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Dominique Baudis : Der Tod kommt im Pali-Tuch. Eine spÀte Rezension

Dominique Baudis schildert in seinem Buch La mort en Keffieh auf 200 Seiten AktualitĂ€t und HintergrĂŒnde der versuchten Liquidierung des Botschafters Mundir al Wandawi und der Geiselnahme durch die Feddayin Eid Walid und Abu Kaled in der Botschaft des Irak, am 31. Juli 1978: Dank Eid Walid und Abu Kaled hofft Abu Hassan die Hauptorganisatoren der gegen die PLO gerichteten Operationen zu liquidieren, sowie den vom Irak gelenkten Vergeltungsschlag der Gruppe des Abu Nidal, drei Tage spĂ€ter, am 2. August 1978, gegen Azzedin Kalak, den PLO-Vertreter in Paris. (S. 30) (1)

Wieso die beiden Terroristen der Fatah Eid Walid und Abu Kaled fĂŒr eben den Zeitpunkt mit der Liquidierung des Botschafters beauftragt werden, da dieser im ElysĂ©e zu seinem Abschiedsbesuch erwartet wird, der Mann, der neben anderen Botschaftsangehörigen das Hauptziel ist, teilt Dominique Baudis nicht mit. Geht man davon aus, daß der Termin nicht ad hoc, sondern lĂ€nger voraus festgesetzt ist, schickt die Fatah die beiden Terroristen umsonst los.

Wieso Abu Kaled, der Komplize des Eid Walid, nach Betreten der Botschaft nur einmal in die Luft ballert und dann dem anderen die Last der Operation allein ĂŒberlĂ€ĂŸt und von ihn verfolgenden französischen Wachtmeistern nicht dingfest gemacht werden kann, erfĂ€hrt der Leser nicht. Das sollte in zweijĂ€hriger Untersuchung nicht möglich sein herauszufinden, ob Abu Kaled auf der Payroll der Iraker oder sonst einer Macht gelistet ist?

Es bleibt sogar noch nach dreißig Jahren im Dunkel, da schreibt Robert Broussard, ein Kommsissar, der am 31. Juli 1978 im Einsatz ist: Kurz vor meinem Eintreffen, am frĂŒhen nachmittag, ist eine schwerverletzte Geisel freigelassen worden. Nach seiner Aussage ist der Terrorist allein, sein Komplize hat sich kurz vor Eintreffen der Polizei aus dem Staub gemacht. (2)

Der Kommissar ist weder am 31. Juli 1978 noch 30 Jahre danach jemals ĂŒber den genauen Verlauf der Geiselnahme informiert worden? Dominique Baudis schreibt ausdrĂŒcklich, der Terrorist sei unmittelbar nach Eintreffen in der Botschaft geflohen, was plausibel ist. (Seite 28)

Welche Behörde Frankreichs die zweijĂ€hrige Untersuchung finanziert, teilt der Autor nicht mit. Gewidmet ist sie seiner heute 39-jĂ€hrigen Tochter aus erster Ehe Florence Barot, geborene Baudis, die in Toulouse in den Fußtapfen ihres Vaters in der Regierungspartei UMP als Kommunalpolitikerin Karriere macht. Großvater Pierre und Vater Dominique Baudis sind in Toulouse dreißig Jahre BĂŒrgermeister. Mein Exemplar ist vom Autor signiert À Jacques Pessis. TrĂšs amicalement. Dominique Baudis. Der so beehrte hat mehr mit französischer Musikwelt zu tun, der glĂŒckliche Mann, und so landet das Buch im Antiquariat. Danke, Jacques Pessis! (3)

Es geht in erster Linie um den erbitterten Machtkampf der arabischen Herrscher untereinander und der auf den jeweiligen Seiten verbĂŒndeten palĂ€stinensischen Araber, den FlĂŒchtlingen und ihrer Kinder, ebenfalls "FlĂŒchtlingen", seit Ende des Zweiten Weltkriegs und verschĂ€rft ab dem 29. November 1947 mißbraucht als lebendes Kriegsmaterial, als Bauern und LĂ€ufer, als Schutzschilde und Barrikaden fĂŒr die Zwecke der Machtsicherung und -erweiterung der sunnitischen Herrscher arabischer Zunge. Es geht um unterschiedliche Strategien und Taktiken, durch die Vernichtung Israels ein Machtvakuum zu schaffen und darin die eigene Macht weiter auszubauen; denn diese Vernichtung wĂ€re nur eine Etappe des Kampfes um die Vorherrschaft in der Region. Ägypten und Jordanien bedienen sich dazu der palĂ€stinensischen Terroristen der PLO, die Iraker dagegen halten nichts von der PLO und ihrem Phased Plan, sondern fĂŒr sie gilt, daß die Ablehnungsfront Siegeswillen zeigen und einen erneuten Krieg vorbereiten muß, der Kampf könne nur mit geordneten Truppen gewonnen werden.

Wie der Autor dem Eid Walid in den Mund legen kann, die Fatah wĂ€re die von arabischen Regimes unabhĂ€ngigste Organisation der PLO bleibt sein Geheimnis. In diesem Machtkampf positionieren sich die sozialistischen Staaten und die WestmĂ€chte. Die USA sind VerbĂŒndete Ägyptens und Jordaniens, Frankreich und die sozialistischen Staaten benutzen alles, dessen sie habhaft werden können, Regierungen der arabischen Staaten und diverse palĂ€stinensische Terrorgruppen. Zum Dank dĂŒrfen deren FĂŒhrer unbehelligt nach Frankreich einreisen und sich medizinisch behandeln lassen. Yasser Arafat reist sogar zum Sterben nach Frankreich.

Botschafter Mundir Al Wandawi, dem das mißratene Attentat in der Botschaft gilt, gerade auf dem Absprung auf seinen neuen Posten nach Genf, freut sich: Er muß ValĂ©ry Giscard d´Estaing einen Besuch abstatten, bevor er seinen Posten verlĂ€ĂŸt. Die Beziehungen zwischen den beiden LĂ€ndern haben sich bemerkenswert entwickelt. Offizielle Besuche, HandelsvertrĂ€ge, Abmachungen ĂŒber Erdöllieferungen. Der Irak ist einer der Hauptpartner Frankreichs geworden.
(Seite 15)

Der Autor plaudert ĂŒber die GrĂŒndung der Fatah, 1959, ĂŒber die Einladung der Arabischen Liga 1963 an Ahmed Shukeiri, unter dem Deckmantel der Interessensvertretung der PalĂ€stinenser sich derjenigen der arabischen Staaten anzunehmen, wie er seine Macht von Kairo und Amman bezieht, herumschwĂ€tzt ĂŒber die "Befreiung PalĂ€stinas", womit ausschließlich Israel gemeint ist, und den palĂ€stinensischen Arabern Sand in die Augen streut. (Seiten 66ff., 88) (4)

Er schildert, wie´s Yasser Arafat alias Abu Ammar und seine sieben Zwerge, die Abus Ayad, Jihad, Hassan, Kaled, Mansur, Musa, Nidal, abnervt, daß die PLO des Ahmed Shukeiri nichts bewirkt, wie in der Silvesternacht 1964/65 das erste Attentat der Fatah in Israel verĂŒbt wird, zweieinhalb Jahre vor dem Sechstagekrieg, der angeblich den Widerstand der palĂ€stinensischen Araber gegen die Besatzung auslöst. Er zitiert Ikonen wie Leila Khaled und Raymonda Hawa-Tawil, Mutter der spĂ€teren Gattin des Yasser Arafat, Suha, gelesen hat er einige BĂŒcher, Dokumentationen und Zeitzeugnisse, Mon pays, ma prison. Mein Land, mein GefĂ€ngnis, der Christin Raymonda Hawa-Tawil, die den Widerstandskampf der PalĂ€stinenser in Karameh, 21. MĂ€rz 1968, verherrlicht, Le Moyen-Orient au XXe SiĂšcle. Der Nahe Osten im 20. Jahrhundert, von Jean-Pierre Derriennic, Mon peuple vivra. Mein Volk wird leben, von Leila Khaled, Les Palestiniens, un peuple. Die PalĂ€stinenser, ein Volk, von Xavier Baron, Abu Ayads Palestiniens sans patrie. PalĂ€stinenser ohne Heimatland, um nur einige zu nennen, die der Verlag nicht in einem Literaturverzeichnis zusammenfassen kann, vielleicht, weil man dann darauf kĂ€me, gleich diese Werke zu lesen anstatt den Aufguß des Dominique Baudis.

Das aber muß möglichst verhindert werden; denn transportiert werden soll die Position Frankreichs in dieser Gemengelage. Die ist auf Seiten der Araber. Zahlreiche Beispiele liefert Dominique Baudis und zeigt sein EinverstĂ€ndnis. Die GrĂŒndungstage Israels stellt er so dar: Einige Monate spĂ€ter [nach der UN-Resolution 181, vom 29. November 1947, die er nicht erwĂ€hnt], im FrĂŒhjahr 1948, brach der Krieg aus zwischen dem jungen Staat Israel und den arabischen Armeen. Er verdreht die Tatsachen, nennt Israel zuerst. Das ganze Buch durchzieht große Sympathie fĂŒr die Araber und ihre Terroristen: On prĂ©fĂ©rait vraiment ne pas avoir Ă  tirer sur les IsraĂ©liens. Dans l´attaque, on avait ouvert le feu instinctivement. Man hĂ€tte es wirklich vorgezogen, nicht auf die Israelis schießen zu mĂŒssen. Im Angriff hat man das Feuer instinktiv eröffnet. Diese Äußerung legt Dominique Baudis einem der drei Überlebenden des Terroranschlags auf die Israelis, MĂŒnchen 1972, in den Mund. (ĂŒber MĂŒnchen, Seiten 97 - 107) Der, inzwischen Ausbilder im Terroristenlager, Ă€ußere das gegenĂŒber dem Feddayin Eid Walid, dem spĂ€teren Geiselnehmer von Paris. Da man davon ausgehen kann, daß Dominique Baudis nicht bei der Unterhaltung des Terroristen mit Eid Walid zugegen war, phantasiert er das frei, zugunsten der AttentĂ€ter. (Seite 103)

Im Buch La mort en Keffieh wird deutlich, warum Dominique Baudis seine heutige Position hat, und warum er den Prix MĂ©diterranĂ©e 2010 zugesprochen bekommt. Er ist immer His Masters Voice, La voix de son maĂźtre. Allah ist bei ihm gleich Gott, ein ganzes Kapitel ist ĂŒberschrieben: "ZĂ€hlen Sie nicht auf Gott", obgleich das der Ausspruch Abu Mansurs ist, des AgentenfĂŒhrers der beiden AttentĂ€ter Husni Hatem und Assad Kayed der Abu Nidal-Gruppe. (Seiten 60, 63, 68, 161)

Das Buch durchzieht die Klage ĂŒber die verlorene WĂŒrde der Araber, ĂŒber ihre DemĂŒtigung, ihre Verstrickung in Dramen. (Seiten 11f., 22, 24, 31, 43, 69, 73, 81f., 86ff., 100, 125, 127, 133, 137, 140, 155) Die armen palĂ€stinensischen Araber können zu nichts, sie sind immer Opfer. Es klagen die Araber selbst und ihr mitfĂŒhlender französischer Freund Dominique Baudis. Der hat fĂŒr die Juden und Israels kein gutes Wort, nicht einmal ein objektives. So schreibt er im kurzen politischen Überblick, (Seiten 19 - 25) ĂŒber die UN-Resolution 181: Le dĂ©coupage de l´ONU prĂ©voyait en effet la coexistence d´un Etat juif et d´un Etat palestinien. Mais le niveau de tension entre les deux communautĂ©s Ă©tait tel que chacune allait tenter d´anĂ©antir politiquement l´autre en l´empĂȘchant d´affirmer son existence par la crĂ©ation d´un Etat. Der Teilungsplan der UNO sah nĂ€mlich die Koexistenz eines jĂŒdischen und eines palĂ€stinensischen Staates vor. Aber der Grad der Spannung zwischen den beiden Gemeinschaften war derartig, daß jede von ihnen versuchte, die andere politisch zu vernichten, in dem sie sie hinderte, ihre Existenz durch die GrĂŒndung eines Staates zu behaupten. (Seite 21)

In solcher Schilderung erkennt man die Geschichte nicht wieder. Nicht politisch, sondern mit Terror versuchen die Araber, die GrĂŒndung Israels zu verhindern, sie selbst wollen keinen Staat neben Israel, sie wollen bis heute keinen Staat, sondern ihr Ziel ist unverĂ€ndert die Vernichtung Israels. (5)

Die GrĂŒnde liegen im Islam und in den divergierenden MachtansprĂŒchen der arabischen Staaten. Es ist unwahrscheinlich, daß der Kenner der Region Dominique Baudis das nicht weiß.

Allen Musikfreunden schenke ich zum Ende des leidigen Themas Union pour la MĂ©diterranĂ©e, Conseil Culturel de lÂŽUnion pour la MĂ©diterranĂ©e, Centre MĂ©diterranĂ©en de LittĂ©rature, Prix MĂ©diterranĂ©e, Ausschnitte aus dem wunderbaren Gesang der Ă€gyptischen Ikone Oum Kalthoum: Enta El-Hobb. Du bist die Liebe, gehört in den 60er Jahren in Teheran, im Radio zur Mitternacht als Sendeschluß. Leider ist die Übertragung bei YouTube nicht so gut gelungen. (6)

21. Dezember 2010

Teil I

Dominique Baudis. Preisverleihung an einen MÀrchenerzÀhler.
20. Dezember 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-12-20_14-39-57.html

Siehe auch:

CML. Jean Genet unterwegs als KĂ€mpfer gegen Israel. Teil X
26. November 2010 - Teil I - IX sind dort verlinkt)
http://www.eussner.net/artikel_2010-11-26_18-50-16.html

Quellen

(1) Dominique Baudis : La mort en Keffieh, Éditions France-Empire 1980
http://tinyurl.com/2drq99d

(2) Le jour oĂč nous avons arrĂȘtĂ© le preneur d´otages de l´ambassade d´Irak.
Par Robert Broussard, civis memoria, 9 avril 2008
http://www.civismemoria.fr/contribution/?module=contrib&cont rib=584

(3) BREL - La biographie Musicale de Bruxelles aux Marquises, de 1929 Ă  1978.
Ecrite et racontée par Jacques Pessis, interprétée par Nathalie Lhermitte,
accompagnée par Aurélien Noël, du 20 novembre 2009 au 3 janvier 2010
au thĂ©Ăątre Dejazet Ă  Paris, MoBBee.fr "RĂ©seau social d´Informations"
http://tinyurl.com/35sb8lf

(4) What led to the founding of the Palestine Liberation Organization (PLO)
in 1964? Palestine Facts
http://www.palestinefacts.org/pf_1948to1967_plo_backgd.php

(5) Die Antwort der Delegation der arabischen Staaten auf die
UN-Resolution 181 zur Teilung RestpalÀstinas, vom 29. November 1947

(6) Oum Kalthoum: Enta El-Hobb (You Are Love, Tu es l´amour) 1.
Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=txSZfxkodYg


Quelle: http://www.eussner.net/artikel_2010-12-21_16-33-31.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 22.02.2017, 08:39 Uhr