
Rafiq Hariri, Jacques Chirac, der Libanonkrieg und die Satirezeitung "Charlie Hebdo"
AuszĂŒge und Zusammenfassungen aus einem Interview des Charlie Hebdo mit Georges Corm, dem ehemaligen libanesischen Finanzminister 1998 bis 2000
Im Libanon ist die Infrastruktur zerstört worden, aber das Bankensystem hat widerstanden. Georges Corm, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Finanzminister (1998-2000), kommt zurĂŒck auf die 15 Jahre libanesischer Politik, die aus dem Libanon eine Finanz-Plattform gemacht, aber das Land ruiniert haben. In diesem Zusammenhang könnte der gegenwĂ€rtige Wiederaufbau fĂŒr die Politikerklasse eine Chance sein, endlich das Land zu reformieren, sowohl politisch als auch wirtschaftlich.
Die Kapitalflucht aus dem Libanon wĂ€hrend der 34 Tage des jetzigen Krieges betrĂ€gt ungefĂ€hr 1,5 Milliarden Dollar von 60 Milliarden, die in den Depots der libanesischen Banken liegen, das ist tatsĂ€chlich wenig. Die libanesischen Finanzen beruhen auf Dollargrundlage, was jede dynamische Wirtschaftspolitik bremst und die Staatskasse teuer zu stehen kommt ... Der Reichtum der Banken wirkt sich, anders als in der Schweiz, nicht auf das Land aus. Die Vermögenden haben niemals dafĂŒr angemessen Steuern bezahlt. Selbst nicht fĂŒr die Aufstellung einer starken Armee.
Die Schulden resultieren aus der von Rafiq Hariri, Premierminister von 1992 bis 1998 und von 2000 bis 2004, unternommenen wahnwitzigen Wiederaufbaupolitik. Unter seiner Verwaltung stieg die Staatsverschuldung von 2 Milliarden auf 37 Milliarden Dollar, fĂŒr Wiederaufbauprojekte, die 7 Milliarden Dollar nicht ĂŒberstiegen. TatsĂ€chlich praktizierte die von ihm (Rafiq Hariri) kontrollierte Zentralbank eine extreme Hochzinspolitik, wĂ€hrend die Inflation sehr schnell zurĂŒckging und das Kapital in den Libanon strömte. Das hat den Banken Höchstgewinne beschert und sehr viele Leute reich gemacht. Aber diese ZinssĂ€tze haben auch das biĂchen an wirtschaftlichem Wachstum zerschlagen, das sich zum Nachteil der ProduktionskapazitĂ€ten des Landes im GrundstĂŒcksmarkt sowie im Bausektor und in AuftrĂ€gen der öffentlichen Hand sehr konzentrierte.
Das ist eine Verwaltung, die sich durch die Allgegenwart der Netzwerke von Beziehungen und Korruption auszeichnet, abgesichert von ehemaligen Chefs der Kriegsmilizen, die sich zu GeschĂ€ftsleuten wandelten, nachdem sie wĂ€hrend des Krieges die PlĂŒnderung praktizierten, oder von den ErdölmilliardĂ€ren, die in den Staat investierten, die Wahlen manipulierten und die Medien zu ihren und zu den Gunsten ihrer auslĂ€ndischen BeschĂŒtzer monopolisierten. Das Leitprojekt des Teams von Hariri ist die Restaurierung des historischen Zentrums von Beirut gewesen, die 150 000 Menschen um ihren Hausbesitz gebracht hat, ohne daĂ diese Restaurierung 15 Jahre danach beendet wĂ€re.
Der Slogan der Restaurierung ist gewesen: "Bereichert euch!" Reformen sowie alle anderen Wirtschaftsbereiche wurden vernachlÀssigt. Ein Drittel der Libanesen leben heute unterhalb des Existenzminimums, die Jugendarbeitslosigkeit betrÀgt 30 Prozent. Der Tourismus konzentriert sich in Beirut und einigen Ortschaften in der NÀhe, ohne daà die anderen Regionen des Libanon davon profitierten. Beirut ist "Dallas-sur-Mer" geworden.
Frage: Was den gegenwÀrtige Wiederaufbau des Landes angeht, spricht man von einer Konkurrenz zwischen dem Staat und der Hezbollah ...
Die Hezbollah ist nicht der Staat im Staate, wie man sie beschreibt. Sie besetzt den Platz, den der libanesische Staat sie besetzen lĂ€Ăt. Sie hat immer mit dem Staat zusammengearbeitet, mit seinen Sicherheitsdiensten, seinen sozialen und juristischen Institutionen. Heute setzt sie die Praxis eines schnellen Wiederaufbaus in Gang (Materiallieferungen und finanzielle Hilfe), damit die Betroffenen ihre Wohnungen selbst wieder instand setzen. Die RĂŒckkehr der Menschen in die ausgebombten Gebiete kann nicht warten auf die bĂŒrokratische Maschinerie des noch immer von den Netzwerken der Beziehungen beschwerten Staates. Jedenfalls ist unter Aufsicht einer NRO eine Charta fĂŒr den Wiederaufbau in Vorbereitung, um Abirrungen, die Korruption und die erfahrene Ineffizienz zu vermeiden ...
Charlie Hebdo, eines der wenigen mutigen Presseorgane, wird mit UnterstĂŒtzung des Jacques Chirac verklagt
Charlie Hebdo veröffentlicht im Februar 2006 als eines der wenigen mutigen Presseorgane die dĂ€nischen sowie eigene Mohammed-Karikaturen. Die Zeitschrift wird dafĂŒr von der dem französischen StaatsprĂ€sidenten nahestehenden FĂ©dĂ©ration de la Grande MosquĂ©e de Paris (GMP), der Föderation der GroĂen Moschee von Paris, und der den MuslimbrĂŒdern verpflichteten Union des organisations islamiques de France (UOIF), der Vereinigung der islamischen Organisationen Frankreichs, wegen öffentlicher Beleidigung einer Personengruppe verklagt.
Wann diesen Vertretern der "Religion des Friedens" das einfÀllt?
Nach einigem Hin&Her, und nachdem zunĂ€chst von einer Klage Abstand genommen wurde, fĂŒnf Monate nach der Veröffentlichung der Karikaturen im Charlie Hebdo, eine Woche nach dem Beginn des Libanonkonfliktes. So erfahren es die französischen Medien aus Gerichtskreisen, am 21. Juli 2006. Die Anhörung der Beschuldigten erfolgt Ende September 2006. Der Inhalt der Klage wird nicht vor 2007 durch die 17. Kammer des Gerichts von Paris behandelt. Im Falle einer Verurteilung verlangt die UOIF die Veröffentlichung des Urteils im Charlie Hebdo und in fĂŒnf anderen Zeitungen seiner Wahl, bei Zuwiderhandlung 50 000 Euro fĂŒr jede Woche der Verzögerung sowie 30 000 Euro Schadensersatz und Zinsen.
Jacques Chirac, der statt fĂŒr die demokratischen Rechte auf Meinungs- und Pressefreiheit einzutreten, die Herausgeber des Charlie Hebdo öffentlich zu Provokateuren erklĂ€rt, hĂ€lt es fĂŒr angebracht, zur UnterstĂŒtzung der AnwĂ€lte der GroĂen Moschee von Paris seinen persönlichen Anwalt MaĂźtre Francis Spziner mit der Vertretung der Interessen der GroĂen Moschee von Paris zu beauftragen.
Einen Zusammenhang der Klage zum jetzigen Zeitpunkt mit der intriganten Politik des Jacques Chirac im Libanonkonflikt kann man getrost annehmen.
26. August 2006
Quellen
Interview de Georges Corm, ancien ministre des Finances libanais. "Avec Hariri, Beyrouth, c´Ă©tait Dallas-sur-Mer". Propos recueillis par Marianne Dautrey. Charlie Hebdo no 740, 23 aoĂ»t 2006, page 5
Les Unes de Charlie Hebdo
http://unecharlie.populus.ch/
La Mosquée de Paris attaque Charlie. AP, NouvelObs.com, 21 juillet 2006
http://archquo.nouvelobs.com/cgi/articles?ad=medias/20060721 .OBS5913.html&host=http://permanent.nouvelobs.com/
Caricatures. Charlie Hebdo devant la justice Marie Simon. L´Express, 3 aoĂ»t 2006
http://www.lexpress.fr/info/quotidien/actu.asp?id=5059
ALLAH REFUSE DE SE PRĂSENTER Ă L´AUDIENCE. Par Philippe Val, Charlie Hebdo, 24 mai 2006. Islam la
http://www.islamla.com/modules.php?name=News&file=article&si d=261&mode=thread&order=0&thold=0