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CML. Jean Genet unterwegs als Kämpfer gegen Israel. Teil X

Jean Genets politische Karriere beginnt am 22. Dezember 1967, mit einer langen Reise nach Fernost, wo der 57-j√§hrige Schriftsteller auch in Japan Station macht, schreibt Albert Dichy, der Herausgeber der Werke bei Gallimard, in der Jean Genet - Biographie. Sie zeichnet sich durch Ausblenden anscheinend heute unliebsamer Tatsachen aus. W√§hrend seine Depressionen, eine Testamentserstellung und ein Selbstmordversuch, im Mai 1967, dokumentiert werden, erf√§hrt der Leser nichts dar√ľber, was Jean Genet in Japan unternimmt. (1)

Er sei bereits im Winter 1966 in Japan gewesen, wei√ü hingegen Tahar Ben Jelloun, in einem Artikel, vom Juli 1974. Dort habe er die Zengakuren unterst√ľtzt, die vor allem Premierminister Sato bek√§mpft haben, der einen Flughafen auf dem Gel√§nde von vertriebenen Landwirten bauen wollte. Sie demonstrierten auch gegen die Erneuerung der Pacht der amerikanischen Basen in Japan. (2)

Diesen Zeitplan bestätigt Gene A. Plunka. (3)

Die Studentenorganisation Zengakuren (All Japan Federation of Students´ Autonomous Bodies) ist eine linksradikale Vereinigung, anti-liberal, anti-imp, revolution√§r: gegen Krieg und Privatisierung, das ganze Programm. Die Schilderung der Geschichte der Zengakuren legt es nahe, da√ü Jean Genet, wie Albert Dichy schreibt, erst im Winter 1967 in Japan die heroischen K√§mpfer besucht hat, die am 8. Oktober 1967, im Haneda-Kampf durch Zusammenst√∂√üe mit der Polizei einen Genossen verloren haben. Es geht au√üer um die Verhinderung des neuen Flughafens Narita auf den Sanrizuka Landwirten enteignetem Boden auch um die Verhinderung der Reise Premierminister Satos vom Haneda Flughafen aus in das kriegf√ľhrende Vietnam durch behelmte k√§mpferische Studenten: 1000 studentische Demonstranten stie√üen zusammen mit 200 Bereitschaftspolizisten, und ein Student der Kyoto Universit√§t, Bruder Yamazaki wurde get√∂tet, berichtet ein Genosse der Zengakuren √ľber die Geschichte der Organisation. (4)

Man könnte es als den vorgezogenen Shatila-Effekt bezeichnen. Da kommt Jean Genet auch erst im Lager an, als das Massaker vorbei ist, präsentiert sich aber dennoch als Zeuge, der genau Bescheid weiß, wer welche Verantwortung an dem Massaker trägt: Israel. Er ist gemeinsam mit Leila Shahid seit dem 12. September 1982 in Beirut, ins Lager gelangen sie am 19. September 1982. Die besten Zeugenaussagen sind die post mortem. (5)

Im Sommer 1968 reist Mister John Jack Genet, knowing no English at all, nachdem ihm 1965 ein Visum verweigert wird, illegal in die USA ein, um auf Einladung der US-Zeitschrift Esquire √ľber die National Democratic Convention, vom 24.-27. August 1968, zu berichten. Er mischt sich dort, im Lincoln Park, gemeinsam mit Allan Ginsberg, Terry Southern, Richard Seavers und William Burroughs unter die Demonstranten gegen den Vietnamkrieg. Terry Southern vermittelt einen Eindruck von der Fehlbesetzung Jean Genet. (6)

Albert Dichy berichtet nichts von der illegalen Einreise: Drei Monate sp√§ter (nach dem Mai 1968, der ihm seinen ersten politischen Artikel zu Ehren des Daniel Cohn-Bendit wert ist), eingeladen von einer amerikanischen Zeitschrift, √ľber den Kongre√ü der Demokraten zu berichten, begibt sich Jean Genet zum ersten Mal in die USA und mischt sich unter die gro√üen Demonstrationen der amerikanischen Linken gegen den Vietnamkrieg. Wie er auf Einladung, vom 25. Februar 1970, eines Mitgliedes der Black Panther f√ľr zwei Monate in die USA kommt, um vom 1. M√§rz bis 2. Mai an ihrer Seite ihr Leben zu teilen, erf√§hrt man ebenfalls nicht. Er beteiligt sich an ihren Kampagnen, zieht unerm√ľdlich kreuz&quer im Lande herum und gibt unz√§hlige Konferenzen in den Universit√§ten oder vor der Presse. Diesmal scheint er legal eingereist zu sein. Ein Visum bekommt er danach nicht noch einmal. (7)

Daf√ľr widmet er sich ab Ende des Jahres nur noch den Pal√§stinensern. Auf Empfehlung des Vertreters der PLO in Paris begibt er sich nach Jordanien, um Pal√§stinenserlager zu besichtigen. Statt acht Tage sei er sechs Monate geblieben. Anfang November 1970 begegnet er Yasser Arafat im Lager Wahdat, im Lager der Einheit, der stellt ihm laut Albert Dichy ein Laisser-passer aus und bringt ihn dazu, √ľber das pal√§stinensische Drama Zeugnis abzulegen. Ein Laisser-passer ist ein offizieller Passierschein. In Jordanien, mitten in Amman, √ľbt Yasser Arafat Hoheitsrechte aus. (8)

Selbstverst√§ndlich handelt es sich f√ľr den Gallimard-Biographen um das pal√§stinensische Drama, in dem die unschuldigen Pal√§stinenser von unsichtbarer bzw. von der Hand Israels hin&hergeschoben und maltr√§tiert werden. Sie k√∂nnen nichts dazu. Albert Dichy nennt auch den Namen des PLO-Vertreters nicht. Es ist
Dr. Mahmoud Hamshari, der Kopf des gescheiterten Staatsstreichs der PLO in Jordanien, 1970, bekannt unter dem Namen Schwarzer September, der ist eben zwei Monate vorbei. Es dauert insgesamt zehn Monate, bis die PLO des Yasser Arafat vollständig aus Jordanien vertrieben ist, Richtung Libanon, was das Übel von einem Land ins nächste verlagert. (9)

√úber das Lager Wahdat, in Amman, berichtet der Gr√ľnder des Jewish Theater of New York Tuvia Tenenbaum, der sich als deutscher Tobias einen Eindruck verschaffen kann. (10)

Das Buch √ľber den erhabenen L√ľgner Jean Genet zur Verherrlichung der Pal√§stinenser und zum Ha√ü auf die Juden und ihren Staat Israel erz√§hlt vor allem von den Aktivit√§ten des Jean Genet, aber auch von denen des Tahar Ben Jelloun. (11)

Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit, Mai 1974, berichtet Jean Genet √ľber seine Eindr√ľcke in den jordanischen Fl√ľchtlingslagern. Tahar Ben Jelloun stellt es dar, als wenn Jean Genet eben zur√ľckgekehrt w√§re, dabei wird er am 23. November 1972 des Landes verwiesen, eineinhalb Jahre vor ihrem ersten Treffen. Wie das zusammengeht damit, da√ü er ab November 1970 f√ľr sechs Monate in Jordanien lebt, dar√ľber erf√§hrt man von Albert Dichy nichts. √Čric Marty berichtet von drei Reisen in den Nahen Osten, die erste 1970 - 1971 nach Jordanien, die zweite im September 1982 (das ist die Episode Shatila), die dritte 1984, wo er den jungen Hamza wiederzufinden versucht, den er 1970 kannte.

Dagegen schreibt Martin Kramer in einer Rezension zu Edmund Whites Genet-Biographie, da√ü Jean Genet mehrfach in der Zeit in Jordanien gewesen sei, davon some six months in the remote camps of the fedayeen, davon etwa sechs Monate in den abgelegenen Lagern der Fedayyin. Die befinden sich in N√§he der syrischen Grenze. Das verwischt der Gallimard-Biograph. Man erf√§hrt mehr √ľber Jean Genet in Martin Kramers Rezension, als in Tahar Ben Jellouns und Albert Dichys Genet-Adorationen zusammengenommen. Auch Jean Genets Urteil √ľber Israel ist bei Martin Kramer nachzulesen: Genet did not love the Jews. F√ľr Genet verk√∂rperten Juden die lebende Best√§tigung der Moral √ľber den √Ąsthetizismus. For Genet, Jews represented the living affirmation of morality over aestheticism. (12)

Seinen Ha√ü auf die Juden √ľbertr√§gt er auf Israel. Heute wei√ü man, da√ü Jean Genets leiblicher Vater, der seine Mutter vor seiner Geburt verlassen und den er nie kennengelernt hat, ein Monsieur Blanc gewesen ist, wahrscheinlich ein Jude. So liebt er diejenigen, die gegen die Juden und Israel sind.

"Ich komme aus Pal√§stina zur√ľck, beziehungsweise aus Jordanien und den pal√§stinensischen Lagern; die jordanische Polizei hat mich verhaftet und mich danach ausgewiesen; ich sprach vom Schwarzen September, von der Verantwortung des kleinen K√∂nigs; kurzum, ich war nicht willkommen; schlie√ülich, wisse auch, da√ü es entsetzlich ist, was ich gesehen habe; ja, f√ľrchterlich, die Menschen m√ľssen wissen, was dahinten passiert. Ich habe vedurstende Kinder gesehen, den Himmel anklagende M√ľtter, K√§mpfer, die im Morgengrauen loszogen, gegen den Besatzer zu k√§mpfen." (S. 17)

√Čric Marty zitiert Jean Genet, Un captif amoureux. Ein verliebter Gefangener: K√∂nig Hussein habe den Befehlen "der amerikanischen Imperialisten und der zionistischen Einheit" gehorcht. (13)

Es ziehen aus ihren Lagern M√§nner aus, um gegen Israel zu k√§mpfen, was f√ľr Tahar Ben Jelloun kein Problem, sondern eine Selbstverst√§ndlichkeit ist, sonst h√§tte er es kommentiert. Der souver√§ne Saat Israel kann und darf jederzeit angegriffen werden.

Er teilt reichlich Schelte aus gegen franz√∂sische Verlage und MSM, vor allem gegen Le Monde, wo die Herausgeber, Direktoren und Redakteure noch immer nicht alle auf der H√∂he ihrer Aufgaben sind, Propaganda f√ľr die Pal√§stinenser und gegen Israel zu machen. Die Qualit√§t des Personals beurteilt Tahar Ben Jelloun danach, wie weitgehend es f√ľr die pal√§stinensische Sache eintritt. (S. 54)

So sieht´s auch Jean Genet, der sich dar√ľber aufregt, da√ü der israelisch-pal√§stinensische Konflikt in der franz√∂sischen Presse parteiisch dargestellt werde: "Das ist abscheulich! Sie sagen den Leuten nicht die Wahrheit, sie machen es dem st√§rksten Staat im Nahen Osten recht ...". Das ist selbst heutzutage noch zu lesen, da man sich vor israelkritischen Beitr√§gen franz√∂sischer MSM kaum retten kann. Mein Archiv ist voll von Artikeln zum Thema: Sylvain Cypel, Charles Enderlin,
Alain Gresh, Serge Halimi, Dominique Vidal und viele andere. Jean Genet aber meint, und Tahar Ben Jelloun kolportiert es, da√ü die Israel-Lobby √ľberall sitze, die Juden seien in den MSM f√ľhrend, und zwar zionistische, parteiisch f√ľr Israel, das seine willf√§hrigen Vertreter in den MSM einsetze. (S. 120 + 147)

Wie "Israel" das machen sollte? Helf Er sich!

Am Abend mit dem Philosophen und Schriftsteller Edmond El Maleh, den Jean Genet nicht sch√§tzt, weil der Jude ist, dem Leben zugewandt und gern gepflegt speist, diskutiert man auch √ľber Pal√§stinenser, die f√ľr Israel arbeiten. Das waren Verr√§ter der schlimmsten Sorte, weil sie genaue und schwerwiegende Informationen weitergaben, die der israelischen Armee oder ihren Sicherheitsdiensten gestatteten, andere Pal√§stinenser zu t√∂ten. Pal√§stinenser k√§mpfen gegeneinander und bringen sich gegenseitig um? "C´est normal que les Palestiniens se combattent et s´entretuent." "Das ist normal, da√ü sich die Pal√§stinenser bek√§mpfen und gegenseitig umbringen." Nun folgt die Einsch√§tzung des Tahar Ben Jelloun √ľber den umgekehrten Fall, die Agentent√§tigkeit von Israelis f√ľr die Araber: "Nicht ein Israeli verr√§t sein Land; es gibt zwei oder drei Spione, die schnell entlarvt werden." (S. 68)

Da im Buch sonst kein Humor, keine Ironie und keine Satire vorkommen, muß man davon ausgehen, daß er das so meint. Man ist fast auf dem Niveau des Jean-Paul Sartre, der an dem (!) Juden seine Sanftheit, seinen Humanismus, seine Ausdauer, seine scharfe Intelligenz respektiert. (14)

Jeder möge jetzt an mindestens einen Juden denken, auf den keine dieser Eigenschaften zutrifft, und dann herzhaft lachen. Anders nämlich kann man solch drögen Pröff nicht ertragen.

Die Besessenheit des Jean Genet von Juden und von Israel hat zur Folge, da√ü er alle Ereignisse weltweit danach einsch√§tzt, ob diese gegen sie verwendet werden k√∂nnen. Er sagt mir eines Morgens: "Ich liebe Khomeini, weil er die Westler abnervt. Er bringt sie zum Geifern und hat erreicht, eine monarchische Macht zu st√ľrzen, die von zwei gro√üen M√§chten, Amerika und Israel, unterst√ľtzt wurde. Er ist bewundernswert, weil er keine seiner Prinzipien aufgibt. Der Westen hat Angst! Das ist gut!" Poster des Ayatollahs in Marokko beeindrucken Jean Genet. Er dachte, da√ü die Marokkaner ihn bewunderten, weil er sich gegen die Israelis und die Amerikaner stellte. (S. 111f.)

Tahar Ben Jelloun l√§√üt durch diese Formulierung offen, ob das so gewesen ist, oder ob das Konterfei des Ruhollah Khomeini da aus anderen Gr√ľnden h√§ngt. Aus religi√∂sen, gar revolution√§ren? Im Gegensatz zum starken Eindruck, den die Revolution im Iran auf ihn macht, interessiert er sich nicht f√ľr den Konflikt zwischen Algerien und Marokko der West-Sahara wegen. Zwei einfache Gr√ľnde hat das: Erstens ist Israel nicht involviert in den Konflikt, auch bei b√∂sestem Willen nicht, und zweitens will Jean Genet, der auf Seiten Algeriens und der Polisario steht, nicht seine Aufenthaltsgenehmigung und guten Beziehungen in Marokko gef√§hrden. Darum schreibt er auch nichts zur Verteidigung der politischen Gefangenen in Marokko, im Gegenteil, √ľber Abraham Serfaty sch√ľttet er noch Mistk√ľbel aus. (S. 112)

Israelis aber kann er getrost lächerlich machen, in dem er die israelischen Soldaten als Transvestiten schildert mit verweichlichten Körpern. (S. 119)

Wenn man dar√ľber √Čric Marty konsultiert, so berichtet der: Es handelt sich um dieses Elitekommando, dessen Mitglieder sich als Frauen verkleidet hatten mit dem Auftrag der Exekution von drei wichtigen Verantwortlichen der Fatah. In der Anmerkung 100 schreibt er: Die Anekdote entspricht der Wahrheit. Ehud Barak leitete das Kommando. Er erz√§hlt √ľber die Mission im Film Tsahal, von Claude Lanzmann. (15)

Es k√∂nnte sich um die Operation im Libanon, vom 10. auf den 11. April 1973, gehandelt haben. Ins Fl√ľchtlingslager Sabra dringt ein israelisches Kommando ein und greift das Hauptquartier der PLO an, von Dominique Baudis in La mort en Keffieh. Der Tod in der Keffieh, als une organisation palestinienne umschrieben, obgleich man sicher sein kann, da√ü er wei√ü, um welche Organisation es sich handelt. Liquidiert werden Kamal Nasser, offizieller Sprecher der PLO, Abou Youssef an Najjar, der Innenminister der pal√§stinensischen Zentrale, und Kamal Adouane, der Verantwortliche f√ľr die Ausbildung der Jugend. (16)

Diese effeminierten Truppen schie√üen auf alles, sie zielen auf Pal√§stinenser in Deir Yassin, in Kafr Kassem und geben vor, da√ü die Gefahr von den Pal√§stinensern komme, bevor diese der Welt √ľber die Ungerechtigkeit berichten, deren Opfer sie werden. (S. 155)

In Sabra und Shatila lassen sie die christlichen Phalangisten gewähren. Menachem Begin kommentiert das in der Knesset angeblich so: "À Chatila, à Sabra, des non-Juifs ont massacré des non-Juifs, en quoi cela nous concerne-t-il ?" "In Shatila, in Sabra haben Nicht-Juden Nicht-Juden massakriert, was geht uns das an?" So kolportiert Tahar Ben Jelloun den Ausspruch in seinem Buch. (S. 123)

Bereits 1991 hat Albert Dichy das von Jean Genet verf√§lschte Zitat richtiggestellt: "Des non-juifs ont tu√© des non-juifs et voil√† qu´on nous accuse ..." "Nicht-Juden haben Nicht-Juden massakriert, und seht, uns beschuldigt man dessen ..." (17)

Jean Genet bedient sich wie alle rechten und linken Judenhasser und Israelfeinde Juden und alles dessen, was diese tun und/oder unterlassen, als Projektionsfl√§che, wobei durchaus, quasi als Kollateralnutzen, Lebensweisheiten herauskommen k√∂nnen. Jean Genet selbst ist effeminiert, unm√§nnlich. Entsprechend phantasiert er sich die Pal√§stinenser muskul√∂s und m√§nnlich zurecht: "Diejenigen, die ich unterst√ľtze, sind sch√∂n, nicht weil sie absolut sch√∂n sind, sondern weil ich sie unterst√ľtze, sind sie zwangsl√§ufig sch√∂n."

An anderer Stelle sagt er √ľber die Pal√§stinenser: "Sie haben das Recht auf ihrer Seite, schlie√ülich liebe ich sie ... aber w√ľrde ich sie lieben, wenn die Ungerechtigkeit aus ihnen nicht ein Wandervolk (peuple vagabonde) gemacht h√§tte?" (18)

Vom Juif errant zum Peuple vagabond, ein Metamorphose. Sie bezeichnet in etwa das, was Tariq Ramadan den muslimischen Juden nennt. (19)

Auch die Deutschen h√§lt er f√ľr effeminiert; er sagt zu Tahar Ben Jelloun: "Das weiblichste Volk, das ist das deutsche Volk! Sie sind brutale Kerle, aber sie unterwerfen sich schnell, schau, wie sie Hitler gehorcht haben, je gr√∂√üer, st√§rker, muskul√∂ser sie sind, desto mehr lieben sie es, als sich als Frauen hinzustellen.
(S. 64)

Es empfiehlt sich, dar√ľber nachzudenken.

Jean Genet urteilt nicht √ľber Ereignisse, die er nicht kennt, beispielsweise antwortet er auf die Frage nach dem Gulag: "Ich kann nicht von etwas reden, da√ü ich nicht kenne. Jedenfalls hat die Sowjetunion die Verwirklichung einer Gesellschaft eines von der westlichen Gesellschaft v√∂llig unterschiedlichen Typs unternommen."

Sowohl er als auch Tahar Ben Jelloun haben nie einen Fu√ü nach Israel oder in die besetzten Gebiete gesetzt. Jean Genet ist in Jordanien und im Libanon gewesen. Dennoch wissen sie √ľber alles bestens Bescheid, aus vier Stunden in Shatila, aus den Berichten ihrer Freunde, der Pal√§stinenserfunktion√§re, und aus den Vorstellungen, die sie sich auf Grund ihrer eigenen psychischen Konstitution √ľber Israel, das Jordanland und Gaza machen.

Wen wundert es, daß der Kulturminister Frankreichs Frédéric Mitterrand einen solchen Schriftsteller im Rahmen nationaler Feierlichkeiten mit Kolloquien und mannigfaltigen Veranstaltungen ehren will! (20)

Wen wundert es, da√ü der Pr√§sident des CML Andr√© Bonet sich anschickt, zus√§tzlich zum Israelkritiker Amos Oz einen Judenhasser gleich mit zwei Veranstaltungen im Rahmen des Prix M√©diterran√©e 2010 zu ehren. Schon mit der W√ľrdigung des
Robert Brasillach hat er den "unpolitischen" Schriftsteller vom Agitator und Propagandisten getrennt, obgleich es sich um eine einzige Person handelt, deren Ideologie sich auf unterschiedliche Art manifestiert, wie Fabrice Thomas im Offenen Brief an ein Mitglied der j√ľdischen Gemeinde schreibt. (21)

Das CML feiert ebenfalls den 100. Geburtstag des Jean Genet. In Jean Genet, menteur sublime (Gallimard), liefert Tahar Ben Jelloun den Bericht √ľber zw√∂lf Jahre von Treffen mit Jean Genet. Die Brillianz ihrer Gespr√§che und die zahlreichen Anekdoten, die diese Erinnerungen bergen, werfen ein neues Licht auf diesen verschlossenen und oft mi√üverstandenen Schriftsteller, begeistert sich der Midi Libre bereits Wochen vor dem f√ľr den 19. November 2010 vorgesehenen Auftritt. (22)

Andr√© Bonet hat mit Jean Genet den gleichen Erfolg wie mit Robert Brasillach. Eine gesch√∂nte Version dieses vom Ha√ü auf die Juden und Israel getriebenen Schriftstellers f√ľhrt zur Rechtfertigung und zum Hoff√§higmachen des Antisemitismus durch die Hintert√ľr. Das CML h√§lt es nicht so wie das Peter Szondi-Institut der FU Berlin, das alle Facetten des Schriftstellers behandelt. An drei Tagen gibt es dort neben Podiumsgespr√§chen und Filmvorf√ľhrungen (Genets "Un chant d´amour", Fassbinders "Querelle") Vortr√§ge zu folgenden Themen: Faszinierender Faschismus, Alterit√§t in der Diktatur, 1968, linker Terrorismus, Dissidenz in der Schwulenbewegung, Pal√§stina und Israel-Kritik, Theaterskandale, Zensur in der BRD, Genet in der DDR, Jean Genet und die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. (23)

Das CML jedoch sieht zur Vervollst√§ndigung des Auftrittes von Amos Oz einen Beitrag vor, von dem das Image Israels sich nicht so schnell wieder erholen soll. Tahar Ben Jelloun und der geballte Juden- und Israelha√ü des Jean Genet werden aufgefahren. F√ľr den 19. November 2010 geplant, f√§llt der Vortrag aus. Gr√ľnde werden nicht bekanntgegeben. (24)

26. November 2010

Bisher erschienen:

Perpignan. Das Centre Méditerranéen de Littérature (CML)
Roussillon, 18. Oktober 2010
http://www.eussner.net/roussillon_2010-10-18_17-04-30.html

Die Mittelmeerunion, ihr Kulturprojekt und das CML. Teil II.
20. Oktober 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-10-20_14-54-44.html

Der Kulturrat der Mittelmeerunion und das CML. Teil III. 24. Oktober 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-10-24_13-39-05.html

CML. Im Griff der französischen Arabienpolitik. Teil IV. 27. Oktober 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-10-27_16-08-15.html

CML. Die Arabienpolitik Frankreichs. Das Kuriositätenkabinett. Teil V.
10. November 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-10_15-23-47.html

CML. Israelfeindchaft auf hohem Niveau. Heute mit Amos Oz. Teil VI.
13. November 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-13_18-40-31.html

CML. Amos Oz in Perpignan: Woanders, zu einer anderen Zeit. Teil VII.
16. November 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-16_15-17-29.html

CML. Albert Camus, kein Thema im Literaturprogramm 2010. Teil VIII.
21. November 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-21_09-15-42.html

CML. Die Geburtstagsfeier f√ľr Jean Genet f√§llt aus. Teil IX
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-23_15-50-45.html

Quellen

(1) Centenaire Jean Genet (1910-2010). Chronologie par Albert Dichy,
dans Jean Genet, L´Ennemi d√©clar√©. Textes et entretiens choisis, 1970-1983,
Folio, 2010
http://www.gallimard.fr/catalog/html/actu/index/index_genet. html

(2) Jean Genet avec les Palestiniens. Par Tahar Ben Jelloun,
Le Monde diplomatique, juillet 1974
http://www.monde-diplomatique.fr/1974/07/BEN_JELLOUN/13408

(3) Gene A. Plunka: The rites of passage of Jean Genet: the art and aesthetics
of risk taking, Fairleigh Dickinson Univ Press 1992, p. 270
http://tinyurl.com/29g4ydm

(4) Nr. 1 Report. A Short History of Zengakuren, Japanese Student Movement,
March 4, 2010
http://tinyurl.com/34aqsn5

(5) What happened at the Sabra and Shatila refugee camps in 1982?
Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_1967to1991_sabra_shatila.ph p

(6) Grooving in Chi. By Terry Southern, PBS Retrospective, November 1968
http://www.pbs.org/newshour/convention96/retro/southern.html

(7) "Jean Genet in the USA", conference at NYU Maison Française, Nov. 11 - 13.
New York University, October 27, 2010
http://tinyurl.com/24rrycq

(8) Laisser-passer. Passierschein, namentlich zu Kriegszeiten.
Meyers Großes Konversationslexikon
http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Laisser-passer

(9) An Eye For An Eye. CBS News, November 21, 2001
http://www.cbsnews.com/stories/2001/11/20/60II/main318655.sh tml

Why did Jordan expel the PLO in 1970? Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_1967to1991_jordan_expel_plo .php

(10) The Palestinians of Al Wahdat. By Tuvia Tenenbaum,
The American Spectator, July 24, 2009
http://spectator.org/archives/2009/07/24/the-palestinians-of -al-wahdat

(11) Jean Genet, menteur sublime. Tahar Ben Jelloun, Gallimard 2010
(Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf dieses Buch)
http://tinyurl.com/2g8u27k

(12) Prisoner of Hate: Jean Genet in Palestine. By Martin Kramer, Sandbox
http://tinyurl.com/28kan6u

Edmund White. Genet: A Biography (1993)
http://www.edmundwhite.com/html/genet.htm

(13) √Čric Marty : Jean Genet √† Chatila. In: Les Temps Modernes N¬į 622,
Décembre 2002 - Janvier 2003, p. 27
http://tinyurl.com/25moc39

(14) √Čric Marty, op. cit., p. 2

(15) √Čric Marty, op. cit., p. 42

(16) Dominique Baudis : La mort en Keffieh, √Čditions France-Empire 1980, p. 52
http://tinyurl.com/2drq99d

(17) √Čric Marty, op. cit., p. 60

(18) Jean Genet : Un captif amoureux, S. 254 in: √Čric Marty, op. cit., p 18

(19) le Juif errant = der Ewige Jude. PONS. Das Sprachenportal
http://de.pons.eu/dict/search/results/?q=juif+errant&in=&kbd =fr&l=defr

peuple vagabond = Wandervolk. PONS. Das Sprachenportal
http://de.pons.eu/dict/search/results/?q=vagabonde&in=&l=def r

Der Salafist Tariq Ramadan: "verunglimpft wie ein muslimischer Jude".
15. November 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-11-15_23-54-57.html

(20) Commémorations à foison pour le centenaire de Jean Genet.
Le Magazine Littéraire, 18 novembre 2010
http://tinyurl.com/2a2fwr9

(21) Brasillach (34) Lettre ouverte à une personnalité de la communauté juive.
Par Fabrice Thomas, Perpignan-Toutvabien, 1 mai 2003
http://tinyurl.com/233r5wr

(22) La rentrée du CML. Midi Libre, 28 septembre 2010
(nicht mehr online)
http://tinyurl.com/259sate

(23) Jean Genet und Deutschland - Symposium zum 100. Geburtstag.
Peter Szondi-Institut der FU Berlin, 10. - 12. Dezember 2010
http://tinyurl.com/2v7so6v

(24) Tahar Ben Jelloun. Célébration du centenaire de la naissance de Jean Genet,
avec Tahar Ben Jelloun, de l¬īAcad√©mie Goncourt auteur de Jean Genet
menteur sublime [Gallimard]. Programme Lire en Méditerranée 2010.
Lire en Méditerranée. 26e édition du Prix Méditerranée. CML, p. 26 + 27
http://www.prixmediterranee.com/images/stories/cml-brochure- 2010pdf.pdf


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-11-26_18-50-16.html
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