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Le Roussillon insolite (Anklicken zum Vergrößern)
Foto: Monsieur Boris
Le Roussillon insolite

Ranzig, dröge, süßlich - das bemerkenswerte Roussillon

Rancios secs et doux sind seltene und kostbare Weine des Roussillon. Die Bezeichnung rancio ist ein spanischer und katalanischer Begriff, der gleichzeitig ranzig und alt bedeutet, hier im Sinne von alt und stark; katalanisch heiĂźt ranci ein wenig ranzig. Rancios sind trockene oder sĂĽĂźe WeiĂź- und Rotweine des Roussillon, die man nach Art des portugiesischen Madeira hat reifen lassen, ce vin s´est madĂ©risĂ©. Die Weine nehmen durch Oxydation Farbe und Geschmack ähnlich dem Madeira an. (1)

120 Leser schaffen es am Sonntag in kürzester Zeit, meine Lobeshymnen auf die wunderbaren Rancios secs et doux der Jahre 1977 bis 1895 zu lesen, bevor ich den Artikel entnervt vom Netz nehme. Der liebe freundliche Winzer, dessen Weine ich verkostet habe, kann vor Entsetzen kaum noch atmen, als er sieht, daß er mit seinen Kostbarkeiten in derselben Liste des Archivs auftaucht wie Louis Torcatis, der Widerstandskämpfer gegen die Deutschen. (2)

Zu Hilfe, Gudrun! mailt er mich an, ich habe Deinen Artikel über Torcatis gesehen, den französischen Link habe ich nicht gefunden, aber ich bin sicher, daß ich nicht in Zusammenhang gebracht werden will mit diesem Widerstandskämpfer, der in unserem Ort war während des Krieges. Meine Familie hegt gute Erinnerungen an die Deutschen aber sehr üble an die sogenannten Widerstandskämpfer.

Nun bleiben mir die Anekdoten über die deutschen Besatzer, die Weine nie enteignet, sondern immer bezahlt haben, und weitere Geschichten der anständigen deutschen Besatzung erspart, ich muß nicht pflichtschuldigst grinsen, was ja auch nicht schlecht ist. Solche netten Deutschen im Roussillon haben mir gerade noch gefehlt. Das Rathaus des 500-Seelen-Ortes liegt an der Avenue Louis Torcatis, und da komme ich schon ins Grübeln, was die Straßenbezeichnungen in Frankreich bedeuten: rue de la paix, avenue de la révolution. Sie scheinen den Ansichten vieler Franzosen nicht (mehr?) zu entsprechen.

Louis Torcatis (1904 - 1944)

Der Offizier Louis Torcatis tritt 1936, zur Zeit der Volksfront des Sozialisten Léon Blum, in die kommunistische Partei ein. Zu der Zeit ist Frankreich umgeben von Staaten mit diktatorischen faschistischen und nationalsozialistischen Regierungen: Italien, seit 1922, Deutschland, seit 1933, Spanien, Militärputsch 1936, Oesterreich, 1933. Die konservative Rechte in Frankreich ist monarchistisch, reaktionär und auf dem Weg in den Faschismus. Sie sympathisiert mit den deutschen Nazis. Ihre Politiker und Abgeordneten grüßen mit dem Hitlergruß, eine Gepflogenheit, die bis in die Provinznester reicht. Lieber Hitler als Blum! heißt es 1938 im Senat. Das können sie haben, am 3. September 1939 ist es soweit. Am 20. März 1940 wird die Regierung Daladier gestürzt. Am 14. Juni 1940 nehmen die Deutschen Paris kampflos ein. Am 22. Juni 1940 schließen Deutschland und Frankreich einen Waffenstillstand.

Louis Torcatis und die gesamte französische Armee werden zu Kriegsgefangenen der Deutschen. Am 23. August 1940 flieht er unter Lebensgefahr durch ein in die Holzplanken gesägtes Loch aus dem Waggon, der ihn über Bar-le-Duc und Nancy nach Deutschland in die Gefangenschaft bringen soll, in irgendein Oflag. Er schlägt sich zu Fuß in seine Heimat durch und ersetzt ab 1940 in dem Winzerdörfchen der wohlschmeckenden Rancios den Lehrer, der ebenfalls in Krieg und Gefangenschaft ziehen mußte für la France. Etienne Llauro beschreibt in seinem Buch Torcatis - Bouloc den Werdegang des Lehrers, Komponisten, Chorleiters. Sein erfolgreiches pädagogisches Wirken im Dorf schildert er auf Grund zahlreicher Erinnerungen und Dokumente von Zeitgenossen, unter anderem seines Vaters Maurice Llauro, der 12 Jahre alt ist, als der Lehrer ins Dorf kommt. Louis Torcatis wird bereits zum September 1942 in ein anderes Dorf in der Nähe von Perpignan versetzt, noch vor der Besetzung der sogenannten Freien Zone durch deutsches Militär. Das rückt im November 1942 in das Dorf ein. Bis dahin hat die Vichy-Regierung die Institutionen bereits gesäubert und runderneuert.

Am 10. August 1941, mitten in den Sommerferien, tritt General Galy, ein Vertreter des Marschalls Philippe Pétain, im Dorf in einer Feier der Union Départementale des Amis de la Légion auf, der von Xavier Vallat, am 29. August 1940, gegründeten Légion Française des Combattants, des pädagogischen Instrumentes der nationalen Revolution, einer Sammelbewegung für die Partei des Marschalls zur Erneuerung der Nation. Der General weist in seiner Rede auf die Fehler der Vergangenheit, die Schwierigkeiten der Gegenwart und die Hoffnungen der Zukunft hin; massive Ausfälle gegen Juden, Kommunisten, Sozialisten, Freimaurer und die gaullistischen Verräter folgen, gegen die Vaterlandsverräter. Zu der Zeit ist Louis Torcatis einfacher Dorfschullehrer, den Widerstand beginnt er erst ab Frühjahr 1942. Seinen vollen Einsatz als Widerstandskämpfer erleben die Winzer des Rancio gar nicht, und dennoch führt es bei ihnen noch heute zu Schreckreaktionen, sich in Nachbarschaft zu diesem Louis Torcatis wiederzufinden. (3)

Louis Torcatis ist einer der 1036 Compagnons de la LibĂ©ration des von General Charles de Gaulles gegrĂĽndeten Ordens der Widerstandskämpfer gegen die deutsche Okkupation. In diesen Orden aufgenommen zu werden entspricht dem Orden der LĂ©gion d´honneur. Aber man kann schon in meiner freien Ăśbersetzung der Informationen lesen, daĂź Louis Torcatis zweimal von Franzosen verraten und von französischer Miliz gefangen und abgeknallt wird, bei Carmaux, der Stadt des Jean Jaurès. Carmaux liegt 95 Kilometer nordöstlich von Toulouse. (4)

Robert Brasillach (1909 - 1945)

Wie kann ich nur einen Augenblick vergessen, daß ich nicht im Lande des entsetzlichen Pädagogen, Komponisten und Widerstandskämpfers Louis Torcatis, sondern in dem des heute noch von den Bürgern des Roussillon verehrten, in Perpignan geborenen Robert Brasillach lebe, des mittelmäßigen Schriftstellers, ausgewiesenen Kenners und exzellenten Übersetzers griechischer Literatur sowie berüchtigten Denunzianten der Vichy- und Besatzungszeit. Robert Brasillach schreibt in den 30er Jahren an gegen diese furchtbare Ordnung dieser furchtbaren kapitalistischen Gesellschaft. Man müsse nicht das Privateigentum verantwortlich machen und es abschaffen, sondern man müsse die Herrschaft des Geldes brechen. Das ist heute das Motto der ATTAC Frankreich, und in Deutschland wird es soeben seminarreif aufbereitet von Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung. Robert Brasillach, wohin man blickt: Je suis partout! (5)

Von der Metaphysik des Bäckers ist es nicht weit zu der des Winzers: Transformationen, die uns entgehen, der Schwanz der zerstückelten Maus neben anderen vermengten Stücken und dem Auge; aber der Blick des Auges ist immer gleich. (6)

Auch die kulturellen Größen des Departments schauen starren Blickes immer gleich. Das beginnt mit Maurice Bardèche, dem homosexuellen Freund und Schwager des Robert Brasillach, Herausgeber der Zeitschrift Défense de l´Occident, Maurice Bardèche, Professor für Literatur. Er ist nach dem Zweiten Weltkrieg der "Vater des französischen Faschismus", der erste Negationist, noch vor allen, noch vor Paul Rassinier, dessen Werke er 1962 und 1964 herausgibt, und dessen Grabrede er 1967 hält. Maurice Bardèche ist bis zu seinem Tode 1998 die Leitfigur der französischen Rechtsextremisten. Die Familie Bardèche-Brasillach lebt im Department Pyrénées-Orientales, dem Roussillon insolite. Über viele Jahre werden die Cahiers des Amis de Robert Brasillach herausgegeben. Die Librairie Lyonnaise vertreibt sie in der Rubrik Littérature française (sic!). Familie, Freunde und politische Weggenossen, Alt- und Neo-Nazis haben einen Bedarf daran, darunter Jacques Isorni, der Rechtsanwalt und Verteidiger des Robert Brasillach. Seine Memoiren erscheinen mit Werken von Noam Chomsky, Ernst Niekisch und Benito Mussolini auch in dem italienischen rechtsextremen Verlag Barbarossa. (7)

Suzanne Bardèche, die Witwe des Maurice Bardèche und Schwester des Robert Brasillach, sieht im Mai 2002 die Entwicklung nach dem Kriege so: Aber inzwischen, da mit de Gaulle während dieser Zeit, die man ´Libération´, Befreiung nennt, alle die Verfolgungen gekommen sind: diejenigen, die man gestern noch Terroristen nannte (zum Beispiel Louis Torcatis, G.E.), sind zu Patrioten geworden, zu Helden ... (8)

Die Amis de Robert Brasillach verbreiten die Nachricht vom Tod der Suzanne Bardèche über das rechtsextreme Altermedia.info: (9)

Suzanne wird an der Seite von Maurice, nahe dem Grab von Robert, auf dem Friedhof von Charonne (im 20. Pariser Arrondissement, G.E.) beigesetzt. Der Stern, der verlöscht ist am Himmel der Freunde des Robert Brasillach, fährt fort, in unseren Herzen zu leuchten. Bis zum Ende hat Suzanne die Lebensfreude verkörpert und hat oftmals Ihrem Diener die Kraft verliehen, den Kampf zur Verteidigung des Andenkens ihres Bruders fortzusetzen, der genau vor 60 Jahren ermordet wurde (assassiné).

Der Mausblick des André Bonet auf Robert Brasillach

Das Andenken des Robert Brasillach wird auf viele Arten gepflegt. Im Januar 2003 erscheint im Verlag Privat ein unter dubiosen Umständen vom Verwaltungsbezirk Pyrénées-Orientales finanziertes repräsentatives Buch, die Encyclopédie des Pyrénées-Orientales, über das Roussillon. Im Abschnitt Schreiben im Roussillon werden eine Reihe von Schriftstellern des Bezirkes aufgeführt und kurz besprochen. Unter diesen sind zwei international bekannt. Der eine ist der Nobelpreisträger 1985 für Literatur Claude Simon (1913 - 2005); er ist einer der dezidiertesten Vertreter des Nouveau Roman. Der Nobelpreisträger lebt in Salses und in Paris.

Claude Simon kämpft im spanischen Bürgerkrieg an der Seite der Republikaner gegen die Truppen des Generals Francisco Franco, kehrt 1938 zurück ins Roussillon und zieht 1939 in den Krieg für Frankreich, wie Louis Torcatis. Wie dieser wird er von den Deutschen gefangengenommen; er flüchtet aus einem Lager in Sachsen. Auch Claude Simon kehrt in die Zone libre zurück, läßt sich in Salses-le-Château nieder und geht in den Widerstand. Nach Ende des Krieges wird er Winzer auf seinem eigenen Weingut.

Der andere in dem Buch unter dem Titel Das Pantheon der Roussilloner Schriftsteller gewürdigte Schriftsteller ist der Kollaborateur Robert Brasillach, der bei uns in Deutschland, wenn überhaupt jemand von ihm gehört hat, eher berüchtigt als berühmt ist. Während dem Nobelpreisträger ein Text von 346 Zeichen gewidmet wird, andere, international gänzlich unbekannte Schriftsteller 450 oder 583 Zeichen wert sind, widmet der Autor dem Robert Brasillach 1 489 Zeichen. Das Pantheon in Paris steht unter dem Motto Den großen Männern - die dankbare Republik.

André Bonet, der Autor des Textes, ist Präsident des mit öffentlichen Mitteln geförderten Centre Méditerranéen de Littérature (CML), mit Sitz im Geburtshaus des Robert Brasillach, am Perpignaner Quai Vauban Nr. 45. André Bonet veröffentlicht im Jahr 1998 ein Werk über den Pfarrer Jean-Marie Vianney, Le Saint curé d´Ars, den heiligen Pfarrer von Ars, und im Jahre 2001 das süßliche Werk Sainte Rita, la grâce d´aimer, Heilige Rita, die Gnade zu lieben. Rita Cascia, Sainte Rita, ist die Heilige der hoffnungslosen Fälle. André Bonet liebt die Heilige sehr, sie sei eine der Frauen, die unsere Geschichte geprägt hätten. Der fromme Autor macht sich an die Rehabilitierung des Kriegsverbrechers Robert Brasillach: im Alter von 35 Jahren sei er Opfer eines der Dramen der Säuberung geworden. Sein Engagement in der Kollaboration werde von vielen seiner Bewunderer als ein Irrtum und eine Tragödie erlebt. (10)

Fabrice Thomas schreibt zu André Bonet auf seiner Site Perpignan-toutvabien.info: (11)

André Bonet, der Freund der Ultra-Katholiken, der Nostalgiker des französischen Algeriens, der Ehemaligen der OAS, der Faschisten aller Art, das ehemalige Mitglied des RPR und Stellvertreter der Arlette Franco (jetzige UMP-Bürgermeisterin von Canet-en-Roussillon), Autor einer verblödenden Biografie der Heiligen Rita, hat sein Leben umgekrempelt. Er ist zu den Linken übergelaufen. Dienstag, den 19. April 2005, hat er das Wort ergriffen auf dem Meeting der Marie-Georges Buffet (Nationalsekretärin des PCF) für das "Nein zur Verfassung des Giscard", zur Europäischen Verfassung.

André Bonet, der neue Weggenosse des PCF, der Verantwortliche für die Apologie des Brasillach, erschienen in der vom Generalrat und dem Verlag Privat herausgegebenen Encyclopédie des Pyrénées-Orientales hat eine bewegende Rede gehalten und an die Werte der Résistance, des Widerstandes, appelliert und angekündigt, er werde den Chant des Partisan, das Partisanenlied singen, wenn das Nein am 29. April obsiege. Darauf wartend, hat er am Ende des großen Meetings die Internationale gesungen.

Der Mausblick des André Bonet auf Louis Ferdinand Céline

Der unverwechselbare Blick der Maus starrt lange, bevor in Deutschland Adolf Hitler die Macht übergeben wird, und er starrt noch heute. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, mit seiner Affäre Dreyfus, und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg, besonders in den 30er Jahren, tun sich in Frankreich zahlreiche französische Intellektuelle, Dichter, Schriftsteller und Journalisten, wie Louis Ferdinand Céline, Pierre Drieu la Rochelle, Henri Béraud, Charles Maurras und Robert Brasillach besonders hervor in zügellosem Antisemitismus. Sie werden Kollaborateure und Schlimmeres. Robert Brasillach wird bei der Befreiung verhaftet. Er geht nicht, wie beispielsweise Louis Ferdinand Céline, der nach dem Krieg begnadigt wird, mit der Vichy-Regierung nach Sigmaringen und zieht später nach Dänemark weiter, sondern er hält in Frankreich aus und wird hingerichtet. Louis Ferdinand Céline kehrt 1951 unbehelligt zurück nach Frankreich. Der als Louis Ferdinand Auguste Destouches geborene Schriftsteller steht dem Robert Brasillach in nichts nach, er ist nur geschickter. Wikipédia weiß über ihn: (12)

Sein nihilistisches Denken ist getränkt mit heroisch-komischen und epischen Akzenten. Umstritten (sic!) wegen seiner antisemitischen Äußerungen, in denen er mit einer unmißverständlichen Gewalt in 1937 bis 1941 veröffentlichten und während der Besatzungszeit nachgedruckten Pamphleten zur Vernichtung der Juden aufrief, und seiner Kollaboration mit den Nazis, bleibt er für den Rest seines Werkes, besonders die Romane, dennoch nichtsdestoweniger einer der größten Schriftsteller der französischen Literatur. Sein Rassismus drückt sich bis in die letzten seiner Schriften aus.

Der umstrittene Kollaborateur findet im Frankreich der Nachkriegszeit schon ab Ende der 40er Jahre groĂźen Anklang. Manche halten ihn fĂĽr den größten Schriftsteller und Stilisten des 20. Jahrhunderts. So scheint es auch AndrĂ© Bonet zu sehen, der zum 15ème Salon du Livre francophone nach Beirut eingeladen wird und dort am 17. Dezember auftritt. Der tragischen (!) Ereignisse des Sommers 2006 wegen muĂź der von der Botschaft Frankreichs organisierte Salon vom Oktober auf den Dezember verschoben werden. Der Generalsekretär des Prix MĂ©diterranĂ©e und der SpiritualitĂ©s d´aujourd´hui, der Geistigkeit von heute, AndrĂ© Bonet, hat seine Schriften der Religionsgeschichte gewidmet, wird er von der Botschaft vorgestellt. "Les chrĂ©tiens oubliĂ©s du Tibet", Ă©ditĂ© aux Presses de la Renaissance. Die vergessenen Christen Tibets - ausgerechnet mit diesem Werk tritt AndrĂ© Bonet in Beirut auf, in der arabischen Welt, die Christen verfolgt, vertreibt und ermordet; dort wirkt das Werk ĂĽber die Christen Tibets mindestens auf die Vertreter der Hezbollah gewiĂź beruhigend: sie sind nicht die einzigen, die mit Christen so umspringen. (13)

Dieser Opportunist, der auf jeden Zug aufspringt, er läßt auf der Startseite des Centre subtil den Anti-Amerikanismus raus. Das Erstlingswerk des 26-jährigen Perpignaners Alexis Gallissaire ist so recht auf seiner Linie: ein durchschnittlicher amerikanischer Junge verliert sich, nachdem er im Fernsehen die Attentate des 11. September 2001 sieht, in psychischen Problemen, die ihn dazu führen, mittels Suizidattentat aus dem Leben zu scheiden. Durch dieses Einzelschicksal zeichnet sich ein traumatisiertes Amerika ab, dessen Einbildungen und Zwangsvorstellungen mit einer ergreifenden graphischen Kraft bloßgelegt werden. Das Werk ist bei Amazon.fr nicht bekannt, nicht einmal die Éditions Allia, der Verlag, in dem es erscheint, kennt das Buch. (14)

Mit solchen Konstruktionen kann man gut die wirklich herrschenden terroristischen Strukturen persiflieren und verdecken, die zu Suizidattentaten führen. Die Propaganda fällt an Infamie noch gemeiner aus als die von Paradise Now . Die Amerikaner begehen die Suizidattentate selbst, sie erwachsen aus ihren Traumata und Obsessionen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ariel Merari, Leiter des Center for Political Violence at Tel Aviv University, des Zentrums für politische Gewalt, an der Universität Tel Aviv, schreibt und lehrt über die strategisch-politischen Operationen seit vielen Jahren ausführlich und für jedermann verständlich. (15)

Fabrice Thomas trällert dem AndrĂ© Bonet das Chanson L´opportuniste, von Jacques Dutronc hinterher. Ein solcher also wird als einer von 20 französischsprachigen Schriftstellern nach Beirut eingeladen:

Je suis pour le communisme
Je suis pour le socialisme
Et pour le capitalisme
Parce que je suis opportuniste

Eingeladen ist auch der Star aller literarischen Salons dieses Jahres, der 39-jährige Jonathan Littell, Träger des Prix Goncourt 2006, für seinen Erstling Les Bienveillantes, die Wohlwollenden, die Entgegenkommenden. Ausgehend von einem fiktiven SS-Mann Maximilien Aue verfolgt der Autor, in seiner Sicht beeinflußt von Raul Hilberg und Hanah Arendt, die Verbrechen der mobilen Einsatzgruppen der SS, die mit der Wehrmacht ziehen und die Kommunisten und Juden ermorden. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber es wird sehr positiv rezensiert. Der beste Roman des Jahres 2006, ist er von einem Amerikaner geschrieben? fragen die Blogger. Warum nicht? Das einzige nicht beschönigende Sachbuch über Robert Brasillach stammt ebenfalls aus amerikanischer Feder, und es wird ebenfalls von Gallimard verlegt. Alice Kaplan: Intelligence avec l´ennemi. Le procès Brasillach. Gallimard 2001. (16)

Jonathan Littell ist mit seinem Verleger Richard Millet in Beirut, und der agile Präsident des Centre Méditerranéen de Littérature schafft es, sich mit ihm beim Abendessen zu unterhalten. Zum Schluß sagt er ihm ungeniert: "Tu es notre nouveau Céline!" Du bist unser neuer Céline, woraufhin Jonathan Littell höflich lächelt, lese ich im Indépendant, und die Journalistin Sandra Canal ergänzt: André Bonet ist einer von denen, die diese verrückte Fähigkeit haben, im rechten Moment immer dort zu sein, wo man sein muß, mit denen, die zählen. (17)

Um die Ausmaße der Beleidigung des Jonathan Littell durch André Bonet zu verdeutlichen, hier ein letztes Wort zu Louis-Ferdinand Céline, aus einem empfehlenswerten Text für diejenigen, die französisch lesen: Die fortwährende Feier des "Genies" des Céline, seit den 50er Jahren, ist eines der stärksten kulturellen Symptome für die säkuläre Banalität des französischen Antisemitismus und der immer noch versteckten Bedeutung des "Erbes von Vichy", schon vor 30 Jahren aufgedeckt vom großen amerikanischen Historiker Robert O. Paxton. (18)

Das ist das Roussillon insolite, das bemerkenswerte Roussillon, mit seinen Winzern, Widerstandskämpfern und Wichtigtuern: ranzig, dröge, süßlich. Wohin soll ich von hier ziehen? Vielleicht nach Vichy? Oder gleich nach Berlin-Neukölln?

21. Dezember 2006

Quellen

(1) rancio, rancia, del verbo ranciar. Definición. WordReference.com, Diccionario de la lengua española
http://www.wordreference.com/definicion/rancio

(2) Louis Torcatis, Widerstandskämpfer (1904 - 1944). 3. Juli 2006
http://www.eussner.net/roussillon_2005-01-19_20-32-25.html

(3) Etienne Llauro: Torcatis - bouloc. Destin d´un humaniste. Éditeur: Loubatières, janvier 2003

(4) Carmaux
http://www.carmaux.fr/indexbis.html

(5) Zeev Sternhell: Ni gauche ni droite. L´idéologie fasciste en France. Troisième édition, Bruxelles 2000, page 347 (Weder links noch rechts. Die faschistische Ideologie in Frankreich. Dritte Auflage, Brüssel 2000, Seite 347)

Euros für Schwundgeld. Gegen eine Veranstaltungsreihe der Hans-Böckler-Stiftung zur »Macht des Geldes« regt sich Protest. von peter bierl. Jungle World Nr. 47, 22. November 2006
http://jungle-world.com/seiten/2006/47/8884.php

(6) H. et h. ou la métaphysique du boulanger. Par Jean-Pierre Faye. Chimères # 8
http://www.revue-chimeres.org/pdf/08chi07.pdf

(7) Cahiers des Amis de Robert Brasillach. Librairie Lyonnaise
http://www.galaxidion.com/home/catalogues.php?LIB=lyonnaise& CAT=2466&sortOrder=alpha

SocietĂ  Editrice Barbarossa
http://www.libroelibri.com/barbarossa.htm

(8) Robert Brasillach, der Denunziant, der noch immer "ĂĽberall ist". 19. Januar 2003/7. Mai 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-04-22_11-28-11.html

(9) Décès de Suzanne Bardeche. Posted by cb, AMI France, 27 mai 2005
http://fr.altermedia.info/general/deces-de-suzanne-bardeche_ 7180.htmlprint/

(10) AndrĂ© Bonet, l´auteur de Sainte Rita ou la grâce d´aimer, Perpignan, le vendredi 7 dĂ©cembre 2001
http://www.cml-66.fr/reportage/reportage2002/bonet/andrebone t.htm

(11) André Bonet touché par la grâce. Par Fabrice Thomas, Perpignan-toutvabien.info, 24 avril 2005
http://www.perpignan-toutvabien.com/articles.php?param=full& ida=1097&idcb=39

(12) Louis-Ferdinand Céline. Wikipédia
http://fr.wikipedia.org/wiki/Louis-Ferdinand_C%C3%A9line

(13) « Auteurs en direct » DU 9 AU 22 DECEMBRE 2006. Editorial. l´Ambassade de France au Liban
http://www.salondulivrebeyrouth.com/

(14) Alexis GALLISSAIRE. Pour la présentation et la dédicace de son livre Jimmy (éditions Allia). Mardi 28 novembre 2006. CML - Lire en Méditerranée
http://www.cml-66.fr/

(15) Die Ausbildung zum Selbstmordattentäter - eine strategisch-politische Operation. 7. Oktober 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-10-07_22-50-31.html

(16) Les Bienveillantes. Par Jonathan Littell. Éditions Gallimard 2006
http://www.gallimard.fr/catalog/html/clip/A78097/index.htm

(17) Comment AndrĂ© Bonet a dĂ®nĂ© Ă  Beyrouth avec Jonathan Littell ... Par Sandra Canal, L´IndĂ©pendant, 20 dĂ©cembre 2006, p. 3

(18) Louis-Ferdinand CĂ©line. L´idole antisĂ©mite. Synthèse, pour le 40ème anniversaire de sa mort (1er juillet 2001)
http://perso.orange.fr/fromveur/celine1.htm


Quelle: http://www.eussner.net/roussillon_2006-12-17_18-10-42.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 22.02.2017, 08:40 Uhr