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Frankreich. Die Burka, das Gesetz und die Sitten

Was versprechen sich die franz├Âsische Regierung und die Abgeordneten der Mission d┬┤information parlementaire sur la Burqa, die Delegation zur Information ├╝ber das Tragen der Burka oder des Niqab, der Ganzk├Ârperverh├╝llung, von der Expertise und dem Auftritt des Tariq Ramadan anderes als ein Verz├Âgern der Entscheidung ad calendas graecas?

So endet mein Artikel ├╝ber den Burka-Experten Tariq Ramadan, vor knapp einer Woche. (1)

Und schon wird die Verz├Âgerung best├Ątigt von Alain-G├ęrard Slama, in seiner Chronik. Die Ganzk├Ârperverschleierung, das Gesetz und die Sitten, vom 2. Dezember 2009: In dem Ma├če, in dem die Anh├Ârungen aufeinander gefolgt sind, scheint die Aussicht, ├╝ber die Materie ein Gesetz zu erlassen, wie es urspr├╝nglich die Absicht der Abgeordneten war, in die Ferne ger├╝ckt. Er weist noch einmal darauf hin, da├č die Burka und der Niqab zunehmend zum Stra├čenbild der Vorst├Ądte geh├Âren; dennoch sei es schwierig, das Zurschaustellen eines Kleidungsst├╝cks, das angeblich aus religi├Âsen Gr├╝nden getragen wird, aus dem einzigen Grund zu verbieten, da├č es das Gesicht verdeckt. Der Autor f├╝hrt den Europ├Ąischen Gerichtshof f├╝r Menschenrechte ins Feld, und man sieht einmal mehr, da├č es mit der Souver├Ąnit├Ąt einzelner Staaten, geschweige denn derer B├╝rger, inzwischen nicht mehr weit her ist.

Nun, da man anerkenne, da├č die Burka ein religi├Âses Zeichen sei, komme der Begriff der W├╝rde des Menschen hinzu, in diesem Fall der W├╝rde der Frau, und man k├Ânne darauf nur verweisen im wenig wahrscheinlichen Fall, da├č die Tr├Ągerin des Sackes erkl├Ąre, sie erleide diese Beschr├Ąnkungen gegen ihren Willen durch ihren Mann.

Ein Entscheid des Staatsrates zum Schutze der W├╝rde von Personen, die dazu nicht selbst in der Lage sind, greife hier nicht, da die Tr├Ągerin als allein daf├╝r verantwortlich angesehen wird. So sehen es auch die Muslimfunktion├Ąre, die behaupten, die Frauen tr├╝gen Burka, Niqab oder Kopftuch freiwillig.

Die Ganzk├Ârperverschleierung unter religi├Âsem Aspekt zu sehen, wie die zur Beratung der Mission parlementaire gebetenen Juristen Anne Levade und Guy Carcassonne es empfehlen, f├╝hre in die Sackgasse. Jeder wisse, da├č dieses Kleidungsst├╝ck vornehmlich aus politischen und kulturellen Gr├╝nden und weniger aus religi├Âsen Verbreitung finde, etwa bei der Gewinnung von Konvertiten. (2)

Das d├╝rfte von vornherein klar sein; denn welcher vernunftbegabte Mitteleurop├Ąer, und sei er noch so labil und anf├Ąllig f├╝r Einfl├╝sterungen, lie├če sich f├╝r eine Religion gewinnen, die von Burka-Tr├Ągerinnen unters Volk gebracht wird? Noch dazu tragen diejenigen Frauen Burka, die von ihren Ehem├Ąnnern durch Oktroyierung des Sackes gerade daran gehindert werden, mit der Umwelt zu kommunizieren.

Wie Benjamin Stora w├Ąhrend seiner Anh├Ârung, am 18. November 2009, erkl├Ąrt habe, w├╝rden "afghanische" Kleidungsst├╝cke, die von M├Ąnnern und Frauen getragen werden, ab den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Schau gestellt, als Ausdruck des politischen Radikalismus. Es handele sich bei denjenigen, die die Burka durchsetzen, um "Ideologen", die sich "im Krieg" f├╝hlen, "die anschlie├čend die Frage der ├Âffentlichen Dienste und des Unterrichts aufwerfen, und die dar├╝ber hinaus auf ein (anderes) Gesellschaftssystem zielen." (3)

So ist es, und Alain-G├ęrard Slama f├╝hrt den in Tunis geborenen, in Paris lebenden Professor f├╝r Vergleichende Litteraturwissenschaft Abdelwahab Meddeb an, der ├╝ber die Burka erkl├Ąrt: Die Strategie der Burka zielt indirekt darauf ab, das Kopftuch im Vergleich dazu zu banalisieren bis zu dem Punkt, es als ein Zeichen der M├Ą├čigung erscheinen zu lassen. (4)

Dieses Thema habe ich im Artikel Frankreich. Legalisierung des Kopftuchs durch die Hintert├╝r behandelt. Das Thema der Ganzk├Ârperverschleierung ist bewu├čt losgetreten worden von Andr├ę Gerin, dem kommunistischen B├╝rgermeister von V├ęnissieux, eines Vorortes von Lyon, der Hochburg der Salafisten um Tariq Ramadan und seinen Hausverlag Tawhid. (5)

Alain-G├ęrard Slama kommt zum anderen Argument des Guy Carcassonne, zum Verbergen des Gesichtes als kulturelle Verweigerung des zum normalen Funktionieren der Demokratie notwendigen Gegen├╝bertretens von Personen; es berge die gr├Â├čte Schwierigkeit; denn das Zeigen des Gesichts sei eine vom Gesetz vorgeschriebene Notwendigkeit. Die Frage entstehe, ob man durch ein anderes Gesetz das gelegentliche Gesichtzeigen f├╝r alle B├╝rger zur st├Ąndigen Pflicht mache. Hier sto├če man sich an der entscheidenden Frage der Beziehung zwischen dem Gesetz und den Sitten. In unserer Gesellschaft werde schon zur Gen├╝ge die freie Regulierung der Sitten durch die Kultur zur├╝ckgedr├Ąngt vom Zwang der Normen. Wenn man dieser weiteren Einschr├Ąnkung unserer Freiheiten entkommen wolle, sollte man sich weigern, der Burka ein religi├Âses Alibi zu geben. (6)

Interessant ist, da├č der Autor hier nicht erw├Ąhnt, da├č es sich bei den Gesetzen und Regeln des Islam nicht um Regulierung der Sitten durch Kultur handelt, sondern um Ma├čnahmen zur Unterdr├╝ckung der Menschen, die unter den Gesetzen und Regeln des Islam leben, und zwar aller, M├Ąnner, Frauen und Kinder. Eine Gesetzgebung in Frankreich zum Verbot der Burka griffe nicht ein in Kultur, sondern in Anma├čungen, die der Verfassung der westlichen Welt widersprechen. Nicht der Schutz von in Unm├╝ndigkeit gehaltenen Frauen, sondern die Durchsetzung unserer Verfassung und der Rechte der UN-Menschenrechtscharta stehen zur Debatte. Dazu geh├Ârt auch das Recht derjenigen Menschen, die keine Burka tragen, ihrem Gegen├╝ber ins Gesicht sehen zu k├Ânnen, sich nicht wie in einer Geisterbahn vorzukommen, keine Angst haben zu m├╝ssen davor, wer sich vielleicht hinter den Stoffmassen verbirgt. Alain-G├ęrard Slama scheint von keinem einzigen Fall geh├Ârt oder gelesen zu haben, wo sich Attent├Ąter und andere Verbrecher unter der Burka verstecken, um besser ihrem Handwerk nachgehen zu k├Ânnen. Damit m├╝ssen wir leben, oder wie?

Die Abgeordneten der franz├Âsischen Nationalversammlung werden sich eher weiteren W├Ąhlern entfremden, als da├č sie den Unversch├Ąmtheiten der Politideologie Islam entgegentreten und das Tragen der Burka und des Niqab verbieten, es sei denn, Tariq Ramadan handelt ihnen das Kopftuch in Schulen, Krankenh├Ąusern und anderen ├Âffentlichen Einrichtungen ab. Dann w├Ąre das Ziel der Anti-Burka-Kampagne erreicht, weil es vordringlich ist, die Islamisierung unserer Gesellschaft in der ├ľffentlichkeit sichtbar zu machen. Die absto├čende Ganzk├Ârperverh├╝llung ist der Islamisierung des Westens nicht dienlich.

Neueste Nachricht: Tariq Ramadan mischt die Abgeordneten auf

Nun haben die Abgeordneten bekommen, was sie verdienen, n├Ąmlich den Prediger des Islam, der sich gegen ein Burkaverbot ausspricht, weil ein solches Gesetz nicht wirke, es sei "ineffizient", die Muslime w├╝rden es als "Stigmatisierung" begreifen, es w├╝rde dazu f├╝hren, da├č die verschleierten Frauen zu Haus blieben, da├č sie von der Gesellschaft abgeschnitten w├╝rden.

Die Ganzk├Ârperverh├╝llung folge einer sehr minorit├Ąren Koraninterpretation - und da staunt frau doch, da├č der Koran in der wesentlichen Frage der Wegsperrung und Unsichtbarmachung der H├Ąlfte der muslimischen Gesellschaft interpretiert werden darf. Konvertitinnen und junge Frauen, die sich dem Islam zuwendeten, w├Ąren diejenigen, f├╝r die die Burka "die physische Darstellung einer gro├čen spirituellen Errungenschaft" bedeute. Man d├╝rfe "nicht urteilen, ohne zu verstehen". Burka und Niqab seien den "internen Debatten" der Muslime zu ├╝berlassen. Was immer die Abgeordneten dazu sagten, sei weniger wert als das, was die Muslime selbst ├Ąu├čerten.

Der Prediger macht deutlich, da├č es sich f├╝r ihn nicht um die Gleichberechtigung der Frauen und um Fragen der Integration handelt, beide erw├Ąhnt er nicht, sondern f├╝r ihn ist die Kleiderfrage eine Islam-interne. Den Abgeordneten wirft er vor, da├č sie die Debatte zum religi├Âsen Thema machten, w├Ąhrend "die Realit├Ąt, wenn Sie ein wenig arabisch sind, die ist, da├č Sie keine Arbeit haben, oder da├č Sie durch das Verfahren der anonymen Lebensl├Ąufe m├╝ssen." Hierbei handelt es sich darum, den Arbeitgebern Bewerbungen einzureichen ohne Angabe der Herkunft und ohne Foto, um damit die Personalchefs ├╝berhaupt dazu zu bringen, die Bewerbungsunterlagen zu lesen.

Mehrere Abgeordnete haben ihm vorgeworfen, nicht von der Gleichheit von Mann und Frau zu sprechen, und nicht von denjenigen Frauen, die gezwungen w├╝rden, sich vollst├Ąndig zu verh├╝llen, und ganz allgemein, da├č er seine Reden gem├Ą├č Zuh├Ârerschaft ├Ąndere. Er hat geantwortet, er sei K├Ąmpfer f├╝r die Gleichheit von M├Ąnnern und Frauen, und schrieb die Anschuldigungen der Doppelz├╝ngigkeit falscher Zitate oder schlechten Auslegungen zu. (7)

Nun darf frau gespannt sein, ob sich Abgeordnete der Nationalversammlung darauf einlassen, da├č Muslime entscheiden, ob und wie gesellschaftliche Fragen in Frankreich gesetzlich geregelt werden. Tariq Ramadan jedenfalls spricht den Abgeordneten das Recht dazu ab.

3. Dezember 2009

Quellen

(1) Frankreich. Tariq Ramadan als Experte f├╝r ein Anti-Burka-Gesetz.
26. November 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-11-26_23-18-53.html

(2) Anne Levade. Wikip├ędia
http://fr.wikipedia.org/wiki/Anne_Levade

La biographie de Guy Carcassonne. Institut Montaigne
http://www.institutmontaigne.org/biographie-guy-carcassonne- 2767.html

(3) Benjamin Stora. Historien fran├žais. evene.fr
http://www.evene.fr/celebre/biographie/benjamin-stora-15646. php

(4) Abdelwahab Meddeb : Pari de civilisation, Seuil, 20 ao├╗t 2009
http://www.editionsduseuil.fr/auteur/Abdelwahab%20Meddeb/431 2

(5) Frankreich. Legalisierung des Kopftuchs durch die Hintert├╝r. 10. Juli 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-07-10_00-05-28.html

(6) La chronique. Le voile int├ęgral, la loi et les moeurs. Par Alain-G├ęrard Slama,
Le Figaro, 2 d├ęcembre 2009, p. 17 (nicht online)

(7) Voile: audition agit├ęe de Tariq Ramadan. Par AFP, Le Figaro,
2 d├ęcembre 2009
http://tinyurl.com/yaaulyj


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2009-12-03_00-41-26.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 20.01.2017, 17:11 Uhr