattfinden, oder aber die Franzosen entweder wegschauen oder die Taten, wenn sie deren Zeugen werden, nicht als antisemitisch einschätzen. (4)
Nach dieser Umfrage seien diejenigen Franzosen immer zahlreicher, die eine Anwesenheit von Menschen anderer Nationalität als der französischen (40%), anderer Herkunft als aus Frankreich (36%) und einer anderen Religion (29%) "bereichernd" finden. Nur 22 Prozent empfänden allerdings die Anwesenheit von Muslimen in Frankreich als "bereichernd". Die Prozentzahlen sind nur im "Figaro" erwähnt. Beide Zeitungen scheinen dieses Ergebnis offensichtlich als positiv zu empfinden: "Les Français seraient pourtant de moins en moins racistes" meint Cécilia Gabizon trotz dieser erschütternden Ergebnisse.
Denn was ist daran positiv, daß nur 29 Prozent der Befragten Menschen einer anderen Religion als bereichernd empfinden und nur 22 Prozent Muslime? Nach der Anwesenheit von Muslimen ist getrennt gefragt worden, ob auch nach der von Juden, ist aus dem Bericht des "Figaro" nicht ersichtlich. Der Bericht sagt aus, daß nach der Anwesenheit von Juden nicht gefragt wurde. Gefragt wird aber danach, was die Franzosen von Juden und Muslimen meinen, und was sie darüber meinen, wie sich die Juden und Muslime Frankreichs selbst wahrnehmen.
63 Prozent der Befragten sind "tout à fait d´accord", voll einverstanden mit der Aussage, die jüdischen Franzosen seien Franzosen wie alle anderen, 26 Prozent sind "plutôt d´accord", etwa im großen und ganzen einverstanden.
45 Prozent der Befragten sind "tout à fait d´accord", voll einverstanden mit der Aussage, die muslimischen Franzosen seien Franzosen wie alle anderen, 30 Prozent sind "plutôt d´accord", etwa im großen und ganzen einverstanden.
25 Prozent meinen, die jüdischen Franzosen hielten sich zuerst für Juden, 9 Prozent, sie hielten sich zuerst für Franzosen und 56 Prozent, sie hielten sich in gleicher Weise für Juden und Franzosen.
45 Prozent meinen, die muslimischen Franzosen hielten sich zuerst für Muslime, 5 Prozent, sie hielten sich zuerst für Franzosen und 44 Prozent, sie hielten sich in gleicher Weise für Muslime und Franzosen.
Die Umfragen zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich zum größten Teil mit den Problemen der Muslime und der arabischstämmigen Immigranten befassen, was sich zwar bei der mehr als siebenfachen Anzahl von Muslimen im Verhältnis zu Juden nahelegen mag, die tatsächlichen Ausschreitungen gegen Juden sind aber absolut höher, was die Ausarbeitung und Gewichtung der Fragestellungen jedoch nicht beeinflußt. (5)
Wie nicht anders zu erwarten, werden die tristen Ergebnissse des Jahresberichtes 2004 der CNCDH sofort von einigen Medien geschönt und heruntergepielt. Von der "L´Humanité" erfährt man durch die Soziologin des Centre de recherche politique de Sciences Po (CEVIPOF) (6) Nonna Meyer, daß die rassistische Meinung in Frankreich nicht im Vormarsch sei. "Im Gegenteil". Die Soziologin stellt die nicht von der CNCDH, sondern von Polizei und Gendarmerie zusammengestellten Statistiken in Frage. Heutzutage würden sich auch mehr Opfer melden als früher. Es bestehe eine "Opferkonkurrenz". Dann redet die Soziologin Nonna Meyer die Aggressionen gegen die Juden klein und die gegen die Maghrebiner groß, wobei Juden im Gegensatz zu Maghrebinern und Muslimen substantivisch nicht vorkommen, sondern nur adjektivisch, als "jüdisch", und zusammen mit "muslimisch": "la multiplication des profanations de lieux de culte et de cimetières juifs et musulmans", die Vervielfachung der Schändungen der jüdischen und muslimischen Orte des Kultes und der Friedhöfe. Sie sagt:
"Gemäß dem Bericht stellt der Antisemitismus immer noch einen überwiegenden Teil der rassistischen Akte und Drohungen dar, aber ein bißchen weniger als im letzten Jahr. Es gibt also einen Anstieg der im wesentlichen an die Debatte über den Platz des Islam in der französischen Gesellschaft und der Abstimmung über das Kopftuchgesetz gebundenen rassistischen Aggressionen gegen die Maghrebiner oder Muslime."
Selbstverständlich kommen für sie diese Aggressionen von den Rechtsextremen und ihren zahlreichen internen Querelen, von Neo-Nazis und Skinheads, die früher unter dem Schirm des Front National gehalten worden seien. Von linksradikalen und arabischstämmigen Antisemiten begangene Taten und Drohungen werden nicht erwähnt. Insgesamt nähmen der Rassismus und die Ablehnung von Fremden in Frankreich seit Jahren ab. (7)
Die Christen dürfen ebenfalls nicht fehlen, wenn es um das Schönreden von Rassismus und vor allem von Antisemitismus geht. "Fünf Fragen betreffs des Berichts über den Anstieg von Rassismus ..." stellt das christliche Internetportal für die Francophonie "TopChretien.com" und läßt sie von Fachleuten beantworten.
"Ist Frankreich rassistisch?
Man darf nicht das Verhalten eines Randes der Gesellschaft, der auf den sozialen Ausschluß reagiert, und das Echo auf diese Affären in den Medien vermengen mit den Gefühlen der Franzosen", bekräftigt dort die schon aus der "L´Humanité" bekannte Politologin Nonna Meyer. Die Franzosen seien nicht gleichgültig dem Rassismus gegenüber, er werde nicht geduldet.
"Nährt der Anstieg des Kommunitarismus den Anstieg des Rassismus?"
Dazu gibt die Forschungsdirektorin beim CNRS und Professorin für die Geschichte der Juden an der Pariser Sorbonne Esther Benbassa Auskunft. Sie ist zuständig für Forschungen über die Zivilisation des modernen Europa. Gern wird sie von den Zeitungen der LCR "Rouge" und des PCF "L´Humanité" zitiert. Auf dem Pressefest zur Hundertjahrfeier der "Humanité", vom 10. bis 12. September 2004, tritt sie am 12. September gemeinsam mit dem Freund des Tariq Ramadan und Generalsekretär des MRAP Mouloud Aounit in einem "Politischen Café" auf zum Thema: "Rassismus und Antisemitismus. Welche Realtitäten, wie reagieren?"
In der "Le Monde", schreibt Esther Benbassa über ein gemeinsames Seminar mit Tariq Ramadan in Paris auf dem Europäischen Sozialforum (ESF) über "Befreiungstheologie". Sie hält ihn für einen Prediger "wie die amerikanischen Evangelisten" und ist sehr kritisch ihm gegenüber, aber des Antisemitismus zeihe man ihn fälschlicherweise. Erst dadurch sei er zum Star und Helden geworden, behauptet sie. Sie argumentiert, als wenn sie vor dem November 2003 noch nie über die Herkunft, die gefährlichen Ziele und die Absichten dieses Islamisten gehört hätte. (8)
Sie sieht den Kommunitarismus bei Juden und Muslimen gleichermaßen, es sei ein Circulus vitiosus, der Feindschaft und Konflikte schaffe und das Gefühl schüre, Opfer zu sein. Das Abwägen der Schwere der rassistischen Akte gegeneinander stärke den Kommunitarismus. "Die Zahlen wollen nichts sagen und machen Angst". Auch sie redet die vorliegenden Statistiken klein.
"Ist die Schule im Begriff der privilegierte Ort des Rassismus zu werden?"
Dazu sagt der Soziologe und Spezialist für Gewalt an den Schulen Eric Debardieux, daß die von der CNCDH angegebene Zunahme der Gewalttaten und Drohungen noch untertrieben sei, da die Taten meist nicht im Beisein des Aufsichtspersonals begangen würden. So entbindet er nebenbei die Lehrer von der Verantwortung. "Seit fünfzehn Jahren gibt es eine Ethnisierung der Gewalttaten an der Schule, und einige Anzeichen für Intoleranz gegenüber dem Islam (Debatte über das Kopftuch, die Türkei) hatten katastrophale Folgen."
Diese Äußerung des Soziologen mag aus dem Zusammenhang gerissen sein. So wie sie dort steht, geht nichts daraus hervor über die Aggressionen gegen jüdische Schulkinder seitens ihrer islamischen Mitschüler, im Gegenteil, es wird der Eindruck erweckt, als ob diese die Opfer wären.
"Gibt es eine Banalisierung der rassistischen Gewalttaten?"
Dazu weiß Esther Benbassa wieder Antworten. Die CNCDH stellt weniger stichhaltige Beziehungen zwischen internationalen Ereignissen und dem Anstieg der rassistischen Taten fest und fürchtet eine Banalisierung der Taten.
Was den Antisemitismus angeht, so stellt Esther Benbassa einen leichten Rückgang im letzten Trimester 2004 fest, was sie mit der Verbesserung der Lage im Nahen Osten erklärt. Wie das angehen soll, erklärt sie nicht. Bis zum Ableben des Terroristen Jasser Arafat, am 11. November 2004, ist nichts von einer solchen Verbesserung zu verspüren, und da ist das Jahr schon fast um.
Esther Benbassa behauptet außerdem, daß die Aggressionen gegen die Maghrebiner, verursacht durch die Debatten über die Laizität oder die Türkei, von den Mitgliedern der extremen Rechten verübt worden seien.
"Reicht Strafe als Antwort aus?"
Die CNCDH meint, daß trotz der Anstrengungen der Regierung die Verfolgung wenig wirksam sei. Der Historiker und Soziologe, Spezialist für Verbrechen, Forscher am CNRS Laurent Mucchielli meint, Frankreich habe ein Strafarsenal ohne Beispiel, aber mit Strafandrohungen werde man die Probleme nicht lösen, sondern nur durch Erziehung der Jugendlichen, die oftmals nicht nur Täter, sondern auch Opfer des Rassismus seien.
Mit keinem Wort wird hier erwähnt, daß es sich bei den Tätern, die auch Opfer sind, in allen Fällen um arabischstämmige Jugendliche handelt. Selbstverständlich kommt in den fünf Fragen und Antworten kein einziges Mal das Wort "Jude" oder "jüdisch" vor. Nach der Lektüre weiß der Leser eines: die Muslime werden verfolgt, es gibt noch eine andere, eine unbekannte Kommunität, die daran beteiligt ist und an der Ethnisierung der Gewalt an den Schulen mitwirkt. (9)
Man sollte es nicht glauben, aber auch der Front National und sein "Français d´abord" melden sich zum Jahresbericht der CNCDH. Der "Français d´abord" referiert einige Zahlen des Berichtes über Rassismus und Antisemitismus. 77 Befragungen in an den Taten beteiligten rechtsextremen Milieus habe es laut CNCDH gegeben und 104 in arabisch-muslimischen Milieus, die sich der Ausschreitungen gegen die Juden schuldig gemacht hätten. Man muß also erst die Zeitung des Front National lesen, um Genaueres über Gewalttaten und Drohungen zu erfahren, die von arabischstämmigen Tätern Juden gegenüber begangen werden. Keine bürgerliche oder linke Zeitung in Frankreich informiert darüber - von jüdischen wie Proche-Orient.info abgesehen.
Der "Français d´abord" weist darauf hin, daß die CNCDH einen ganzen sich stetig vergrößernden Bereich von rassistischen Gewalttaten überhaupt nicht erwähne, nämlich weder den gegen christliche Friedhöfe und Kirchen, wie die in Sartrouville, am 12. März, noch Beleidigungen und Gewalttaten, die sich eindeutig auf "antiweißen Rassismus" bezögen, wie sie sich ereignet hätten bei den Demonstrationen in Paris gegen das Gesetz Fillon, wo "lycéens ´Gaulois´", gallische Oberschüler, also weiße Franzosen, Opfer der Anprangerung von Banden wurden." (10)
Die Berichterstattung über die Themen Rassismus und Antisemitismus in den französischen Medien ist von einer beispiellosen Dürftigkeit und Heuchelei. Nirgends werden deutliche Informationen gegeben und Roß und Reiter genannt. Alles wird glatt gerührt und vertuscht. Dafür hält der Premierminister Jean-Pierre Raffarin jedes Jahr auf dem Dîner des CRIF eine flammende Rede gegen den Antisemitismus, und was die französische Regierung unternimmt, ihn zu bekämpfern. (11)
23. März 2005
Ergänzung, vom 24. März 2005
Nun ist der Jahresbericht der CNCDH drei Tage an den Premierminister Jean-Pierre Raffarin übergeben, und er kann auf der Web Site von BVA aufgerufen werden. (*)
Der "Nouvel Observateur", der als einziger darüber noch eine AP-Meldung bringt, hat die Juden vollends aus dem Blick verloren: 67 Prozent der befragten Franzosen meinten, man müsse den Rassismus in Frankreich energisch bekämpfen. Der Grad der Bereitschaft hierzu variiere aber entsprechend der Art der Opfer. Der Kommunitarismus sei angestiegen, meinten die Franzosen, und ein gewisses Mißtrauen der maghrebinischen Bevölkerung gegenüber bestehe. Neun von 10 Befragten erklärten, der Rassismus sei in Frankreich weit verbreitet. Nach Arbeitslosigkeit (51%), Armut (41%) und Unsicherheit (27%) werde der Rassismus am vierthäufigsten als "Befürchtung für die französische Gesellschaft" (23%) angesehen.
"Gemäß der Umfrage erklärt die vermehrte Veröffentlichung gewisser rassistischer Akte ´wahrscheinlich´ den Anstieg der Anzahl derer (39% entgegen 29% im Vorjahr), die denken, daß ´nichts die rassistischen Reaktionen´ (Schändungen, Angriffe auf die Orte des jüdischen oder muslimischen Kultes) rechtfertigen kann. Es bleibt, daß nahezu sechs von zehn Befragten denken, daß ´gewisse Verhalten manchmal rassistische Reaktionen rechtfertigen können´."
Im weiteren geht es dann noch einige Zeilen über das Verhalten gegenüber unterschiedlichen benachteiligten Gruppen, wobei es sich um Maghrebiner und Schwarze ("personnes noires") handelt. (**)
Man möchte den französischen Medien empfehlen, doch überhaupt nichts mehr zu dem Thema zu berichten; denn mit jedem dieser Berichte offenbart sich ihre Schande umso mehr.
(*) Xénophobie, antisémitisme, racisme et anti-racisme. Décembre 2004. Résultats d´ensemble
http://www.bva.fr/new/Barometre_racisme_rapport_050322.pdf
Xénophobie, antisémitisme, racisme et anti-racisme. Synthèse des résultats 2004
http://www.bva.fr/new/barometre_racisme_synthese_050322.pdf
(**) Les Français condamnent de façon ambiguë le racisme, selon un sondage. AP, 24 mars 2005, 14:17
http://permanent.nouvelobs.com/societe/20050324.FAP3272.html ?1433
Quellen
(1) Frankreich verzeichnet markante Zunahme rassistischer Übergriffe. Von Jochen Hehn. Die Welt, 22. März 2005
http://www.welt.de/data/2005/03/22/614514.html?search=jochen +hehn&searchHILI=1
(2) Appel à la mobilisation contre la montée du racisme du France. Reuters. Libération, 21 mars 2005, 18:21
http://www.liberation.fr/page.php?Article=284068
(3) Xénophobie, antisémitisme, racisme et anti-racisme. Décembre 2003. Résultats d´ensemble
http://www.bva.fr/new/racisme%20031201.pdf
(4) Xénophobie, antisémitisme, racisme et anti-racisme. Synthèse des résultats 2003
http://www.bva.fr/new/racisme%20021201.pdf
(5) Le racisme et l´antisémitisme ont atteint des niveaux exceptionnels l´an dernier. Par Cécilia Gabizon, Le Figaro, 22 mars 2005
http://www.lefigaro.fr/france/20050322.FIG0042.html
(6) Le Centre de recherche politique de Sciences Po
http://www.cevipof.msh-paris.fr/
(7) La violence raciste redouble en France. Par Laurent Mouloud. L´Humanité, 22 mars 2005
http://www.humanite.presse.fr/journal/2005-03-22/2005-03-22- 458904
(8) Tariq Ramadan et l´islam "mou" de la Turquie. Par Esther Benbassa, Le Monde, 19 novembre 2003
http://www.ac-versailles.fr/PEDAGOGI/ses/themes/laicite/benb assa.html
Dimanche. 12 h 45-13 h 30 : café politique, "Racisme et antisémitisme. Quelles réalités, comment réagir?" Fête de l´Humanité 2004. Programme. Le stand national du PCF (nur noch im Cache)
http://humanite.presse.fr/journal/2004-09-08/2004-09-08-4001 53
(9) Cinq questions autour du rapport sur la montée des racismes... Source: AFP. TOPCHRETIEN.COM, 22 mars 2005
http://www.topchretien.com/topinfo/affiche_info_v2.php?Id=83 75
(10) Les indigènes oubliés par la CNCDH. Français d´abord, 22 mars 2005
http://www.frontnational.com/quotidien_detail.php?id_qp=386& art=4
(11) Dazu gibt es einige Artikel in meinem Archiv.