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Was das Schaf zu blöken hat...Was das Schaf zu blöken hat...

Antisemitismus, Lügengeschichten und Verwirrung in Frankreich

Die Zerstörung von Fresken im ehemaligen Internierungslager Rivesaltes und der angebliche Überfall in der Pariser Vorortbahn RER D und die Folgen

Liebe Freunde!

Ich bin ja inzwischen recht zufrieden damit, daß wir hier in Perpignan wohnen, und meine Herrin scheint es ebenfalls zu sein. Dennoch kann ich mich nur wundern über merkwürdige Ereignisse, die Juden und den Antisemitismus in Frankreich betreffend.

Erst erfahre ich, daß im Juni 2004 die Zeitung L´Indépendant, die zur Gruppe der angesehenen Le Monde gehört, unwahre von sämtlichen französischen Medien übernommene rührende Geschichten über angeblich von jüdischen Kindern 1942 im Internierungslager Rivesaltes gemalte Fresken verbreitet, (1) obgleich die Tatsachen auf deutsch und französisch dokumentiert sind, und obgleich ein Redakteur der Zeitung seinerzeit dabei ist, als die Fresken entdeckt werden. Die Krankenschwester Friedel Bohny-Reiter erwähnt diese Malereien in ihrem Lagertagebuch, am 12. November 1941: Die Schweizer Baracke besteht aus fünf Räumen und dünkt mich mit ihren Wandmalereien direkt heimelig, schreibt sie bei ihrer Ankunft im Lager von Rivesaltes.

Am 28. Dezember 1941 erwähnt sie die Wandmalereien erneut: (2)

Samstag. Mit Biscuits und einem Weinfäßchen zogen wir ins Ilôt B - der heimelige Raum mit Josephs Wandmalereien, dem Holztisch mit braunen Chacheli (kleine Schalen) und Tannenzweigen - war schon gefüllt mit alten Leutchen von 50 bis 60 Jahren. Da saßen sie - müde Gesichter, mit trüben Augen - eingemummt mit allen unmöglichen Kleidungsstücken. Meist Israeliten - und doch war in allen das Erwartungsvolle - was wird es wohl geben? Kümmert sich wirklich noch jemand um uns alte Vergessenen? Ein Rabbiner sprach zu ihnen - von der Schwere und dem Leid - das es ja wirklich sei - daß man aber doch sich erinnern und dankbar erinnern müsse an die glücklichsten Jahre, die man verleben durfte ...

Im Jahre 1998 besucht sie das Lager und bestätigt die Daten, die Fresken seien von einem Schweizer mit Namen Joseph schon vor ihrer Ankunft im Lager angebracht worden. Ihre Aussagen sind in einem Film dokumentiert.

Nach dem Protest der im Projekt für ein Monument Rivesaltes arbeitenden drei Lehrer hält es eine (!) Zeitung für angebracht, eine Richtigstellung zu veröffentlichen, die Libération. Die Regionalsendung von FR3 interviewt die drei Lehrer zum Thema. Auf ihrer Web Site findet sich nichts über die Richtigstellung. (3)

Den Juden können solche Lügengeschichten nicht nützen, im Gegenteil. Mit Sensationen, die sich hinterher als erfunden herausstellen, wird den Juden schwerer Schaden zugefügt:

Die Geschichte ist nicht wahr? Wer weiß, ob all die anderen Berichte über Judenverfolgungen stimmen. Gibt es nicht Historiker, die sogenannten Revisionisten, die behaupten, es hätte keine Gaskammern gegeben? Hat man sie vielleicht zu Unrecht verurteilt und aus ihren Stellungen entfernt? Sie werden Holocaustleugner gescholten. Zu Unrecht?

Diese und alle anderen Fakten über die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden können somit in Frage gestellt werden.

Jetzt bekommen wir den nächsten Fall, der die französischen und ausländischen Massenmedien erregt, der die gesamte französische Regierung sowie zahlreiche französische und internationale Organisationen und Institutionen kopfstehen läßt:

In der RER D, einer Vorortbahn in den Pariser Norden, wird eine junge Mutter, eine 23-jährige Frau mit ihrem 13 Monate alten Baby am Freitagmorgen, 9. Juli 2004, am hellen Tage, zwischen den Stationen Louvres und Sarcelles, angeblich von sechs 15- bis 20-jährigen arabischstämmigen und farbigen Männern/Jungen gequält, weil sie jüdisch aussieht: es werden ihr die Kleider zerschnitten, auf ihren Bauch mit Filzstiften Hakenkreuze geschmiert, Haare werden ihr zur Erinnerung abgeschnitten, in ihrer Handtasche wird der Personalausweis mit der Adresse aus dem 16. Arrondissement gefunden: dort wohnen nur Juden, sagen die Angreifer, der Kinderwagen mit dem Baby wird umgeworfen und das Kind fällt aus dem Wagen, Mitreisende greifen weder ihr Handy und benachrichtigen die Polizei noch ziehen sie die Notbremse noch stellen sie sich der Frau als Zeugen der Tat zur Verfügung, geschweige denn, daß sie sich zusammentun und gegen die Kriminellen einschreiten, sondern die Kriminellen mit der Handtasche samt Kreditkarte und 200 Euro entkommen. So die entsetzliche, von allen Medien verbreitete Horrortat.

Nun gibt es ganz neue Erkenntnisse. Zweifel kommen auf, daß die Frau ihre Gechichte erfunden habe, schon sechsmal habe sie Anzeige erstattet, belästigt worden zu sein. Ein junger Mann sagt als Zeuge aus, daß er die junge Frau bereits an der Station Louvres, wo sie angeblich unversehrt in den Zug steigt, mit zerrissenen Hosen und weinend antrifft. Er bietet ihr Hilfe an, die sie ablehnt. Französische Offizielle schließen ebenfalls nicht mehr aus, daß es sich um Phantasiegeschichten der Frau handelt. (4)

So verwirrt sich die Sensation immer mehr. Die Frau setzt mit ihren Geschichten einen Medienrummel und einen wilden Aktionismus der französischen Regierung, Alarm bei den jüdischen Gemeinden, Angst, Schrecken, Entsetzen in Gang. Es werden die Videos auf der RER Station Sarcelles ausgewertet. Dort sollen die sechs Angreifer ausgestiegen sein. Nichts findet sich. (5)

Da sich jetzt herausstellt, daß die junge Frau sich alles ausgedacht hat, wird die Folge sein, daß auch die anderen antisemitischen Ausschreitungen von vielen Menschen in Frage gestellt werden. Alles Erfindung der Juden? Was stimmt von der vom C.R.I.F. veröffentlichten Liste der antisemitischen Ausschreitungen des ersten Halbjahres 2004? (6)

Bereits im ersten Halbjahr 2004 werden mehr antisemitische Anschläge verübt als im gesamten Jahr 2003, teilt das französische Innenministerium mit. Kann man das noch glauben?

Was wird mit den Anhängern des Front National, die sich auf das Ereignis stürzen, um damit ihren Haß auf die arabisch-stämmigen Immigranten zu richten? (7) Sie buhlen schon länger um die Gunst der französischen Juden. Werden sie diese nun wieder in ihren Haß einbeziehen?

Wie stehen die jüdischen Gemeinden da, die sofort protestiert haben? Roger Cukierman, vom Conseil Représentatif des Institutions juives de France (C.R.I.F.), was soll er jetzt in einem nächsten Communiqué sagen? Er fordert zu recht die Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kreise, vor allem auch der Imame in den Moscheen, die gegen den unter arabischstämmigen Immigranten grassierenden Judenhaß anzugehen haben. Aber können diese nicht jetzt hinweisen darauf, daß alles immer nur aufgebauscht würde - man sehe es ja an dem angeblichen Fall in der RER D?

Blök!
Euer Schaf

(1) Rivesaltes: l´indignation après les actes de vandalisme, par Thomas Hirsch.
L´Indépendant, dimanche 13 juin 2004, page 5

(2) Friedel Bohny-Reiter: Vorhof der Vernichtung. Tagebuch einer Schweizer Schwester im französischen Internierungslager Rivesaltes 1941-1942, Konstanz 1995, S. 39 und S. 58

Das Buch gibt es seit 1993 auch auf französisch, beim Schweizer Verlag Éditions Zoé.
Friedel Bohny-Reiter: Journal de Rivesaltes, 1941-1942

(3) "Un symptôme de la déperdition de la mémoire". La fresque dans le camp de Rivesaltes n´est pas l´oeuvre d´enfants.
Par Charlotte ROTMAN, Libération, mardi 22 juin 2004
http://www.liberation.fr/page.php?Article=217311

(4) L´enquête sur l´agression du RER se heurte à des "contradictions".
PARIS (AFP), le 12-07-2004.
Ces premiers doutes affichés sur l´authenticité du témoignage de la jeune femme ont indirectement été relayés par plusieurs responsables politiques, selon France 2.
http://actu.voila.fr/Article/article_actu_france_04071219372 7.2thjfjmy.html

RER D : des contradictions dans l´enquête
Lundi 12 juillet - Mise à jour : 21h37 TF1-LCI
http://news.tf1.fr/news/france/0,,3122982,00.html

(5) Les enquêteurs sur l´agression du RER face à des contradictions,
Reuters, 13 juillet 2004
http://www.reuters.fr/locales/c_newsArticle.jsp?type=topNews &localeKey=fr_FR&storyID=5653573

(6) Dossiers. Antisémitisme. CRIF. 8 juillet 2004
http://www.crif.org/index.php?menu=5&dossier=1&PHPSESSID=9a9 f106c3a516e5825e0c1307a2451c4

(7) Train d´enfer. Français d´abord, 13 juillet 2004
http://www.frontnational.com/quotidien_detail.php?id_qp=257

13. Juli 2004


Quelle: http://www.eussner.net/schaf_2004-09-27_11-47-30.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 20.11.2008, 18:07 Uhr