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Jakob Philipp Fallmerayer: Pal├Ąstina.
Die heiligen Oertlichkeiten in Jerusalem (1852)

Bis zur Besiegung des letzten, allgemeinen, gro├čen und verzweiflungsvollen Aufstandes der j├╝dischen Nation und bis zur v├Âlligen Ver├Âdung des Landes durch die Imperatoren Titus (1) und Hadrianus (2) bot die Umgegend von Jerusalem einen von dem gegenw├Ąrtigen Zustande wesentlich verschiedenen Anblick dar. Rinnende B├Ąche, Quellenreichthum, G├Ąrten und W├Ąlder mit ihrer Schattenk├╝hle und ihren sommerlichen L├╝ften schufen ein lustiges und lebensvolles Bild l├Ąndlicher Gl├╝ckseligkeit, von welcher nach so vielen Verw├╝stungen heute kaum eine Spur zu entdecken ist und deren v├Âlliges Verschwinden unter dem ehernen Fu├čtritt der Legionen schon Flavius Josephus (3) nicht ohne Thr├Ąnen sehen konnte. Jerusalem war nicht blo├č politisch-religi├Âser Mittelpunct eines zahlreichen, streitbaren, arbeitsamen und gottesf├╝rchtigen Volkes *); es war zugleich gro├če und reiche Handelsstadt, nahrungsprossender Sitz der b├╝rgerlichen Gewerbth├Ątigkeit, Heimat der Luxusk├╝nste und der Ueppigkeit, weil ein frischrauschender Canal des indischen Welthandels vom Rothen Meere her in die prachtvolle Hauptstadt des j├╝dischen Volkes rann.

*) La nation juive de l´├ępoque romaine ├ętoit aussi intelligente et beaucoup plus morale qu´aucun peuple contemporain. Salvator, Hist. de la Domination Romaine etc. etc. I, 178 (4)

Kostbare Gew├╝rze, Edelsteine und Gold in Masse brachten arabische W├╝sten-Carawanen in die Stadt, w├Ąhrend die benachbarten Seeh├Ąfen Askalon (5), Gaza, Joppe und Akke mit dem Ueberflu├č ihrer eigenen Erzeugnisse zugleich die Producte des Abendlandes sandten. Alle diese Herrlichkeiten sind wie durch Zauber weggeblasen. Mit dem indischen Handelsweg, mit der National-Unabh├Ąngigkeit und mit der j├╝dischen Bev├Âlkerung selbst ist auch die Landschaftspracht von Jerusalem verschwunden. Mehr als vier Stunden in der Runde, sagt der Berichterstatter und Augenzeuge Flavius Josephus, hat das r├Âmische Belagerungsheer die Landschaft "kahl geschoren", das Baum- und Buschleben ├╝berall bis auf die letzte Spur vertilgt und im letzten Act des Trauerspiels nicht blo├č alle von Juden bewohnte Ortschaften Pal├Ąstina´s, ├╝ber tausend an der Zahl, zerst├Ârt, sondern in seinem Rachegef├╝hl sogar auch noch die Quellen und die Brunnen versch├╝ttet, um mit der strotzenden F├╝lle der j├╝dischen Vegetation auch den ungeb├Ąndigten Trieb der j├╝dischen Freiheitsliebe, wo m├Âglich, auf immer zu brechen und auszutilgen.

In welchem Grade das Verw├╝stungs-Project gelungen und der Tod an die Stelle hierosolymitanischen Pflanzenlebens getreten sei, hat man schon gesagt. Jerusalem, wie es heute ist, in d├╝rre Stein├Âden traurig hingelegt und dem Weltverkehr v├Âllig entr├╝ckt, lebt nach Versiegung aller Quellen der Wohlfahrt und des b├╝rgerlichen Gl├╝ckes nur noch von der Heiligkeit seines Terrains, vom geistlichen Credit und von den Legenden der Christen wie der Juden und der Mohammedaner. Mit welcher Ehrfurcht insbesondere die Bekenner des Islam ├╝ber Jerusalem schreiben und sprechen, ist allgemein bekannt. "Die reine, die edle Heilige, "das Haus der Heiligkeit" sind im Orient die landes├╝blichen Ausdr├╝cke von den h├Âchsten Classen der Gesellschaft bis zu den untersten herab, so oft von Jerusalem die Rede ist. ... (Seite 143 f.)

Nebenher ist noch zu bedenken, da├č nach Besiegung des gro├čen Aufstandes durch Titus Vespasianus Grund und Boden von ganz Jud├Ąa dem kaiserlichen Fiscus verfiel und (ob mit v├Âlliger Ausschlie├čung der alten Besitzer?) an fremde K├Ąufer versteigert wurde, das Terrain von Jerusalem selbst aber, weil mit dem kaiserlichen Bannfluch geschlagen, an die neunzig Jahre unbebaut und ├Âde lag *).

*) Nur die drei Th├╝rme Hippicus, Phasael und Mariamne mit einem Theile der westlichen Stadtmauer und nat├╝rlich auch mit den n├Âthigen Baulichkeiten f├╝r die Besatzung blieben verschont, alles Uebrige ward auf Befehl des Siegers der Erde gleichgemacht. ... (Seite 148 f.)

Nun aber vergesse man nebenher ja nicht, da├č Jerusalem vom Zeitpuncte seiner ersten Zerst├Ârung unter Nebukadnezar bis zur Wiederherstellung seiner heute noch bestehenden Mauern durch Sultan Suleiman I. im sechzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wenigstens sechsmal ganz demolirt wurde, und da├č namentlich bei D├Ąmpfung des letzten, vielj├Ąhrigen, gro├čen, verzweiflungsvollen Aufstandes unter Hadrian in der ungl├╝cklichen Stadt selbst die von Titus einst verschonten Prachtreste verschwunden sind und eine ganz neue heidnische Sch├Âpfung, Aelia Capitolina, an die Stelle der alten "Polis" getreten sei. ... (Seite 150 f.)

Da├č sich das g├╝nstige Terrain, die von der Quersenkung beim heutigen Jafathor und der n├Ârdlichen Zionsmauer sanftanlaufende Schiefebene Golgatha, wo heute die Heilig-Grabkirche steht, bei anwachsender Bev├Âlkerung und bei vermehrtem Reichthum der "Polis" schon im Zeitalter Salomons mit Vorst├Ądten, G├Ąrten, Schattenhainen, Lustanlagen und Sommerbauten bedeckte, liegt in der Natur der Sache, und der Anwuchs wurde so bedeutend, da├č schon K├Ânig Hiskiah (6) diesen neuen Stadttheil durch eine "zweite" Mauer gegen die assyrische Gefahr sicher stellen mu├čte. Dasselbe Schauspiel, aber in noch viel h├Âherem Ma├če, erneute sich in der verh├Ąltni├čm├Ą├čig gl├╝cklichen Periode der persischen Herrschaft ├╝ber den Orient. Aus dem Berichte eines Staatsmannes und Zeitgenossen Alexanders von Macedonien erf├Ąhrt man, da├č Jerusalem zur Zeit der macedonischen Eroberung schon wieder anderthalb Stunden im Umkreis und eine se├čhafte Bev├Âlkerung von 120 000 Seelen hatte, und folglich ungef├Ąhr mit dem heutigen Damascus zu vergleichen war. Da├č sich aber nach Absch├╝ttelung des macedonisch-syrischen Jochs und nach Wiederherstellung der Nationalunabh├Ąngigkeit durch die makkab├Ąischen F├╝rsten (7) Land und Hauptstadt zu frischer Bl├╝the entfalteten und die herrlichsten Fr├╝chte trieben, war eine nat├╝rliche Folge der wiedergewonnenen Freiheit, der wachsenden Arbeitskr├Ąfte und des anschwellenden Capitalverm├Âgens f├╝r Hebung des Ackerbaues, f├╝r Erweiterung der Handelsverbindungen und f├╝r Steigerung der Industrie. (Seite 154 f.)

Die Reise fand 1847 statt.

Jakob Philipp Fallmerayer. Die heiligen Oertlichkeiten in Jerusalem (1852).
Pal├Ąstina. Gesammelte Werke, Band I. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1861.
Replica Edition, Elibron Classics, S. 143 - 253
http://tinyurl.com/yl76dxc

13. Dezember 2009

Quellen

(1) Kaiser Vespasian. Erste R├Âmercohorte Opladen e.V.
http://www.roemercohorte.de/index.php?id=31&l=de

(2) Niederschlagung des j├╝dischen Bar-Kochba-Aufstands in den Jahren
132 bis 135 n. Chr. Kaiser Hadrian (117 - 138).
Geschichts- und Kulturverein K├Ângen e.V.
http://geschichtsverein-koengen.de/RoemKaiser2.htm

(3) Josephus Flavius. Jewish Virtual Library
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/biography/Joseph us.html

Masada. Jewish Virtual Library
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Judaism/masada.h tml

(4) Die j├╝dische Nation der r├Âmischen Epoche war ebenso intelligent und viel moralischer als irgendein zeitgen├Âssisches Volk.
Histoire de la Domination Romaine en Jud├ęe et de la ruine de J├ęrusalem.
Par J. Salvador, Tome premier, Paris 1847
http://tinyurl.com/y9r2f3p

Salvador, Joseph. By Isidore Singer, JewishEncyclopedia.com
http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=100&letter= S

(5) Ashkelon. Virtual Israel Experience
http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/vie/Ashkelon.htm l

Soweit zum Thema "Aschkalon, das fr├╝her Madschal hie├č".
Die terroristische Organisation Hamas - ein t├Âdlicher Kult. 18. M├Ąrz 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-03-18_20-07-55.html

(6) Hiskiah. Chiskijahu, Sohn des Achas und der Abi, 751 d.d.Z. geboren.
Das obere Tempelthor wird gebauet. 696 Hiskiah stirbt. Menascheh K├Ânig.

Arch├Ąologie der Bibel. Beweis oder Widerspruch?
Von Bettina S. Schwarz, J├╝dische Zeitung, Oktober 2007
http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.750.html

(7) Chanukah. Heroes or rabble-rousers? The real story of the Maccabees.
By Gil Shefler, JTA. December 10, 2009
http://tinyurl.com/y8tl4yz

Siehe auch:

Mark Twain: Chapter 56. Innocents Abroad. 1869
http://classiclit.about.com/library/bl-etexts/mtwain/bl-mtwa in-innocents-56.htm

Jerusalem. History. Benjamin Netanyahu, Likud Chairman
http://www.netanyahu.org/jerusalem1.html

Das vergessene Pogrom von Safed. Der Judenha├č der muslimischen Welt
und der Antisemitismus der Nazis haben keinen gemeinsamen Ursprung!
8. September 2006 / 5. M├Ąrz 2007
http://www.eussner.net/artikel_2006-09-08_01-09-41.html


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2009-12-13_19-13-11.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 21.02.2017, 11:54 Uhr