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Gaza. Die "Friedensflottille". Update, Bl├╝tenlese, Fragen

Nun ist das irische Schiff Rachel Corrie ohne Blutvergie├čen daran gehindert worden, Gaza anzulaufen. Vielleicht ist das dem israelischen Milit├Ąr gelungen, weil keine radikalislamischen T├╝rken der IHH auf ihr mitschippern? Die Iren jedenfalls haben weder Interesse daran noch M├Âglichkeit dazu, irgend jemandem in der Region die Vormachtstellung streitig zu machen, im Gegenteil, sie arbeiten mit allen zusammen, ob Iran, T├╝rkei, Hamas oder Hezbollah, wenn sie sich nur gegen Israel stellen. Die Hilfslieferung soll in Ashdod gel├Âscht werden, und man darf gespannt sein, ob die Hamas dem zustimmt. (1)

Die Annahme der Ladungen der anderen Schiffe des Konvois hat die Hamas verweigert, von den Einwohnern Gazas nicht ben├Âtigte Lieferungen sowie die von den Aktivisten ihren geliebten Pal├Ąstinensern zugedachten Medikamente mit abgelaufenem Verfallsdatum m├╝ssen leider drau├čenbleiben. Die israelischen humanit├Ąren Konvois stattdessen werden von der Hamas weiterhin nach Gaza gelassen. Der Grund f├╝r die Weigerung sei laut dem Hamas-Vertreter Ahmed al-Kurd, da├č die Ladungen erst akzeptiert w├╝rden, wenn die inhaftierten Aktivisten frei k├Ąmen. (2)

Kanzlerin Angela Merkel dr├╝ckt Pal├Ąstinensern Beileid aus

Angela Merkel ist best├╝rzt. Nicht dar├╝ber, da├č es weder der EU, noch den USA, noch Ru├čland, noch den Vereinten Nationen eingefallen ist, auf die T├╝rkei einzuwirken, die Provokation der "Friedensflottille" einzustellen - schlie├člich haben die T├╝rken das zum Jahreswechsel 2009/10 bereits einmal durchgezogen, nein, sie ist best├╝rzt ├╝ber die israelische Milit├Ąraktion vor dem Gaza-Streifen. Sie ist best├╝rzt, da├č ein Staat sich dagegen verwahrt, da├č Schiffe in seine Hoheitsgew├Ąsser eindringen, was deren Eigner, Geldgeber und Passagiere monatelang planen und organisieren. Drei Monate lang hat der Franzose Thomas Sommer-Houdeville in Griechenland das griechische Schiff der "Friedensflottille" orgsanisiert.

Angela Merkel sieht tatenlos zu, wie Israel durch Milit├Ąrsprecher und Diplomaten mehrfach die T├╝rkei ersucht, die Operation abzusagen, und nun ist sie best├╝rzt ├╝ber die Folgen. Was das Beileid angeht: (3)

Damit allerdings h├Ątte sie gleichzeitig die Mitverantwortung der beiden Regierungen f├╝r die neun Toten bekundet. Da die Verantwortung aber ungeteilt bei Israel verbleiben soll, wird Mahmoud Abbas bem├╝ht, der nun gar nichts mit der Operation und den Toten zu tun hat.

Die "Friedensflottille" will in den Hafen von Gaza einlaufen

Die Israelis bieten mehrfach ihren Hafen Ashdod an, aber das ist der Hamas und ihren Freunden nicht genehm. Ein Photostream von FreeGaza.org sowie die Hamas-Site Qassam berichten ├╝ber den Zustand des einzigen Hafens von Gaza. Am 20. April 2010 er├Âffnet Dr. Yousef Mansi, Minister f├╝r ├Âffentliche Arbeiten und Wohnungsbau, die zweite Phase des Hafenausbaus. Das Hafenbecken soll bis zu acht Metern vertieft werden, um mittlere Passagier- und Lastschiffe aufnehmen zu k├Ânnen, die in Gaza zur Herausforderung der israelische Blockade erwartet werden. Die Arbeit wird vom Ministerium gemeinsam mit dem Transport- und Kommunikationsministerium sowie mit Unterst├╝tzung durch die t├╝rkische Hilfsorganisation IHH ausgef├╝hrt.

Vor kurzem wurde in Istanbul eine Allianz aus zahlreichen Organisationen und humanit├Ąren Vereinigungen zum Durchbruch der Blockade Gazas angek├╝ndigt. Sie kamen ├╝berein, eine Flotte von Schiffen aus 20 L├Ąndern zu schicken; sie w├╝rden 5000 Tonnen Hilfsg├╝ter darunter medizinische Ger├Ąte, Fertigh├Ąuser, Zement und anderes Baumaterial zus├Ątzlich zu Lehrmaterial schicken. Die Allianz sagte, da├č mehr als 500 Solidarit├Ątsaktivisten an Bord der Flotte sein w├╝rden. (4)

Ein Video beginnt mit strahlendem Lachen eines plal├Ąstinensischen M├Ądchens und dem Verbrennen der israelischen Nationalfahne, es folgt eine k├Ąmpferische Rede des t├╝rkischen Ministerpr├Ąsidenten Recep Tayyip Erdogan: Pal├Ąstina darf nicht l├Ąnger ein Freiluftgef├Ąngnis sein. Diese von Israel getroffene Ma├čnahme ist ein nicht hinnehmbares Verbrechen, das wir verurteilen. Es folgt ein Schwenk auf einen K├╝stenstrich mit kleinen Booten, dann auf Arbeiten von Planierraupen am Hafenbecken. Die zweite Phase des Ausbaus soll beendet sein. Dort werden f├╝r den 27. Mai 2010 die Schiffe der "Friedensflottile" erwartet. Emad Hamada erkl├Ąrt gegen├╝ber der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua, da├č in den letzten acht Monaten der Hafenausbau vorbereitet und durchgef├╝hrt worden sei, "um in der Lage zu sein, den gr├Â├čten Schiffskonvoi von neun Schiffen zu empfangen, die am 27. Mai in den Hafen von Gaza einlaufen werden". (5)

Die Arbeiten schritten sehr langsam voran, beklagt Anfang Mai der Projektmanager Mohamed Seyam. Dann kommt das beeindruckende B├╝rohaus der IHH mit einer riesigen t├╝rkischen Nationalfahne ins Bild. Interviewt wird Muhammad Kaya alias Mehmet Kaya, der seit Ende Dezember 2008 in Gaza t├Ątig und inzwischen zum inoffiziellen Botschafter der T├╝rkei in Gaza aufgestiegen ist. (6)

Seit sieben Jahren seien am Hafen keine Wartungsarbeiten durchgef├╝hrt worden. Der Berichterstatter samt seiner Kamera schwenken nun auf den von der IHH im Dezember 2009 geleiteten Landkonvoi nach Gaza. ├ťber den Gaza Freedom March der linken Aktivisten und der Freunde des Barack Obama von Code Pink finden sich sechs Artikel in meinem Archiv. (7)

Anschlie├čend an den Gaza Freedom March sei von zahlreichen Organisationen sofort mit der Vorbereitung der "Friedensflottille" begonnen worden, darunter von Free Gaza und IHH. Das t├╝rkische Schiff, das 1000 Passagiere aufnehmen, sowie das irische Frachtschiff, das 3 500 Tonnen transportieren k├Ânne, seien gekauft worden von der IHH, was heute besser bekannt ist als Finanzierung durch die t├╝rkische Regierung. Das Hauptziel des Konvois sei die Durchbrechung der Seeblockade, nachdem es gelungen sei, die Landblockade zu brechen. Daran kann ich mich nicht erinnern. Au├čer 84 privilegierten Code Pink und Neturei Karta Aktivisten, die auf Intervention der ├Ągyptischen First Lady ├╝ber Rafah einreisen d├╝rfen und entsprechend von den restlichen 1 400 Aktivisten verachtet werden, ist nicht viel erreicht worden. (8)

Der Bericht und das Video sind vom Gaza-Korrespondenten Yousef al-Helou, vom iranischen regierungseigenen PressTV.

Wer sich einen Eindruck vom Zustand des Hafens von Gaza machen m├Âchte, der schaue sich die Google-Fotos und das PressTV Video an. Demnach gibt es keine ausreichenden Vorkehrungen, die "Friedensflottille" aufzunehmen und zu entladen. Entsprechend hat niemand von den Organisatoren der "Friedensflottille" damit gerechnet, den Hafen erreichen zu k├Ânnen. (9)

Die Provinzzeitung Ind├ępendant kennt das wahre Ziel des Hebr├Ąerstaates

Wenn man seine Provinzbl├Ątter liest, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. W├Ąhrend weltweit Israelis, Juden und Goyim, Europ├Ąern und Amerikanern aller Arten und Glauben der erschossenen neun T├╝rken und der unabsehbaren Folgen f├╝r das Image Israels wegen der Atem stockt, einer ist noch dazu auch US-B├╝rger, w├Ąhrend der Figaro, in seiner Papierausgabe vom 5. Juni 2010, gar nichts vermeldet und erst am Nachmittag auf seiner Site sehr ausgewogen ├╝ber die Durchsuchung der Rachel Corrie berichtet, sitzt ganz unten links in der Ecke von Frankreich, in Perpignan, ein Kommentator, der Bescheid wei├č. Das widerst├Ąndige Asterix-Dorf befindet sich jetzt bei uns! (10)

Der Leitartikler Christian Bachelier fragt im Ind├ępendant, ob die verfehlte Operation der Israelis auf der Mavi Marmara vielleicht keine einfache Fehlreaktion, eine schlecht gelaufene Durchsuchung gewesen sein k├Ânnte. Sind die neun Toten, die Verwundeten, der internationale Aufschrei schlie├člich und endlich nicht das vom Hebr├Ąerstaat gew├╝nschte Ziel? Habe nicht die Hamas, der Erzfeind Israels, bei der Umwandlung des Nahen Ostens in einen Hexenkessel auf der ganzen Linie gewonnen? Wenn man dar├╝ber nachd├Ąchte, dann scheine Israel ein Erzfeind lieber zu sein als ein diskussionsbereiter Gegner wie die Fatah. Verhandlungen, Auss├Âhnung, das bedeute Geben von beiden Seiten. Die gegenw├Ąrtig in Israel regierenden Falken aber seien dazu nicht bereit, die Ausweitung der Siedlungen stellten sie nicht zur Disposition. Sie seien auch nicht unter Druck, einen pal├Ąstinensischen Staat an ihrer Seite zu sehen. Also, es lebe die Hamas! Es lebe die Konfrontation, es lebe der Kriegszustand, weil er eine unverr├╝ckbare Gegnerschaft zwischen Pal├Ąstinensern und Israelis gestattet.

Nicht genug mit dieser sensationellen Einsch├Ątzung, legt der Leitartikler nach: Die F├╝hrung des Hebr├Ąerstaates blickt vielleicht noch weiter. Was geschieht tats├Ąchlich in der T├╝rkei? Der islamisch-konservative Ministerpr├Ąsident profitiere von der Krise, er werde von der Stra├če gefeiert, was seiner Macht im Kampf gegen die laizistischen Kemalisten diene. Was geschieht in ├ägypten? Dort habe Hosni Mubarak soeben in Alexandria, der Hochburg der Muslimbr├╝der, eine Sympathiekundgebung f├╝r die Hamas von 20 000 Demonstranten zulassen m├╝ssen. Die harte, konsessionslose Strategie Israels Gaza gegen├╝ber dient vielleicht keinem anderen Zweck, als den Druck ansteigen zu lassen.

Heraus komme dann wohl oder ├╝bel, da├č Israel f├╝r die USA und Europa das letzte Bollwerk gegen das werde, was sie am meisten f├╝rchten, ein starkes, unkontrollierbares Vordringen islamistischer Bewegungen in den gem├Ą├čigten Staaten der Region.

Unter diesen Voraussetzungen k├Ânne man, Anwesenheit einer Nobelpreistr├Ągerin an Bord hin oder her, nicht erwarten, da├č die Rachel Corrie "die Belagerung Gazas durchbricht". Das Schiff sei, wenn´s hochkommt, ´n Strohhalm im Zentrum des von Israel (sic!) hervorgerufenen Wirbels, schlimmstenfalls ein objektiver Verb├╝ndeter einer bis zum ├äu├čersten gehenden Strategie. (11)

Genial! Das ├╝berm├Ąchtige Israel und seine Juden lenken die Geschicke des Nahen Ostens, Europas und der Welt. Die israelische Regierung manipuliert die Ambitionen der T├╝rkei, des Iran, der Muslimbr├╝der und anderer radikaler Muslime sunnitischer und schiitischer Konvenienz sowie die Interessen der USA, der EU, Ru├člands, Chinas etc. Durch die harte Politik der Blockade soll nicht etwa der Seetransport von Waffen f├╝r die Hamas unterbunden werden - man denke nur an die Fracht der Karine A, die am 3. Januar 2002 im Roten Meer aufgebracht wird, um zu verstehen, was der Zugang vom Meer aus f├╝r Israel bedeutet, sondern Israel will den Druck in der Region erh├Âhen. Die allm├Ąchtigen Juden sind am Werke, in ihrem Hebr├Ąerstaat. (12)

Es ist auff├Ąllig, da├č diejenigen, die lieber gestern als heute einen binationalen Staat mit s├Ąmtlichen r├╝ckkehrwilligen Arabern w├╝nschen, die Israel jederzeit absprechen, da├č es ein Recht darauf hat, Staat der Juden zu sein, im Eifer des Gefechts vom Hebr├Ąerstaat sprechen und schreiben.

5. Juni 2010

Quellen

5. Juni 2010

Quellen

(1) Kommandoaktion. Israelische Spezialkr├Ąfte entern Gaza-Hilfsschiff. SpiegelOnline, 5. Juni 2010
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,698916,00.html

(2) Scoop ! Hamas refuse l´aide humanitaire de la flotille de la paix.
Par Jean-Patrick Grumberg, Juif.org, 1 juin 2010
http://tinyurl.com/35avgsr

Le HAMAS n´a pas besoin d´aide humanitaire transport├ęe par la Flottille de la libert├ę. Voix de la Russie, 3 juin 2010
http://french.ruvr.ru/2010/06/03/9034186.html

(3) Merkel dr├╝ckt Pal├Ąstinensern Beileid aus. OberlahnExpress, 3. Juni 2010
http://tinyurl.com/3x6gv5r

(4) Gaza harbour after Israeli bombing. Flickr, December 2008
http://www.flickr.com/photos/freegaza/3112541281/

Mansi: Gaza harbor to be upgraded. By Essedine Al- Qassam Brigades, Qassam, April 20, 2010
http://www.qassam.ps/news-2709-Mansi_Gaza_harbor_to_be_upgra ded.html

(5) Gaza is preparing to receive the largest international ship convoy on
May 27, 2010. Video, PressTV. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=i-6RRVZ74WY

(6) T├╝rkei. Insani Yardim Vakfi (IHH) und ihre "Friedensflottille". 4. Juni 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-06-04_14-30-38.html

(7) Gaza Freedom March. 6. Januar 2010 (die anderen f├╝nf sind darin verlinkt)
http://www.eussner.net/artikel_2010-01-06_17-38-52.html

(8) The Free Gaza Movement (in 11 languages)
http://www.freegaza.org/

Insani Yardim Vakfi (in Turkish, English, Arabic, German, Russian, French)
http://www.ihh.org.tr/anasayfa/en/

(9) Gaza Harbor. Google.de Bilder 150 000 Ergebnisse
http://tinyurl.com/35lpjd2

(10) L´arm├ęe isra├ęlienne a abord├ę le "Rachel Corrie". Video.
Par Thomas Vampouille, Le Figaro, 5 juin 2010
http://tinyurl.com/358tlyl

(11) L´Edito. Strat├ęgie. Par Christian Bachelier, L´Ind├ępendant, 5 juin 2010
http://www.lindependant.com/articles/2010-06-05/strategie-19 3347.php

(12) Seizing of the Palestinian weapons ship Karine A.
Israel Ministry of Foreign Affairs, January 4, 2002
http://tinyurl.com/j2yks


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-06-05_10-29-31.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 26.03.2017, 01:22 Uhr