
Island - Land der Blauen Lagune und der Handvoll Juden
Islands Regierung erklärt heutzutage, daß sie nicht daran denke, sich für ihr Verhalten zwischen 1933 und 1940 zu entschuldigen. Island verweigert seinerzeit nicht nur Juden Visa, sondern weist auch Juden nach Nazi-Deutschland aus, wo sie riskieren, ihr Leben zu verlieren. Eben diese Regierung überreicht im März 2005 dem amerikanischen Schach-Champion und bekannten Antisemiten Bobby Fischer die isländische Staatsbürgerschaft, demjenigen, der bei seiner Ankunft in Reykjavik erklärt: "Die von den Juden kontrollierten USA sind das Böse."
Unter den 293 577 Einwohnern gab und gibt es immer nur eine Handvoll Juden, die meisten kamen aus Dänemark und arbeiteten in der Fischereiindustrie.
Es besteht eine Abhängigkeit von Dänemark bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Island, neutral wie Dänemark, hat eine eigene Regierung, ein eigenes Parlament und politische Parteien. Aber das Klima im Verhältnis zu den Juden ist sehr unterschiedlich zu dem, das in Dänemark herrscht, und das seit langem.
1853 bittet der König von Dänemark das isländische Parlament, den Juden Freiheit in der Ansiedlung und Religionsausübung zu gewähren. Die Abgeordneten verweigern das, bevor sie sich umentschließen. 1933 wird eine kleine Nazi-Partei gegründet. Die Reinerhaltung der isländischen Rasse ist ihr Ziel.
Die wenigen Juden in Island müssen ihre jüdischen Namen ablegen und isländische annehmen. Es war und ist bis heute nicht ungewöhnlich, daß ein zu Reichtum gekommener isländischer Bürger mit negativer Betonung als "Jude" bezeichnet wird. Die Juden sind einfach nicht willkommen in Island, "A Pure Nordic Country, Free of Jews".
1933 befürchten die Isländer eine jüdische "Invasion"; deutsche Juden dürfen nicht einreisen, wohl aber christliche Deutsche. Eine Rolle dabei spielt, daß die evangelisch-lutherische Kirche die offizielle Kirche in Island ist. Es hat niemals eine religiöse, ethnische oder Sprachminderheit in Island gegeben. Die isländische Sprache ist, einzigartig in der Welt, durch Gesetz geschützt vor jedem "Zusatz" ausländischer Herkunft.
Vilhjálmur Örn Vilhjálmsson, ein 1960 in Reykjavik geborener Archäologe, 1992 promoviert an der dänischen Aarhus Universität, ist von 1993 bis 1997 Kurator des Nationalmuseums von Island und von 2000 bis 2002 leitender Forscher am Danish Center for Holocaust and Genocide Studies. Er schreibt zur Zeit an zwei Büchern über die Ausweisung aus Dänemark nach Deutschland von staatenlosen Juden, in den Jahren 1940 bis 1943.
In einem Artikel über "Iceland, the Jews, and Anti-Semitism, 1625 bis 2004" schreibt Vilhjálmur Örn Vilhjálmsson im Kapitel "The Arrival and Rejection of the Refugees":
"Während Island seine Häfen schloß und einige Berufe isländischen Bürgern vorbehielt, sahen viele Isländer Hitler und den Nationalsozialismus als den möglichen Schlüssel zur Erlangung der Unabhängigkeit. 1939 besuchten drei pro-Nazi Isländer einen deutschen Prinzen, Friedrich Christian zu Schaumburg-Lippe, und trugen ihm an, im Falle einer von ihnen erhofften deutschen Machtübernahme König von Island zu werden. Der Prinz, ein Mitglied der Nazi-Partei seit 1929 und Beamter des Dritten Reiches, nahm den Antrag ernst und brachte ihn vor Joseph Goebbels. Nach der 1952 veröffentlichten Autobiographie des Prinzen war Goebbels von der Idee angetan, aber Außenminister von Ribbentrop verwarf sie."
Während des Zweiten Weltkriegs, Dänemark ist von den Deutschen besetzt, stationieren die Briten Truppen in Island, um den Deutschen die Nordatlantikroute abzuschneiden. Island protestiert, anstatt den Allliierten zu helfen. Dann erklärt es sich endlich bereit, statt den Briten den Amerikanern die Stationierung zu gestatten: von Island aus wird der Krieg gegen deutsche U-Boote und die Verproviantierung der sowjetischen Streitkräfte organisiert.
1942 beschließt das isländische Parlament die Trennung von Dänemark. Das ist zu der Zeit besetzt und kann sich nicht dagegen wehren. Definitive Unabhängigkeit erlangt Island von Dänemark im Jahr 1944.
1947 votiert Island paradoxerweise für die Errichtung des Staates Israel, aber der Antisemitismus bleibt dort in vollem Umfang erhalten. Evald Mikson, ein estnischer Kriegsverbrecher, wird in Island aufgenommen. Eine Bitte des israelischen Zweiges des Simon Wiesenthal Centers, die Vergangenheit dieses Kriegsverbrechers zu untersuchen, wird von den isländischen Behörden abgelehnt.
"Becoming an Icelander" heißt für isländischen Juden der Nachkriegszeit, nicht aufzufallen und "gute isländische Bürger" zu werden. Die meisten von ihnen wollen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf ihre Herkunft und ihre Religion ziehen. Sie nehmen eine neue "isländische Identität" an und legen sich "Wikingernamen" und oftmals eine neue Religion zu, um weiteren unliebsamen Erfahrungen aus dem Wege zu gehen. Darum findet man in Island heute kaum als solche erkennbare Juden.
Im Oktober 2003 entfacht die Isländisch-palästinensische Gesellschaft einen Skandal, als ihr Präsident auf seiner Site eine Nachricht veröffentlicht mit der Überschrift: "Israel, Israel über alles ..."
Es herrscht ein starkes anti-amerikanisches Gefühl, bedingt durch eine US-amerikanische Militärbase in Keflavik. Sie ist der Rest der Präsenz aus dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1944 ersucht der Präsident Islands die Amerikaner vergeblich, sich von der Insel zurückzuziehen. Nachdem 1951 ein Verteidigungspakt zwischen Island und den USA geschlossen wird, fordert das Parlament nochmals, im März 1956, den Rückzug der Amerikaner, was die NATO im Juli der geostrategischen Bedeutung Islands im Kalten Krieg verweigert. Erst nach einem neuen Verteidigungsvertrag von 1994 wird die Präsenz der US-Streitkräfte auf Keflavik beschränkt.
Ein weiteres Element: die Existenz einer starken extremen Linken, im Parlament durch die Allianz Links-Grüne vertreten mit 8,8% der Stimmen. Der Regierungschef gehört der Progressiven Partei liberaler Richtung an. Seine Partei ist Minderheitspartner der konservativen Unabhängigkeitspartei. Der Außenminister stammt aus dieser Partei. Er ist der EU abgeneigt, während die Links-Grünen direkt europhob sind. Der Präsident Islands ist seit 14. Mai 2003 mit der Israelin Dorit Mussaie verheiratet.
Update
Nachdem es nun doch bekannt wird, daß es in Island Juden gibt, wenn auch nicht viele, denkt sich Henryk M. Broder, der bislang keiner Juden in Island ansichtig wird, und der deshalb so gern dort in der Blauen Lagune dümpelt, flexibel etwas Neues aus, um seine Island-Begeisterung zu begründen: "Denn es gibt Juden auf Island, nicht viele, aber immerhin." Ich tippe mal darauf, daß Island ab sofort ein lohnendes Reiseziel ist, weil es so nette Juden dort gibt. "Völker mischt Euch, hört die Signale!" kann ebenfalls ein gutes Motto für Islandtouristen sein ...
9. Mai 2005
Hier gibt´s darüber Einzelheiten:
Iceland, the Jews, and Anti-Semitism, 1625-2004. Vilhjálmur Örn Vilhjálmsson. Jewish Political Studies Review 16:3-4 (Fall 2004). Jerusalem Center for Public Affairs
http://www.jcpa.org/phas/phas-vilhjalmur-f04.htm
Eine Zusammenfassung in französischer Sprache, angereichert mit einem schönen Foto von Island:
L´Islande et les juifs
Visas refusés en 1933, accueil de l´antisémite Bobby Ficher, rejet d´une base américaine. Quelle est l´histoire de cette Islande qui refuse de regarder en face sa faute vis-à-vis des juifs allemands ? Par Jean-Yves Camus, Proche-Orient.info, 15 avril 2005
http://www.proche-orient.info/xjournal_pol_der_heure.php3?id _article=39486
Dieses Jahr in Reykjavik! Nächstes Jahr in Jerusalem! Oder umgekehrt. Von Henryk M. Broder. Das Letzte im Online-Tagebuch, vom 2. Mai 2005
http://www.henryk-broder.com/tagebuch/island.html