
Eine Geliebte Brechts und Graf Fleckenstein im Ausverkauf
Im September 2003 veröffentlicht der Verlag Albin Michel die Lügengeschichten der Nima Zamar Je devais aussi tuer, Ich mußte auch töten, oder besser: Ich mußte auch morden. Es handelt sich um Verleumdungen der Arbeit des israelischen Geheimdienstes, ausgedacht wahrscheinlich vom Cheflektor des Verlages Thierry Pfister, der nicht zum ersten Mal als schwadronierender Autor wirkt.
Diese und andere antisemitische und anti-israelische Publikationen der französischen Verlage habe ich im April 2004 vorgestellt: Antisemitismus und Israelfeindschaft in Frankreich. Beispiele der letzten Zeit aus der Welt der Printmedien. (1)
Es ist die Zeit, als Präsident Jacques Chirac und sein Premierminister Jean-Pierre Raffarin sich gar nicht vorstellen können, woher der Antisemitismus auf Frankreichs Straßen denn wohl kommen mag; bei den Festessen des Conseil Représentatif des Institutions juives de France (CRIF) werden Reden geschwungen, daß kein Jude in Frankreich Angst zu haben brauche. Was in den Jahren darauf geschieht, ist bekannt. Stichworte: Allah Houakhbar! Für die Palästinenser und Jerusalem! im Herbst 2005, Ilan Halimi, ermordet von der Bande des Youssouf Fofana, sowie weitere rassistische Aggressionen von Muslimen gegen die Juden. Mein Archiv ist voll von Berichten darüber. (2)
Im Zusammenhang mit den Recherchen zu Nima Zamar stoße ich auf ein ebenfalls bei Albin Michel erschienenes Buch, das mich als Berlinerin angeht, es heißt La maîtresse de Brecht und stammt aus der Feder des Autors Jacques-Pierre Amette, des Literaturkritikers der Zeitschrift Le Point. Ich will wissen, ob ich das Buch kaufen soll, vielleicht erfahre ich vom Schiffbauerdamm interessante Neuigkeiten. Der Verlag Albin Michel beweist aber auch mit diesem Buch, daß er einen Hang zu abstrusen, politisch sehr gezielten Fiktionen hat. Dem nach 15-jährigem Exil heimgekehrten armen BB, der mit zahlreichen Frauen überreich gesegnet ist, manche betroffene Damen halten die Segnungen gar für übertrieben, dichtet er eine weitere Geliebte an, schmuggelt sie in sein Leben ein. Nach des Autors Willen ist sie eine Agentin der Stasi, die später ihre Erlebnisse bei der CIA beichtet. Die französischen Intellektuellen und Kritiker sind´s nicht nur zufrieden, sondern sie kriegen sich kaum ein vor Begeisterung, bedient doch der Autor alles auf einen Streich, ihren Hang, sich aus der Verantwortung des realen Lebens in Traumwelten abzuseilen, dabei ihre antiamerikanischen und anti-israelischen Vorurteile zu pflegen und ihre stattlichen Honorare und Gehälter nach Hause zu tragen.
Dieser Mechanismus wirkt jetzt auch beim hochgejubelten Werk des Jonathan Littell, Les bienveillantes, die Wohlgesinnten, erschienen bei Gallimard und mit dem Prix Goncourt 2006 ausgezeichnet. Der Autor imaginiert auf 900 Seiten ebenfalls eine Figur, den SS-Offizier Max Aue, und es ist wie bei Bertolt Brecht, auch in diesem Fall benötigen wir Deutschen das zusätzliche Personal gar nicht, wir haben genug Brecht-Geliebte und leider Tausende von SS-Offizieren, die besser nie gelebt und gewirkt hätten. Wahrscheinlich ist der eine oder andere der real existierenden Kollegen des Max Aue den osteuropäischen Familienmitgliedern des Juden Jonathan Littell begegnet.
Überlebenschance? Gering!
Schließlich stand Himmler - außer dem SD und der Polizei - noch die eigentliche SS-Armee zur Verfügung. Sie gliederte sich in die SS-Verfügungstruppen (mit SS-Fremdenlegionären aus aller Herren Länder während des Krieges) und in die SS-Totenkopfverbände. Ihre Zahl betrug um 1936 etwa 210 000 Mann: 90 Prozent Verfügungstruppen, 10 Prozent Totenkopfverbände; gegen Kriegsende rund 1 000 000 Mann ... (3)
Auch das in Frankreich millionenfach verkaufte Buch des Jonathan Littell über diese Episode unserer Geschichte braucht man nicht zu lesen. Ein Interview, das der Autor der spanischen Zeitung El Mundo gegeben hat, dürfte reichen, meine Behauptung zu belegen. (4)
Aber zurück zu Jacques-Pierre Amette und dem Literaturzirkus vom Oktober 2003. Da verleiht dem Autor, und damit vor allem dem Verlag, die 10-köpfige aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern zusammengesetzte Jury der Académie Goncourt den begehrten Prix Goncourt 2003, der seinen 100. Geburtstag feiert. Als er den Preis erhält, hat er bereits an die 30 Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben. Jacques-Pierre Amettes Lesungen und seinen Erfolg in ganz Frankreich kann man seinerzeit auf seiner Web Site bewundern. (5)
Was macht es da, ob die Geschichte wahr ist oder erfunden? Im Buch, von dem 13 Seiten Leseprobe angeboten werden, gibt es, auf Seite 19, im Jahre 1948 bereits die RDA, die DDR: Dymschitz las seinen Willkommenstext und fragte sich, ob der alte Brecht, heute, eine Axt unter seinem Mantel versteckt hätte. Den Schädel der Schriftsteller der DDR spalten .... Der 1932 von Slatan Dudow gedrehte berühmte Film heißt auf Seite 22 der Leseprobe Kühle Wampe. Die Leseprobe ist in dieser Form heute noch online, es stört niemanden, handelt es sich doch wie im Buch des Jonathan Littell nur um verbogene Fakten der deutschen Geschichte und Literatur. Mit französischen Daten wäre es vielleicht anders, aber selbst das ist heuer nimmer sicher. (6)
Jacques-Pierre Amette setzt bei Kuhle Wampe eigens den Umlaut, der im Französischen nicht vorkommt, den er bewußt einsetzen muß. Hätte er umgekehrt irgendwo einen Umlaut übersehen, es könnte einem Franzosen passieren. Zwei kleine Pünktchen zuviel aber zeigen, daß der Autor keine Ahnung hat. Man gewinnt einen Eindruck, was vom übrigen Text zu halten ist: nichts.
Aber die Geschichte ist gut und spannend geschrieben, finden die französischen Kritiker, die heutzutage weniger auf Qualität als auf antiamerikanische Sprüche abfahren: Vous savez qu´en face, les Américains c´est la guerre, de nouveau, qu´ils préparent. On veut savoir qui il est. Autant de temps passé en Californie... Sie wissen, auf der anderen Seite, die Amerikaner, das ist der Krieg, den sie vorbereiten, von neuem. Wir wollen wissen, wer er ist. So lange Zeit verbracht in Kalifornien ..., so zitiert die Präsentation des Verlages bis heute aus dem Buch. Diese Zeilen findet er von den 306 Seiten die wichtigsten. Berlin-Ost 1948: kriegslüsterne Amerikaner sowie Bertolt Brecht und eine junge Schauspielerin aus der Retorte, Agentin der Stasi: Maria Eich (deutsche Eiche-Ost) ... (7)
Nun hat der Schriftsteller erneut zugeschlagen, und er warnt, er habe es wieder gemacht wie beim Verbrechen an Brecht. Ein Wiederholungstäter, der sich auf Jonathan Littell bezieht, das große Vorbild der französisch schreibenden Zunft. Man liest es auf seiner Site unter Entretiens. Un été chez Voltaire, Ein Sommer bei Voltaire, eine erotische Komödie soll´s sein. Ist jemand gespannt, welche Wachsfiguren der großen Persönlichkeit des Wortes und des Theaters zugesellt sind?
Diesmal werden Gabriella und Zanetta, zwei bezaubernde italienische Schauspielerinnen, genauer gesagt, neapolitanische Schauspielerinnen, und ein im Auftrag des Königs von Preußen durchreisender Diplomat, Graf Fleckenstein, ein preußischer Offizier, in die Geschichte gehoben; sie besuchen den 67-jährigen im Jahr 1761 auf seinem Landgut in Ferney, die einen, um Le Fanatisme ou Mahomet zu proben, der andere, um einen Vertrag auszuhandeln, der den Siebenjährigen Krieg beendet. Der Stamm der Fleckenstein erlischt mit dem Tod von Heinrich-Jakob von Fleckenstein-Bickenbach im Jahr 1720, und so wird die deutsche Geschichte einmal mehr verfälscht und verbogen, damit französische Schriftsteller ihre Seiten füllen können. (8)
Da die Geschichte aber eh nicht wichtig ist, sondern Geschichten, Spiel und Tanz, Libertinage, Liederlich- und Zügellosigkeit, sowie das gegenwärtige Problem des islamischen Fundamentalismus und leidenschaftliche Vertraulichkeiten, darf man hoffen, daß diesmal mehr als 114 000 Exemplare in vier Jahren verkauft werden, boudé par les lecteurs, schreibt Le Figaro in der Literaturbeilage, vom 17. Januar 2008, gemieden von den Lesern, und das bei einem Buch, das unter großem medialen Pomp den 100. Prix Goncourt eingefahren hat. Der Autor sei aber nicht zu beirren: Jacques-Pierre Amette, l´imperturbable, der Unerschütterliche. Die Anerkennung seiner Kollegen von der Académie Goncourt hätte nichts an seinem Leben geändert: "Ich rauche weiter Zigarren, ich liebe weiter den Champagner", vertraut er Astrid de Larminat an. (9)
Jean-Paul Enthoven, der Schwiegervater von Justine Lévy, der Tochter von Bernard-Henri Lévy, der Vater des Raphaël Enthoven, des Ehemannes der Justine Lévy, ehemaliger Begleiter und späterer inoffizieller Schwiegervater von Carla Bruni Tedeschi, Fast- oder zukünftige Ehefrau des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, ist schon am 4. Januar ganz begeistert und tut das in der Zeitschrift kund, in der Jacques-Pierre Amette und seine Renzensenten seine Werke rezensieren; er sitzt mit ihm in einer anderen Jury und verhilft dort Büchern von Kollegen zu Preisen: manus manum lavat. (10)
Nach Motiven von Stendhal, Hölderlin und Brecht habe er nicht seinesgleichen zu schreiben, meint Jean-Paul Enthoven: die Nächte sind lau, die Sinne und der Geist haben sich einer Natur angepaßt, die ans Glück glauben läßt ... Vor dieser kleinen verzauberten Welt amüsiere sich der Autor wahnsinnig. (11)
Wenn´s so ist, kann selbst Tariq Ramadan nichts mehr gegen den Mahomet haben! (12)
18. Januar 2008
Quellen
(1) Antisemitismus und Israelfeindschaft in Frankreich. Beispiele der letzten Zeit aus der Welt der Printmedien. 25. April 2004
Thierry Meyssan: "L´effroyable imposture" - "Der inszenierte Terrorismus"
Thierry Meyssan: Réseau Voltaire
Ilitch Ramirez Sanchez, alias Carlos: "L´islam révolutionnaire"
Israel Shamir: "L´Autre visage d´Israel"
Nima Zamar: "Je devais aussi tuer"
Jacques-Pierre Amette: "La maîtresse de Brecht"
Marktrenner "Je devais aussi tuer"
Medienberichte zu "Je devais aussi tuer"
Der Funktionär des Parti Socialiste (PS) Thierry Pfister und seine Partei
Thierry Pfister und Fabrizio Calvi auf deutschen Spuren
Impressionen aus der französischen Verlagslandschaft
Albin Michel soll ins große Geschäft einsteigen
http://www.eussner.net/artikel_2004-04-25_00-27-51.html
(2) Conseil Représentatif des Institutions juives de France (CRIF)
http://www.crif.org/
Ilan Halimi. Die Jungle World berichtet aus Paris.. 2. März 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-03-02_23-44-26.html
Der Effekt Dieudonné - weitere rassistische Agressionen gegen Juden.
6. März 2006
http://www.eussner.net/artikel_2006-03-06_22-08-35.html
(3) Eugen Kogon: Der SS-Staat, Heyne-Taschenbuch 01/7027, S. 52 f.
(4) Israel einer Anfängerin. Episodio de la Historia
http://www.eussner.net/artikel_2007-11-17_23-05-55.html
(5) Site officiel de Jacques Pierre Amette
http://amette.free.fr/
(6) Berlin-Est 1948. Auszug
http://www.albin-michel.fr/article/extrait/2003/978222614163 7-t01.pdf
(7) La maîtresse de Brecht. Albin Michel, September 2003
http://www.albin-michel.fr/
(8) Burgruine Fleckenstein (Lembach), burgenreich.de
http://www.burgenreich.de/burgruine%20fleckenstein%20geschic hte.htm
(9) Jacques-Pierre Amette, l´imperturbable. Par Astrid de Larminat, Le Figaro Littéraire, 17 janvier 2008, p.4
(10) Les vingt meilleurs livres de l´année, Le Point N°1733, 1 décembre 2005
http://www.lepoint.fr/content/litterature/article?id=24286
(11) Voltaire attitude. Par Jean-Paul Enthoven, Le Point N°1790, 4 janvier 2008
http://www.lepoint.fr/content/litterature/article?id=108058
(12) Ian Buruma hat ein Identitätsproblem. 5. Februar 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-02-05_02-04-40.html