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La Marseillaise und mögliche Umfragen der Zeitung "Midi Libre"

Am Samstag, den 19. November 2005, läßt uns der Midi Libre teilhaben an den Ergebnissen seiner viertägigen Befragungen über die "Zukunft der Marseillaise". (1)

Es gibt im Zeichen der Staatsverschuldung von mehr als 2 Billionen Euro, 2 000 000 000 000 Euro, nichts wichtigeres, als das Thema der französischen Nationalhymne vier lange Tage in der Zeitung zu halten: ist sie noch zeitgemäß? Die Hymne - nicht die Zeitung! (2)

In einem Lande, in dem es "normal" ist, wenn pro Nacht "nur" 100 Autos abgefackelt werden, was bei einem fiktiven Durchschnittspreis der Autos von 5000 Euro die Vernichtung Nacht für Nacht von Werten um eine halbe Million Euro bedeutet - Geld der Leute mit kleinen und mittleren Einkommen; denn die reicheren haben Garagen -, in einem solchen Land gibt es wichtigere Themen, als die Gründe für die Krawalle in den Vorstädten zu untersuchen oder die Leser vielleicht mit Reportagen über die Lage in ihrer Gegend zu informieren.

Umfrage zur Polygamie im Roussillon

Gibt es auch im Roussillon das Problem der Polygamie? wäre beispielsweise eine Frage und die Präsentation der Untersuchungsergebnisse wert.

Ist die Duldung der Polygamie eine der Ursachen für den Gewaltausbruch in den französischen Vorstädten? Die Sozialbehörden tolerieren stillschweigend zehntausende polygamer Haushalte, denen sie hohe Kindergeldzahlungen und andere Sozialleistungen zur Verfügung stellen. Auch die Sozialwohnungsgesellschaften denunzieren Familien nicht, die ganz offensichtlich aus einem Mann, mehreren Ehefrauen und einer großen Zahl von Kindern gebildet werden. Dieses bisherige Tabu-Thema beherrscht inzwischen die Debatte, schreibt Michaela Wiegel aus Paris, in der FAZ. (3)

Da wüßten Leser des Midi Libre vielleicht gern, wie es bei uns hier im Roussillon aussieht.

Vielleicht äußerten Immigranten aus Nord- und Schwarzafrika, die Bewohner der gebeutelten Gegenden, anläßlich einer Umfrage gern, welche Vorschläge sie haben, daß endlich Schluß ist mit dem Terror und den allgemeinen Zuständen, unter denen sie Tag und Nacht leiden. Die kommen aber im Midi Libre nicht zu Wort - oder haben sie etwa keine Vorschläge?

Umfrage über die Agitation von Islamisten

Vielleicht wäre es für die Leser des Midi Libre auch interessant zu erfahren, was aus dem Imam von Vénissieux Abdelkader Bouziane inzwischen geworden ist, und sich dann in einer Umfrage zu äußern, was sie von dem Fall halten.

Der Imam wohnt nämlich ebenfalls im Einzugsbereich des Midi Libre. Vénissieux ist ein Vorort von Lyon, dem Zentrum der islamistischen Predigten und des salafistischen Verlages Tawhid. Predigt der Imam weiter? Gibt es andere Imame, die ebenso leben wie er, mit zwei Ehefrauen und 16 Kindern, zehn davon minderjährig? Welche Meinung haben die Leser?

Zur Islamisierung meint der Imam von Vénissieux Abdelkader Bouziane, der ausgewiesen wird aus Frankreich, dann aber rasch wieder zurückkommen darf, weil er Frankreich liebt:

Möchten Sie, dass Frankreich ein islamisches Land wird? - Ja, weil Menschen glücklicher sind näher bei Allah. Darüber hinaus straft Allah Gesellschaften, die in Sünde versinken, mit Erdbeben und Krankheiten wie AIDS ... Und ich bin glücklich, wenn ich die Franzosen zum Islam konvertieren sehe, weil ich weiß, sie sind auf dem richtigen Wege. - Sie wolllen wirklich die Errichtung einer islamischen Republik in Frankreich sehen? - Ja, aber nicht nur in Frankreich. Ich hoffe, die ganze Welt wird islamisch. (4)

Umfrage zu den vom Imam von Vénissieux geäußerten Ansichten

In einem Interview mit der Zeitschrift LyonMag äußert sich der Imam über viele Themen, von denen anschließend zwei von der Zeitschrift Nouvel Observateur, die das Interview nachdruckt, einfach gestrichen werden.

Der Imam nimmt außer zur Islamisierung Frankreichs und der Welt Stellung zu vielen Fragen des gesellschaftlichen Lebens in Frankreich. Er steht mit seiner Meinung nicht allein, sondern er ist vielmehr repräsentativ für die Ansichten der Männer in weiten Teilen der in Frankreich lebenden islamischen Gegengesellschaft. Es wäre schon einer mehrtägigen Beschäftigung mit dem Thema sowie einer Meinungsumfrage unter den Lesern des Roussillon wert, vor allem unter den muslimischen unter ihnen, finde ich, wie sie zu solchen Fragen stehen.

Der Imam meint in dem Interview:

Die beiden kursiv gesetzten Antworten streicht der Nouvel Observateur aus dem Interview. Midi Libre könnte seine Leser fragen, was sie davon halten, daß ihnen durch die französischen Medien unvollständige, verfälschte oder gar keine Informationen übermittelt werden. Was sie davon halten, daß sie ausländische Medien, bis hin zu Blogs aus den USA, hinzuziehen müssen, um sich ein Bild über Vorgänge machen zu können, die bei ihnen um die Ecke ablaufen. (4)

Ständig wird davon geredet, die moderaten Muslime sollten zu Wort kommen. Eine Umfrage, wie die muslimischen Frauen und Männer zu den Ansichten des Imam von Vénissieux stehen, könnte aufschlußreich sein.

Umfrage zur "Doppelstrafe"

Vielleicht könnte der Midi Libre auch eine Umfrage zum Thema "Doppelstrafe", der Ausweisung von Personen ohne französische Staatsbürgerschaft nach verbüßter Haftstrafe, durchführen?

Am 15. November 2005 lese ich im Indépendant, dem anderen Provinzblatt, über einen seit mehreren Jahren in Frankreich lebenden 21-jährigen Marokkaner, der Anfang November nach der Verbüßung einer dreimonatigen Haftstrafe hier in Perpignan aus dem Knast kommt, drei Tage später ein Auto klaut, es in der Nacht vom 6. auf den 7. November dicht an eine Polizeistation fährt, die Wand dort mit Beschimpfungen beschmiert, die er auch noch mit seinem Nachnamen zeichnet, und anschließend die Karre anzündet, so daß diese verbrennt und die Polizeistation ankokelt. Nun steht er vor Gericht, schimpft weiter, er hätte Haß auf die Bullen, "les bleus", auf die Justiz und auf Frankreich etc. Er bekommt unter dem Eindruck der Krawalle in den Pariser Vorstädten zwei Jahre Haft ohne Bewährung, und anschließend soll er ausgewiesen werden.

Er hat eine in Marseille erstellte Aufenthaltsgenehmigung. Dort ist der Vorgang nicht auffindbar, so daß man sich fragen darf, wie er an die Aufenthaltspapiere kommen konnte.

Jetzt geht der Streit los, der Mann dürfe nicht doppelt bestraft werden. Man dürfe ihn nach der Verbüßung seiner Haftstrafe nicht ausweisen. Wenn man solches auf sein Privatleben überträgt, heißt das, man lädt jemanden nach Haus ein, der randaliert und zerkloppt die Bude, geht dafür in den Knast, und wenn er wieder herauskommt, ist man verpflichtet, ihn wieder einzuladen?

Ich wüßte gern, was die Bewohner des Roussillon dazu meinen.

Umfrage unter im Roussillon wohnenden Bürgern der EU

Der Midi Libre könnte daran auch eine Umfrage anschließen unter Bürgern der EU, die sich im Roussillon niederlassen.

Ich beispielsweise habe eine "Carte de séjour", eine Aufenthaltsgenehmigung in Form eines unserem Personalausweis ähnelnden Dokumentes beantragen müssen. Dazu bedurfte es einer genauen Auskunft über meine finanzielle Lage, woher ich wieviel Geld für meinen Lebensunterhalt beziehe. Ausländer dürfen nämlich dem französischen Staat nicht zur Last fallen, das ist klar. Die Unterlagen wurden nicht in Perpignan bearbeitet, sondern in Paris, und es bedurfte wochenlangen Wartens, bis der Vorgang geklärt war und ich meine Karte erhielt. Sie gilt für fünf Jahre.

Der verurteilte Marokkaner hat weder eine Wohnung, noch Auskommen, noch eine nachvollziehbare Aufenthaltsgenehmigung. Er darf dennoch nicht in sein Heimatland abgeschoben werden, das wäre "Doppelstrafe"?

Welche Meinung haben die EU-Bürger zu dieser sie diskriminierenden Behandlung?

Die Umfrage über die "Zukunft der Marseillaise" in der Zeitung Midi Libre

Die Marseillaise entsteht 1792 gegen die Feinde der Revolution. "Welchen Sinn kann dieses kriegerische und subversive Lied im 21. Jahrhundert noch haben, während das kürzliche Gesetz Fillon seine Lehre für ´obligatorisch´ schon ab der Grundschule erklärt. Midi Libre eröffnet das Dossier." Die Krönung dieser Aktion liest man "À la Une", auf der ersten und auf der Seite 25, wobei Midi Libre online ergänzende Informationen zum Thema anbietet:

In der Zeitung Midi Libre ist die Umfrage der Aufmacher. Unter dem großen, auch online abgebildeten Foto heißt es:

Auf der Seite 25 werden 25 Lesermeinungen veröffentlicht: "Ihre Briefe, die Marseillaise betreffend. Ein Lied des Krieges und der Freiheit lehren". Keine einzige Meinung trägt eine arabisch klingende Unterschrift, einige aber spanische.

15 Leser halten die Marseillaise, so wie sie ist, für positiv, fünf für negativ und fünf haben Probleme mit dem Text. Man solle nur die Musik behalten, den Text ändern, nur die letzte Strophe singen, den Text so umschreiben, daß die Vorzüge der "Douce France", des lieblichen Frankreich hervorträten, die Hymne sei eine Schande für Frankreich: "gibt es nicht schon genug Gewalt in unserem Lande, ohne daß man noch eine Aufforderung hinzufügt?", die Hymne enthalte derartige Rassismen, daß "wir vor einem internationalen Tribunal rassistischer Äußerungen wegen verurteilt werden könnten", es fehlten die Begriffe "Liberté, Egalité, Fraternité", Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das Lied sei überhaupt erst 1879 zur Hymne gemacht worden und "in unseren Tagen kommt die Gewalt aus der Laizität", lauten einige negative Beiträge.

Die ersten Meinungen hätten ausgedrückt, daß es keinen Frieden ohne Krieg geben könne, schreibt Midi Libre: "Il n´y a pas de paix sans guerre". Solche Zuschriften druckt Midi Libre nicht ab.

Positive Beiträge beziehen sich auf die Identitätsstiftung durch die Hymne, "die Marseillaise ist das einzige, das uns geblieben ist", die geschichtliche Rolle der Hymne sei unveränderlich. Einige ältere leser erinnern an die Zeit der Nazi-Besatzung, da ihnen die Hymne Trost gebracht hätte. Im Krieg, es sei 1942 oder Anfang 1943 gewesen, habe die Leserin in der Schule die Strophe "Amour sacré de la patrie ...", heilige Liebe zum Vaterland, von ihrem Lehrer gelernt, und da sei es für sie Schluß mit dem Vichy-Lied "Marechal, nous voilà!" gewesen.

Die Informationen und Interviews zur Hymne auf Midi Libre online

Es sollen hier die Themen nur angerissen werden. Wer französisch kann, lese vielleicht das eine oder andere. Es handelt von vielen Ansichten. (5)

Jetzt bin ich gespannt auf die nächste Umfrageaktion unter den Lesern des Midi Libre aus unserer Gegend. Aktuellere Themen als "die Zukunft der Marseillaise" gäbe es genug. Vielleicht könnten auch die Immigranten, französischer oder nichtfranzösischer Nationalität, in die Vorbereitung der Umfrage einbezogen werden. Bei der Umfrage zur Hymne waren die Immigranten nicht einmal besprochene Personen, geschweige denn mitwirkende, sieht man von der Befragung einiger Grundschulkinder ab.

20. November 2005

Quellen

(1) La Marseillaise, the French National Anthem
http://www.adminet.com/marseillaise.html

Allah Houakhbar, jeunes des cités ! Welche Zukunft für die Marseillaise ? 12. November 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-11-12_17-04-54.html

(2) Les causes de l´endettement public croissant. Attention aux imposteurs et aux impostures. Par Georges Lane.La Page libérale, 25 juin 2005
http://www.pageliberale.org/billet.php?niw=1372

(3) "Vielehe eine Ursache für Unruhen",von Michaela Wiegel, FAZ, 16. November 2005
http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc ~E7B208DE7C10F4187B9EF7E688F09BC1C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

(4) Les principaux extraits de l´interview d´Abdelkader Bouziane, publiée par Lyon Mag dans le cadre de son dossier du numéro du mois d´avril (2004): "Islamisme: Les banlieues lyonnaises contaminées".
http://perso.wanadoo.fr/felina/libertes/imam_bouziane.htm

(5) Hymne dans l´aire du temps ? Midi Libre, 19 novembre 2005
http://www.midilibre.com/dossiers_v2/un_dossier.php?id_rubri que=34


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2005-11-20_01-02-40.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 07.01.2009, 06:26 Uhr