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Gaza Freedom March. 6. Januar 2010

Nun kommt die Zeit derjenigen, die nicht in Gaza einmarschieren d├╝rfen, sie l├╝gen sich den Aufenthalt in Kairo sch├Ân. Serge Bonal, von der linksradikalen Gewerkschaft SudSant├ę, gibt f├╝r das International Solidarity Movement (ISM) einen Abschlu├čbericht ├╝ber die Aktivit├Ąten der franz├Âsischen 300-k├Âpfigen Delegation. (1)

Sie versammelt sich vor der Botschaft Frankreichs, wo die Franzosen nicht die geheuerten Automobile besteigen, sondern wo ihnen der Botschafter erkl├Ąrt habe, der Marsch sei unter dem Vorwand angeblicher Sicherheitsgr├╝nde von den ├Ągyptischen Beh├Ârden verboten worden. Da w├╝rde man gern den Botschafter h├Âren, ob er sich so ausgedr├╝ckt hat. Es ist unwahrscheinlich, weil die Worte nicht den diplomatischen Gepflogenheiten entsprechen, und weil es sich nicht um einen Vorwand handelt. Jeder, der sich mit der Situation in Gaza befa├čt, kann sich vorstellen, was passierte, wenn an die 1 400 Aktivisten aus dem Westen in den Streifen einfielen. Am Beispiel von Erik Fosse sieht man, da├č schon einer zuviel sein kann. (2)

Nach bew├Ąhrter Kolonialistenmanier billigt das ISM den ├ägyptern keine eigenen Interessen zu: Die ├Ągyptische Regierung ist gezwungen worden, ihr wahres Gesicht zu zeigen. W├Ąhrend sie sich pr├Ąsentiert als die Gro├če arabische Nation mit Reden zur Pal├Ąstinensersolidarit├Ąt, hat sie gezeigt, da├č sie nach Befehlen der Israelis und der Amerikaner handelte, in dem sie den friedlichen Marsch der Solidarit├Ąt mit der Bev├Âlkerung Gazas verbot.

Deutlich wird auch, wie schnell Regime, die noch gestern als anti-imperialistische Freunde gelten, in Ungnade bei den linken Aktivisten fallen, wenn sie nicht so wollen wie diese Ideologen. Jetzt zeigt der Staat Ägypten sein repressives Wesen, wohlgemerkt, Gaza und seine Herrscher von der Hamas werden nicht bedacht mit solcher Charakterisierung.

Wie bei Stalinisten ├╝blich, werden unliebsame Personen und Ereignisse herausgeschnitten aus dem Bild, und so erf├Ąhrt niemand von Serge Bonal, da├č 84 Freunde von Code Pink mit Unterst├╝tzung von Suzanne Mubarak am 30. Dezember in zwei Bussen nach Rafah und Gaza abgehen. Ziad Medoukh, ein einfacher B├╝rger aus Gaza, verschweigt das ebenfalls, wenngleich er allgemein ├╝ber Uneinigkeit unter den Organisatoren berichtet. (3)

Diejenigen internationalen Aktivisten, die es bis zum Grenz├╝bergang schaffen, geraten in eine Schie├čerei zwischen Pal├Ąstinensern und ├Ągyptischem Milit├Ąr, wobei ein ├ägypter t├Âdlich getroffen wird. Es findet dort au├čer dem Friedensmarsch der Aktivisten eine Demonstration von Pal├Ąstinensern gegen den Bau der Stahlmauer zwischen ├ägypten und dem Gazastreifen statt.

In El-Arish geht´s zur selben Zeit hoch her, da bestehen pro-pal├Ąstinensische Aktivisten, angef├╝hrt vom britischen Abgeordneten George Galloway, darauf, einen Konvoi von 198 Lastwagen mit Hilfslieferungen nach Gaza ├╝ber Rafah zu leiten. Mehr als 500 internationale Freiwillige blockieren den Hafen von El-Arish, um dagegen zu protestieren, da├č ├ägypten darauf besteht, da├č einige der G├╝ter ├╝ber Israel nach Gaza gebracht werden. Sie wollen alles ├╝ber Rafah leiten. (4)

Was nicht berichtet wird: ├ägypten hat eigene Interessen, es f├╝hrt nicht Vorgaben Israels aus. Das liest man genauer in der Washington Post, da wird auch berichtet ├╝ber die Anf├╝hrer der Zusammenst├Â├če, die pro-islamische t├╝rkische Hilfsorganisation IHH. (5)

Die T├╝rken und ihre Insan Hak ve H├╝rriyetleri Insani Yardim Vakfi scheinen in einen osmanischen Rausch zu verfallen. Vielleicht bringt es jemand dem Ministerpr├Ąsidenten Recep Tayyib Erdogan schonend bei, da├č man niemals in denselben Flu├č steigt? (6)

Ali Abunimah meint dazu auf seinem Blog: Outrageous the way Egypt is behaving. Israel´s enforcers. Unerh├Ârt, wie sich ├ägypten auff├╝hrt. Israels Vollstrecker. Wen die Entwicklungen weiter interessieren, dem empfehle ich, Ali Abunimahs Blog zu besuchen, auch bei Code Pink kommen sporadisch noch verlinkte Artikel aus Zeitungen und Internetauftritten ein, Tagebuchaufzeichnungen von Marschierern, Artikel ├╝ber die unvermeidliche Holocaust├╝berlebende, George Galloways Viva Palestina Konvoi, einen toten ├Ągyptischen Soldaten etc. Eigene Beitr├Ąge bringt Code Pink nicht. (7)

Viva Palestina - a lifeline from Britain to Gaza. Registered UK charity number 1129092, eine von britischen Beh├Ârden zur Wohlt├Ątigkeitsveranstaltung erhobene anti-israelische Kampagne, l├Ą├čt kaum einen Juden- und Israelhasser au├čen vor. Sie machen alle mit, von George Galloway ├╝ber Malaysia bis hin zur T├╝rkei, die das Frachtschiff Ulusoy stellt, es ist ein Kalter Krieg gegen Isrsael und nun auch gegen ├ägypten. (8)

Soweit zum Vorwand der angeblichen Sicherheitsgr├╝nde. Von den Erlebnissen der 84 unter dem Label Code Pink nach Gaza gereisten Auserw├Ąhlten ist derweil nirgends ein Laut. Vielleicht sind sie ja in den Tunneln verschwunden?

Sieh an, es gibt doch Stimmen, und zwar in der TAZ (Dank an Liza f├╝r den Tip), deren Autorin Ivesa L├╝bben anscheinend zu den 84 Aktivisten geh├Ârt; sie darf mit, sonst schriebe sie nicht: Die Differenzen der Teilnehmer des Gaza-Freedom-Marsches sind schlie├člich vergessen, als knapp hundert Aktivisten nach tagelangen Protesten doch noch von ├ägypten aus in das von der Welt abgeriegelte Gaza d├╝rfen. Das ist plumpe L├╝ge. Von den in Kairo zur├╝ckgelassenen knapp 1 400 Marschierern vergi├čt niemand die Differenzen. Die Franzosen lassen, nachdem es ihnen nicht gelingt, die Busse an der Abfahrt zu hindern, in ihrem Abschlu├čbericht konsequent die 84 Auserw├Ąhlten aus. (1)

Code Pink stellt die Reiseliste auf, sie ist am Dienstag, 29. Dezember, abends, fertig, ohne da├č irgend jemand konsultiert wird. Code Pink befragt die auf der Liste, ob sie mitfahren wollen. Daher sinnd´s statt 100 nur 84, 16 wollen nicht. Das plaudert die geschw├Ątzige Starhawk ehrlich aus. Am Mittwoch, 6:30 Uhr, geht es los, wie Bernardine Dohrn berichtet. Franzosen sind nicht vorgesehen, anscheinend nicht einmal Olivia Z├ęmor.

Was von dem Bericht zu halten ist, mag dieser Absatz verdeutlichen:

Besonders ergreifend war der Empfang f├╝r vier Rabbis der orthodoxen Neturei-Karta-Bewegung gewesen, die der Buskonvoi irgenwo an der Stra├če im Sinai aufgelesen hatte. Sie waren aus New York nach Gaza gereist, um sich im Namen den Judentums f├╝r die an den Pal├Ąstinensern begangenen Verbrechen zu entschuldigen. "Wir, und sicherlich auch die von der Hamas kontrollierte Polizei, die die ganze Zeit ein strengens Auge auf uns hatte, waren zun├Ąchst ziemlich besorgt um die Sicherheit der Rabbis", erz├Ąhlt eine amerikanische Teilnehmerin. "Aber die Leute haben sie mit Begeisterung empfangen, haben sie umarmt und gek├╝sst. Die Kinder haben sich ein Vergn├╝gen daraus gemacht, mit den Locken der Rabbis zu spielen. ├ťberall wo wir mit ihnen hinkamen, wurde ihnen der Ehrenplatz zugewiesen. Es gibt wohl kaum einen besseren Beweis, dass ein zusammenleben zwischen Juden und Pal├Ąstinensern m├Âglich ist", berichtet die Amerikanerin. (9)

Ivesa L├╝bben ist laut Internet Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Phillipps Universit├Ąt Marburg, am Centrum f├╝r Nah- und Mitteloststudien des Prof. Dr. Udo Steinbach. Sie ist Politologin und Journalistin, die sich mit und in Gaza auskennt, sie ist Vortragsreisende zu dem Thema, und deutsche MSM, wie die ZEIT und die Deutsche Welle nehmen ihre Beitr├Ąge gern ins Programm. Der Gaza Freedom March begeisterte Omar Abo-Namous schreibt auf seinem Blog: Ich hatte einen Artikel von Ivesa L├╝bben ver├Âffentlicht. Au├čerdem kann man sie in einer Diskussionsrunde bei Deutsche Welle sehen, die allerdings leider informativ recht flach ist. (10)

Sie verk├Ârpert also gewisserma├čen das Elend der deutschen Wissenschaft und der deutschen MSM in einer Person.

Update

Amira Hass berichtet vom Gaza Freedom March und von ihren Erlebnissen mit der Hamas in Gaza. (11)

George Galloway ist inzwischen in Ägypten Persona non grata. (12)

8. Januar 2010

Quellen

(1) Compte-rendu de la d├ęl├ęgation fran├žaise participant ├á la Marche contre
le blocus de Gaza. Par Serge Bonal, International Solidarity Movement,
6 janvier 2010
http://tinyurl.com/yavb3oa

(2) Breaking: Radical Leftist Norwegian Doctor Erik Fosse Stabbed in Gaza,
Blames The West Not His Attacker ... Tundra Tabloids, December 27, 2009
http://tinyurl.com/yly7zn3

(3) Assez de division. Un appel aux palestiniens et aux solidaires internationaux à propos de la marche internationale vers Gaza. Par Ziad Medoukh,
Palestine Solidarit├ę, 6 janvier 2010
http://www.palestine-solidarite.org/analyses.Ziad_Medoukh.06 0110.htm

(4) Egyptian soldier shot dead in Rafah clashes. RTE News, January 6, 2010
http://www.rte.ie/news/2010/0106/mideast.html

Egyptian police clash with Gaza aid convoy. By Rory McCarthy, Jerusalem,
Al-Guardian, January 6, 2010
http://tinyurl.com/ykvysho

(5) Egyptian guard killed in Gaza border clash. By Ashraf Sweilam,
Washington Post, January 6, 2009
http://tinyurl.com/y8szj97

(6) Insan Hak ve H├╝rriyetleri Insani Yardim Vakfi. Viva Palestina.
Breaking the Siege of Gaza
http://www.ihh.org.tr/Tuerkiye.139.0.html?&L=1

(7) Ali Abunimah
http://aliabunimah.posterous.com/

CODEPINK: Gaza Freedom March
http://www.gazafreedommarch.org/article.php?list=type&type=4 16

(8) Viva Palestina. Breaking the Siege of Gaza
http://www.vivapalestina.org/home.htm

(9) "Sie haben uns umarmt und gek├╝sst". Von Ivesa L├╝bben, TAZ, 6. Januar 2009
http://tinyurl.com/yhzzhvk

(10) Ivesa L├╝bben: Perspektiven pal├Ąstinensischer Politik.
Too Much Cookies Network, 4. M├Ąrz 2009
http://tinyurl.com/bkugps

Ivesa L├╝bben. Philipps Universit├Ąt Marburg.
Centrum f├╝r Nah- und Mitteloststudien
http://www.uni-marburg.de/cnms/politik/team/luebben

(11) Free Gaza, in a number of senses. By Amira Hass, Haaretz, January 7, 2010
http://www.haaretz.com/hasen/spages/1141085.html

(12) Egypt declares UK politician persona non grata. AP, YNet news,
January 8, 2010
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3831587,00.html

Siehe auch:

Gaza. Europas Aktivisten immer im Dienst. 29. Dezember 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-12-29_00-23-42.html

Gaza Freedom March in Kairo gestrandet. 29. Dezember 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-12-29_21-48-59.html

Gaza Freedom March. 30. / 31. Dezember 2009 und 1. / 2. Januar 2010
http://www.eussner.net/artikel_2009-12-31_17-04-41.html

Gaza Freedom March. 3. Januar 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-01-03_20-47-44.html

Gaza Freedom March. 4. / 5. Januar 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-01-05_21-30-46.html


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-01-06_17-38-52.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 30.03.2017, 06:41 Uhr