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"Plume du Paon" - Robert Redeker: Flüchtling im eigenen Land

Am 19. September 2006 hat sein Flüchtlingsdasein angefangen ...

Robert Redeker schreibt mir am 30. Juli 2007: Ich bin sehr überrascht, weil es durch Sie ist, daß ich entdecke, daß der Spiegel diesen Text veröffentlicht hat. Ohne Ihre Email hätte ich es niemals erfahren!

Je suis très surpris car c´est à travers vous que je découvre que le Spiegel a publié ce texte. Sans votre mail je ne l´aurais jamais su!

In der Gazette Nr. 14 erzählt der Philosoph und Islamkritiker zum ersten Mal die Umstände seiner Flucht vor der "Fatwa im Lande Voltaires" und sein Leben im Untergrund.

Für Walter, meinen Vater

Mein Vater, er wurde 1923 in Steinbergen bei Hannover geboren, starb Anfang Februar, im Bett und ein wenig überraschend für uns, während meine Mutter, eine Hildesheimerin, gerade in der Küche war und den Kaffee fürs Frühstück machte. Beide Eltern hatten sich vor mehr als 60 Jahren im Süden Frankreichs niedergelassen, um hier ein arbeitsreiches und ehrsames Leben als Landarbeiter zu führen. Die Polizei erlaubte uns nicht, die Todesurkunde, wie es üblich ist, im Bürgermeisteramt öffentlich anzuschlagen. Ebenso war es unmöglich, eine Todesanzeige in der örtlichen Zeitung, der Dèpêche du Midi, aufzugeben. Vorrang hatte die Sicherheit: Niemand durfte wissen, dass ein Mensch mit meinem Namen am Mittwoch, den 7. Februar zu seiner letzten Ruhestätte begleitet wurde. Das sei zu gefährlich, hieß es; man könnte Fotos vom Trauerzug machen und danach beteiligte Personen bedrohen, man könnte sogar auf den Trauerzug schießen oder einen Molotow-Cocktail oder eine Bombe werfen. Wir, der engste Familienkreis, mussten also meinen Vater im Verborgenen beerdigen, in aller Heimlichkeit. Wie Diebe in der Nacht. Wie Pestkranke. Ausgestoßen von der Gesellschaft. Wie war es soweit gekommen?

Im September 2006 hatte ich für den Figaro einen Artikel geschrieben mit dem Titel Was muss die freie Welt gegen die Einschüchterungen der Islamisten tun? (Face aux intimidations islamistes, que doit faire le monde libre ? Der Text liegt in englisch vor bei Michelle Malkin: What should the free world do while facing Islamist intimidation?, G.E.)

Der Artikel war ein scharfer Widerspruch gegen den Druck des Islam auf den Alltag der westlichen Länder. Die extremen Erscheinungsformen dieser Religion wurden dabei kritisiert. Der Text verglich auch Jesus und Mohammed (zum Vorteil des ersteren) und das Christentum und den Islam (zum Vorteil des Christentums). Ich wollte damit auch Papst Benedikt XVI. verteidigen, gegen den in islamischen Ländern nach seiner Regensburger Rede ein hysterischer Sturm der Intoleranz losbrach. Mit diesem Artikel nahm ich ein verfassungsmäßiges und ebenso ein intellektuelles Recht in Anspruch. Der Ton war derselbe wie im Anhang zum Buch I der Ethik des Spinoza und vieler Schriften Voltaires, das heißt, er war lebhaft und ironisch. In der Geschichte der europäischen Intellektuellen hat die antireligiöse Kritik durch Philosophen und Schriftsteller eine gut belegte Tradition. Die Feststellung, diese Kritik sei ein Element der Freiheit, ist dabei nicht ausreichend: Die Kritik fördert vielmehr die Freiheit. Erst durch die Kritik der Religion hat sich die Meinungsfreiheit in Europa verbreitet, so dass sie heute eine Art Grundgesetz unserer Gesellschaften ist: Alle diese Freiheiten – die Freiheit der Meinung, des Gewissens, der Rede und ihrer Verbreitung – haben ihren Ursprung in der antireligiösen Kritik, die sich in Europa seit dem 17. Jahrhundert entwickelt hat. Mein Artikel war also in dieser Hinsicht für einen Europäer nichts Ungewöhnliches.

Sehr schnell jedoch wurde ich mit Todesdrohungen eingedeckt. Im Fernsehsender Al Dschasira gab mich der einflussreiche Prediger Yussef al Qaradawi namentlich der öffentlichen Schande preis. Mehr noch: Auf der offiziellen Website des Dschihadismus, Al Hesbah, wurde ich zum Tode verurteilt. Es erging ein Appell an alle Muslime der Welt, mir den Kopf abzuschneiden: "Diesem Schwein, das es gewagt hat, Mohammed zu kritisieren, muss der Kopf vom Leib getrennt werden," so war es auf der Website zu lesen. Die Muslime wurden also aufgefordert, mir dasselbe Schicksal zu bereiten wie Theo van Gogh. Diesem Todesurteil hinzugefügt wurden mein Foto, meine Adresse, meine Telefonnummer, die Adressen meiner verschiedenen Lehrtätigkeiten und eine genaue Wegbeschreibung zu meiner Wohnung. Die Mörder brauchten sich nur noch zu bedienen. Die Anweisung zum Mord und die Anfahrtsskizze wurden in der ganzen Welt verteilt, natürlich auch in den Vororten von Paris mit ihren islamistischen Netzwerken.

Plötzlich also, durch einen einfachen antireligiösen Artikel in einer westlichen Zeitung, wurde ich zu Freiwild. Zum Tode verurteilt für eine Meinungsäußerung! Eine wandelnde Zielscheibe für eine Fatwa im Lande Voltaires.

In diesem Augenblick brach mein Leben zusammen, ebenso das Leben meiner Frau und meiner Kinder. Die Familie wurde unverzüglich unter Polizeischutz gestellt. Gleichzeitig mussten wir unser Haus verlassen: ein Foto davon war tatsächlich auf der Website der Terroristen zu sehen. Wir mussten uns verstecken, jeden Tag an einem anderen Ort, auf der Flucht, als wären wir Banditen. Man muss sich das einmal vorstellen: Wir konnten uns in unserm eigenen Land nicht mehr auf die Straße wagen; so schrieb die Polizei es uns vor, die uns in diesem Leben im Untergrund begleitete. Wir hatten keinen festen Wohnsitz mehr; am Morgen wussten wir nicht, wo wir am Abend schlafen würden. Jeden Tag galt es, eine neue Zufluchtsstätte zu finden. Üblicherweise führen nur Räuber und Terroristen, die von der Polizei gejagt werden, ein solches Leben. Dabei sind die Rollen so verteilt: Die Verbrecher fliehen, und die Polizei verfolgt sie. In unserm Fall war es umgekehrt: Wir mussten fliehen, und die Polizei beschützte uns vor der Drohung der Terroristen. Es war ein ungewohntes Leben für uns, ein Skandal: Wir waren – unter dem Schutz des Staates – in unserm eigenen Land auf der Flucht, obwohl wir nichts verbrochen hatten. Wir konnten nur noch bei Nacht aus dem Haus, auf die Straße gehen, einkaufen, irgendwohin spazierengehen, Freunde besuchen. Wir waren nicht mehr frei zu gehen, wohin wir wollten. Ich konnte nicht mehr zur Arbeit gehen: Von meiner Tätigkeit als Philosophielehrer wurde ich entbunden. Alles in allem hatten man uns unser Leben gestohlen. Wir waren zwar noch am Leben, aber nicht mehr im Leben.

Diese Zeit der Treibjagd, des Vagabundierens ohne Tisch und Bett, als Nichtsesshafte, dauerte länger als einen Monat. Dann erlaubten die Behörden meiner Frau und mir, in unser altes Haus zurückzukehren, aber nur unter der Bedingung, dass wir dort im Dunkeln wohnten, Fenster und Türen geschlossen hielten, nicht mehr ausgingen und überhaupt den Eindruck erweckten, das Haus sei gänzlich unbewohnt. Außerdem mussten wir es verkaufen. Vom 20. September an war dieses Haus plötzlich wichtig genug, dauernd, rund um die Uhr, von der Gendarmerie bewacht zu werden. Ein oder manchmal zwei Mannschaftswagen und durchgehend mehrere Polizisten, gelegentlich mit automatischen Waffen, behielten das Haus im Auge. Die ganze Straße befand sich bis zum Tag unseres Auszugs Ende Dezember im Belagerungszustand. Die Nachbarn beschwerten sich schon über die Dauerpräsenz der Polizei vor ihren Häusern. Dieses kleine Dorf hätte es in seiner Feigheit lieber ertragen, dass man mich in meinem eigenen Haus ermordet hätte, als den Anblick der Polizei auf der Straße.

Das Ganze hatte die Atmosphäre einer Kapitulation. Die islamistische Einschüchterung in Frankreich, einem Land, das doch so stolz ist auf seinen Laizismus, war bereits so wirksam, dass mir kaum jemand zu Hilfe kam. Große Teile der Linken und der Gewerkschaften ließen ihrer Wut auf mich freien Lauf: Dem geschieht es ganz recht! Der hat sich das selbst eingebrockt! In ihren Augen hatte ich die Fatwa selbst hervorgerufen. Die Meinungsfreiheit, so hieß es nun, ist der Respekt vor dem Islam. Mit anderen Worten: Die französische Linke, die sich immer schon gegen die Todesstrafe ausgesprochen hatte, hatte Verständnis dafür, dass ich zum Tode verurteilt wurde für eine Kritik des Islam. Sie vertrat die Auffassung, ich hätte ein überaus schweres Verbrechen begangen. In ihren Augen bezieht sich der Laizismus immer nur auf die katholische Kirche, nicht auf den Islam (es war, notabene, eine Regierung der Rechten, die den islamischen Schleier in den Schulen verbot, nicht eine Linke, die sich der entsprechenden Gesetzgebung verweigerte). Gegenüber dem Katholizismus ist die fanzösische Linke unnachgiebig, willfährig jedoch im Fall des Islam. In den Lehrerzimmern der Gymnasien wurde ich in Aushängen am Schwarzen Brett bereits gelyncht: Da schrieben die Philosophielehrer, ich hätte schließlich die Meinungsfreiheit missbraucht. Die in Frankreich außerordentlich starken Lehrergewerkschaften unterstützten mich ebensowenig. Andererseits hatten sie einige Monate vorher Unterschriften gesammelt und Demonstrationen organisiert zur Unterstützung des italienischen Terroristen Cesare Battisti, der zur Zeit der Roten Brigaden mehrere Menschen ermordet hatte. Ich dagegen, der ich kein Terrorist war, ich durfte von den Gewerkschaften keine Hilfe erwarten. Diese Gewerkschaften, in diesem Punkt nicht anders als große Teile der Linken, verherrlicht heute die Terroristen und verachtet deren Opfer. Das ist zumindest meine Wahrnehmung der Gewerkschaftskampagne für Cesare Battisti und der Verweigerung solcher Hilfe in meinem Fall. Praktisch der gesamte Berufsstand bezichtigte mich mehrerer in ihren Augen bei einem Lehrer unverzeihlicher Fehler: Ich sei reaktionär, pro-amerikanisch, pro-israelisch und islamophob. Einige Organisationen der Linken veranstalteten Podiumsgespräche zum Thema "Gibt es überhaupt eine Affäre Redeker?", bei denen immer nur ich auf der Anklagebank saß. Der Bürgermeister des Ortes, in dem ich arbeitete, ein Kommunist, eröffnete eine wahre Schlammschlacht gegen mich. Es trifft leider zu, dass die französischen Kommunisten den Islamisten nahestehen. Zwar hat Nicolas Sarkozy uns sofort und verlässlich unterstützt. Aber andere Minister erklärten im Fernsehen, ich sei in meiner Kritik des Islam eben zu weit gegangen, ich hätte unverantwortlich gehandelt. Im französischen Herbst letzten Jahres wurde sozusagen gegen mich ermittelt, nicht gegen die Mordwilligen und die Terroristen, die mich zum Tod verurteilt hatten, nicht gegen den Islamismus. (1)

Hilfe kam selten. Sie kam, wie gesagt, weder von meinen Kollegen, noch von deren Gewerkschaften. Nicht von der Linken. Ein paar hoch angesehene Intellektuelle traten jedoch für mich auf: André Glucksmann, Bernard-Henri Levy, Pascal Bruckner, Christian Delacampagne, Pierre-André Taguieff. Mehrere Politiker waren an meiner Seite: Philippe de Villiers, der schon erwähnte Nicolas Sarkozy, François Bayrou, Dominique Strauss-Kahn. Es waren nicht viele. Sarkozy schrieb mir zwei hilfreiche Briefe, einen besonders warmherzigen, nachdem er mein Buch Il faut tenter de vivre gelesen hatte. Zwei Protest-Versammlungen wurden organisiert, in Toulouse und in Paris, mit ein paar hundert Personen insgesamt. In Paris wurde ein Bankkonto eingerichtet, auf das Unterstützer Geld für mich einzahlen konnten, denn ein Leben wie meines verursacht erhebliche Kosten. Dieses Bankkonto bestand einen Monat lang und war auch im Internet bekanntgegeben worden. Dann aber erhielten die damit befassten Bankangestellten ihrerseits Todesdrohungen, und die Filiale wurde vor einem Attentat gewarnt. Man musste das interne Wachpersonal verstärken, zusätzlich wurde das Bankgebäude von bewaffneten Polizisten und Polizeihunden rund um die Uhr bewacht. In dieser Situation wurde zwangsläufig, auf Bitten der Bank, die Internet-Anzeige der Kontoverbindungen gelöscht, wodurch der Mittelzufluss versiegte. Von diesem Moment an erhielt ich überhaupt keine finanzielle Untersüttzung mehr: ein Ergebnis der Herrschaft des Schreckens. Ist das schon der Sieg des Islamismus?

Seitdem bin ich auf die dunkle Seite des Lebens gewechselt. Ich kann meinen Beruf, Philosophielehrer, nicht mehr ausüben. Es würde dadurch immer Lebensgefahr bestehen für die Jugendlichen in meiner Klasse. So wurden mir also auch die Gitter des Gymnasiums, in dem ich zehn Jahre lang unterrichtet hatte, vor der Nase zugeschlagen, wahrscheinlich für immer. Ich hatte auch in einer sehr angesehenen Grande Ecole unterrichtet, der Ecole Nationale de l´Aviation Civile, in Toulouse. Im Januar 2007 berichteten die Medien, ein international bekannter Terrorist, der ebenfalls auf der Website Al Hesbah ein Todesurteil gegen mich publiziert hatte, sei soeben in Marokko verhaftet worden. Die Leitung der angesehenen Grande Ecole teilte mir unmittelbar danach mit, ich könnte nun nicht mehr in ihren Räumen unterrichten. Dort herrschte offenkundig Panik. Gleichzeitig und ebenfalls als Folge der erwähnten Verhaftung in Marokko teilte mir der Präsident der Université des Sciences Sociales de Toulouse mit, dass ich auch hier aus Gründen der Sicherheit meine jährliche Vortragsreihe nicht mehr halten könne. Diese Vortragsreihe bestand schon seit 1994 – und nun, von einem Augenblick auf den andern, auf Grund der Nachricht von der Verhaftung eines Terroristen, wurde sie mir genommen. Die Festnahme von Terroristen, die mich bedrohen, beweist die Ernsthaftigkeit der Gefahr; nur so lässt sich die furchtsame Reaktion dieser Institutionen erklären.

Mein Haus war ja inzwischen weltweit bekannt, und die Polizei drängte uns, es zu verlassen: es zu verkaufen, ein neues zu kaufen, woanders, ohne sich dort irgendwie auffällig zu benehmen. Bis dahin mussten wir also im Finstern wohnen, wie in einem Grab, bis zum Dezember, als wir ein anderes Haus gefunden hatten. Tag und Nacht war ich eingesperrt, ja begraben in vier Wänden, mit Ausnahme von Telefon und Internet ohne jeden Kontakt mit der Welt draußen.

Das neue Haus hatte meine Frau gefunden, was bei den unzähligen Sicherheitsvorkehrungen, die ihr auferlegt wurden, nicht leicht war. Beim Umzug selbst waren wir ohne Hilfe. Das Erziehungsministerium, noch immer mein Arbeitgeber, stellte uns keinen Möbelwagen zur Verfügung. Also transportierten meine Frau und ich in heimlichen Fahrten mit unserem PKW zwei Wochen lang unsere Sachen in das neue Haus. Auch die schweren Möbel, darunter ein Klavier, ein großer, amerikanischer Kühlschrank, schwere Schränke, mussten wir ganz allein transportieren.

Und heute?

Die französischen Behörden haben eine neue Arbeit für mich gefunden: Ich bin jetzt Wissenschaftler am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). An dieser Beschäftigung ist nichts Ungewöhnliches, denn das CNRS hat, zu seiner Ehre sei es gesagt, schon in der Vergangenheit politische Flüchtlinge aufgenommen – nur mit dem Unterschied, dass diese Flüchtlinge aus dem Ausland kamen, verfolgt in ihrem Land von ihrem Staat. Meine Anstellung beim CNRS ist sozusagen virtuell: Es gibt kein Zimmer für mich, kein Labor in einem Gebäude oder in einer Universität, auch kein Büro, in dem ich meiner Arbeit nachgehen könnte. Ich lebe, zur Einsamkeit verdammt, ohne Verbindung zu einem Team, der menschlichen Gesellschaft allmählich entfremdet. Man hat mir zu erklären versucht: Unter normalen Bedingungen zu arbeiten, also mit einer Dienstadresse, einem Arbeitsplatz, mit Kollegen, in einem Raum, dies alles sei lebensgefährlich für das Personal der jeweiligen Organisation. Deshalb wird nun mein Zuhause, dessen Adresse nur ganz wenigen bekannt ist, mein neuer Arbeitsplatz bleiben. Hier, in der Einsamkeit, werde ich meine Forschungen betreiben und Philosophie-Bücher schreiben. Allein, ohne wirklichen Kontakt mit Kollegen, ohne Gesellschaft.

Was hier geschehen ist, die Lebensumstände, zu denen ich gezwungen bin, sind eigentlich unvorstellbar für einen Bürger eines demokratischen (noch dazu laizistischen) Staates in West-Europa, ganz besonders in Frankreich, einem Land, das so stolz ist auf seine Souveränität. Zwei neuartige Faktoren spielen hier eine entscheidende Rolle: mein Todesurteil und die Art und Weise des Überlebens nach diesem Urteil.

Ich bin Redaktionsmitglied der von Jean Paul Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes, und als solcher sage ich: Noch nie wurde im modernen Frankreich ein Intellektueller wegen seiner Schriften verurteilt. Demzufolge musste auch noch niemand in Frankreich so leben, wie ich jetzt lebe: zurückgezogen in den Untergrund, beschützt von der Polizei, um einem Todesurteil zu entgehen, das Fanatiker im Ausland verhängt haben.

Die Polizei hat mich ermahnt, misstrauisch gegen jedermann zu sein. Das hat eine außerordentlich unschöne Konsequenz: Die Morddrohung, die über meinen Haupt schwebt, zwingt mich dazu, jeden anderen, vor allem wenn er arabisch aussieht, für verdächtig zu halten, für einen potenziellen Mörder, einen Menschen, der mich vom Leben zum Tod befördern möchte.

Mein Leben wird nie mehr so sein wie früher, auch nicht das Leben meiner Familie. Warum? Weil das gegen mich gerichtete Todesurteil ewig gilt. Es wird im Internet dauernd weitergegeben, von einer islamistischen Website zur nächsen. Das ist keine einmalige Drohung, die irgendwann einmal vorübergeht. Sie vergeht nicht mit der Zeit. Sie bleibt bestehen. Der Tötungsbefehl kann jederzeit ausgeführt werden, durch irgend jemanden, der damit seine Seele zu retten und ins Paradies einzugehen glaubt. Das kann morgen sein oder in zehn Jahren oder in zwanzig Jahren. Mein ganzes Leben muss sich nun diesem Urteil unterwerfen. Es ist ausgeschlossen, dass ich jemals wieder junge Menschen unterrichte. Kein Schuldirektor, kein Universitätspräsident, keine Akademie wird das Risiko eines Attentats eingehen wollen, nur weil ich bei ihm unterrichte.

Ein normales Leben wird mir für immer verschlossen sein: In dem kleinen Dorf im Süden Frankreichs, wo ich derzeit lebe, darf ich niemanden sehen, nicht bekannt sein; ich kann morgens nicht raus und Brot kaufen oder eine Zeitung, nicht ins Bistro, um dort einen Kaffee oder ein Glas Rotwein zu trinken; ich muss meine Gewohnheiten aufgeben, ich darf nicht mehr Petanque spielen auf dem Platz unter den Platanen; ich darf nicht mehr durchs Dorf spazierengehen, die Hände in den Hosentaschen, einfach so; ich darf nicht zum Arzt, nicht zum Zahnarzt, nicht zum Friseur. Bei den allernormalsten Alltagsaktivitäten zerbreche ich mir den Kopf, alles, was einfach war, ist jetzt kompliziert. Ich bin ein politischer Flüchtling in meinem Land.

Ich kann nicht mehr mit dem Zug fahren, nicht mit dem Bus, nicht mit der U-Bahn. Ich kann nur noch im Flugzeug verreisen oder im eigenen Wagen. Wenn ich mal nach Paris muss, dann übernimmt mich am Flughafen von Toulouse die Luft- und Grenz-Polizei (die PAF), die das ganze Einchecken und alle Kontrollen für mich erledigt, bevor sie mich ins Flugzeug setzt. Nach der Landung kümmern sich zwei andere Schutzengel vom Geheimdienst um mich, die sich nicht eine Handbreit von mir entfernen und mich überallhin begleiten, auch ins Restaurant.

Wie konnte es zu einer solchen Unterdrückung im heutigen Frankreich kommen? Und wenn es sie in Frankreich gibt, ist sie dann nicht in jedem anderen Land möglich, eines plötzlichen Tages auch in Deutschland?

Wir stehen wirklich vor einer nie dagewesenen Situation. Das ist nicht mehr der traditionelle Sachverhalt, bei dem ein Mensch von dem Staat, in dem er lebt, verfolgt und unterdrückt wird. Dergleichen kennen wir aus der Beschreibung von Soltschenyzin oder von Menschen, die unter den Diktaturen der 70er Jahre in Argentinien und Chile gelitten haben. Hier erleben wir das Gegenteil: Der Staat ist auf meiner Seite, er beschützt mich (wie er es von Anfang an getan hat). So ergibt sich eine seltsame Umkehrung, verglichen mit der klassischen Situation: Ich bin ein politischer Flüchtling, aber ich fliehe nicht vor einem Staat; der Staat ist an meiner Seite, er beschützt mich. So gesehen, bin ich das Gegenteil von Soltschenyzin, der den sowjetischen Staatsapparat gegen sich hatte. Ich bin also nicht der Gefangene eines Staates und doch ein politischer Flüchtling, der auf keinen Fall ein normales Leben führen kann wie seine Mitbürger. Die Unterdrückung, die auf mir lastet, ist eine Unterdrückung neuer Art, gegen die der Staat kaum eine Handhabe hat. Eine Unterdrückung des dritten Jahrtausends, die noch nicht einmal einen Namen, hat. Eine unsichtbare Freiheitsberaubung: Ich sehe weder meine Kerkermeister, noch meine möglichen Mörder. Aber ich weiß, es gibt sie, und sie hindern mich effektiv daran, so zu leben wie meine Mitmenschen, wie vor dem Artikel im Figaro.

Wegen dieser barbarischen Unterdrückung, dieser stillen Gewaltherrschaft, auf die unsere freien Gesellschaften keine Antwort haben, lebe ich wie ein Dieb in der Nacht und musste meinen Vater, der ein einfacher, redlicher, arbeitsamer Mann war, in aller Heimlichkeit begraben.

(1) Ich sei reaktionär, pro-amerikanisch, pro-israelisch und islamophob. Der Übersetzer bringt irrtümlich "anti-amerikanisch". Ich habe das überlesen, weil es so abwegig ist, daß es bei mir keine Reaktion ausgelöst hat. In Frankreich ist es ein Schimpf, pro-amerikanisch genannt zu werden. Hiermit ist es korrigiert. Robert Redeker schreibt, im November 2004, eigens einen Artikel zum Thema: Anti-Amerikanismus: der ungerechtfertigte Haß.

Anti-américanisme : la haine injuste. Par Robert Redeker. Primo Europe, 2 novembre 2004
http://www.primo-europe.org/showdocs.php?rub=9.php&numdoc=Do -409214579

Leben mit der Fatwa. Von Robert Redeker, SpiegelOnline, 29. Juli 2007
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,496745,00.h tml

Flüchtling im eigenen Land. Von Robert Redeker. Die Gazette Nummer 14, Sommer 2007, vom 15. Juni 2007
http://www.gazette.de/

Der Artikel, mit dem der Alptraum für Robert Redeker beginnt

Face aux intimidations islamistes, que doit faire le monde libre ? Par Robert Redeker. Libre Propos publié le 19 septembre 2006, dans Le Figaro. Debriefing.org, 21 septembre 2006
http://www.debriefing.org/20475.html

Was muß die freie Welt angesichts der islamistischen Einschüchterungen tun? Robert Redeker, Freiheit in Quarantäne. Barbarophobia, 30. Juli 2007
http://barbarophobia.blogspot.com/2007/07/anllich-der-barbar ischen-reaktionen-der.html

What should the free world do while facing Islamist intimidation? By Robert Redeker. The forbidden op-eds. By Michelle Malkin, September 29, 2006
Including the translation of Islam wants to conquer the world. By Egon Flaig
http://michellemalkin.com/2006/09/29/the-forbidden-op-eds/

Wat kan de vrije wereld tegen de intimidatie van islamisten doen? - door Robert Redeker. Hoei Boei, 6 Oktober 2006
http://hoeiboei.web-log.nl/hoeiboei/2006/10/robert_redeker.h tml

Essay. Der Islam will die Welteroberung. Von Egon Flaig, FAZ.net,
15. September 2006
http://tinyurl.com/fcsdj

Leben als politischer Flüchtling

AFP distanziert sich von den Schilderungen des Robert Redeker: Er sagt (!), daß er das Leben eines politischen Flüchtlings führe. Die Zeitung, die ein Herz hat für die Sorgen und Nöte der Menschheit, La Croix, Zeitung der Katholiken Frankreichs, übernimmt es unverändert.

Robert Redeker dit vivre "une vie de réfugié politique" dans son propre pays. AFP, LaCroix.com, 26 juin 2007
http://www.la-croix.com/afp.static/pages/070626081313.zye4pd qt.htm

Robert Redeker verstummt nicht; er knöpft sich die Linke vor: Man sagt manchmal, der Linken sei das Volk abhanden gekommen. Aber dazu mußte ihr zuerst die Realität abhanden kommen.

La gauche doit réapprendre à parler. Par Robert Redeker. Respublica no 548,
21 juin 2007
http://www.gaucherepublicaine.org/,article,1495,,,,,_La-gauc he-doit-reapprendre-a-parler.htm

Artikel zu Robert Redeker in meinem Archiv

Artikel auf meiner Site über Robert Redeker, oder in denen ich ihn erwähnt habe.
http://tinyurl.com/bcp8rf

Robert Redeker lebt! 10. Februar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-02-10_22-28-44.html

Robert Redeker: Man muß versuchen zu leben! 23. Januar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-01-23_03-29-49.html

Großveranstaltung zur Unterstützung von Robert Redeker: für Gesetz, republikanisches Recht und Meinungsfreiheit. 10. November 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-11-10_14-40-01.html

Robert Redeker schreibt an André Glucksmann. 28. September 2006
http://www.eussner.net/fundsachen_2006-09-29_02-10-39.html

Robert Redeker oder: Islamkritik wird mit dem Tode bestraft. 29. September 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-09-29_00-01-34.html

28. Juni 2007

Update, vom 30. und 31. Juli 2007

Man soll es nicht für möglich halten, aber einen Monat nach dieser Veröffentlichung entdeckt auch der Spiegel sein Herz für Robert Redeker. Da muß das Sommerloch ja riesig sein! Es gibt keine Dopingskandale mehr, weil die Tour de France vorbei ist, und Nicolas Sarkozy ist mit seiner Ehefrau im verdienten Urlaub. Ich danke allen Bloggern, die sich des Falles noch einmal annehmen, Fakten&Fiktionen, Düsseldorf Blog, Barbarophobia, mit der deutschen Übersetzung des Figaro-Artikels von Robert Redeker, Politically Incorrect, Achse des Guten ...

Update, vom 28. Februar 2009

Robert Redeker wird nicht vergessen. In Frankreich allerdings sehr wohl, da gibt´s bis heute linke Gewerkschafter, Islamlobbyisten und andere Regierungsbeamte, die dem Robert Redeker die Schuld an seiner Lage gegeben und ihn aus ihrer Erinnerung gestrichen haben. Es sind dieselben Leute, die sich für die Menschenrechte der Palästinenser in Gaza einsetzen und in Demonstrationszügen marschieren, in denen der Davidstern dem Hakenkreuz gleichgesetzt, Israelfahnen verbrannt und "Juden ins Gas!" skandiert werden.

Der französische Staat und seine Institutionen sind unfähig und nicht bereit, einen Mann wie Robert Redeker grundsätzlich zu schützen. Frankreich artikuliert nicht deutlich, daß islamisches Recht oder das, was fanatisierte Muslime dazu erklären, in Frankreich keinen Raum hat. Robert Redeker wird aber von französischen Juden nicht vergessen, von Nidra Poller beispielsweise, die an ihn in der Jerusalem Post erinnert und davon berichtet, daß ein Muslim, kaum haben Robert Redekers Leibwächter einmal für eine Stunde den Rücken gekehrt, ihn eine Viertelstunde lang beschimpfen und ihm Mörder an den Hals wünschen kann: "Herr Redeker, ... ich weiß wer Sie sind ... Ich werde Sie nicht umbringen, aber ein anderer wird es tun ... Sie unterscheiden zwischen gemäßigten, fanatischen und islamistischen Muslimen. Sie liegen falsch. Ein Mensch ist Muslim oder nicht, Punkt ..."

Refugee in his own country. By Nidra Poller, Jerusalem Post, February 26/27, 2009
http://tinyurl.com/cyfzsz

Spiegel entdeckt den Robert-Redeker-Skandal, osi, Düsseldorf Blog, 30. Juli 2007
http://tinyurl.com/atfopr

Robert Redeker: Spiegel nicht interessiert, osi, Düsseldorf Blog, 2. Juli 2007
http://www.duesseldorf-blog.de/2007/07/02/robert-redeker-spi egel-nicht-interessiert/

Warum Philosoph Robert Redeker seinen Vater in Frankreich nur heimlich begraben durfte, osi, Düsseldorf Blog, 29. Juni 2007
http://tinyurl.com/cutjbt

EU-Skandal Robert Redeker. Fakten&Fiktionen, 30. Juli 2007
http://kewil.myblog.de/kewil/art/190399688/

Wie Robert Redeker vor den Islamisten fliehen muß. Fakten&Fiktionen,
29. Juni 2007
http://kewil.myblog.de/kewil/art/178649708/

"Les Temps modernes". Fakten&Fiktionen, 29. Juni 2006
http://myblog.de/kewil/art/4478617


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