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Frankreich. Martine Aubry will den Sozialismus einfĂŒhren

Die Pariser FĂŒhrungskader des Parti Socialiste (PS) sehnen sich nach sozialistisch-kommunistischen Zeiten und beabsichtigen, den französischen Staat mit den am 8. November 1989 fĂŒr immer diskreditierten Mitteln und Methoden zu regieren. Ich habe in mehreren Artikeln darĂŒber berichtet. (1)

Vom Zentrum der sozialistischen Macht aus, es liegt in der Pariser Rue Solferino, geht Martine Aubry an das Projekt der Schaffung "einer anderen Gesellschaft". Es blieben zwei Jahre, es auszuarbeiten, die Partei zu erneuern und einen Kandidaten fĂŒr die PrĂ€sidentschaftswahlen 2012 aufzustellen. (2)

Wen erinnert das nicht an den Schlachtruf der ATTAC: Eine andere Welt ist möglich! Un autre monde est possible ! (3)

Der PS will damit in Frankreich beginnen. Noch mehr BĂŒrger werden sich fragen, warum sie nicht gleich Europe Écologie/Verts, den Nouveau Parti anticapitaliste (NPA), Nachfolger der Ligue Communiste RĂ©volutionnaire (LCR) oder Ă€hnliche Weltverbesserer wĂ€hlen, die Linken und Linksradikalen brauchen nur abzuwarten. Andere, eher die StammwĂ€hler des PS, werden sich von der Partei abwenden, weil sie noch nie fĂŒr JosĂ© BovĂ©, Daniel Cohn-Bendit oder gar Olivier Besancenot eingenommen waren. Die Politik der Martine Aubry wirkt wie ein Hammer, der mitten auf ein Teil schlĂ€gt, das dabei nach rechts und links auseinanderstiebt. (4)

"Eine Linke, die fest in ihren Werten verankert ist", wĂŒnscht sie in einem Video-Auftritt fĂŒr Mediapart und dessen PrĂ€sidenten Edwy Plenel, des ehemaligen Redaktionsdirektors von Le Monde, Mitglied der LCR seit 1970. Vom Engagement des Trotzkisten in die oberen RĂ€nge von Le Monde, titelt die Website Tun-e-zine treffend. (5)

Über Edwy Plenel habe ich im Zusammenhang mit der Rezension des Buches von Pierre PĂ©an und Philippe Cohen, La face cachĂ©e du Monde, berichtet. (6)

Martine Aubry paßt ganz wunderbar zu Edwy Plenel und seinem Mediapart. Sie sagt dort, und Mediapart stellt AuszĂŒge davon als Video ein (den Rest soll man kĂ€uflich erwerben): (7)

Ich denke, daß unsere Gesellschaft sehr hart ist, eine Gesellschaft, in der die Art, zu produzieren und zu leben, zu Abstieg und Diskriminierung fĂŒhrt. Und das ganze Thema der WertschĂ€tzung der Arbeit, der Arbeit wieder einen Sinn zu geben, eine gesellschaftliche NĂŒtzlichkeit der Arbeit, das gehört alles zum Bereich, wie wir in unseren StĂ€dten im 21. Jahrhundert zusammenleben, und wie wir es einrichten, daß der Individualismus ersetzt wird durch das BedĂŒrfnis, fĂŒr andere Sorge zu tragen.

Wir mĂŒssen uns um jeden kĂŒmmern, ihn zu seiner Bestform zu bringen, jeder einzelne soll schon an sich denken, aber schließlich meine ich, daß unsere Gesellschaft der Kurzfristigkeit, der UnverzĂŒglichkeit am Wesentlichen vorbeigeht. Wie die Zukunft vorbereiten, wie dem anderen Zeit geben, anderen Zeit geben, die Zeit, die Zukunft vorzubereiten, das ist die Forschung, das ist die Kultur, die Ausbildung der Menschen, das ist, eine Welt zu bereiten, annehmbar und dauerhaft fĂŒr unsere Kinder, das ist auch darĂŒber, wie unsere Werte ĂŒber die Grenzen hinausgetragen werden, weil fĂŒr mich Frankreich niemals so großartig war wie dann, wenn es seine Werte und seine wahre IdentitĂ€t getragen hat, Gleichheit, die zusammengeht mit Respekt, mit der Freiheit; es gibt keine Freiheit ohne Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, Öffnung fĂŒr den Unterschied ĂŒber unsere Grenzen hinaus.

Also, bitte, das ist, kurz gesagt, all die Arbeit, die wir heute einbringen wollen, die zeigt, daß Frankreich enorme TrĂŒmpfe besitzt, und anstatt uns tĂ€glich zu erklĂ€ren, daß nichts geht, haben wir Lust darauf, die Franzosen zu mobilisieren, daß es ihnen immer besser gehen möge, daß es wichtig ist, miteinander zu leben, daß sie Lust darauf haben, ihr Leben erfolgreich zu fĂŒhren, daß wir gemeinsam die Gesellschaft Ă€ndern.

Um die gesellschaftliche Umgestaltung in Ruhe vornehmen zu können, will sie die vor noch nicht ganz zehn Jahren beschlossene Dauer der PrĂ€sidentschaft von fĂŒnf wieder auf sieben Jahre verlĂ€ngern, vom Quinquennat wieder zum Septennat; denn "es ist sehr schwierig, eine Gesellschaft zu Ă€ndern, wenn man fĂŒr fĂŒnf Jahre gewĂ€hlt ist." Es versteht sich, daß sie sich in der Rolle der StaatsprĂ€sidentin sieht.

Der Figaro ist anscheinend Abonnent bei Mediapart; denn er zitiert noch mehr aus der Rede: "Ein fundamentaler Wandel ist der Übergang vom Materialismus und des ´Alles Haben´ hin zu einer Gesellschaft des Wohlbefindens. Man muß sich dazu auf die wesentlichen Fragen stĂŒtzen. Was produzieren? Wie produzieren? Wie verteilen?" erklĂ€rt sie, aber auch die Beziehungen zwischen den Individuen neu definieren. "Man muß von einer individualistischen Gesellschaft zu einer Gesellschaft des ´care´ kommen, gemĂ€ĂŸ dem englischen Wort, das man ĂŒbersetzen könnte mit ´gegenseitige Sorge´: die Gesellschaft sorgt sich um Sie, aber auch Sie mĂŒssen fĂŒr die anderen und die Gesellschaft sorgen." (8)

Franzosen scheuen gewöhnlich englische Wörter wie der Teufel das Weihwasser. Es ist nicht wie in Deutschland, wo die Bundesbahndirektion den Bahnhof zur Railway Station umdekoriert. Wenn Martine Aubry eine Ausnahme macht, dann gebraucht sie den Begriff care nicht zufĂ€llig. In aller Munde ist gegenwĂ€rtig ObamaCare, die Implantation einer Politik, die nicht kompatibel ist mit dem US-amerikanischen Gesellschaftssystem, die aber von ganz Europa begeistert gefeiert wird. Der PrĂ€sident fĂ€hrt fĂŒr sein Obamacare die niedrigsten Umfragewerte ein, die er jemals hatte. 48% Approve : 46% Disapprove. (9)

In Frankreich ist care bei Linken der ganz große Renner. Die Aufgabe des Individuums und sein Aufgehen in der Gesellschaft, der Volksgemeinschaft, steht an. Martine Aubry, der PS und, falls dieser bei den nĂ€chsten Wahlen die PrĂ€sidentschaft gewinnen sollte, der sozialistische Staat, bestimmen, was produziert, wie produziert, wie verteilt wird - wie im real-existierenden Sozialismus bis zur Implosion des Systems.

Die Verantwortung des einzelnen fĂŒr sich selbst ist in dieser Ideologie kein Wert, die letzten Rudimente der Verantwortung des einzelnen fĂŒr sich selbst werden beseitigt. Die Gesellschaft in Gestalt des PS bestimmt die Wirtschaft, nicht die Nachfrage einzelner, der BĂŒrger. Martine Aubry tritt an, die französische Gesellschaft islamkompatibel zu formieren. Die Missionierung ist eingeplant, an dem französischen Wesen soll die Welt genesen. Die vom PS fĂŒr die Gesellschaft bestimmten Werte, als da genannt sind Freiheit, Gleichheit, BrĂŒderlichkeit, sollen ĂŒber die Grenzen hinausgetragen werden. Wohin, bitte? Welche IdentitĂ€t? In die Pariser VorstĂ€dte? In die ĂŒbrige arabische Welt? Da gibt es bereits BrĂŒderlichkeit, in Gestalt der MuslimbrĂŒder, die ein viel ausgebuffteres Projekt fahren, als es der PS mit FĂŒhrungskadern von der Kompetenz einer Martine Aubry oder eines Arnaud de Montebourg und Ă€hnlicher Phantasten je zustande brĂ€chte. (10)

Nicht nur, daß die Französische Revolution und ihre liber-, Ă©gali- und fraternitĂ© 13 (dreizehn) Jahre spĂ€ter als die in den USA beginnen, deren Verfassung bereits 1787 beschlossen ist, sondern der angebliche Sturm auf die Bastille ist nichts als Legende. Revoluzzer nehmen auf der Suche nach Waffenlagern eine als GefĂ€ngnis genutzte kleine Bastion ein, eine Bastille, in der neben dem von seiner Familie eingebuchteten Donatien Alphonse François, Comte de Sade, alias Marquis de Sade, noch weitere sechs Gefangene einsitzen, UrkundenfĂ€lscher, Geisteskranke und Kleinkriminelle. Die ZEIT berichtet darĂŒber zu Zeiten, als sie noch ein lesenswertes Blatt ist: Aber in Wahrheit ist alles ganz anders gewesen. In Wahrheit hat es einen Sturm auf die Bastille gar nicht gegeben. (11)

Die revolutionĂ€re Tradition der ins Jakobinertum ausartenden ScharmĂŒtzel gefĂ€llt Martine Aubry, der "kleinen Dame", wie Georges FrĂȘche sie nennt. Nicht nur die ParteiverbĂ€nde des Languedoc-Roussillon, sondern ganz Frankreich will sie unter tutelle stellen, unter Aufsicht, kontrollieren, dazu redet sie den Individuen, den einzelnen Menschen ein, daß "Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness", Streben nach Leben, Freiheit und GlĂŒck, wie sie in der UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung der USA als Recht formuliert sind, unzulĂ€ssigem Individualismus geschuldet sind, daß der Individualismus ersetzt wird durch das BedĂŒrfnis, fĂŒr andere Sorge zu tragen. EntĂ€ußerung predigt sie statt NĂ€chstenliebe, Aufopferung statt MitgefĂŒhl. Wer sich selbst nicht liebt, der kann leicht der Propaganda erliegen, er kann manipuliert werden, anderen anzutun, was er selbst nicht angetan bekommen möchte; denn statt seines Gewissens sprechen und befehlen die Partei, die Volksgemeinschaft oder die Ummah. Wohin das fĂŒhrt, lehren Geschichte und Gegenwart von Kommunismus, Nationalsozialismus und Islam. (12)

Mögen machtversessene Persönlichkeiten wie Martine Aubry niemals die PrÀsidentschaft Frankreichs erlangen.

6. April 2010

Quellen

(1) Frankreich. Der Parti Socialiste als Vormund freier BĂŒrger. 19. MĂ€rz 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-03-19_23-54-54.html

Frankreich. Politik zwischen Zentralismus und BĂŒrgernĂ€he. 24. MĂ€rz 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-03-24_22-43-16.html

Frankreich. Politik zwischen Zentralismus und BĂŒrgernĂ€he. Teil 2. 25. MĂ€rz 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-03-25_23-38-21.html

(2) Le Parti socialiste a déjà le regard fixé sur lŽhorizon élyséen de 2012.
Midi Libre, 23 mars 2010
http://tinyurl.com/ycyxtzu

Martine Aubry in meinem Archiv
http://tinyurl.com/yhtrmw8

(3) Eine andere Welt ist möglich. Google.de 6 000 000 Ergebnisse
http://tinyurl.com/ydjawwc

Un autre monde est possible. Google.fr 7 120 000 résultats
http://tinyurl.com/ya93j85

(4) un autre monde est possible + europe écologie. Google.fr 101 000 résultats
http://tinyurl.com/y9ku3f9

(5) Edwy Plenel, du militantisme trotskiste à la haute hiérarchie du Monde,
Tun-e-zine, AFP, 29 novembre 2004
http://www.tunezine.com/breve.php3?id_breve=1353

(6) Statt einer Rezension: "Le Monde" - das entblĂ¶ĂŸte Gesicht der Pariser Abendzeitung. 4. MĂ€rz 2003
http://www.eussner.net/artikel_2005-12-06_17-25-09.html

(7) La gauche que veut Martine Aubry. Vidéo. Par Edwy Plenel,
Laurent Mauduit, Stéphane AlliÚs, Mediapart, 2 avril 2010
http://tinyurl.com/y9zfb5c

(8) Aubry veut prendre en main le projet socialiste pour 2012.
Par Nicolas Barotte, Le Figaro, 6 avril 2010, p. 4
http://tinyurl.com/yfja244

(9) What the Liberal Media Aren´t Telling You About Obama´s Healthcare Plans. Media Research Center
http://www.obamacaretruth.org/

Gallup Daily: Obama Job Approval, April 1-3 2010
http://www.gallup.com/poll/113980/Gallup-Daily-Obama-Job-App roval.aspx

RĂ©forme de la santĂ© amĂ©ricaine : une victoire historique Ă  l´avenir incertain. LeMonde.fr, 22 mars 2010
http://tinyurl.com/yc2g65d

Obamacare im Figaro
http://tinyurl.com/yztt3of

Obamacare in der Libération
http://www.liberation.fr/recherche/?q=obamacare

(10) Das "Projekt" der Muslimbruderschaft, vom 1. Dezember 1982
http://www.eussner.net/artikel_2008-03-21_19-25-15.html

(11) Tratschkes Lexikon fĂŒr Besserwisser, ZEIT, 16. Juli 1982
http://www.zeit.de/1982/29/Tratschkes-Lexikon-fuer-Besserwis ser

[3] La révolution américaine (1776 - 1783). The American Revolution
http://www.tlfq.ulaval.ca/axl/amnord/usa_6-3histoire.htm

(12) "Liebe deinen NĂ€chsten wie dich selbst". Von David Seldner. Gesellschaft fĂŒr christlich-jĂŒdische Zusammenarbeit Pfalz
http://www.christen-und-juden.de/html/seldner.htm

The Declaration of Independence. In Congress, July 4, 1776
http://www.usconstitution.net/declar.html


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-04-06_22-59-11.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 21.02.2017, 11:54 Uhr