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Wer ist Jean-Pierre Chevènement, der "Che"?

Geboren wird er 1939 in Belfort. Sein Studium absolviert er am Institut d´études politiques (IEP), dem Institut für politische Studien, Paris. Die Memoiren seiner Studienzeit, mit dem Titel "La Droite nationaliste face à l´Allemagne", Die nationalistische Rechte im Hinblick auf Deutschland, widmet er Raoul Girardet, seinerzeit verantwortlich für die Propaganda der terroristischen OAS des Pierre Sergent in Frankreich.

Raoul Girardet, geboren 1917, in seiner Jugend Mitglied der Action française des Charles Maurras, enttäuscht von Philippe Pétain, mit dem es keine "Révolution Nationale" gibt, sondern die Zeit der Kollaboration, angewidert vom Antisemitismus und von der Judenverfolgung, schließt sich dem Widerstand an, wird von der Gestapo verhaftet und monatelang im Gefängnis von Fresnes inhaftiert und verhört. Nach dem Krieg studiert er Geschichte und wird Professor am Institut d´Études Politiques (IEP). Später wird er Direktor des Diplôme d´Études Supérieures Spécialisées (DESS) für Verteidigung an der Universität Paris II-Assas und Generaldelegierter des Zentrums für Analyse der europäischen Sicherheit (C.A.S.E.). Er lehrt an der Sorbonne, an der Militärakademie von Saint-Cyr, und er ist Studiendirektor am Kolleg der vereinigten Waffengattungen. Er ist Autor zahlreicher Werke, darunter "La société militaire dans la France", Die militärische Gesellschaft Frankreichs, "Le nationalisme français", der französische Nationalismus, "Nationalismes et nation", Nationalismen und Nation, um einige Werke der letzten Jahre zu nennen.

Dank spricht Jean-Pierre Chevènement seinem Lehrer, dem militant royalistischen Orléanisten Pierre Debray aus ("L´idéal de Pierre Debray était la Grandeur de la FRANCE"), der 1996 gemeinsam mit Roland Gaucher, dem Direktor des "National Hebdo", Zeitschrift des Front National, Herausgeber des katholisch-faschistischen "L´Insurgé" ist. Roland Gaucher ist von 1942-44 Mitglied der Kollaboristenvereinigung Jeunesses Nationales-Populaires des Marcel Déat, eines Anhängers von Philippe Pétain, der auf der Seite der Okkupanten steht und dazu auffordert, sich der Nazi-Armee anzuschließen.

Dies sind die Vorbilder des Jean-Pierre Chevènement.

1961-62 ist Jean-Pierre Chevènement als Unterleutnant überzeugter Kämpfer für das französische Algerien. Anschließend studiert er, im selben Jahrgang "Stendhal" wie Lionel Jospin, an der École Nationale d´Administration (ENA). Dort frequentiert er die nationalistisch-soziale 1958 gegründete Organisation "Patrie et Progrès", Vaterland und Fortschritt, die aus der "Synarchie" hervorgeht, einer Weltanschauung, die sich aus der Versailler Mystik des Joseph-Alexandre Saint-Yves d´Alveydre (1842-1909) herleitet. Zwischen den zwei Weltkriegen entwickelt sie sich vor allem in den "Grandes Écoles", den elitären Hochschulen. Ihre Anhänger wollen unter der politischen Autorität eines "collège de grands initiés", Kolleg der großen Eingeweihten, Herrschaft ausüben auf Grund ihrer technischen Fähigkeiten. Sie leugnen Klassengegensätze und wollen die Spaltung von rechts und links überwinden. Nur so, meinen sie, profitiere auch der Schwache, und es gebe eine für alle Klassen gerechte Politik. Zur Zeit der Vichy-Regierung rechtfertigen sie zur Fortsetzung ihrer Karriere die Notwendigkeit der Kontinuität des Staates.

Nach der Befreiung sagen sich die Anhänger dieser Weltanschauung von allen ihren Verstrickungen in die Kollaboration los und machen sich daran, die ENA und das Planungskommissariat zu gründen. Damit steuern sie von da an die Wirtschaft und die Elitenbildung, und zwar über alle politisch unterschiedlichen Ansichten der einzelnen Führungskräfte hinweg. Die politische Anbindung ist zweitrangig.

In der Organisation "Patrie et Progrès" verbündet sich Jean-Pierre Chevènement hauptsächlich mit anderen "Énarques", Enarchen, Studenten der ENA, wie dem heutigen Globalisierungsgegner Didier Motchane, dem wir im Mouvement des Citoyens und im Pôle Républicain wieder begegnen.

1964 tritt er in die SFIO, diese alte sozialistische Partei des Jean Jaurès und Léon Blum ein, wo er Mitarbeiter von François Mitterand wird, einem ehemaligen Funktionär der Vichy-Regierung und Verteidiger der Interessen der Synarchen nach der Befreiung. 1966 gründet er den linkssozialistischen Club "Centre d´Études, de Recherche et d´Éducation Socialistes (CERES)". Auf dem Kongreß von Épinay spielen er und sein Club, im Juni 1971, eine entscheidende Rolle bei der Verdrängung Guy Mollets und seines Kreises von der Macht, zugunsten von François Mitterand. Mit seinem CERES tritt er dem Parti socialiste (PS) bei. Der Club CERES tritt dort immer autonom auf. Auf den Kongressen des PS erhält er bis zu einem Viertel aller Stimmen. Er formuliert die Richtung der Partei. Sie basiert auf zwei Grundsätzen:

Nach wechselvollen Zeiten des Clubs in und außerhalb des PS ist Jean-Pierre Chevènement dort ab 1979 wieder voll dabei und verfaßt zu großen Teilen das "sozialistische Programm", das François Mitterand 1981 an die Macht bringt. Er wird zunächst Staatsminister und Minister für Forschung, dann Industrieminister, und versucht, einen Staatskapitalismus durchzusetzen. Er demissioniert schon im März 1983, wegen der Austeritätspolitik des Jacques Delors, und weil ihm der Regierungskurs insgesamt zu liberal wird. Der CERES habe das "Alibi" der Sozialisten abgelehnt, mit dem sie ihre Konversion zum Sozialliberalen verkleidet hätten, nämlich den Aufbau Europas, so wie er dann geschehen sei. Deshalb sei der CERES gegen Maastricht. Der CERES lehne aber, und das sei der entscheidende Grund zum Bruch mit dem PS, die Folgen der Europa- und Wirtschaftspolitik der Regierung, die Weltpoltik betreffend, ab und hier insbesondere die zwischen Frankreich, Europa und den USA entstandenen Beziehungen. Die Anlehnung Europas an die Politik der USA habe in die Krise und zum Golfkrieg 1990-91 geführt.

Inzwischen ist er aber 1984-86 unter Laurent Fabius Erziehungsminister und von 1988-91 trotz seiner Gegnerschaft zu Michel Rocard in dessen Regierung Verteidigungsminister. Im Februar 1991 demissioniert er als Verteidigungsminister, offiziell da er die Anlehnung der französischen Außenpolitik an die der USA im Golfkrieg nicht mitträgt, tatsächlich aber seiner persönlichen Beziehungen zu Saddam Hussein wegen. Er steht weiter der "Association franco-irakienne de coopération économique", der französisch-irakischen Vereinigung zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit vor, einer Gründung des pro-arabischen und anti-israelischen Gilles Munier, der aus der nationalrevolutionären rechtsextremen Gruppe "Jeune Europe" hervorgegangen ist.

1985 benennt sich der CERES um in "Socialisme et République", Sozialismus und Republik, und tritt als Richtungsgruppe dem PS wieder bei. 1993 benennt sich die Gruppe in "Mouvement des Citoyens (MDC)" um und wird eine selbständige nationalistische sich gegen den Vertrag von Maastricht richtende Partei. Seit der Zeit verbündet sich Jean-Pierre Chevènement hauptsächlich mit Rechten und Rechtsextremen unterschiedlicher Konvenienz sowie mit einigen teils extremen Linksgruppen. Einen Eindruck kann man sich verschaffen, wenn man die Linkliste vom "Appel d´R" über ATTAC bis zur Zeitschrift "Utopie critique" (Communisme - Nation - République) des François Morvan durchgeht.

Auf die rhetorisch gestellte Frage, ob man den MDC zwischen dem PCF und dem PS ansiedeln könne, antwortet er: Mit der kommunistischen Partei hat es die gemeinsame Kritik der Art, wie Europa aufgebaut wird, erlaubt, bei den letzten Wahlen, 1997, zur Nationalversammlung in ca. 60 Wahlkreisen gemeinsame Kandidaten aufzustellen. Ein gelungener Streich also, linke nach rechts hinüberzuziehen. Ein echtes Querfrontprojekt. Andererseits ist das Motto dieser Zusammenarbeit der Kampf gegen das System des politisch Korrekten und gegen das Einheitsdenken, ein Motto, das die Absichten des Jean-Pierre Chevènement denen des Front National annähert.

Dennoch holt ihn sein alter Freund und ENA-Kamerad Lionel Jospin 1997 als Innenminister in die Regierung. Von dort demissioniert er im Jahre 2000, nun zum dritten Mal, diesmal aus Protest gegen die Korsikapolitik der Regierung.

Im März 2001 verläßt der MDC nach den Gemeindewahlen die pluralistische Linke. Am 4. September 2001 verkündet der "Che" seine Kandidatur zur Präsidentschaftswahl 2002. Am 19. Januar 2002 konstituiert sich der Unterstützerkreis Pôle Républicain. Das Image Jean-Pierre Chevènements, ein Linker zu sein, bewirkt, daß er im Jahre 2002 bei den Präsidentschaftswahlen 5,33 Prozent der Stimmen abgreifen kann. Gerade so viele, wie nötig sind, um Lionel Jospin aus dem Rennen zu werfen.

Nun also ist er Ehrenpräsident der Chevènementistenpartei MRC, die sich auf einem Kongreß vom 25. bis 26. Januar 2003 konstituiert.

Die Sommeruniversität, vom 4. und 5. September 2004 des MRC steht unter dem Motto: "Constitution européenne: Vassalisation ou indépendance?" Die Europäische Verfassung: Vasallisierung oder Unabhängigkeit? Das Thema ist die zweifache Ablehnung des Verfassungsprojektes und des "amerikanischen Europa" sowie die Bestätigung der zentralen Rolle der Nation.

Die im MDC, im Pôle Républicain und im MRC zusammengeschlossenen angeblichen Linken dienen der Querfront. Den Rechten und Rechtsextremen darf man dazu gratulieren, die Trennlinie nach links aufgeweicht zu haben. Das verdanken wir Jean-Pierre Chevènement, dem "Che", der immer das war, was er heute ist: ein nationaler Sozialist.

Querfront heißt, daß Linke nach rechts gezogen werden. Es ist niemals umgekehrt. Querfront heißt, daß sich Linke auf Nationalismus, primitiven Antikapitalismus, undifferenzierten Antiamerikanismus und latenten bis offenen Antisemitismus einlassen. Die Übergänge von den kommunistischen Parteien über die revolutionären Kommunisten der LCR, die Sozialisten des "Nouveau Monde" der Henri Emmanuelli und Jean-Claude Mélenchon, die rechten Ränder der Bürgerparteien bis hin zum Front National sind fließend.

26. August 2005

Anmerkungen

Raoul Girardet
http://www.histoire.fr/bleu/html/histoireshistoriens/girarde t.htm

Pierre Debray: Souvenirs. La 2e Division Blindée Historique de Leclerc
http://perso.wanadoo.fr/jp2k/2db/temoin_debray.html

Les Rouge-Bruns votent Chevènement. Par Didier Daeninckx. Amnistia.net, 25 février 2002
http://www.amnistia.net/news/articles/chevenem/chevenem.htm

Joseph-Alexandre Saint-Yves d´Alveydre (1842-1909). Une philosophie secrète. Yves-Fred Boisset
http://yvesfred.com/index.php?option=com_content&task=view&i d=58&Itemid=1

Informationsdienst gegen Rechtsextremismus - Lexikon - Stichwort "Synarchie". Fabien Tillon
http://lexikon.idgr.de/s/s_y/synarchie/synarchie.php

Mouvement Républicain et Citoyen (MRC)
http://francepolitique.free.fr/PMDC2.htm

Die Links finden sich unter: Les gentils - Liens républicains et citoyens
http://notre.republique.free.fr/NRLiens.htm

Jean-Pierre Chevènement. Discours de Vincennes, 9 septembre 2001
http://notre.republique.free.fr/JPC01Vincennes.htm

Les Amitiés franco-irakiennes. Historiques
http://amiraq.free.fr/old_version/historique/hist_1.html


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Copyright © by Gudrun Eussner | 07.01.2009, 04:41 Uhr