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Israel - T├╝rkei. Sitzordnung

Israels Politik gegen├╝ber der T├╝rkei des Recep Tayyip Erdogan kommt nicht zu Stuhle, man kann vielmehr sagen, Israel macht sich zur Freude aller Israelfeinde l├Ącherlich.

Am feinsten und in angeblich gro├čer Sorge um Israel dr├╝ckt das Ulrich Pick, vom ARD-H├Ârfunkstudio Istanbul, aus. Den Kommentar findet man in den Google.de Aktualit├Ąten unter der ├ťberschrift Eine Lektion f├╝r Erdogan. Klickt man den Link an, so trifft man statt auf Lektionen auf R├╝peleien mit Bumerang-Effekt. Los geht´s mit dem "Raufbold" Recep Tayyip Erdogan und dessen unvergessenem Auftritt beim Davoser Weltwirtschaftsforum. Der t├╝rkische Premier spielte sich als Anwalt seiner muslimischen Glaubensgeschwister in Pal├Ąstina auf und verlie├č nach einem kurzen, aber heftigen Wortgewitter die B├╝hne, wobei "sich aufspielen" im Deutschen hei├čt, da├č sich jemand etwas anma├čt. Welch eine Fehleinsch├Ątzung (es sei denn der H├Ârfunkstudioso scherze und mache sich lustig)!

Der Eklat in Davos, die Ausladung Israels vom Milit├Ąrman├Âver, die Ausstrahlung der anti-israelischen, antisemitischen Hetzsendungen und jetzt die Beteiligung an der gegen Israel gerichteten britischen "Wohlt├Ątigkeitsveranstaltung Nr. 1129092" des George Galloway Viva Palestina, des englischen Vertreters des Konvois, sind Beispiele der konsequenten Ausrichtung der T├╝rkei auf den Iran und auf Syrien sowie deren Stellvertreter im Kampf um die Vormachtstellung im Nahen Osten Hamas und Hezbollah und auf strategische Partner au├čerhalb der Region, auf Venezuela und Bolivien. Vielleicht darf man demn├Ąchst diese sowie Nordkorea auch zu den engeren Freunden der T├╝rkei rechnen. (1)

Es ist ein t├╝rkisches Schiff, die Ulusoy 6, die den Konvoi von 198 Fahrzeugen transportiert, ein reicher Gesch├Ąftsmann vom Golf bezahle es. (2)

T├╝rkische und pal├Ąstinensische Fahnen wehen. Gaza-Aktivisten der t├╝rkischen Hilfsstiftung f├╝r Menschenrecht und -freiheit IHH, angef├╝hrt von ihrem Vorsitzenden B├╝lent Yildirim, k├Ąmpfen in der ersten Reihe. Die britische Palestine Solidarity Campaign, im Logo ganz Restpal├Ąstina, Gaza, Israel, Westbank, berichtet laufend ├╝ber die aktuelle Position des Konvois. (3)

Am Pranger steht ├ägypten, das laut IHH die Hilfe verhindert. Interessant ist, nebenbei, da├č die Stiftung nicht in der Lage ist, die Texte ihrer deutschen Seite in fehlerfreiem Deutsch abzufassen: Der Freiheits-Konvoi nach Gaza wurde vom Hafenstadt Aqaba nicht nach ├ägypten zugelassen. ├ägypten verhinderte das Schiff, welches das Konvoi-Team nach ├ägypten bringen sollte. (4)

Eine geh├Ąssige Frage sei mir erlaubt: Wissen die T├╝rken, die sich dem Iran in die Arme werfen, was die Perser von den T├╝rken halten? Wenn nicht - sie werden´s bald erfahren.

Der t├╝rkische Ministerpr├Ąsident sei aus den H├Ąndeln au├čer bei einigen ├╝bertreuen Anh├Ąngern in Istanbul als Verlierer hervorgegangen, sein Image habe Kratzer bekommen, behauptet Ulrich Pick, und da stimmen ihm wahrscheinlich alle diejenigen zu, die nicht mitbekommen haben, da├č es um solche ├äu├čerlichkeiten schon lange nicht mehr geht. Wer sagt es denn nur den Politikern und den Journalisten des Westens? Selbst Israel, meist vorn mit der treffenden Analyse, schon allein aus ├╝berlebenspolitischen Gr├╝nden, hat´s bis heute nicht begriffen, sonst h├Ątte Danny Ayalon den Gast nicht ins tiefe Sofa gedr├╝ckt, sondern ihm einen Ehrenplatz zugewiesen, vor ihm das t├╝rkische F├Ąhnchen und im Raume, kameragerecht hinter ihm, die Israel- und T├╝rkeiflaggen in gleicher Gr├Â├če. Das w├Ąre f├╝r die T├╝rkei peinlich gewesen. (5)

Wenn es nicht traurig w├Ąre, k├Ânnte man laut auflachen! Den simplen Trick mit der Sitzordnung lernen neu in die Funktion gew├Ąhlte Betriebsr├Ąte in der Gewerkschaftsschulung. Wenn man als Gast den Raum betritt, in diesem Fall also der t├╝rkische Botschafter, dann hat man mit einem Blick die Szene einzusch├Ątzen, umgehend den besten Sitz zu bestimmen und zielstrebig auf ihn zuzusteuern. So etwa: Danke, ich w├╝rde gern hier sitzen, *auf den Sessel zeig*. Wie reagiert der Gastgeber, will er nicht als unh├Âflich gelten oder gar sofort die Stimmung verderben? Er wird sich einen zweiten Sessel heranholen, der auf dem Foto zum PI-Artikel ist gewi├č nicht der einzige. (6)

Ein weiteres Mittel ist es, den Gegner mit dem Gesicht zum Fenster zu setzen, also ihn so zu plazieren, da├č er ins Licht schauen mu├č, er selbst aber hell beschienen wird. Auch da mu├č man schneller sein, man mu├č es nur wissen. Der Botschafter ist doch zu bl├Âd, ihm geschieht das ganz recht, ich wette einen Euro, da├č er sich nicht bewu├čt eingelassen hat auf die Dem├╝tigung, um im nachhinein Profit daraus zu ziehen. Sieht er auf dem PI-Foto nicht aus wie ein armes W├╝rstchen?

Die T├╝rken sind zurecht beleidigt, das Foto geht um die Welt, der arme bemitleidenswerte Mann! Ulrich Pick macht sich Gedanken: Eklat k├Ânnte auf Israel zur├╝ckfallen, formuliert er vorsichtig. Nicht "k├Ânnte", sondern der Eklat f├Ąllt auf Israel zur├╝ck. Allerdings ist die strategische Partnerschaft, genannt Freundschaft, Israels zur T├╝rkei bereits zerbrochen. Befreundet sind der muslimische und der j├╝dische Staat nie gewesen, da sei der Koran vor: Nehmet nicht die Juden und die Christen zu Freunden. (7)

Zu welchen Nachbarn h├Ątte Israel in den vergangenen Jahren die Beziehungen verbessern k├Ânnen? Die Nachbarn mit Grenzen zu Israel sind ├ägypten, Jordanien, Syrien, Libanon. Die nicht unmittelbaren Nachbarn sind Saudi-Arabien, der Irak und die T├╝rkei. Es sind islamische L├Ąnder, die T├╝rkei islamisiert sich von innen und l├Âst sich allm├Ąhlich aus der westlichen Struktur, da kann noch so viel die Rede sein vom EU-Beitritt der T├╝rkei, im Gegenteil, es kann dahin kommen, da├č die T├╝rkei demn├Ąchst drohen wird, aus der NATO auszutreten. (8)

Der Staatspr├Ąsident der T├╝rkei Abdullah G├╝l fordert eine offizielle Entschuldigung Israels bis Mittwochabend, 13. Januar, widrigenfalls der Botschafter abberufen werde, und dem kommt Israel nach. Die offizielle Entschuldigung ist inzwischen nach Ankara abgegangen und dort huldvoll akzeptiert, nicht ohne da├č Premierminister Recep Tayyib Erdogan neue Kritik ├Ąu├čert: Israel mu├č sich selbst in Ordnung bringen, und es mu├č gerechter und mehr auf der Seite des Friedens in der Region sein. (9)

Da ist doch Pal├Ąstina zur Zeit der osmanischen Herrschaft ganz anders! Der Kritiker wird daran gedacht haben, da├č die Juden zu der Zeit im Dhimmi-Status unter dem osmanischen Sultan geduldet werden, in eine solche Ordnung will Israel sich aber nicht bringen.

DebkaFile berichtet, da├č die T├╝rkei den f├╝r die n├Ąchste Woche angesetzten Besuch in Ankara des israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak von drei Tagen auf vier Stunden gek├╝rzt habe, das Treffen wird sich auf den t├╝rkischen Verteidigungsminister und einige seiner Mitarbeiter beschr├Ąnken. Treffen mit politischen Pers├Ânlichkeiten sind gestrichen.

Israels Politikern, Milit├Ąr- und Sicherheitschefs sei der Vorwurf zu machen, da├č sie erwarteten, Recep Tayyip Erdogan und Abdullah G├╝l zu Freunden zu behalten, w├Ąhrend sich die beiden begierig in die Arme der radikal-antiwestlichen Ahmadinejad, Assad und Chavez werfen. Die verfehlte Aktion des Vizeau├čenministers Danny Ayalon sei die Folge dieser Vogel-Strau├č-Politik.

Diese sinnlose ├ťbung h├Ątte vermieden werden k├Ânnen, wenn die israelische Regierung anerkannt h├Ątte, da├č die guten alten Zeiten enger strategischer und milit├Ąrischer Freundschaft mit der T├╝rkei vorbei sind, und da├č die T├╝rkei auf einer anderen Ebene operiert. Jerusalems versessene Illusion wird geteilt von der Obama-Regierung, die sich ebenfalls weigert zu akzeptieren, da├č das Erdogan-Regime sich geschieden hat vom pro-westlichen Block Saudi-Arabien, ├ägypten, Jordanien und Israel, und sich kopf├╝ber in den Club der "Northern Islamic Alliance", der N├Ârdlichen islamischen Allianz, mit dem Iran, der libanesischen Hezbollah und der pal├Ąstinensischen extremistischen Hamas gest├╝rzt hat.

DebkaFile bringt Beispiele. Am 11. Januar wird der libanesische Premierminister Saad Hariri in Ankara willkommen gehei├čen, und so auch mit einem besonderen Willkommensgru├č sein Landwirtschaftsminister Hussein Al-Hajj, von der Hezbollah. Recep Tayyip Erdogan hat einen guten Vorwand, die Rolle der Hezbollah als wichtige politische Kraft anzuerkennen, und nicht mehr nur als Terrororganisation.

DebkaFile erw├Ąhnt die Unterst├╝tzung und Finanzierung des Hilfskonvois f├╝r Gaza des George Galloway. Die Delegation wies mehr T├╝rken auf, die auf Anweisung ihrer Regierung die "Freiwilligen" abgaben, als "internationale Friedensaktivisten", wie die Delegation behauptete.

Die israelischen Politiker, Milit├Ąrs und Teile der Geheimdienste meinten, sie m├╝├čten sich ruhig verhalten, bis der islamische Sturm in Ankara vor├╝ber sei, und die T├╝rkei wieder zu sich komme. Das sei eine unrealistische Erwartung. Die t├╝rkischen Gener├Ąle f├╝hlten sich nicht l├Ąnger zu Hause in Israel, sie stellten sich der Islamisierung Recep Tayyip Erdogans nicht in den Weg, und sie f├╝hlten sich an ihre verfassungsm├Ą├čige Pflicht nicht l├Ąnger gebunden, den s├Ąkularen Charakter des Landes zu bewahren.

Die passive Rolle, die Israel in diesem unaufhaltsamen Proze├č spiele, richte Schaden an. Absurderweise hat Pr├Ąsident Shimon Peres beispielsweise neulich gesagt, da├č "alles wieder normal in den Beziehungen zur T├╝rkei" sei. In derselben Woche hat der t├╝rkische Premierminister seine wilden Ausf├Ąlle gegen Israel intensiviert und Israels Gegenma├čnahmen im Libanon und dem Gazastreifen als Kriegsverbrechen bezeichnet. Selbst wenn Verteidigungsminister Barak entscheidet, den Besuch der T├╝rkei n├Ąchste Woche stattfinden zu lassen, braucht er nicht zu erwarten, die zerbrochene Beziehung zu kitten. (10)

Nun darf man gespannt sein, wann die israelische und die amerikanische Politik begreifen, was los ist. Von Deutschland und seinen T├╝rkeibeitrittsfreunden kann man diesbez├╝glich eh nichts erwarten, es sei denn den Versuch, auf dem Bruch Israels und der USA mit der T├╝rkei ihr ganz eigenes S├╝ppchen zu kochen.

13. Januar 2010

Quellen

(1) Viva Palestina. Breaking the Siege of Gaza
http://www.vivapalestina.org/home.htm

(2) Viva Palestina convoy onboard Gulf-funded ship heads to Egypt / PHOTO.
World Bulletin, January 3, 2010
http://www.worldbulletin.net/news_detail.php?id=52136

(3) Reading. PSC Salutes Viva Palestine Convoy. PSC.org.uk, January 6, 2010
http://readingpsc.org.uk/convoy/salute/

Filistin Konvoyu´na g├Ârkemli karsilama. Insan Hak ve H├╝rriyetleri Insani Yardim Vakfi, 9.01.10
http://www.ihh.org.tr/Haber_Manset_Ayrintilar.160+M570d0c316 b9.0.html

(4) Ägypten verhindert die Hilfe für Gaza. Insan Hak ve Hürriyetleri Insani Yardim Vakfi, 30. Dezember 2009
http://www.ihh.org.tr/Berichte-detail.160+M57d091dc115.0.htm l?&L=6

Insan Hak ve H├╝rriyetleri Insani Yardim Vakfi. Viva Palestina.
Breaking the Siege of Gaza
http://www.ihh.org.tr/Tuerkiye.139.0.html?&L=1

(5) R├╝peleien mit Bumerang-Effekt. Von Ulrich Pick, ARD, 13. Januar 2010
http://www.tagesschau.de/kommentar/kommentarisrael100.html

"Ahmet Oguz Celikkol". 377 Ergebnisse bei Google.de Aktualit├Ąten
http://tinyurl.com/yeyxvup

(6) T├╝rkei beleidigt ├╝ber Israel. Politically Incorrect, 13. Januar 2010
http://www.pi-news.net/2010/01/tuerkei-beleidigt-ueber-israe l/

(7) Nehmet nicht die Juden und die Christen zu Freunden. Geistige Nahrung
http://www.geistigenahrung.org/ftopic28531.html

(8) Israel and Neighbouring States. Illinois Institute of Technology
http://www.gl.iit.edu/govdocs/maps/Israel%20and%20Neighbouri ng%20States.gif

(9) Turkish PM accepts letter, says Israel must ´put itself in order´.
ByReuters, YnetNews, January 13, 2010
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3834150,00.html

(10) Israel apologizes in response to Turkish ultimatum. Debkafile,
January 13, 2010
http://www.debka.com/headline.php?hid=6458


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-01-13_20-36-38.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 18.01.2017, 07:01 Uhr