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Was das Schaf zu blöken hat...Was das Schaf zu blöken hat...

Freiwillige Schnitter und "Phinéas" in Frankreich im Einsatz

Liebe Freunde!

Grund genug ist vorhanden, daß meine Herrin sich in den Urlaub verzieht, und ich mich in meinen Pferch verkrieche. Wir haben die Faxen dicke von den Meldungen über die Leistungen der französischen Regierung, Justiz und Polizei. Schaf kann sich darüber immer aufs neue wundern.

Regen sich die Amerikaner auf über die angebliche Feigheit der Franzosen, die nicht mit ihnen in den Irakkrieg ziehen, kann schaf das Verhalten der französischen Regierung noch nachvollziehen: sie meint, daß ihre Interessenslage in der Region eine andere sei als die der Amerikaner. Nicht Verstehen aber kann schaf die Feigheit vor den selbsternannten Rettern der Menschheit, die sich faucheurs volontaires nennen, die freiwilligen Schnitter, wobei sie eher Maisausreißer zu nennen wären, da sie meistens mit bloßen Händen ihrem segensreichen Werke nachgehen. So auch am Samstag, den 14. August, diesmal in Marsat, in der Auvergne, und in Greneville, im Loret.

Das findet den ungeteilten Beifall der Zeitung der kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) L´Humanité und ihres Redakteurs Thomas Lemahieu. Längst vorbei sind die Zeiten, da Sozialisten und Kommunisten zur Avantgarde gehören und dem Fortschritt eine Lanze brechen. Seit dem ersten Mann im Weltall scheint wohl Schluß damit zu sein. Jetzt, auf dem absteigenden Ast, suchen die Reste der Kommunisten ihr Heil bei den wissenschafts- und fortschrittsfeindlichen Spießern um die Partei Les Verts, die Grünen, um die ATTAC und die Confédération paysanne, die "Bauerngewerkschaft" des José Bové.

Nachdem am Sonntag, den 25. Juli, in Menville bei Toulouse, an die Tausend freiwillige Schnitter aus ganz Frankreich, gelenkt und unterstützt von ihrem Führer José Bové und den Grünen Noël Mamère, Gérard Onesta und Gilles Lemaire ihr zerstörerisches Werk unter den Augen der Medien und der passiven Polizei vollbringen können, wobei sie einen Hektar eines Maisfeldes plattmachen, beschließen etwa fünfzig Bauern sowie Mitarbeiter der Biotechnologiefirma Biogemma, sich zu wehren. Sie schicken entsprechende Faxe mit der Ankündigung an die Redaktionen der Medien. Sie wissen von den Plänen der freiwilligen Schnitter und wollen ihnen entgegentreten, ihre Arbeit verteidigen und über die Nützlichkeit der Forschungen informieren.

Das wird von L´Humanité mit Hohn und Spott quittiert: als défenseurs des chimères végétales, Verteidiger pflanzlicher Wahngebilde, und als organisations "professionnelles", "Berufs"-Organisationen, bezeichnet Thomas Lemahieu abfällig in Anführungszeichen diejenigen, die sich über die in ihren Augen Ineffizienz der französischen Behörden beklagen und deshalb eine Selbstverteidigung organisieren, das Feld einzäunen und sich hinter dem Zaun postieren und dort ihre Gegner erwarten. Sie verträten höchst partikulare Interessen der großen Saatguthersteller. An die gefährdeten Arbeitsplätze dieser Leute denkt Thomas Lemahieu, aktives Mitglied der Association des Journalistes de l´Information Sociale, der Vereinigung der Journalisten der sozialen Information, mit Sitz im Arbeitsministerium, offensichtlich nicht. Er setzt sich andererseits für streikende türkische Arbeiter ein, die ihren Lohn nicht erhalten: hoch die internationale Solidarität!

Biogemma ist heute das einzige, von fünf französischen landwirtschaftlichen Großbetrieben entwickelte und finanzierte europäische Unternehmen der biotechnologischen Forschung. Die Aktionäre sind die Firmen Limagrain, Euralis, RAGT, Sofiprotéol und Unigrains. Sie sind europa- und weltweit tätig, in den alten EU-Staaten sowie auch in den neuen, in Osteuropa, Indien, Japan, Kanada und den USA. Limagrain ist der größte europäische Maissaatguthersteller. Unigrain wird bis in dieses Jahr hinein vom französischen Staat mitverwaltet, und die Firma RAGT unterstützt die Equipe RAGT Semences der Tour de France.

Der Präsident von Biogemma Pierre Pagesse meint zu den von der französischen Regierung und ihren bei der Aktion anwesenden ca. vierzig Polizisten geduldeten Aktionen: Diese wiederholten Ausreißereien betreiben die Sache der Konkurrenz. In diesem Rhythmus wird die der Innovationen beraubte europäische Landwirtschaft nicht mehr auf der internationalen Szene konkurrieren können. Das ist in der Tat so. Schon heute beliefern die USA die EU und zahlreiche andere Staaten mit ihrem genveränderten Getreide, und das wird sich noch steigern. Genveränderte Nahrungsmittel und Saatgut werden heute in der Hälfte aller Staaten der Welt produziert oder eingeführt.

Auf dem in wenigen Minuten zerstörten Versuchsfeld von ungefähr 1200 Quadratmetern sollten Maissorten getestet werden, bei denen die Zugabe von Stickstoffdünger und die Bewässerung reduziert werden könnten - beides wohl durchaus im Sinne der Öko-Bewegung.

L´Humanité kommt ihren Lesern mit dem Hinweis darauf, daß Pierre Pagesse der Präsident der Gruppe Limagrain mit einem Umsatz in 2003 von einer Milliarde Euro sei, dem europäischen Führer auf dem Saatgutmarkt. Selbstverständlich kümmert die ansonsten immer gegen die USA eingestellten Kommunisten, Grünen und anderen Spontis und Krakeler nicht, was ihre Aktionen für die französische Landwirtschaft bedeuten. Sie läßt den Nationalsekretär der Confédération paysanne Olivier Keller zu Wort kommen, der meint, die Konfrontation zwischen den Maisausreißern und den Mitarbeitern der betroffenen Firmen sei knapp an einer Katastrophe (sic!) vorbeigeschrappt. Wir wollen uns nicht hineinziehen lassen in eine physische Auseinandersetzung. Unsere offen geführten Aktionen sind Teil des zivilen Ungehorsams und der Gewaltlosigkeit.

Diese medienversessenen Radikalen wollen im vollen Medienlicht und gänzlich ungehindert auftreten. Sie möchten gern gewaltfrei das zerstören dürfen, was ihnen nicht paßt. Die Polizei verhaftet und verhört zwei freiwillige Schnitter. Sie werden am selben Abend nach Demonstrationen von einigen Hunderten von Sympathisanten freigelassen.

Der zivile Ungehorsam ist das einzige Mittel, eine öffentliche Debatte in Gang zu bringen, meint der bei der Aktion in der Auvergne anwesende Nationalsekretär der Grünen Gilles Lemaire.

Das zweite völlig zerstörte Versuchsfeld gehört der US-amerikanischen weltweit tätigen Firma Monsanto, mit Sitz in St Louis/USA. Ungefähr 3000 Quadratmeter Mais werden im Beisein des Stellvertretenden Bürgermeisters von Paris, dem Grünen Yves Contassot, mit bloßen Händen und freien unverhüllten Gesichtern ausgerissen. Eine Hundertschaft der Polizei CRS verhindert nichts, ein Hubschrauber überfliegt die Szene und filmt und fotografiert für zukünftige juristische Verfahren. Personalien der Täter werden aufgenommen.

Schaf kann nur lachen über diese Zustände.

Phinéas

Überhaupt nicht lachen kann schaf bei dem anderen Fall, dem 24-jährigen Franzosen Michael Tronchon, alias Phinéas, wohnhaft in Villeurbanne. Er begeht am 5. August mit einer Axt einen Anschlag auf einen maghrebinischen Mann und meldet sich unter seinem gewählten Pseudonym bei der Polizei. Nachdem dies nicht die genügende medienwirksame Aufmerksamkeit erzielt habe, hätte er sich am 9. August entschlossen, den jüdischen Friedhof von Lyon La Mouche zu schänden: il s´est attaqué à un cimetière, er hat einen (sic!) Friedhof angegriffen, schreibt der Nouvel Obs. Il aurait décidé de profaner le cimetière juif, er hat sich entschlossen, den jüdischen Friedhof von Lyon zu schänden, schreibt die Libération. Rassismus und Faszination für die Medien hätten ihn dazu getrieben. So erscheinen seine Taten als beliebig und von einem verrückten Einzeltäter begangen. Der Untersuchungsrichter wird ein psychiatrisches Gutachten einholen, um zu sehen, ob er vielleicht unzurechnungsfähig ist, déséquilibré. So sieht es die Zeitung aus der Le Monde-Gruppe L´Indépendant von Anfang an. Die Polizei geht auch davon aus: Er hat unseres Wissens nach allein gehandelt und ist nicht direkt mit einer Gruppe verbunden, aber er gesteht einen eingefleischten Haß gegen die Araber. Er fühle sich überfremdet und habe die Neo-Naziszene aufmerksam machen und zum Handeln anregen wollen. Er hält die Bewegung der französischen Rechtsextremen für zu lasch (tiède). Lyon ist das Terrain der Jagd der Wölfe Hitlers geworden, sagt er aus.

Bei ihm zu Hause findet die Polizei ein Buch über die arische Rasse und historische Revuen über den Nationalsozialismus. Verbindungen zur US-amerikanischen Neo-Naziszene kann die Polizei nicht feststellen. Er sei ein von den Medien faszinierter Mann. Die Zeitung Le Parisien beliefert er mit einem Brocken aus einer Stele des jüdischen Friedhofes, der Zeitung Le Progrès schickt er einen Brief. Samstagmorgen, kurz bevor die Polizei ihn verhaftet, ruft er nochmal dort an, um mitzuteilen, daß er bald die nächste Tat begehen werde. In Paris, behauptet er, habe er ebenfalls eine Aggression begangen. Er ist eben ein Verrückter, ein junger einsamer Mann. Seit zwei Wochen ist er arbeitslos.

Zum Namen Phinéas und zu seinen Taten habe ihn eine Reportage über eine extreme amerikanische Bewegung geführt. Die Reportage sei vor einigen Monaten in der Sendereihe Docs de choc des Fernsehsenders M6 gelaufen. Mehr berichtet keines der Online-Medien.

So ist das also. Einer, der sich Phinéas nennt, und der sich laut Auskunft der Polizei bestens damit auskennt, welche biblische Person Phinéas ist: un personnage biblique à la justice expéditive pour ceux qui incitaient à la débauche du peuple juif, eine biblische Person der schnellen Justiz oder auch, die denen den kurzen Prozeß macht, die das jüdische Volk zur Lasterhaftigkeit aufstacheln.

Pinchas ist im Alten Testament der Sohn des Priesters Elasars, des Sohnes Aharons, der um die Reinheit Israels zu erhalten, einen Israeliten tötet, der mit einer Frau der Midjaniter sexuelle Beziehungen hat. Er durchbohrt beide mit einem Speer. Das ist gemäß der Bibel gottgefällig: Pinchas, Sohn Elasar, Sohnes Aharon´s des Priesters hat meinen Grimm abgewendet von den Kindern Israels, in dem er eiferte an meiner Statt unter ihnen, daß ich nicht aufrieb die Kinder Israel in meinem Eifer ...

Gott habe daraufhin eine immerwährende Priesterschaft errichtet. Zeitgenössische Phineas Priester nähmen diese und andere biblische Passagen als Rechtfertigung zum Mord an gemischtrassigen Paaren und zu einem Programm der weißen christlichen Suprematie in Amerika. Phineas Priester glaubten, sie wären von Gott berufen, jede Art von Gewalt zu benutzen, um das einzurichten, was sie God´s Law, Gottes Gesetz nennen, schreibt David Lethbridge. Mord, Vergiftung, Entführung, Bombenterror und bewaffneter Raub würden zur heiligen Handlung, um die USA und Kanada von Ehebruch, Steuern, Homosexualität, Abtreibung, gemischtrassigen Ehen und Multikulturalismus zu befreien.

Die Schändung des jüdischen Friedhofes ist nicht beliebig und zufällig, sondern auf dieses Programm der Phineas Priesthood abgestellt. Die Taten können nicht auf Araberhaß reduziert werden.

Lest bitte im Artikel-Archiv, was das Schaf am 11. August dazu geblökt hat. Ihr findet dort u.a. auch eine Kurzinformation zur Phineas Priesthood: Lyon - kein Platz für lebende und für tote Juden.

Grundsätzlich ist mein Geblöke immer erst auf meiner Site zu lesen, und wenn der Inhalt noch eine Weile lesenswert ist, stellt meine Herrin mein Geblöke ins Artikel-Archiv. Vielleicht fragt sie ja den Webmaster Patrick Fischer, ob er für mich auch so ein schönes Archiv machen kann, damit Ihr nicht immer frustriert seid, wenn Ihr meine gelehrten Auslassungen nicht wiederfindet.

Jetzt erholen wir uns aber erst einmal und machen Urlaub, bis etwa Mitte September. Bis dahin empfehle ich das Artikel-Archiv. Ihr findet es hier:

http://www.eussner.net/artikel_sectionindex.html

Blök!
Euer Schaf
16. August 2004

Quellen

biogemma
http://www.biogemma.com/

Pierre Pagesse, Président, Agriculteur, président Limagrain
Nos marques et nos filiales
http://www.limagrain.com/limagrain/fr/p02.cfm

Alain Fabre, Ingénieur, président RAGT
RAGT Semences
http://www.ragt-semences.com/asp/default.asp?onglet_sup=5
Équipe cycliste RAGT
http://www.ragtcyclisme.com/

Henri de Benoist, Agriculteur, président d´Unigrain
Unigrain entend "continuer à investir" dans l´agroalimentaire. Unigrain, dont la situation juridique a été clarifiée par la loi de finances rectificative du 30 décembre 2003 marquant la fin de la cogestion avec l´Etat. Les Marchés, 10/06/2004
http://www.ofival.fr/cid/rp04/rp7_6_04.htm

Christian Pees, Agriculteur, président d´Euralis
Groupe EURALIS
http://www.euralis.fr/euralis/index.php4

Xavier Beulin, Agriculteur, président de Sofiprotéol
Sofiprotéol
http://www.prolea.com/sofi/

Monsanto. HQ in St Louis/USA
http://www.monsanto.com/monsanto/layout/about_us/default.asp
Monsanto Worldwide Locations
http://www.monsanto.com/monsanto/layout/about_us/locations/d efault.asp

Derrière son faux nez, le lobby pro-OGM Par Thomas Lemahieu,
L´Humanité, 16 août 2004
http://www.humanite.presse.fr/journal/2004-08-16/2004-08-16- 398838

Paris : Ouvriers turcs en grève pour toucher leurs salaires, par Thomas Lemahieu. L´Humanité, vendredi 16 juillet 2004
http://bellaciao.org/fr/article.php3?id_article=8259

Les anti-OGM fauchent deux champs de maïs Par Delphine Chayet.
Le Figaro, 16 août 2004
http://www.lefigaro.fr/france/20040816.FIG0189.html

L´auteur de la profanation d´un cimetière juif arrêté. Agence France-Presse Lyon. Cyberpresse.ca, 16 août 2004
http://www.cyberpresse.ca/monde/article/1,151,1064,082004,76 1555.shtml

"Phinéas", confondu par sa victime, sera présenté à un juge, REUTERS,
Libération, lundi 16 août 2004 (13:20)
http://www.liberation.fr/page.php?Article=230958#

Racisme. "Phinéas" a agi par "haine des Arabs". AFP/Le Nouvel Observateur, 16.08.04, 18:36
http://permanent.nouvelobs.com/societe/20040813.OBS4615.html

"Phinéas" mis en examen et écroué. Avec Reuters. Le Figaro, 16 août 2004
http://www.lefigaro.fr/france/20040816.FIG0403.html

Profanation de Lyon: "Phinéas" s´est livré à la police.
L´Indépendant, lundi 16 août 2004, p. 14

Hate on Display
http://www.adl.org/hate_symbols/Phineas.asp

Killers for God: The Pinehas Priesthood, by David Lethbridge
http://bethuneinstitute.org/documents/killers.html


Quelle: http://www.eussner.net/schaf_2004-08-17_17-24-18.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 07.01.2009, 15:26 Uhr