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Jakob Philipp Fallmerayer: Christenthum und Islam (1841)

Die T├╝rkei, so wie sie der letzte Friedensschlu├č von Adrianopel (1) belie├č, z├Ąhlt nach amtlichen Angaben an die dreiundzwanzig Millionen Bewohner, von welchen etwa
s e c h z e h n M i l l i o n e n die Lehre Mohammeds bekennen und nur beil├Ąufig
s i e b e n M i l l i o n e n Christen und Juden sind. Im Centrum von Konstantinopel, dem alten Janitscharenquartier, hat sich die t├╝rkische Bev├Âlkerung seit Aufl├Âsung dieser Miliz mehr als verdreifacht, und die Pfortenminister behaupten, da├č im ganzen Reich, besonders auf dem platten Land und in den Bauernd├Ârfern, die Moslimen sich bedeutend vermehrt, und laut neuestem Census nur die Christen an Zahl abgenommen haben. Diese letzteren, gew├Âhnlich ohne Grundbesitz und - insofern sie byzantinische Griechen sind - ├╝berall nur von tr├╝gerischem Kram und schlechten K├╝nsten lebend, erliegen ihrer eigenen Schmach, w├Ąhrend die Mohammedaner nach Einf├╝hrung der neuen Ordnung viel ├Âdes Land angebaut und den Ertrag des fr├╝hern wegen gr├Â├čerer Sicherheit verdoppelt haben, was ich in Beziehung auf die weiland verlassenen, heute aber ├╝ppigen und mit neuen H├╝tten ├╝bers├Ąeten Umgebungen der poetischen St├Ądte Trapezunt, Kerasunt, Amisus und Sinope als Augenzeuge best├Ątigen kann. Rechnet man die Moslimen arabischen Blutes in Aegypten, Syrien und Babylonien, zusammen nicht viel ├╝ber vier Millionen, dann zwei Millionen mohammedanisirter Slaven, Albanesen und Griechen von obiger Summe weg, bleiben noch gegen zehn Millionen T├╝rken, das ist Seldschuken, Osmanli und seit dem eilften Jahrhundert zum Islam ├╝bergetretene Kappadocier, Paphlagonier, Phrygier, Pisidier etc., ├╝brig, als deren Erb- und Heimatland Anatolien gilt. Im illyrischen Dreieck dagegen sind die T├╝rken nach dem Recht des Eroberers eingesiedelt. Christen wohnen in s├Ąmmtlichen T├╝rkenl├Ąndern Asiens kaum zwei Millionen, und der wilde Tahir (2) ist in seiner Art vielleicht kein schlechter Patriot, wenn er unl├Ąngst als Pascha von Aidin, den Vorschlag an die Pforte that, das eigentliche "Anadoli" von der "Nazarenerpest g├Ąnzlich zu s├Ąubern und k├╝nftig allen Christen bei Todesstrafe den Aufenthalt in diesem irdischen Paradies der Gl├Ąubigen zu untersagen." (Seite 394 f.)

├ťbersteht die T├╝rkei auch diese Krise und hat man zur Vervollst├Ąndigung der Wiener Congre├čbeschl├╝sse (3), wie man sich hier schmeichelt, die Monarchie der Osmanli, ohne Widerspruch irgend einer Gro├čmacht, der Art unter den Schutz des europ├Ąischen V├Âlkerrechts gestellt, da├č ein Angriff auf den gegenw├Ąrtigen Besitzstand derselben als latrocinium publicum (├Âffentliche R├Ąuberei) in der ├Âffentlichen Meinung gebrandmarkt und den Co├źrcitivma├čregeln der Garanten verfallen w├Ąre, so sind die T├╝rken in bester Form und rechtskr├Ąftig in Europa installirt und ist die Sache der zu emancipirenden Nicht-Moslimen auf lange hoffnungslos, wo nicht auf immer verloren. An die M├Âglichkeit eines aus eingeborenen Elementen zu erstehenden christlichen Imperiums im Orient war unter Leuten gesunden Sinnes ohnehin nie zu denken. (4) Das ungeschliffene und wilde, fanatische Kameltreibervolk aus Turkestan in den feenhaft leuchtenden Saal hoher Aristokratie des Occidents, unter Vortritt Abd-├╝l-Medschids (5) und Tahir-Pascha´s (2) eingef├╝hrt - welch ein Schauspiel!

Freilich macht man hier in aller Eile Toilette, f├Ąrbt sich das Antlitz, nimmt orthop├Ądischen Unterricht, lernt die Spr├╝che der Ungl├Ąubigen auswendig und ├╝bt sich in ihre Gestus ein. Nur die K├Ârperschaft der ehrw├╝rdigen Ulema bleibt unbeweglich und schmollend im Hintergrund. Wer reelle Gewalt besitzt wie die Ulema, sagt man, habe etwas Eigenth├╝mliches im Blick (6), und in der That, sieht man diese Gestalten in ausgesucht orthodoxem Gewand, sei es bei ├Âffentlichen Aufz├╝gen oder in den G├Ąrten des Leuchtthurms von Chalcedon (7), wie sie mitten im bunten Gew├╝hl der Nationen halbe Tage lang bla├č, ernst, schweigsam und fast regungslos, gleich Marmorbildern, auf dem Teppich sitzen, kann man sich des Gedankens nicht erwehren: es m├╝sse in Konstantinopel noch einmal zu einer allgemeinen, ernsten und letzten Erkl├Ąrung zwischen zwei unvers├Âhnlichen Systemen kommen. (Seite 395 f.)

Jakob Philipp Fallmerayer. Christenthum und Islam (1841). Byzantinische
Correspondenz. Gesammelte Werke, Band I. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1861.
Replica Edition, Elibron Classics, S. 391 - 396
http://tinyurl.com/yl76dxc

1. Januar 2010

Quellen

(1) Frieden von Adrianopel (1829). Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Frieden_von_Adrianopel_(1829)

(2) The Christians in Turkey. By Rev. W. Denton, London 1863
http://tinyurl.com/yljhhey

(3) Der Wiener Kongre├č 1814/15. Restauration und Revolution (1815 - 1830).
Geschichts- und Kulturverein K├Ângen e.V.
http://geschichtsverein-koengen.de/Restauration.htm

(4) Unter diesem Aspekt betrachte man bitte die Gr├╝ndung Israels. Sie liegt au├čerhalb der Vorstellungskraft der Muslime.

Die Antwort der Delegation der arabischen Staaten auf die
UN-Resolution 181 zur Teilung Restpal├Ąstinas, vom 29. November 1947
http://www.eussner.net/artikel_2006-12-02_19-01-46.html

(5) Abdul-Medjid, 31st Sultan of the Ottoman Empire (1823 - 1861).
Encyclopedia 123
http://www.encyclopedia123.com/A/AbdulMedjid.html

(6) File:Constantinople (1878) -ulema.png. Wikimedia
http://tinyurl.com/yjq4gl3

(7) Turkey. Von Dana Facaros, Michael Pauls, London 1986
http://tinyurl.com/y9a5xlc


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