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Zeitung gelesen [12]: Lose BlÀtter, nicht von Dauer ...

... nur ein leichter Wochenschauer!

Im französischen BlĂ€tterwald und im Internet ist viel los. Allein die AktivitĂ€ten des Pariser Parti Socialiste zur Schaffung "einer anderen Gesellschaft" können einen stundenlang in Atem halten, schon deshalb, weil die Erste SekretĂ€rin Martine Aubry ausgerechnet bei uns, im Languedoc-Roussillon, damit anfangen will. Edwy Plenel, von Mediapart, alter Freund des Alain Krivine und Mitglied der Ligue Communiste RĂ©volutionnaire (LCR) ab 1970, findet die Idee anscheinend so aufregend, daß er das Datum des Videos aktualisiert. In einem Artikel, vom 6. April 2010, habe ich den Text vom 2. April 2010 ĂŒbersetzt, nun steht er samt den unverĂ€nderten Video-Worten unter dem 15. April 2010 immer noch da, und die Leser sollen fĂŒr die LektĂŒre des abgestandenen Suds tatsĂ€chlich immer noch bezahlen. (1)

Dabei gibt es so viele spannende Ereignisse in der Welt. Auf Seite 1 des Figaro berichtet Patrick BĂšle ĂŒber die unaufhaltsame kapitalistische Entwicklung Cubas nach Fidel Castro. Wer noch nie auf Cuba war und es auch sonst nicht weiß, der erfĂ€hrt jetzt, daß seit 1968 alle Frisiersalons und ĂŒberhaupt alle Handels- und Dienstleistungsbetriebe nationalisiert und staatlich betrieben werden. $20/Monat zahlt die Regierung den Frisören, die von den Kunden fĂŒr Haarschnitt oder Rasur einen Peso berechnen. Jetzt dĂŒrfen Salons, die nicht mehr als drei PlĂ€tze haben, ihr GeschĂ€ft vom Staat mieten. Der Preis fĂŒr den Haarschnitt ist ums FĂŒnffache gestiegen: "Es tut mir leid fĂŒr die Störung!" steht an einem kleinen Salon, im Osten der Insel. Großbetriebe ab vier PlĂ€tzen bleiben weiterhin in staatlichem Besitz.

Der von RaĂșl Castro angestrebten "Redynamisierung der Wirtschaft" steht nichts mehr im Wege!

Auch Kleinstbauern nĂ€mlich dĂŒrfen ihre StĂŒckchen Land seit letztem Jahr selbst bewirtschaften, um den kostspieligen Import von Nahrungsmitteln durch Eigenproduktion zu ersetzen. Inzwischen gibt es 100 000 private Kleinstunternehmer. Bei einer Gesamteinwohnerzahl von ca. zwölf Millionen sind mehr als fĂŒnf Millionen BeschĂ€ftigte in Staatsdiensten. Von diesen FunktionĂ€ren ist eine Million unproduktiv, hat RaĂșl Castro herausgefunden. Wenn das keine Nachricht ist, die auf die Seite 1 des Figaro gehört! (2)

Die Kapriolen des StaatsprĂ€sidenten Nicolas Sarkozy fĂŒllen wie die des PS und seiner Ersten SekretĂ€rin die Seiten der MSM. Wer erinnert sich nicht an das lustige Wort pipolisation, fĂŒr Kenner der englischen Sprache auch geschrieben peopolisation - nur daß es ein solches Wort im Englischen nicht gibt? Franzosen ist ihre Sprache heilig; es hat Zeiten gegeben, da sind per Fernsehen schwerste Französischdiktate ĂŒbertragen worden, um den Ruhm der langue de MoliĂšre ĂŒberallhin zu verbreiten. Diese Franzosen haben keine Probleme damit, die Sprachen anderer zu verballhornen. Gibt man pipolisation bei Google.fr ein, so erhĂ€lt man 83 300 Ergebnisse, verbunden mit sarkozy sind es 44 400 Ergebnisse. peopolisation+sarkozy bringt noch einmal 9 630 Ergebnisse. (3)

Dem StaatsprĂ€sidenten wird von Anfang an vorgeworfen, daß er sein Privatleben in die Öffentlichkeit zerrt, nichts bleibt verborgen, seine Eheprobleme mit CĂ©cilia, nĂ©e Ciganer-Albeniz, die Begleitung des Ehepaares Sarkozy durch die Justizministerin Rachida Dati nach Wolfeboro, wo sie von AP gemeinsam auf einem Boot fotografiert werden, und jetzt die nĂ€chsten Eheprobleme mit Carla Bruni-Sarkozy: Das Gift der GerĂŒchte, titelt Valeurs Actuelles. (4)

Es sind kaum noch GerĂŒchte, sondern Tatsachenbehauptungen, gegen deren Verbreitung der StaatsprĂ€sident juristisch zu Felde zieht. Personen, die auch nur von weitem verdĂ€chtig sind, etwas zu den GerĂŒchten beigetragen zu haben, werden gnadenlos aus dem Pariser Leben ausgeschaltet. So geschieht es 2005 GĂ©rard Dubois, seit 1993 Leiter der Abteilung Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit bei der Pariser PolizeiprĂ€fektur. Das Provinzblatt L´IndĂ©pendant berichtet, daß er das Vertrauen seiner Vorgesetzten genießt. Durch seine HĂ€nde gehen mehrere sensible Dossiers, u.a. zum Unfalltod von Lady Di. Am 6. Juni 2005 wird er auf Anweisung des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy abrupt seiner Funktionen enthoben, Dienstwagen und Chauffeur sowie sein Dienst-Mobilphone werden ihm entzogen. Als BegrĂŒndung wird angegeben, er habe die GerĂŒchtekĂŒche, die Ehefrau CĂ©cilia Sarkozy betreffend, alimentiert und ein Komplott gegen Nicolas Sarkozy geschmiedet. Außerdem hĂ€tte er bei DĂźners in der Stadt ĂŒber die Ehe des Innenministers albern und hĂ€misch gelacht. Beweise werden nicht erbracht, es ist wie zu Zeiten des Roi Soleil Louis XIV. Es lebe das Denunziantentum! Es lebe die WillkĂŒrentscheidung des absolutistischen Herrschers! Als einige Zeit darĂŒber vergangen ist, sagt GĂ©rard Dubois dazu, daß er niemals irgendetwas mit der AffĂ€re CĂ©cila zu tun gehabt habe. Er wird abgeschoben ins schöne Languedoc-Roussillon, nach Narbonne, wo er zu aller Zufriedenheit seit fĂŒnf Jahren als UnterprĂ€fekt wirkt und sehr geschĂ€tzt wird.

Eine derartige Kampagne wiederholt sich nun, und es ist ausgerechnet Rachida Dati, die heute so behandelt wird, die ein Komplott geschmiedet und GerĂŒchte ĂŒber Carla Bruni-Sarkozy verbreitet habe. 2005 ist sie Mitglied des Kabinetts von Nicolas Sarkozy. Der PrĂ€sident der Republik benimmt sich nicht anders als vor fĂŒnf Jahren. Die Satirezeitschrift Le canard enchaĂźnĂ©, das Klatschblatt der Republik, wie JĂŒrg Altwegg es in der FAZ nennt, nimmt sich des Falles an, daß auch sie ihres Dienstwagens verlustig geht. Die Kampagne wird vom GeneralsekretĂ€r des ElysĂ©e Claude GuĂ©ant und dem Berater im ElysĂ©e Pierre Charon geleitet. Nicolas Sarkozy sieht ĂŒberall Komplotte. Welch ein GlĂŒck, daß er kein Diktator in der SU der 30er Jahre ist.

Und wenn Rachida Dati, auch sie, sich eines Tages wiederfĂ€nde im Pays de l´Aude, von Paris aus gesehen, dem "Exilland"? fragt Jean-Paul Chaluleau. (5)

Herzlich willkommen, Rachida Dati, ikke freu´ ma schonn.

Im Figaro, ganz hinten, wo er eigentlich schon ausgelesen sein sollte, liest man noch einen Artikel des Philosophen und Schriftstellers Luc Ferry, des ehemaligen Erziehungsministers, der einem jungen Praktikanten des Ministeriums einen Stoß zu bearbeitender FĂ€lle auf den Schreibtisch packt, worauf der Praktikant erwidert: "Ich habe um eine Anstellung nachgesucht, und nicht um Arbeit!" (6)

Am 16. April 2010, findet man, auf der Seite 2 des Figaro, einen Bericht von CĂ©cilia Gabizon ĂŒber die Gerechten, les Justes, Franzosen, die wĂ€hrend der deutschen Besatzung Juden versteckt und gerettet haben. In Yad Vashem werden 23 226 solcher Gerechter geehrt, 3 158 von ihnen sind Franzosen, 476 sind Deutsche. (7)

Die Stiftung Frankreich-Israel, la Fondation France-IsraĂ«l, organisiert vom 11. bis 14. April 2010 fĂŒr die Enkel und Urenkel der Gerechten eine Reise zur GedenkstĂ€tte Yad Vashem, Jerusalem. (8)

Es ist das erste Mal, daß ihnen so gedankt wird, und die jungen Franzosen weinen, wĂ€hrend sich die knotigen HĂ€nde der der Judenvernichtung entkommenen, dieser wĂ€hrend des Krieges in Frankreich versteckten Kinder sich ihnen entgegenstrecken, schreibt CĂ©cilia Gabizon.

Irena Steinfeldt, Die Direktorin des Department of the Righteous Among the Nations, prĂŒft diejenigen, die als Gerechte geehrt werden, "diese ganz alltĂ€glichen Leute und ihre außerordentlichen Handlungen", und auf die Frage, welche Menschen das sind, antwortet sie: "Es ist wie mit den Peinigern, es gibt kein Profil. Nur individuelle Entscheidungen." (9)

Und auch am 16. April 2010 stehen die besten Artikel auf der vorletzten Seite des Figaro. Ivan Rioufol schreibt ĂŒber die Konservativen, deren Erwartungen von der Regierungspartei nicht zur Kenntnis genommen werden. Es ist ein Artikel mehr ĂŒber die verfehlte Politik des Nicolas Sarkozy, der viel versprochen hat und nichts davon hĂ€lt, der nun bis zum Sommer 2011 offen lassen will, ob er erneut kandidiert, und damit einen Wettbewerb unter potentiellen Kandidaten der Rechten und der rechten Mitte auslöst, Alain JuppĂ©, Dominique de Villepin, François Fillon, Jean-François CopĂ©, HervĂ© Morin, Jean-Louis Borloo, kurz, ein FĂŒllhorn von Namen, die man schon in unterschiedlichen ZusammenhĂ€ngen gehört und gelesen hat, einige davon, wie Alain JuppĂ© und Dominique de Villepin in ĂŒblen. Der eine ist bei Google.fr mit 26 500 Ergebnissen zum Stichwort Korruption dabei, als Premierminister empfiehlt er 1997 dem StaatsprĂ€sidenten Jacques Chirac vorgezogene Neuwahlen, bei denen die Regierungspartei dann herbe Verluste erleidet und eine Große Koalition mit dem PS eingehen muß, der andere, im Hauptberuf Schöngeist, ist verwickelt in die Machenschaften um EADS, Stichwort: Clearstream. Zwar spricht ihn das Gericht mangels Beweisen frei, falsche Anschuldigungen erhoben zu haben, aber es bleibt genug ĂŒbrig, diesen ThronprĂ€tendenten als Intriganten einzuschĂ€tzen, entnimmt man dem Bericht der Abendzeitung Le Monde. (10)

Alain JuppĂ© schlĂ€gt nun einen linken Ansatz fĂŒr die Erwartungen der Rechten vor. Er folgt darin trotz des Desasters in den Regionalwahlen der InkohĂ€renz der Mehrheitspartei, schreibt Ivan Rioufol. Anscheinend ist das Desaster noch nicht groß genug mit Éric Besson, Bernard Kouchner, FrĂ©dĂ©ric Mitterrand und anderen Sozialisten, die sich nicht schĂ€men, zugunsten einer Regierungskarriere ihrer Partei den RĂŒcken zu kehren, und die damit den Verfall von Ethik und Moral nur beschleunigen können. (11)

Es reicht mal wieder: *Zeitung zuklapp*. Die Lautis aufgedreht, und hopp! (12)

16. April 2010

Quellen

(1) La gauche que veut Martine Aubry. Vidéo. Par Edwy Plenel,
Laurent Mauduit, Stéphane AlliÚs, Mediapart, 2 avril 2010/15 avril 2010
http://tinyurl.com/y9zfb5c

Frankreich. Martine Aubry will den Sozialismus einfĂŒhren. 6. April 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-04-06_22-59-11.html

Martine Aubry in meinem Archiv
http://tinyurl.com/yhtrmw8

(2) À Cuba, Raul Castro privatise les salons de coiffure. Par Patrick Bùle,
Le Figaro, 15 avril 2010, p. 1 / Top Secret !
http://tinyurl.com/y3e8k8p

(3) pipolisation+sarkozy. Google.fr 44 400 résultats
http://tinyurl.com/y4on9rn

peopolisation+sarkozy. Google.fr 9 630 résultats
http://tinyurl.com/y3kv9on

pipolisation. Google.fr 83 300 résultats
http://tinyurl.com/y48p5u6

(4) Rachida Dati passe ses vacances avec les Sarkozys. AP/nouvelObs.com,
22 juin 2008
http://tinyurl.com/yywshbl

Le poison de la rumeur. Par Eric Branca, Valeurs Actuelles, 15 avril 2010
http://tinyurl.com/y4z8enb

(5) Satireblatt "Canard enchaĂźnĂ©". Klatschblatt der Republik. Von JĂŒrg Altwegg,
FAZ.net, 27. November 2008
http://tinyurl.com/y3lo52n

"Complot" : le sous-préfet de Narbonne évincé comme R. Dati.
Par Jean-Paul Chaluleau, L´IndĂ©pendant, 15 avril 2010
http://tinyurl.com/y6abv2z

(6) "J´avais demandĂ© un emploi, pas un travail !" Par Luc Ferry, Le Figaro,
15 avril 2010, p. 17 (nicht online)

(7) The Righteous Among The Nations. Yad Vashem
http://www1.yadvashem.org/righteous_new/about_the_righteous. html

(8) Le premier voyage de petits-enfants de Justes français en Israël est organisé par la Fondation France Israël du du 11 au 14 avril 2010
http://tinyurl.com/y2zmrct

Fondation France-Israël
http://www.fondationfranceisrael.org/

(9) Il y a 60 ans, leurs familles ont sauvé des Juifs. Par Cécilia Gabizon,
Le Figaro, 16 avril 2010, p. 2 (nur fĂŒr Abonnenten)
http://tinyurl.com/y7an9l8

(10) Alain Juppé in meinem Archiv
http://tinyurl.com/y5e79xb

Clearstream : Dominique de Villepin relaxé. Par Pascal-Robert Diard,
Le Monde, 28 janvier 2010
http://tinyurl.com/y3g9z9n

Dominique de Villepin EADS in meinem Archiv
http://tinyurl.com/y3phasr

Alain Juppé corruption. Google.fr 26 500 résultats
http://tinyurl.com/y7xswxb

(11) Bloc-notes : ces conservateurs que la droite veut ignorer. Par Ivan Rioufol,
Le Figaro, 16 avril 2010, p. 17
http://blog.lefigaro.fr/rioufol/2010/04/bloc-notes-ces-conse rvateurs-q.html

(12) Quand je suis paf. Hommage à Marguerite Deval. Air de lŽopérette
"mon amant", 1932, J. Ardot - M. Lupin - C. Alix. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=dSnbkQmLgow

Bisher erschienen:

Zeitung gelesen [11]: Lose BlÀtter, nicht von Dauer ... 13. MÀrz 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-03-13_01-32-48.html

Zeitung gelesen [1] bis [11]: Lose BlÀtter, nicht von Dauer ...
http://tinyurl.com/ygp3fae


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-04-16_23-51-58.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 24.03.2017, 09:49 Uhr