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Berlinreise: Berlin ist eine Reise wert - besonders die Rückreise

Der Lokalpatriotismus ist eine schöne Sache, man häufelt sich für seine nähere Heimat auf, ohne als Chauvinist zu gelten. Im Zweifelsfall ist die Äußerung doch nur ironisch gemeint: Mein Heimatland, mein Elverdissen! Schon das Westfalenlied besingt einen viel zu großen geographischen Raum. (1)

Was haben wir Herforder und Bielefelder mit den sauerländischen Berg-, Hütten- und Hammerwerken zu tun? Ein Blick auf die Karte genügt: die Entfernung beträgt mehr als 100 Kilometer. (2)

Rote Erde? Die gibt es in Ostwestfalen nicht. Du Land von Wittekind und Teut! Das ist aber auch alles, was mein Herz höher schlagen läßt, und davon sogar nur der erste Teil, Du Land von Wittekind ..., des westfälischen Helden im Kampf gegen den Sachsenschlächter. Westfalen ist zur Zeit Karls des Großen Teil Sachsens, der dux Saxonum Wittekind leistet Widerstand im Sachsenkrieg, der von 772 bis 804 dauert. Wir Herforder ehren den großen westfälischen Herzog durch ein Denkmal des Heinrich Wefing (1854 - 1920). 785 läßt sich Herzog Wittekind taufen und Westfalen wird Teil des Frankenreiches. (3)

Der Teut liegt nicht in Ostwestfalen, sondern in Lippe, auf ihm ragt das Hermannsdenkmal, Ausflugsziel mancher Klassenfahrten der Grundschule. Das sind meine ersten prägenden Auslandsreisen. Warnt mich meine Großmutter nicht immer vor den Lippern? Sie sprechen ein anderes Plattdeutsch als wir, die Lipper reden so: Eine chut chebratene Chans mit choldener Chabel chechessen, is eine chute Chabe Chottes, und meine Omma feixt sich eins. Unser Platt ist melodischer, es gleicht ziemlich dem des Frittken vanne Hermannshöhe, und man versteht es viel besser as dat Lippske: Gräotmoim iut Miöhn was ´n paar Dage bui us teo Besoik. Doa hä´ wui us in´n Twuiduistern onnik wat vötellt iut äoln Tiön, van Rakemeiers Golluib un van Miakuiler... (4)

Als Studentin, in Berlin, werde ich ganz tückisch, wenn auf meine Bemerkung, ich stammte aus Ostwestfalen, von Berliner Schnöseln die Antwort kommt: Warum sachste nich einfach Falen? Anders positioniert sich der Ostwestfale, wenn es um massive Beleidigungen ganz Westfalens geht, beispielsweise durch den FC Bayern München, der meint, im DFB-Pokalspiel, am 19. April 2008, die Borussen mal eben abputzen zu können. So einfach geht das nicht. Eine Gruppe ostwestfälischer Freundinnen, von denen einige seit Jahrzehnten nicht mehr dort wohnen, eine von ihnen sogar in einem Vorort von München, trifft sich zur Zeit des Pokalspieles in der Hauptstadt und kriegt in einem Hotel die Arroganz einiger Bayern mit, die schon vorfeiern. Erst nach Verlängerung aber gewinnen die Bayern 2:1. (5)

Als Westfale reagiert man auch sehr böse auf arrogante Berliner, die mit einer westfälischen Stadt nach einnächtigem Aufenthalt fertig sind, nur weil es in einem sich als "Landhaus" bezeichnenden Hotel zwar Wellnessbereich und Hosenbügler aber keine Pantoffeln und keinen Gästecomputer gibt, WLAN über HOTSPOT allerdings sehr wohl, wobei man raten darf, welches der fehlenden Utensilien dem Beschwerdeführer mehr abgeht - die Pantoffeln wahrscheinlich; denn in denen könnte er, angenehm fußgewärmt, bis zum Einschlafen die Langweilersendung Schmidt&Pocher viel besser genießen als in zwei Paar Socken. (6)

Es legt sich also nahe, obgleich ich den Bericht über die Berlinreise nicht fortsetzen wollte, doch einige Worte über das Niveau Berliner Hotels zu verlieren, beispielsweise über das ABION Spreebogen Waterside Hotel, direkt neben dem Bundesinnenministerium, auf dem Gelände der Meierei Bolle seliger Zeiten, gegründet 1879, sanft entschlafen um 2000 - die Meierei, nicht das Hotel; denn das hat erst kürzlich den Namen ABION erhalten; es wird modernisiert, und seine Zimmerpreise betragen das Doppelte bis Vierfache der Preise des Dortmunder "Landhauses", Wochenendpreise auf Anfrage und nach Verfügbarkeit. In diesem Hotel sind die ostwestfälischen Freundinnen gebucht für ein verlängertes Wochenende, eben zur Zeit des DFB-Pokalendspiels. (7)

Das Hotel unterhält in der Tiefgarage keine kostenlosen oder preisreduzierten Stellplätze, sondern man zahlt wie jeder andere Autofahrer seine Parkgebühren. Die Zimmer sind in Ordnung, wie mir die Freundinnen berichten, ich übernachte nicht im Hotel; denn wenn der Tag jemals kommt, an dem ich in Berlin keine Freunde mehr habe, die mich aufnehmen, werde ich keinen Fuß mehr in die Stadt setzen, da kann die alte, zum Café-Restaurant aufgemotzte Studentenkneipe Luise noch so wehmütig stimmen, das Programm in der Bar jeder Vernunft noch so verlockend, das Essen im geliebten Chalet Suisse noch so gutschmeckend sein, nee, denn nich mehr! Det Etablissemang heißt übrigens erst seit Mitte der 70er Jahre Chalet Suisse, es ist in den 60er Jahren ein beliebter Treffpunkt bei Wohlers, zu sonntäglichem Jazz und Brunch, man sitzt auf wackligen Gartenstühlen, die Füße im schwarzen Sand. Aussehen tut´s wie zu Zeiten des Cafés und Kurhauses Grunewald, als Postkarte DAHL17 auch vergrößert zu besichtigen bei Heimatsammlung.de. Das heutige Chalet Suisse ist darin nur den Umrissen nach zu erkennen. (8)

Aber zurück zum Spreebogen. Während sich meine Freundinnen nach unserem ausgiebigen Stadtrundgang vom Markt am Käthe-Kollwitz-Platz bis zum Majakowskiring, dem Villenviertel der DDR-Regierungsriege, in ihren Zimmern zu einer Siesta ausstrecken, begebe ich mich in die Bar, zu Lanninger, dem Barkeeper des Jahres 2007. Dort ist ein riesiger Fernsehschirm aufgestellt. Es läuft das Vorprogramm zum DFB-Pokal im Olympiastadion: Der DFB-Pokal im Frauenfußball. (9)

Während die Frankfurter Fußballfrauschaft zum siebenten Mal die Trophäe heimholt, was mich wenig interessiert, amüsiert mich der Anblick eines Geschenkes: die von einer der Freundinnen in einem Laden am Käthe-Kollwitz-Platz erworbene ultimative Handy-Hülle. Wer´s nicht gesehen hat, wird nicht wissen, wovon die Rede ist. Der Laden hält neben Stricklieseln der Kinderzeit von der Schwiegermutter des Ladenbesitzers, einer alten Dame, gebastelte bizarre Kleinode bereit, mit Pailletten bestickte Geldbörsen in der Form von Fischen und andere Dönneken, vor allem aber die wunderschönsten in festen Maschen gehäkelten Handy-Hüllen, verschlossen mit einem dicken Knopf. Ich bekomme eine davon, sie ist aus rostfarbenem Baumwollgarn, das durchsetzt ist mit Silberfäden, die von der Hülle wie bei einem Igel abstehen. Die Hülle glitzert, als wenn sie mit einer dicken Schicht Rauhreif überzogen wäre, und innen ist nur solcher "Rauhreif" zu sehen. Ganz unwichtig ist es, daß ich gar kein Handy besitze, und wenn, es nicht in die Hülle passen würde; meine Handy-Hülle ist das Ding an sich.

Die ausführliche Würdigung der Handy-Hülle wird mit einem Bier begossen, das zweite Bier konsumiere ich während der Lektüre des FAZ-Interviews von Roland Zorn mit Reinhard Rauball, dem Präsidenten von Borussia Dortmund. (10)

Wie staune ich, eine Rechnung über drei Biere zu erhalten. Es gibt keine plausible Erklärung dafür, zusätzlich zum zweiten Bier noch eines einzubuchen, aber ich sinniere nicht länger darüber nach; denn nun geht´s zum Abendessen in der "Alten Meierei". So heißt das Restaurant im Hotel ABION. Dort wirkt und waltet der Fernsehkoch Rainer Strobel und bietet neben seinen Kochkünsten für den gehobenen Gast noch Kochkurse, Erlebniskochen, Kochgutscheine, Rezepte. (11)

Was die Küche dieses Fernsehkochs uns am Abend des Meisterschaftsspieles bietet, sei geschildert; denn so stellt sich der Westfale die feine Lebensart nicht (!) vor. Das Dinner nach der Siesta und nach meinen zwei Bieren bei Lanninger ist ganz und gar nicht ausgezeichnet. Einige der Freundinnen bestellen Fischfilet, Vegetarisches oder sonstiges von der Karte, die Hälfte aber will Ente essen. Wenn ich mich recht erinnere, kostet das Gericht 18 Euro. Was uns serviert wird, spottet jeder Beschreibung, meine Nachbarin meint, auf Entenknochen herumzusäbeln. Es sind wie auf den Tellern der anderen braunschwarze Teile eines zerbratenen Vogels. Ich würge mir etwa ein Viertel der Fleischportion in den Magen, dann gebe ich auf. Das zerkochte Gemüse ist ebenfalls nahezu ungenießbar. Da die Ostwestfälinnen sich die feine Lebensart anders vorstellen, reklamieren sie beim Kellner, und es geht die bekannte Leier los, es könne nicht sein usw. Der Fernsehkoch ist vermutlich gar nicht anwesend; da wir, die ostwestfälischen Landpomeranzen, die einzigen Gäste im Restaurant sind, lohnt sich der Aufwand für ihn nicht. Vielleicht ist er beim Fußballspiel, im Olympiastadion. Von der Küche der Weltstadt Berlin bekommen wir jedenfalls einen Eindruck. In Frankreich ist es unvorstellbar, daß der Koch eines Hotels, das damit wirbt, es handele sich bei ihm um einen berühmten Fernsehkoch, eine Gruppe von Gästen sich selbst überließe. Die Küche ist geschlossen, hieße es in einer vergleichbaren Situation, wir können Ihnen aber das Restaurant XXX wärmstens empfehlen.

Als die protestierenden Damen keine Ruhe geben, bietet der Kellner jeder Leidtragenden einen Kaffee auf Kosten des Hauses. Das wird abgelehnt; die meisten wollen so kurz vorm Schlafengehen keinen Kaffee trinken. Da rückt der Kellner nach längerer Beratung mit seinen Kollegen in der Küche mit einem Vorschlag heraus, der von den Entenesserinnen angenommen wird: das Haus spendiert eine Rote Grütze als Dessert. Ach, meint eine der Freundinnen, ich hatte zwar keine Ente und war mit meinem Essen ganz zufrieden, aber, bitte, bringen Sie mir doch auch eine Rote Grütze, ich zahle sie selbstverständlich.

Nach einiger Zeit kommt der Kellner mit den Gaben des Hauses. Es handelt sich um Desserttellerchen mit ein wenig Roter Grütze, etwas Vanillesoße, und als Krönung prangt in der Mitte ein frisches Früchtchen. Na, ja, einem geschenkten Gaul ... Der Kellner eilt noch einmal in die Küche und erscheint dann mit der Roten Grütze für die Dame, die bezahlt. Wie staunen die anderen über den wunderbar hergerichteten Teller und über die Größe der Portion. Was gerade im Begriff ist, als Friedensangebot gewürdigt zu werden, wird zur Zumutung. Anstatt derjenigen, die ihr Dessert bezahlen will, zu sagen, sie bekomme selbstverständlich auch ein Dessert gratis, kassiert man die 8 Euro, oder wieviel die Rote Grütze kostet, und läßt die anderen vor Neid erblassen. Vielleicht fürchtet man aber auch, daß alle einen kostenlosen Teller Rote Grütze wollen? Und selbst, wenn? Es ist kein halbes Dutzend, das etwas anderes als die zähe Ente bestellt hat.

Der Insulaner, der die Ruhe nicht verliert, würde dazu mit Günter Neumann singen:

Seh´n Se, das ist Berlin,
sehn Se das ist Berlin,
eine Stadt, die sich gewaschen hat,
sehn Se das ist Berlin ...

Den Spruch Berlin ist eine Reise wert - besonders die Rückreise kenne ich schon seit Jahrzehnten. Nie ist mir sein Sinn so deutlich geworden wie im ABION Hotel. Wir kümmern uns ab sofort um das Fußballspiel, halten mit Dortmund, und als das Ergebnis bekannt wird, 2:1 nach Verlängerung, da wissen wir erst recht, woher wir stammen, und wohin wir gehören, nach Westfalen. Bei mir hält die Identifizierung bis zum Pfingstsamstag, den 10. Mai 2008, vor, da spielt Borussia Dortmund gegen die von der Alm, gegen Arminia Bielefeld. "Wir fahren nicht nach Bielefeld, um jemanden aufzubauen", tönt´s aus dem Pott. (12)

Na, wartet, Ihr Kicker aus dem westlichen Westfalen! Wir Ostwestfalen lassen uns nicht so leicht aus der Bundesliga werfen. Ein 2:2 ist´s denn auch, und das vom Lokalpatriotismus bestrichene Gebiet zieht sich wieder zu überschaubarer Größe zusammen. 120 Kilometer liegen zwischen Bielefeld und Dortmund; das sind Welten!

10. Mai 2008

Quellen

(1) Westfalenlied. Text: Emil Rittershaus, 1868 (1834-1897), Melodie: Peter Johannes Peters, 1820-1870
http://ingeb.org/Lieder/westfale.html

(2) Wilfried Reinninghaus/Reinhard Köhne: Berg-, Hütten- und Hammerwerke im Herzogtum Westfalen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Münster 2008
http://tinyurl.com/53cmty

Topographisches Verzeichnis der Bergwerke im Herzogtum Westfalen (und Grenzgemeinden) nach heutigen Gemeindegrenzen
http://www.lwl.org/westfaelische-geschichte/htm/pro069-022-s eg766.htm

(3) Widukind/Wittekind. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Wittekind

(4) Plume du Paon - Gräotmoim vötellt iut iahre Kuindheit, van Frittken vanne Hermannshöhe
http://www.eussner.net/artikel_2006-08-04_14-40-24.html

(5) Borussia Dortmund
http://www.bvb.de/

(6) Einmal Dortmund und schnell zurück. Von Henryk M. Broder, Achse des Guten, 9. Mai 2008
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/einmal_ dortmund/

Landhaus Syburg in Dortmund
http://www.rma-hotels.de/de/dortmund/landhaus_syburg.html

(7) ABION Hotel
http://www.abion-hotel.de/

Meierei C. Bolle. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Meierei_C._Bolle

(8) "Luise" - Café, Restaurant & Biergarten
http://www.luise-dahlem.de/index.php?page=main.php

Bar jeder Vernunft Berlin
http://www.bar-jeder-vernunft.de/public/index/?loadFrames=1

Diekmann im Chalet Suisse Berlin
http://www.j-diekmann.de/restaurant_gruenewald/index3.html

DAHL17: Café und Kurhaus Grunewald. Alte Ansichtskarten - Berlin Dahlem
http://www.heimatsammlung.de/topo_unter/10/dahlem/dahlem.htm

(9) Majakowskiring. Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Majakowskiring

(10) "Wir sind verpflichtet, die Sehnsüchte der Fans zu bedienen". Interview mit Reinhard Rauball. Von Roland Zorn, FAZ, 19. April 2008, S. 30
http://tinyurl.com/4xzoo2

(11) Küchenchef Rainer Strobel. ABION Spreebogen Waterside Hotel
http://www.hotel-spreebogen.de/rainer_strobel.aspx

(12) Keine Geschenke zur Arminia-Feier: "Saison anständig zu Ende bringen!" BVB09, 8. Mai 2008
http://tinyurl.com/4b2j6u

Bisher zum Thema Berlinreise erschienen:

Berlinreise: Perpignan - Bonn, 6. und 14. April 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-04-06_23-34-44.html

Berlinreise: Bonn - Berlin, 30. April 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-04-30_20-06-11.html

Information über eine Kunstausstellung in Herford, bis zum 31. August 2008:

Sammlers Lust. Brücke - Blauer Reiter - Bauhaus. 3. April 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-04-03_13-36-11.html


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2008-05-10_23-21-58.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 25.07.2008, 12:57 Uhr