
Bernard Revel und die lächelnden Frauen
Der Leitartikler des "Indépendant" Bernard Revel ist einer der französischen Journalisten, die Florence Aubenas und ihre Geiselhaft noch über die Freilassung hinaus mit lyrischen Ergüssen und narzißtischen Darbietungen begleiten. Die Schamlosigkeit kennt dabei keine Grenzen.
Auf Seite 16, gleich neben einem die Rolle der französischen ATTAC für das "Nein" zur europäischen Verfassung in schönstem Lichte porträtierenden Artikel, angereichert mit einer Eloge auf das "Forum social de la Méditerranée", in Barcelona, und mit einem Interview mit dem ATTAC-Präsidenten, Regierungsmitarbeiter und Ex-Kader des Parti Communiste Français (PCF) Jacques Nikonoff, Redner auf Veranstaltungen wie "Die Finanzwelt gegen die Gesellschaft und die Wirtschaft", und fälschlich als Mitbegründer der ATTAC vorgestellt, (1) findet man zweispaltig, die ganze Seite hinunter, die Kolumne "La chronique de Bernard Revel", heute mit dem Titel: "Elles rient", sie lachen. (2)
Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken; denn Bernard Revel entblödet sich nicht, die Schmierenkomödie der Florence Aubenas und deren smartes Lächeln zu vergleichen mit dem Lächeln der Ethnologin und Widerstandskämpferin Germaine Tillion. Mit zwei Fotos beider nebeneinander meint er seinen Vergleich zu erhärten.
Die Geiselaffäre der Florence Aubenas und ihres Begleiters Hussein Hanoun al-Saadi ist hinreichend beschrieben. Wer aber ist Germaine Tillion?
Germain Tillion
Germaine Tillion ist am 30. Mai 1907 geboren. Sie erlebt und sie kämpft viel in ihrem langen Leben. 1934 bis 1940 verbringt sie im Aurès-Gebirge, in Südalgerien, und betreibt ethnologische Studien und Forschungen über die Chaouïas, einen Berberstamm. Erst auf dem Wege zurück nach Frankreich erfährt sie vom Kriegsausbruch und der Besetzung des Landes durch die Deutschen.
Im Zweiten Weltkrieg ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter Widerstandskämpferin der ersten Stunde. Am 13. August 1942 werden sie und ihre Mutter von einem in den Widerstanskreis geschleusten Agenten verraten, verhaftet und als "Nacht-und-Nebel"-Häftlinge, am 21. Oktober 1942 ins KZ Ravensbrück deportiert.
Liisa schreibt in ihrer sehr liebevollen lesenswerten Hommage an Germaine Tillion, am 28. Juni 2004, auf "Charming Quark", über sie, die Überlebende, und ihre Mutter, die in Ravensbrück vergast wird. (3)
Auf der Grundlage ihrer Aufzeichnungen veröffentlicht Germaine Tillion 1946 erstmalig das Buch "Ravensbrück". Die Veröffentlichung gründet auf wissenschaftlichen Feldstudien, die sie bereits während ihrer Haft im KZ betreibt. Sie betrachtet den Ort als "ethnographisches Forschungsfeld". Sie ergänzt ihre persönlichen Aufzeichnungen nach dem Kriege durch weitere Dokumente. Insgesamt entstehen drei Fassungen von "Ravensbrück", 1946, 1973 und 1988. Heute noch ist "Ravensbrück" im deutschen Buchhandel erhältlich. (4)
Bis zur Veröffentlichung der Dissertation von Bernhard Strebel, 2003, ist "Ravensbrück" das wichtigste Dokument und die bedeutendste wissenschaftliche Untersuchung über das einzige Frauenkonzentrationslager des Nazireichs. Zu Bernhard Strebels wissenschaftlicher Untersuchung schreibt Germaine Tillion das Geleitwort. (5)
Germaine Tillion ist Ehrendirektorin an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS), der Hochschule für Sozialwissenschaften und Trägerin des Großen Kreuzes der Ehrenlegion für ihr Lebenswerk und ihren Widerstandskampf. (6)
Am 12. Mai 2004 wird Germaine Tillion auf Initiative des Vereins Europäische Frauen Aktion e.V. für ihr Engagement gegen jede Art von Folter, gegen Massaker und Todesstrafe, sowie als Vermittlerin zwischen den islamischen und europäischen Kulturen im Hôtel de Beauharnais, der Residenz des deutschen Botschafters in Paris, von diesem mit dem Großen Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. (7) Da ist die alte Dame kurz vor ihrem 97. Geburtstag. Sie kommentiert die Auszeichnung spontan: (8)
"Schon in Ravensbrück habe ich gewußt: eines Tages werde ich in einem französischen Palast einen deutschen Orden erhalten."
Germaine Tillion zeichnet sich durch ihre Kenntnisse der islamischen Welt, ihr Engagement in den nordafrikanischen Ländern und ihre unaufhörlichen Bemühungen um Dialog und Verständigung zwischen den islamischen und christlichen Kulturen aus. Sie schreibt über den Algerienkrieg und den Terror in Algerien, über die Zustände im Harem und über Afrika. Bei Amazon.fr sind insgesamt zwanzig Werke von und über Germaine Tillion aufgeführt, darunter, für die meisten sicherlich völlig unerwartet, auch eine Operette, eine "verrückte Komödie", die sie im Herbst 1944 in Ravensbrück im Stil Jacques Offenbachs schreibt und dem Leben im KZ widmet. "Le Verfügbar aux Enfers". Darin treten einige Deportierte, die Verfügbar(en), sowie ein antiker Chor auf. Sie will mit der Operette ihren Mithäftlingen das Leben im KZ erleichtern. Verstehen und darüber lachen heißt die Devise - und trotz Unterdrückung und Demütigung Widerstand leisten. (9)
"Charming Quark" bringt ein wunderbares Foto von Germaine Tillion und ihrem feinen Lächeln. Bei Google.fr "images" gibt es dieses und weitere. (3)
Was haben sie mit dem ebenfalls auf Google.fr zu betrachtenden Lächeln der Florence Aubenas gemein? Vielleicht sind sie so gleich wie beider Kenntnisse der arabischen Sprache und der islamischen Welt? Oder sollen die fünf Monate dubioser Geiselhaft mit den zweieinhalb Jahren KZ Ravensbrück verglichen werden? In welche Nähe will er Florence Aubenas rücken und, schlimmer, in welche Germaine Tillion? Warum überhaupt stellt Bernard Revel einen solchen Vergleich an?
Bernard Revel
Der Leitartikler des "Indépendant" Bernard Revel ist Mitglied der Freundschaftsgesellschaft "Charles Trenet" und Autor eines Werkes über den Künstler, "La folle jeunesse de Charles Trenet", und Co-Autor eines Fotobuches "Voyage au centre du monde", über Salvador Dalí. (10)
Beide Künstler sind, was ihre Einstellung zu Nazis, Franquisten und deutschen Okkupanten angeht, hinreichend bekannt, oszillierend zwischen Mitläufer und Kollaborateur. Gerade in Katalonien aber, auf beiden Seiten der Grenze, gibt es eine große Anzahl von Widerstandskämpfern, ob es Louis Torcatis "Bouloc" ist oder der Fotograf und Häftling im KZ Mauthausen Francesco Boix, der einzige spanische Zeuge im Nürnberger Prozeß, um nur zwei davon zu nennen.
Nun sollte man jemandem nicht unbedingt vorhalten, was er nicht geschrieben hat. Was er geschrieben hat, wenn´s doch einmal politisch wird, ist allerdings bezeichnend für jemanden, der das Lächeln der Germaine Tillion mit dem der Florence Aubenas gleichsetzt.
Am 50. Jahrestag der Exekution des Robert Brasillach, am 9. Februar 1995, veröffentlicht Bernard Revel in der Zeitung "Le Monde", ganzseitig, einen sehr mitfühlenden Artikel über Robert Brasillach, den Naziverbrecher und Denunzianten, Chefredakteur des Blattes "Je suis partout", Ich bin überall. Ich habe den Artikel seinerzeit gelesen und kann die Einschätzung von Fabrice Thomas, des Herausgebers von "Perpignan-tout-va-bien", voll bestätigen. (11)
Leider habe ich die Seite nicht mehr, auf der passend zu Bernard Revels Artikel der eher schmächtige Robert Brasillach mit "Bert-Brecht-Brille" auf der Nase und einem Revolver in der Hand, neben einigen blonden Hünen der deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion abgebildet ist. Er sieht ganz harmlos aus, wie er auf die Waffe blickt, als wolle er sie möglichst rasch wegwerfen. Dabei hat er den Tod zahlreicher Juden, Kommunisten und anderer Feinde des Vichy-Regimes und der deutschen Okkupanten zu verantworten.
Was den "Indépendant" angeht, so paßt er zu Robert Brasillach. Er ist während der Vichy-Regierung das willige Kollaborationsblatt, das nach dem Krieg erst einmal verboten wird. Heute schreibt Bernard Revel dort Leitartikel und Kolumnen - aber der "Indépendant" hat sich selbstverständlich gewandelt, wie man an den ATTAC-Artikeln sehen kann. (12)
Wenn es um das Schicksal der Journalisten in modernen Konflikten geht, wird Bernard Revel weinerlich. Wahrscheinlich fährt er deshalb ab auf das Lachen der Florence Aubenas, befreit nach fünf Monaten in einem 4x2x1,5 Meter großen Kellerloch.
Die Journalisten sind bei der Ausübung ihres Berufes nicht mehr wie früher geschützt, sondern sie seien im Gegenteil zur Zielscheibe geworden. Bei dieser Einschätzung kommen Bedenken, wenn man die zweifelhaften Geiselaffären Christian Chesnot/Georges Malbrunot und Florence Aubenas näher betrachtet. So einfach ist es nicht. Schlimm wird´s aber, wenn man dann bei Jean Pierre Bonin dokumentiert liest, wem er die Schuld an der Ablehnung der Journalisten gibt: sie sei eine Initiative der Amerikaner, entstanden im Ersten Golfkrieg: (13)
"Die GIs tolerieren sie (die Journalisten) heute, aber selten während der Kampfhandlung. Sie ziehen es vor, ihre eigene Darstellung und ihre eigenen Fotos zu veröffentlichen. Ihre Gegner handeln nicht anders, wenn sie übers Internet und arabische Sender verbreitete Videos aufnehmen."
Er stellt die GIs auf eine Stufe mit den islamistischen Terrorgruppen. Enthauptungsszenen zu veröffentlichen, setzt er gleich mit der Beschränkung der journalistischen Tätigkeit während der Kampfhandlungen auf die "embedded journalists".
Wer solches für richtig hält, für den ist es ein leichtes, das Lächeln der Florence Aubenas und der Germaine Tillion gleichzusetzen. Bernard Revel ist einer der zahlreichen französischen Journalisten, denen die Sensibilität und der politische Durchblick schon seit langem abhanden gekommen sind.
18. Juni 2005
Quellen
(1) Jacques Nikonoff und das neue ATTAC-Direktorium. In: Das Querfrontprojekt ATTAC, von Gudrun Eussner, 12. Januar 2003
http://www.eussner.net/artikel_2004-05-17_21-12-35.html
(2) Elles rient. Par Bernard Revel. L´Indépendant, 18 juin 2005, page 16
(3) Bemerkenswerte Frauen: Germaine Tillion, Posting von Liisa, Charming Quark, 28. Juni 2004
http://www.charmingquark.de/entry.php?id=00563
(4) Germaine Tillion: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, Klampen 1998
http://images-eu.amazon.com/images/P/392424572X.03.LZZZZZZZ. jpg
Germaine Tillion: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Fischer-Taschenbuch 2001
http://images-eu.amazon.com/images/P/359614728X.03.LZZZZZZZ. jpg
(5) Linde Apel: Rezension von: Bernhard Strebel: Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes. Mit einem Geleitwort von Germaine Tillion, Paderborn: Schöningh 2003, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 6 (15.06.2004) http://www.sehepunkte.historicum.net/2004/06/4942.html
Bernhard Strebel: Histoire du camp de Ravensbrück. Préface de Germaine Tillion, Fayard 2005
(6) GERMAINE TILLION, ALLEGREMENT
http://crdp.ac-clermont.fr/cddp43/Expos/Archives/Germaine.ht m
(7) Europäische Frauen Aktion e.V., Berlin
http://www.efakultur.de/index.html
(8) Mechtild Gilzmer: Die vielen Leben der Germaine Tillion. France Mail Forum. Thema. Die Zeitung Nr. 34/2004
http://www.france-mail-forum.de/fmf34/neuf/34gilzme.htm
Germaine Tillion. France Mail Forum. Articles et débats (Humanité, trois articles du 28 avril 2004). Die Zeitung Nr. 34/2004
http://www.france-mail-forum.de/fmf34/art/index34art.htm
Hôtel Beauharnais Paris. Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Abteilung III - Bundesbauten
http://www.bbr.bund.de/index.html?/bauen/ausland/paris_beauh arnais.htm
(9) Germaine Tillion: Le Verfügbar aux Enfers. Une opérette à Ravensbrück. Le manuscrit est commenté et expliqué par Anise Postel-Vinay, co-détenue de Germaine Tillion à Ravensbrück. Editions de La Martinière, Paris 8 avril 2005
http://images-eu.amazon.com/images/P/2732432814.01.LZZZZZZZ. jpg
(10) Dalí, voyage au centre du monde. Treize photographes catalans pour Dalí. Par Georges Henri Gourrier, Bernard Revel, Grégory Tuban. Éditeur: mare nostrum 2003
http://images-eu.amazon.com/images/P/2908476339.08.LZZZZZZZ. jpg
(11) Affaire Brasillach, Le Fiço, Rivarol et la Malsaine (32). Fabrice Thomas, Perpignan-tout-va-bien, 17 février 2003
http://www.perpignan-toutvabien.com/articles.php?param=full& ida=963&idcb=45
(12) Robert Brasillach, der Denunziant, der noch immer "überall ist", von Gudrun Eussner, 19. Januar 2003
http://www.eussner.net/artikel_2004-04-22_11-28-11.html
Robert Brasillach (in katalanisch). Biografias Politicamente Incorrectas. Econac
http://www.econac.net/brasillach.htm
Robert Brasillachs vielbesuchtes Grab
http://santosdacasa.weblog.com.pt/arquivo/Robert%20Brasillac h%2005.jpg
(13) Sans titre et sans génie. Par Jean Pierre Bonin, 3 octobre 2004
http://www.carnetsdetoile.ca/index.php/2004/10/03/sans-titre -et-sans-gnie/