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Nicolas Sarkozy und Frédéric Mitterrand: Vorher - Nachher

Am 12. Oktober 2009, eine Woche nach dem Auftritt von Marine Le Pen in der Sendung Mots croisés des Staatsenders France 2, scheint der Skandal des Frédéric Mitterrand in den französischen MSM begraben. (1)

Frankreich geht nahtlos zu anderen Skandalen ĂŒber, zur angestrebten Position des Jean Sarkozy, des 23-jĂ€hrigen jĂŒngsten Sohnes des PrĂ€sidenten Frankreichs und mediokren Jurastudenten im zweiten Jahr, als Nachfolger des Ministers und PrĂ€sidenten des Regionalrates von Haute-de-Seine Patrick Devedjian in dessen Eigenschaft als PrĂ€sident des Verwaltungsrates, seit 2007, des Etablissement pour l´AmĂ©nagement de la RĂ©gion de la DĂ©fense (EPAD), einer Institution zur staatlichen Förderung der Ansiedlung auf 160 Hektar FlĂ€che von Industrie- und Handelsfirmen, im Westen von Paris, unter der berĂŒhmten Arche de la DĂ©fense, dem Großen Bogen der BrĂŒderlichkeit. (2)

Ein Blick auf den Aufgabenbereich dieses Etablissemangs, und man weiß, worum es geht: Das EPAD muß Vorstudien zum StĂ€dtebau erstellen, nach und nach die Entwicklung der notwendigen Infrastrukturarbeiten ausfĂŒhren und daraufhin Baugenehmigungen an Investoren verkaufen, was seine einzige Finanzierungsquelle ist. Es geht, um es vorsichtig zu formulieren, um gigantische Möglichkeiten zur Realisierung von Profiten. Älteren Berlinern werden dazu die Stichworte "Texas Willy" und "Kressmann-Zschach" einiges sagen. (3)

Wer im EPAD PrÀsident des Verwaltungsrates ist, hÀlt viel unkontrollierbare Macht in HÀnden, da kommt es auf erfahrenes und charakterfestes Personal an, und deshalb belebt sich die Szenerie der Kritik an Nicolas Sarkozy und an den Skandalen seiner Regierungsmitglieder wieder. (4)

Die von Nicolas Sarkozy angestrebte VerjĂŒngung unserer politischen Eliten fĂŒhrt, da die jahrelang von Amt zu Amt hangelnden, Ă€mterhĂ€ufenden Politiker ihre Macht nicht so einfach an Newcomer der nĂ€chsten Generation abgeben, zunĂ€chst einmal zu VerĂ€nderungen im Erscheinungsbild, zur VerjĂŒngung der Sexualpartner der Politiker, zur 28 Jahre jĂŒngeren LebensgefĂ€hrtin des Ministers Eric Besson und gar zu den garçons von der Pat Pong des Ministers FrĂ©dĂ©ric Mitterrand. Der JĂŒngling Jean Sarkozy steht nicht allein da. Der StaatsprĂ€sident selbst hat seinen Landsleuten den Tip gegeben, und ein Interview mit dem Figaro beweist, daß er sich von dem dĂ©luge nicht abbringen lassen will. Wie Sie meinen Sire, also abwĂ€rts den Strom, Exzellenz!

Nicht alle Kritiker des FrĂ©dĂ©ric Mitterrand lassen sich in der braunen Ecke der Marine le Pen abstellen. Nicolas Sarkozy ist es zu danken, daß sich immer mehr Franzosen Ă€ußern, nachdem er sechs (!) Interviewpartnern des Figaro ein ĂŒber zwei Seiten mit vielen schönen bunten Fotos verbreitetes Mammut-Interview gibt und sich dabei immer mehr verstrickt. Nicolas Sarkozy: "Ich bin entschlossen gegen alle die KrĂ€fte der Fortschrittsfeindlichkeit und der Reaktion zu kĂ€mpfen". Mit diesen großen Worten ist das Interview sicherlich nicht ohne EinverstĂ€ndnis des PrĂ€sidenten in der Papierausgabe ĂŒberschrieben. Das ist nicht mein Sohn, auf den gezielt wird, sondern ich bin´s, ist die angemessenere Überschrift im Internet. Ja, er ist im Visier, ohne ihn wĂŒrde sein Sohn die Kandidatur nicht wagen, aber er stilisiert sich als Opfer. (5)

Das Interview samt dem Interviewten werden kommentiert und/oder in der Luft zerrissen, noch bevor die Leser ihren Figaro am 16. Oktober in HĂ€nden halten. (6)

Wer hĂ€tte es gedacht, daß der ehemalige Premierminister Frankreichs Dominique de Villepin, gerade im Begriff, vom Schiedsrichter im Ring ausgezĂ€hlt zu werden beim Clearstream-Kampf, daß dieser intrigante Politiker, von dem kaum noch ein Journalist ein StĂŒck Brot nimmt, jetzt als der beste Gegner des Nicolas Sarkozy gehandelt wird? Wie kaputt muß die politische Landschaft sein, wenn jemand, der mega-out ist, ĂŒber dessen Machenschaften ich seit vier Jahren berichte, nunmehr als Alternative gelten kann? (7)

Solche Entwicklungen animieren die BefĂŒrworter des RĂŒcktritts von FrĂ©dĂ©ric Mitterrand wie auch seine Verteidiger, die gleichzeitig die Gegner des Parti Socialiste sind. Sie benutzen die Äußerungen des Sprechers des PS BenoĂźt Hamon, um dem Parti Socialiste weiter den Garaus zu machen. Die eigenen Parteigenossen des BenoĂźt Hamon, eine Karriere fĂŒr sich witternd, stimmen in die Kritik ein. Ihnen widme ich die Verhörprotokolle des Roman Polanski, damit sie schon allein dadurch begreifen können, fĂŒr wen sie sich einsetzen, fĂŒr einen Kulturminister, der spontan fĂŒr den Vergewaltiger eines 13-jĂ€hrigen MĂ€dchens verstĂ€ndnisvolle Worte findet, fĂŒr einen SexualstraftĂ€ter, der in den USA und international seit 30 Jahren zur Fahndung ausgeschrieben und um dessen Auslieferung mehrfach nachgesucht worden ist. Die französische Regierung entblödet sich nicht, ihm die StaatsbĂŒrgerschaft zu verleihen, damit er der Strafe entgehen kann. Jetzt nimmt sie sich erneut seiner an. (8)

FrĂ©dĂ©ric Mitterrand bedient den Anti-Amerikanismus der Franzosen und spricht anlĂ€ĂŸlich der Verhaftung des Regisseurs von "einem gewissen Amerika, das Angst macht", "une certaine AmĂ©rique qui fait peur". Nicolas Sarkozy stimmt ein, er ist voll auf der Seite seines Kulturministers und des Roman Polanski. Begeisterung herrscht darĂŒber in den französischen MSM sowie auf den Sarkozy-freundlichen Blogs, deren Betreiber weder Ethik noch Moral kennen, sondern nur Nicolas Sarkozy. Kritik wĂŒrden sie an ihrem Idol niemals ĂŒben, sie werden sich allerdings eines Tages wundern, daß es abgewĂ€hlt ist. Herr Mitterrand hat sich besprochen "mit dem PrĂ€sidenten der Republik Nicolas Sarkozy, der den Fall mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt und den Wunsch (wie FrĂ©dĂ©ric Mitterrand) nach einer schnellen Lösung des Zustandes teilt, klingt es aus den Reihen des Nicolas Sarkozy Fan Clubs. (9)

Der Nouvel Observateur, immer auf Seiten der armen Opfer, ob es nun Charles Enderlin ist oder jetzt Roman Polanski, stellt dem FrĂ©dĂ©ric Mitterrand ein Forum bereit: Er prĂ€zisiert, daß er ein GesprĂ€ch mit dem Staatschef gefĂŒhrt habe, "der den Fall mit der höchsten Aufmerksamkeit verfolgt und den Wunsch des Ministers nach einer schnellen Lösung des Zustandes teilt, was Roman Polanski gestatten wĂŒrde, die Seinen schnellstmöglich wiederzufinden." Diese AP-Meldung wird von zahlreichen MSM ĂŒbernommen. Keines von ihnen bietet eigene Recherchen der FĂ€lle des Roman Polanski und des FrĂ©dĂ©ric Mitterrand oder gibt den geringsten abweichenden Kommentar. (10)

LÂŽExpress rekapituliert die Fakten des Falles Roman Polanski und der Vergewaltigung eines 13-jĂ€hrigen MĂ€dchens. Vom Kulturminister werden sie bezeichnet als "eine alte Geschichte, die nicht wirklich einen Sinn hat." Nicolas Sarkozy sei mit der Reaktion des FrĂ©dĂ©ric Mitterrand einverstanden gewesen, er habe ihn angerufen und seiner Wortwahl wegen beglĂŒckwĂŒnscht (!). Das Außenministerium habe er gebeten, die Angelegenheit intensiv zu verfolgen. (11)

Nachher

Im Interview mit den sechs Mitarbeitern des Figaro bleibt vom EinverstĂ€ndnis und vom GlĂŒckwunsch fĂŒr die Wortwahl nichts ĂŒbrig, stattdessen lenkt der PrĂ€sident ab, als wenn die Kritiker seinen Kulturminister dessen HomosexualitĂ€t wegen angriffen.

Frage: Ist die AffĂ€re FrĂ©dĂ©ric Mitterrand in ihren Augen von nun an abgeschlossen? - Anwort: Ich bin PrĂ€sident der Republik. Ich muß (sic!) gewisse Werte verteidigen. Wer nun meint, damit weise der PrĂ€sident hin auf die zweifelhafte Vergangenheit seines Ministers, von diesem eingestanden in seinem Buch La Mauvaise Vie und wiederholt in Fernsehsendungen bei Marc-Olivier Fogiel und Franz-Olivier Giesbert anlĂ€ĂŸlich des Erscheinens des Buches, im Jahr 2005, der tĂ€uscht sich. Ich werde also niemanden HomosexualitĂ€t und PĂ€dophilie gleichsetzen lassen. Das ist eine RĂŒckkehr ins Mittelalter, die denen Schande bringt, die dieses Argument gebracht haben. Wenn ich den Sprecher des PS sehe, wie er den Weg von Marine Le Pen einschlĂ€gt, und mit welcher Begeisterung! frage ich mich, wohin die humanistischen Werte dieser großen republikanischen Partei entschwunden sind. FrĂ©dĂ©ric Mitterrand hat niemals die Verherrlichung des Sextourismus betrieben, und er hat ihn sogar mit sehr starken Worten verurteilt. Man darf nicht intime Bekenntnisse verwechseln mit Bekehrungseifer. Das Buch hat den Titel La Mauvaise Vie, das ist deutlich genug.

Frage: Aber FrĂ©dĂ©ric Mitterrand, hat er nicht zu viel getan in der AffĂ€re Polanski? Antwort: FrĂ©dĂ©ric Mitterrand hat eingestanden, daß seine ErklĂ€rung ein Irrtum war und gesagt, daß er sie bedauere. Ich könnte es nicht besser sagen. Ich verstehe, daß man erschĂŒttert ist ĂŒber die Schwere der Anschuldigungen gegen Roman Polanski. Aber ich fĂŒge hinzu, das es keine gute Justizverwaltung ist, sich 32 Jahre nach den Ereignissen zu Ă€ußern, jetzt, da der Betroffene 76 Jahre alt ist.

Wohin ist das EinverstĂ€ndnis des PrĂ€sidenten, wohin das Lob fĂŒr die Worte seines Ministers, wohin die stolze Offenbarung, er hĂ€tte das Buch La Mauvaise Vie zweimal gelesen, einmal bei dessen Erscheinen und einmal, als er FrĂ©dĂ©ric Mitterrand in die Regierung geholt habe? Wohin ist der Auftrag an das Außenministerium, sich intensiv um den Fall zu kĂŒmmern?

Es ist unwahrscheinlich, daß Nicolas Sarkozy zur Zeit des Interviews nicht den Vorgang der juristischen Verfolgung des Roman Polanski genauestens kennt. Er beleidigt die amerikanische Justiz, die nicht wie "Kai aus der Kiste" kommt und sich plötzlich des Roman Polanski erinnert, sondern es wurden ĂŒber die Jahre viele Auslieferungsersuchen gestellt. Los Angeles Staatsanwalt Steve Cooley sagte, daß es Routine fĂŒr sein Amt ist, AuslieferungsantrĂ€ge zu stellen; sie hĂ€tten ĂŒber die Jahre mehrere gestellt, um Polanski zurĂŒckzubekommen. Dieser hier war glĂŒcklicherweise erfolgreich. Wie der Fall liegt, wĂ€re die Auslieferung ein Sieg des Rechts und eine Genugtuung fĂŒr die amerikanische Justiz, die Roman Polanski seinerzeit mit seiner Flucht desavouiert. FĂŒr seine Tat zeigt er nicht das geringste Bedauern. Vor 31 Jahren floh Polanski außer Landes, bevor der Richter in seinem Fall die UrteilsverkĂŒndung abschließen konnte. Cooley und die kalifornischen Gerichte sind mit ihm nicht fertig. (12)

Der StaatsprĂ€sident Frankreichs betreibt Schelte der Justiz einer auslĂ€ndischen Macht. Mit jedem Satz in dieser Angelegenheit schadet er den Interessen Frankreichs. Es ist eine Sache, ob KĂŒnstler und Journalisten geifern, oder ob der Erste Mann des Staates solches tut - und noch dazu mit unwahren Behauptungen.

Wer mehr wissen will ĂŒber den Fall, der gebe in Google.de "Roman Polanski" California ein. Dort gibt es erstens Informationen und zweitens Meinungen, die auf Informationen und nicht auf LĂŒgen beruhen.

17. Oktober 2009

Quellen

(1) "Frédéric Mitterrand in den Google.fr Actualités, 12 octobre 2009
http://tinyurl.com/ygdgkeo

Frédéric Mitterrand. Das schlechte Leben der französischen Regierung.
13. Oktober 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-10-13_20-52-06.html

(2) Patrick Devedjian
http://www.patrickdevedjian.fr/

(3) Der Palast des Westens. Von Holger Schmale, Berliner Zeitung,
9. Dezember 2004
http://tinyurl.com/ylk4xjn

Der Kreisel-Skandal. Von Gerd Nowakowski, Tagesspiegel, 30. Mai 2005
http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag;art2566,2260176

(4) Etablissement pour l´AmĂ©nagement de la RĂ©gion de la DĂ©fense. La DĂ©fense
http://www.ladefense.fr/epad_etablissement.php

(5) Nicolas Sarkozy : "Je suis déterminé à me battre contre toutes les forces de
l´immobilisme et de la rĂ©action." Propos recueillis par Etienne Mougeotte,
Gaëtan de Capele, Philippe Goulliaud, Charles Jaigu, Paul-Henri du Limbert,
et Guillaume Tabard, Le Figaro, 16 octobre 2009, p. 2+3

Ce n´est pas mon fils qui est visĂ©, c´est moi, Le Figaro, 15 octobre 2009
http://tinyurl.com/yzgmb3y

(6) Dans la tourmente, Nicolas Sarkozy défend et justifie son action.
Par Ar-Reuters, L´Express, 15 octobre 2009
http://tinyurl.com/yhfc78c

Sarkozy aux lecteurs du Figaro: Je ne vous comprends pas!
Par Philippe Cohen, Marianne, 15 octobre 2009
http://tinyurl.com/yh4soyt

(7) Villepin, meilleur opposant Ă  Nicolas Sarkozy. Par Rudolphe Geisler,
Le Figaro, 16 octobre 2009
http://tinyurl.com/ylgt2ap

Clearstream Dominique de Villepin in meinem Archiv
http://tinyurl.com/yj89r8g

(8) "Frédéric Mitterrand in den Google.fr Actualités, 17 octobre 2009
http://tinyurl.com/ylgcudb

Gailey´s grand jury testimony. Transcript pages 1-18 and 19-36.
Polanski The Predator
http://www.thesmokinggun.com/archive/polanskicover1.html

Kulturskandal-Nachlese. Von Calamitas, Die Flache Erde, 30. September 2009
http://calamitas-bystander.blogspot.com/2009/09/kulturskanda l-nachlese.html

(9) Arrestation de Roman Polanski : Nicolas Sarkozy suit le dossier avec la plus grande attention. Blog SarkozyNicolas.com, 27 septembre 2009
http://tinyurl.com/ylkxvwf

(10) SociĂ©tĂ©. Arrestation de Roman Polanski: FrĂ©dĂ©ric Mitterrand s´est entretenu avec Nicolas Sarkozy. Par AP, Nouvel Observateur, 27 septembre 2009
http://tinyurl.com/yh9fema

"Charles Enderlin" "Nouvel Observateur" in meinem Archiv
http://tinyurl.com/yfr2s3c

(11) Ce que cache l´affaire Mitterrand. Par Romain Rosso, Eric Mandonnet,
L´Express, 14 octobre 2009
http://tinyurl.com/ygl7rp7

(12) Bringing Roman Polanski to Heel. By Emily Bazelon, Slate, October 15, 2009
http://www.slate.com/id/2232546/


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2009-10-17_23-46-46.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 20.01.2017, 17:05 Uhr