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Dominique Baudis. Preisverleihung an einen Märchenerzähler

Am 24. Juni 2010 erhält Dominique Baudis im Hôtel Marigny, dem Sitz des Conseil Culturel de l´Union pour la Méditerranée (UPM), des Kulturrates der Union für das Mittelmeer, aus der Hand des Kulturratspräsidenten Renaud Muselier den Prix Méditerranée 2010 des Perpignaner Centre Méditerranéen de Littérature (CML), für sein neuestes Buch Les amants de Gibraltar. Die Liebenden von Gibraltar. (1)

Das im Verlag Grasset erschienene Buch wird vom CML vorgestellt. (2)

Es erzähle eine strategische Intrige um den zentralen Umbruch der Zivilisationen im Mittelmeerraum. Spionage und Theologie, Zusammenstoß der Reiche, Mischung der Kulturen und stürmische Lieben im Zentrum eines entscheidenden Mittelalters. Man kann davon ausgehen, das hier der überragende Einfluß des Islam auf die finstere okzidentale Unwissenheit in bewegenden Worten geschildert wird.

Es kommen vor das 8. Jahrhundert, Konstantinopel, Ostrom, Justinian, anstürmende und zurückgeschlagene Araberheere. Justinians Berater Angelos, ausgezeichneter Kartograph, Spion des byzantinischen Kaisers, verkleidet als Mönch, verkleidet als Venezianer, unterwegs von Damaskus nach Ceuta, von Tanger nach Keruan, besteht der Held zu Schiff und zu Kamel, zu Bett und im Heu Abenteuer und trifft stolze, von Glauben und Ruhm getriebene Männer, zu allem bereit, um die Geschichte zu prägen, aber auch Frauen ... (3)

Er verhandelt mit einfluĂźreichen Herrschern der Region, verbĂĽndet sich mit diesem oder jenem Machthaber, mit Graf Julian, dem byzantinischen (?) Gouverneur von Ceuta, mit Musa Ibn Nusair, dem Omajjadenemir von Keruan oder mit dessen Vasall, dem Berber Tarak, der seinen Namen der Meerenge verleihen wird, Jebel Tarak. (4)

So werden die Ereignisse des 8. Jahrhunderts, so werden Verrat sowie die Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Muslime unter der Führung des Tariq Ben Zyad und die folgende 780 Jahre währende Herrschaft des Islam einmal mehr verniedlicht: Tarak, qui donnera son nom au détroit de Gibraltar : Jebel Tarak. Ich habe den Preisträger im Artikel CML. Im Griff der französischen Arabienpolitik vorgestellt. (5)

Der Protagonist Angelos, Ritter ohne Furcht und Tadel, ist unterwegs in der Operette maghrebino-orientale mit dem Säbel seiner Angebeteten, die ihn, wie schon Jacques Offenbach weiß, vom Vater geerbt und ihn feierlich an den Helden abgetreten hat: Le saaabre ! le sabre de mon père ! (6)

Die Masken des Orients, der Prunk des byzantinischen Reiches seien die Ingredienzien des Buches, wirbt der Verlag Grasset. Byzantinisten wird´s schaudern, ihren Forschungsgegenstand in die tausendunderste Umnachtung versinken zu sehen, sowohl was Justinian II als auch Julian, Graf von Ceuta, angeht. (7)

Mit seinem Eintritt in die Politik verabschiedet sich Dominique Baudis von den Tatsachen, er begibt sich in Legenden. Der 63-jährige Autor, von 1983 bis 2001 Abgeordneter der Nationalversammlung und Bürgermeister von Toulouse, ist seit Februar 2007 Präsident des Institut du monde arabe, des Instituts der arabischen Welt, mit Sitz in Paris, an der Place Mohammed V. Eine konsequente Karriere, sein neuestes Buch entspricht seiner Position. (8)

Die Preisverleihungen 2010 des CLM an Dominique Baudis und Amoz Os sind komplementär und treffend für den Stand der politique arabisante der Regierung Frankreichs. Beide gepriesene Autoren vernebeln die Tatsachen, ein jeder auf seine Weise. Während sich bei Dominique Baudis phantastische Abenteuer zwischen Christen und Muslimen abspielen, die angebliche Mischung der Kulturen, verkörpert in der Lichtgestalt Angelos, in Diensten des byzantinischen Kaisers Justinian II, verkünden bei Amos Oz ein Haufen dem Wahn verfallener jüdischer Dörfler den nahen Untergang Israels. Der Jude ist sein eigener Totengräber. (9)

Beide Sichtweisen sind typisch für die heutige Wahrnehmung des Nahostkonfliktes und des Islam, sie verkörpern den Zeitgeist und sind schon deshalb preiswürdig; hinzu kommt, daß beide Autoren sich einer ausgereiften Sprache bedienen: Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, In dem die Zeiten sich bespiegeln. (10)

Das 1978 erschienene Buch La passion des Chrétiens du Liban. Das Leid der Christen im Libanon, und La mort en Keffieh. Der Tod in der Keffije, 1980, sind die beiden einzigen Zeugnisse einer ernstzunehmenden Berichterstattung und Auseinandersetzung des Autors mit der Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas. (11)

Beide BĂĽcher entspechen ebenfalls dem Zeitgeist, dem der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Staatspräsident ist, seit 1974, der aus einer Familie der Finanzwelt und der höheren Verwaltung stammende ValĂ©ry Giscard d´Estaing, GrĂĽnder der FĂ©dĂ©ration nationale des RĂ©publicains (R.I.), einer liberalen Bewegung der politischen Mitte. In seine Amtszeit fällt die GrĂĽndung des Konzerns Elf-Aquitaine, 1976, im selben Jahr die Ablösung des Premierministers Jacques Chirac durch den liberalen Raymond Barre, jener wandelt daraufhin die gaullistische Union des dĂ©mocrates pour la RĂ©publique (U.D.R.) um in eine auf ihn zugeschnittene Bewegung, den Rassemblement pour la RĂ©publique (R.P.R.), die Sammlung fĂĽr die Republik, worauf sich die Anhänger von ValĂ©ry Giscard d´Estaing zur Union pour la dĂ©mocratie française (U.D.F.) zusammenschlieĂźen. Zu den "Giscardiens" gehört Pierre Baudis, der Vater des Dominique Baudis, Abgeordneter der Nationalversammlung und BĂĽrgermeister von Toulouse.

Der Autor ist zu der Zeit, von 1976 bis 1977, Korrespondent des staatlichen Fernsehsenders TF1, er interviewt unter anderem Anwar El Sadat, Bashir Gemayel, Yasser Arafat und Hafez Al Assad, und von 1978 bis 1980 wirkt er als Moderator der Nachrichtensendungen der TF1.

Welche Rolle für die Nahostpolitik der französischen Regierung der Korrespondent Dominique Baudis spielt, wird deutlich in dem Buch La mort en Keffieh. Der Tod in der Keffieh, erschienen 1980 in den Éditions France-Empire. Er schildert darin aus Anlaß der Geiselnahme durch einen Terroristen der PLO in der Botschaft des Irak, am
31. Juli 1978, und der Vergeltung des Irak durch die Ermordung Azzedin Kalaks, des PLO-Vertreters in Paris, drei Tage später, am 2. August 1978, durch die Abu Nidal-Gruppe, die Lage der palästinensischen Araber. Besonders interessant ist, was er glättet, verdreht und ausläßt in seinem sehr ausführlichen Bericht über Abu Nidal, den Irak, Yasser Arafat, Said Hammami, Mahmoud Hamshari, Sabra und Shatila, 10./11. April 1973, und vieles mehr. Das Buch ist spannend und berichtet unverstellt von allem, was in den letzten dreißig Jahren geschieht und im nachhinein die Wahrnehmung trüben könnte. (12)

Dominique Baudis ist der Georges Malbrunot seiner Zeit.

Affaire Ă  suivre ...

20. Dezember 2010

Quellen

(1) Les mille et une notes de frais de Dominique Baudis.
Par Nicolas Beau, Bakchich, 1 avril 2009
http://www.bakchich.info/Les-milles-et-une-nuits-de,07248.ht ml

Dominique Baudis in meinem Archiv
http://tinyurl.com/23bkqtx

(2) Prix Méditerranée 2010: Dominique Baudis à Perpignan. Rentrée du CML:
Le Festival Lire en Méditerranée. CML. Lire en Méditerranée
http://tinyurl.com/2fjvvtq

(3) Dominique Baudis : Les amants de Gibraltar, Grasset, Mai 2010
http://tinyurl.com/35j9zju

(4) La traición de don Julián. Publicado por Cheno, Leyendas y tradiciones,
8 de noviembre de 2009
http://leyendasytradiciones.blogspot.com/2009/11/la-traicion -de-don-julian.html

(5) CML. Im Griff der französischen Arabienpolitik. Teil IV. 27. Oktober 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-10-27_16-08-15.html

(6) Le sabre de mon père. Vidéo. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=67MorQBFaIk

(7) Justinian II. The Badass of the Week
http://www.badassoftheweek.com/justinian.html

Julian Ceuta Florinda. Google.de 39 200 Ergebnisse
http://tinyurl.com/29356gu

(8) CV du Président. Institut du monde arabe
http://www.imarabe.org/page-sous-section/cv-president-ima

(9) Amos Oz. Discours d´Amos Oz, prix Méditerranée étranger 2010:
Prix Méditerranée 2010: Dominique Baudis à Perpignan. 6 octobre 2010
http://tinyurl.com/2acydns

CML. Amos Oz in Perpignan: Woanders, zu einer anderen Zeit. Teil VII.
16. November 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-16_15-17-29.html

(10) Johann Wolfgang von Goethe: Faust I, Verse 577 - 579

(11) Dominique Baudis : La passion des Chrétiens du Liban,
Ă©ditions france-empire 1978
http://tinyurl.com/2cqve6c

(12) Dominique Baudis : La mort en Keffieh, Éditions France-Empire 1980
http://tinyurl.com/2drq99d


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-12-20_14-39-57.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 30.03.2017, 06:43 Uhr