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Frankreich. Die Agentin Clotilde Reiss ist ausgetauscht

Man erinnert sich? Am 1. Juli 2009 wird eine junge Französin auf dem Teheraner Flughafen verhaftet, kurz vor ihrer Ausreise, angeblich weil sie die Demonstrationen nach den Wahlen im Iran fotografiert und eine Email an ihre Eltern und an das sie in Isphahan als Französischlehrerin beschĂ€ftigende Institut français de recherche en Iran (IFRI) geschickt habe, an das Französische Forschungsinstitut im Iran: Liebe Eltern, macht Euch keine Sorgen, mir geht´s gut - oder so Ă€hnlich.

Zahlreiche Informationen, die man in den Wochen nach ihrer Verhaftung und nach dem Schauprozeß sichtet, sagen aus, daß es sich bei Clotilde Reiss um eine Agentin Frankreichs handelt. Im Artikel Frankreich. Clotilde Reiss als Merhameh im Morgenland habe ich die wichtigsten Argumente zusammengestellt. (1)

Was man sich seit der Verhaftung der Clotilde Reiss und den darauf folgenden Berichten der französischen MSM zusammenreimen kann, und was seit ihren Aussagen im Schauprozeß Gewißheit ist, daß nĂ€mlich die junge Frau nicht die harmlose Französischlehrerin ist, sondern im Auftrag Frankreichs handelt, und daß sie von ihren AgentenfĂŒhrern in dilletantischer Weise in Gefahr gebracht worden ist, das bestĂ€tigt nun der ehemalige Stellvertretende Direktor des Auslandsgeheimdienstes Direction gĂ©nĂ©rale de la sĂ©curitĂ© extĂ©rieure (DGSE) Pierre Siramy (Pseudonym): "Elle a travaillĂ© au profit de la France pour collecter des informations qui Ă©taient de nature de politique intĂ©rieure et d´autres qui Ă©taient sur la prolifĂ©ration nuclĂ©aire. Elle est immatriculĂ©e Ă  la DGSE". Sie hat zugunsten Frankreichs gearbeitet, um Informationen zu sammeln, die innenpolitischer Art waren, und andere, die Verbreitung von Atomwaffen betreffend. Sie ist in der DGSE eingeschrieben. Sie ist auf der Gehaltsliste der DGSE, heißt das zu deutsch.

Der ehemalige DGSE-Mitarbeiter beschuldige sie der Zusammenarbeit, titelt der Nouvel Observateur. Was es daran zu beschuldigen gibt, wenn jemand wie Clotilde Reiss fĂŒr sein Land tĂ€tig ist, das wĂŒĂŸte ich von dem linken MSM gern. Entsprechend ist im Text nichts zu finden, wie denn auch? Clotilde Reiss ist auf der Payroll des Geheimdienstes. (2)

Andere französische MSM, beispielsweise Le Post, ĂŒberbieten sich ebenfalls mit de graves accusations Ă  l´encontre de Clotilde Reiss, mit schweren Anschuldigungen gegen Clotilde Reiss. Auch in diesem Fall steht dann nichts davon im Text, sondern im Gegenteil: L´ancien sous-directeur ajoutant que c´est "par patriotisme que Clotilde Reiss se serait d´elle-mĂȘme prĂ©sentĂ©e Ă  l´ambassade dĂšs son arrivĂ©e en Iran. Un engagement que les autoritĂ©s locales auraient dĂ©couvert, en scrutant sa correspondance par Internet avant de l´arrĂȘter le 1er juillet 2009". Der ehemalige Stellvertretende Direktor ergĂ€nzt, daß es "aus Patriotismus ist, daß Clotilde Reiss sich selbst gleich nach ihrer Ankunft im Iran bei der Botschaft vorgestellt habe. Eine Verpflichtung, die die lokalen Behörden durch die Auswertung ihrer Internet-Korrespondenz entdeckt hĂ€tten, bevor sie am 1. Juli 2009 verhaftet wurde."

Zur Diskreditierung der Aussage des Pierre Siramy wird nachgeschoben, daß er umstritten sei. Im MĂ€rz 2010 hat er bei Flammarion "25 ans dans les services secrets", herausgebracht, "25 Jahre in den Geheimdiensten", erfahre man im Figaro. Über diesen Agenten bestehe keine EinmĂŒtigkeit in der kleinen Welt der französischen Geheimdienste, man brauche nur die Kommentare zu seinem Buch zu lesen, vor allem hier und hier. Um einen Eindruck zu bekommen, was sein Buch wert ist, das ist hier. Klickt man dann auf die drei "hier", so ist nichts dahinter. (3)

Zweifel können allenfalls darĂŒber aufkommen, wie Pierre Siramy die Kontaktaufnahme schildert: Guten Tag, ich bin die neue Französischlehrerin, ich möchte Ihnen eine Mitarbeit bei der Nachrichtenbeschaffung anbieten!? FĂŒr wie blöd halten die Mitarbeiter der Geheimdienste und die französischen MSM ihr Publikum?!

Eine gereinigte Fassung der RĂŒckkehr der jungen Frau, die angeklagt war der BeeintrĂ€chtigung der nationalen Sicherheit dieses Landes (des Iran), weil sie an Demonstrationen teilgenommen hat, liefert Thomas Vampouille im Figaro. Ein aussagekrĂ€ftiges Foto stellt der Figaro dazu ein. Clotilde Reiss wird sanft aber bestimmt von Außenminister Bernard Kouchner vorm Mikro zurechtgerĂŒckt: Clotilde, du weißt, was du zu sagen hast! Verpatze es nicht noch einmal!

Zur Erinnerung: Auf die Frage, wer meine, daß Clotilde Reiss bescheuert ist, conne, antwortet Foughali S, der "Ali aus der Menge", etwa einer von vielen:

Ich denke nicht, daß sie ´ne dumme Nuß ist, weil die Geheimdienste, wie jedermann weiß, nicht jede x-beliebige Person rekrutieren, und daß sie gewöhnlich die besten ihrer Agenten in RisikolĂ€nder wie das der Mollahs schicken. Übrigens, wenn Sie das bemerkt haben sollten, ist es das, was den Doktor Bernard Kouchner wĂ€hrend seines Auftritts im Fernsehen außer sich gebracht hat, als er sich beeilte, die öffentlichen GestĂ€ndnisse von Reiss zurĂŒckzuweisen. Man spĂŒrt, daß er in Wut und außer sich war, nicht gegen den Iran, sondern vielmehr gegen die EnthĂŒllung von Reiss ĂŒber ihre Beziehungen zur Botschaft Frankreichs und ĂŒber ihren berĂŒhmten, an diese geschickten Bericht ĂŒber die Ereignisse. Kommentator Foughali S weist darauf hin, daß zum Erhalt von derartigen gewĂŒnschten GestĂ€ndnisse die Folterknechte zu allem fĂ€hig sind. Er glaubt aber nicht, daß Clotilde Reiss derartigen Foltern unterzogen worden ist, damit sie aussagt, was immer gewĂŒnscht wird. Als Argument bringt er, daß man sich von solchen Foltern nicht so schnell wieder erholen und so auftreten könnte wie sie im iranischen Fernsehen. (4)

Weiter unten im Artikel des Figaro steht dann, gewissermaßen als Beleg fĂŒr die Richtigkeit der Äußerungen des Pierre Siramy, was bei dem Handel fĂŒr den Iran herausspringt. Selbstverfreilich streitet Bernard Kouchner alles ab: "Keine Mauschelei, keine Gegenleistung"

Schamlosigkeit gepaart mit Dusseligkeit. Selten so gelacht!

Die AnkĂŒndigung ihrer Freilassung folgt eine Woche nach der RĂŒckkehr des Ingenieurs Majid Kakavand in den Iran. Die französische Justiz weist den Auslieferungsantrag der USA zurĂŒck, die ihn anklagt, illegal militĂ€rische Komponenten an den Iran geliefert zu haben. Wie schön ist es fĂŒr den Iran, der jetzt der Welt mitteilen kann, daß Frankreich und die USA nicht an einem Strang ziehen, was die EinschĂ€tzung der nuklearen Gefahr durch die Entwicklung der iranischen Atombombe angeht. Frankreich wird im Zweifelsfalle den USA immer in den RĂŒcken fallen. Das ist hier einmal mehr bewiesen. Die USA sind wieder ungeschmĂ€lert der Große Satan.

Ein weiteres zufĂ€lliges Zusammentreffen ist die fĂŒr den 18. Mai 2010 vorgesehene Freilassung des Mörders Ali Vakili Rad, unter Auflagen. Das sind Auflagen, die er selbst vorbringt, seine sofortige Ausweisung in den Iran nĂ€mlich. Er ist 1994 in Frankreich verurteilt worden fĂŒr den Mord am ehemaligen Premierminister des Iran Shapour Bakhtiar, im Jahr 1991. Schon ist er mit einer Linienmaschine auf&davon und lĂ€ngst im Iran angekommen, berichtet Vienna Online. Der Anwalt des Mörders meint, sein Mandant wĂ€re frĂŒher freigekommen, wenn die AffĂ€re Clotilde Reiss nicht anhĂ€ngig gewesen wĂ€re; denn seine Mindesthaftzeit sei bereits im letzten Jahr abgelaufen gewesen. Wie man die GroßzĂŒgigkeit der französischen Regierung und ihrer Justiz gegenĂŒber Terroristen kennt, mag der Anwalt sogar recht haben. Mufti Haj Amin al-Husseini, Georges Habbash und Yasser Arafat seien hier exemplarisch genannt. Vienna Online ergĂ€nzt: (5)

FĂŒr den Sprecher der französischen Sozialisten, Benoit Hamon, war dagegen klar, dass Paris Zusagen fĂŒr die Freilassung von Reiss gemacht hat. "Man verkauft die Leute fĂŒr dumm, wenn man heute erklĂ€rt, es habe keine Gegenleistungen gegeben." Der Anwalt Karim Lahidji, der die Familie von Bakhtiar im Prozess gegen den Mörder vertreten hatte, kritisierte die Freilassung von Wakili Rad scharf. Das demokratische Frankreich habe "gegenĂŒber einem Terrorstaat nachgegeben".

So ist es, aber was ist daran neu? Qoi de 9 ?

Auch der Terrorstaat Iran lĂ€ĂŸt durch den Sprecher seines Außenministeriums verkĂŒnden, daß es keinerlei ZusammenhĂ€nge gebe zwischen der Freilassung von Clotilde Reiss und der des Ingenieurs Majid Kakavand. Wie bitte? Mit der des Ali Vakili Rad also wohl? (6)

Der Sprecher stellt es als das hin, was es ist, die Zusammenarbeit Frankreichs mit dem Iran gegen die USA. Vom Dilletantismus der Clotilde Reiss entsendenden Geheimdienste nicht zu reden. Das FĂŒhrungspersonal der Clotilde Reiss kann sich rechtzeitig aus dem Iran absetzen. IFRI-Direktor Philippe Rochard ist Anfang Juli 2009, unmittelbar nach der Verhaftung von Clotilde Reiss, nach Frankreich zurĂŒckgekehrt, die letzten Studenten des Instituts verlassen den Iran Anfang August. Merhameh im Morgenland bleibt allein zurĂŒck, erst sechs Wochen im berĂŒchtigten GefĂ€ngnis von Evin, dann unter Hausarrest in der Botschaft Frankreichs. (1)

18. Mai 2010

Quellen

(1) Frankreich. Clotilde Reiss als Merhameh im Morgenland. 13. August 2009
http://www.eussner.net/artikel_2009-08-13_21-35-14.html

(2) Un ancien membre de la DGSE accuse Clotilde Reiss "d´avoir travaillĂ©
au profit de la France pour collecter des informations" sur l´Iran. Par AP,
nouvelObs.com, 17 mai 2010
http://tinyurl.com/2wmqg6w

(3) Un ancien de la DGSE accuse Clotilde Reiss "d´avoir travaillĂ© pour
la France": crédible? Le Post, Yahoo Actualités, 17 mai 2010
http://tinyurl.com/32lrgob

(4) Qui pense que Clotilde Reiss est conne? Yahoo! France, 10 août 2009
http://fr.answers.yahoo.com/question/index?qid=2009081009280 1AAWRwbm

(5) Frankreich lÀsst Mörder des iranischen Ex- Premiers ausreisen.
Vienna Online, 18. Mai 2010
http://tinyurl.com/32b8wxg

(6) Clotilde Reiss : "Je suis trĂšs heureuse d´ĂȘtre de retour".
Par Thomas Vampouille, Le Figaro, 17 mai 2010
http://tinyurl.com/23y34ut


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-05-18_10-50-16.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 22.02.2017, 08:39 Uhr