

"Es wäre ein völlig neuer Gedanke!"
Liebe Freunde!
Es ist einmal mehr soweit. Meine Herrin ist stinksauer auf mich. "Schaf", fragt sie am Sonntagabend streng, "wo warst du den ganzen Tag? Wieso erdreistest du dich, aus deinem Pferch auszubrechen, wenn ich die Tür aus Versehen nicht richtig schließe? Du bist ein deutscher Heidschnuckenbock und hast dich dementsprechend zu verhalten, auch wenn wir hier in Südfrankreich wohnen!"
Sie gönnt mir wirklich nichts. Wozu sind wir hierher gekommen, ich seinerzeit hinten in ihrem kleinen Auto versteckt, in Angst und Schrecken, ob sie mich unterwegs vielleicht aussetzt, verkauft oder gar verspeist. Die Zeiten waren stürmisch, und ich habe mich sehr mutig verhalten. Da sollte ich nicht deutsch und brav sein, auch nicht, als ich nach Den Haag geschickt wurde, um vom Prozeß gegen einen Zaun zu berichten. Da war es angesagt, daß ich Risiken eingehe, mich klar entscheide, unverzagt vorwärts gehe. Lest es in meinem Archiv nach.
Ich hatte eine Einladung meiner Freunde, der katalanischen Esel, nach Baillestavy. Das ist so ungefähr 50 Kilometer von Perpignan entfernt. Ich habe einen Winzer gefunden, der mich mitnahm auf seinem Lastwagen, sonst wäre ich weder hin noch zurückgekommen. Ich habe mich einmal ordentlich amüsiert, wenn auch nur ein einziges mickriges Schafsfräulein in der Nähe war, noch dazu gut behütet von seiner Mutter, diesem blöden Schaf! (1)
Anstatt daß sie sich freut, mich gesund und in voller Wolle wiederzuhaben, mäkelt meine Herrin und verdirbt mir meine gute Schafeslaune.
Am Abend, so ab 18:15 Uhr, wird sie dann unausstehlich. Sie sperrt mich in meinen Pferch, dessen Tür sie mit einem neuen Schloß versehen hat, während ich auf Trebe war, kaum denkt sie daran, mir ein wenig Heu, eine welke Karotte und etwas abgestandenes Wasser vorzusetzen, verrammelt den Pferch ausbruchssicher, mahnt mich, nur ja beim Fressen nicht laut zu schmatzen, und glotzt in den Ferni. "Nein! Nein!" kreischt sie auf, "sind die denn alle verrückt?" Ich linse unter halbgeschlossenen Lidern auf die Mattscheibe, und wen erblicke ich? Meinen Liebling, die bildhübsche Minu Barati, die verliebt hinter ihrem Außenminister hervorstrahlt. Ich bin schon deshalb gut drauf. Meine Herrin jedoch scheint echt zu verfallen. "Was ist mit dem so dringend nötigen Wechsel," haucht sie vor sich hin, "wie soll das nur weitergehen mit Deutschland?"
"Herrin", blöke ich aufmunternd, "es gibt doch noch mehr Möglichkeiten als nur Schwarz-Gelb oder Rot, besser: Rosa-Grün. Wie wäre es mit Schwarz-Gelb-Grün?" Sie schaut mich entgeistert an: "Schaf, du kannst Einfälle haben!"
Als sie einmal aus dem Zimmer geht, schleiche ich mich an den Dell und hacke mit rascher Klaue an einige Freunde die Weisheit: "Es wird Schwarz-Gelb-Grün geben!" Viel mehr kann ich nicht schreiben; denn schon ist meine Herrin wieder da. Sie soll das nicht merken, und im stillen hoffe ich, daß einige der Freunde antworten und mich bestätigen. Da kommt aber nicht viel. Die meisten sind so verzagt wie meine Herrin. Die kriegt inzwischen ihren Mund nicht mehr zu; denn wir sehen die "Elefantenrunde". So heißt die Berliner Runde, obgleich gar keine Elefanten auftreten, sondern nur sieben Herren und eine Dame, letztere sehr gefaßt und gar nicht lustig. Die Herren haben ebenfalls nichts zu lachen, bis auf einen, der verhält sich derartig schräg, daß selbst ich beeindruckt bin.
"Wer ist das denn?" blöke ich erstaunt. "Schaf, das ist unser Bundeskanzler, der Herrscher über die Deutschen, über ihre Verfassung und die Spielregeln der Demokratie, der allmächtige Schöpfer des Pimmels und der Herde!" preßt sie heraus. "Merke es dir, nicht nur Schafe können Herden bilden, sondern auch Menschen." Das allerdings weiß ich schon allein, blöke es aber nicht heraus; denn ich will meine Herrin nicht zusätzlich reizen.
Ob in der "Elefantenrunde" oder vor den Parteigenossen, dieser Kanzler feiert seine Wahlniederlage wie einen Sieg. Nebenbei geht er die Moderatoren Hartmann von der Tann und Nikolaus Brender frontal an. Wer die außer Rand und Band geratenen Parteigenossen unseres Medienkanzlers betrachtet, wie sie im Begeisterungstaumel diesen grinsenden Popanz beklatschen, diesen soeben ausgezählten Hohlkörper, der kommt ins Staunen darüber, daß die SPD einstens eine demokratische Partei war. Zur bislang in Nachkriegsdeutschland beispiellosen Mißachtung der demokratischen Institutionen durch die Vertreter dieser Institutionen, allen voran Gerhard Schröder, gibt Matthias Küntzel in der "Jüdischen" eine Zusammenfassung. Den Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher kommt "der kalte Grusel" an beim Auftritt des Kanzlers. (2)
"Der scheint mir irgendwelche ´Medikamente´ eingepfiffen zu haben," vermutet meine Herrin spontan. "Drogen?" Nun wache ich aber richtig auf: "Herrin", hast du nicht einen langen Artikel geschrieben zum Thema ´Drogen, Kriminalität, Terrorismus´: für die Legalisierung aller Drogen, und jetzt stört es dich schon, wenn es nur so aussieht, daß einer Drogen konsumiert?" Da wird sie sehr böse: "Zeige mir die Stelle, wo steht, daß der Regierungschef Deutschlands Drogen nehmen sollte? Du hast nichts begriffen - bist halt nur ein Schaf!"
Mit sowas trifft sie mich, das weiß sie genau. Nun ärgere ich sie: "Herrin, es gibt ernstzunehmende Wissenschaftler, für die es völlig klar ist, daß Gerhard Schröder wiedergewählt wird. Der deutsche Verfassungsexperte Josef Isensee beispielsweise meint, der Bundeskanzler wisse heute schon, daß er mit den Stimmen der Linkspartei gewählt und dann eine rot-grüne Minderheitsregierung bilden werde. Und ich, Herrin, habe einmal genau gesehen, wie Gerhard Schröder dem Lothar Bisky, von der Linkspartei, sehr kollegial und freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Das macht mensch nicht, wenn mensch eine sooo große Abscheu vor den Vertretern der Linkspartei hat, blök!" (3)
Meine Herrin erbleicht. Um sie aufzumuntern, blöke ich: "grkkzzzkrz, grkkzzzkrz, grkkzzzkrz! Bringen Sie mirr dän värsprochenen Unionszerteiler ... ich beansproche die Führrrunk ... grkkzzzkrz ..." (4)
Meiner Herrin bleibt das Lachen im Halse stecken: "Was soll das denn? Bist du jetzt durchgedreht?" Dabei will ich ihr nur einen Eindruck vermitteln, wie treffend Jo@chim, vom "antidemokratieteam.de", zeigt, in welche Richtung das wirre und arrogante Gesülze des Bundeskanzlers in der "Elefantenrunde" geht: GröKaz - größter Kanzler aller Zeiten. Der Bundeskanzler vermutet - und vielleicht nicht zu unrecht, daß Angela Merkel nicht rechtzeitig hieb-&stichfeste Koalitionsverträge mit den Gelben und den Grünen zustande bringt. Mensch bedenke, daß der/die vom Bundespräsidenten vorgeschlagene Kandidat/in mit großer Wahrscheinlichkeit auch gewählt werden sollte, sonst wäre das Ansehen sowohl des Bundespräsidenten als auch seines in geheimer Wahl abgelehnten Kandidaten lädiert - wenn nicht verloren. Schon einmal hat sich der Bundespräsident auf das Glatteis des Bundeskanzlers begeben, nochmal könnte er sich das nicht erlauben. Der Bundespräsident hat aber sicherlich wie wir die "Elefantenrunde" vom Sonntagabend verfolgt. Wenn nicht, so kann er sich diesen Auftritt des überkandidelten Gerhard Schröder in Ruhe vorm Kamin als Video ansehen und überlegen, ob er den GröKaz vorschlägt. (5)
Meine Herrin merkt meine Hoffnung auf Schwarz-Gelb-Grün, auf die "Jamaika"-Koalition, aber sie ist nicht überzeugt. "Schaf, die Mehrheit der Deutschen hat links gewählt. Hast du es vergessen? (6) Zur Linkspartei sind zahlreich abtrünnige Sozialdemokraten gestoßen, die liebend gern wieder beim Machtpoker mittun würden. Sie stehen schon in den Startlöchern, für schöne Versprechungen ihre Stimme dem Gerhard Schröder zu geben. Das wäre im Sinne der einfachen SPD-Wähler, die vor den Kameras des ZDF doch allen Ernstes erklären: ´Die SPD hat immer geholfen!´ So jedenfalls dokumentiert es die Sendung "Frontal 21" am 20. September. Die Pendler denken an den Verlust ihrer Pendlerpauschale, die Nachtarbeiter an die Verringerung ihrer Nachtzuschläge, wenn CDU/CSU und FDP regieren."
Ich werde ganz kleinlaut. Soll ich in den Ruf von Hans Zippert einstimmen: "Gerhard Schröder muß Kanzler bleiben. .. Es wäre viel zu teuer, ihn jetzt vom Netz zu nehmen?" (7)
Da stimmt vielleicht Wolfgang Bosbach von der CDU mit ein; denn die "Jamaika"-Koalition wäre "ein völlig neuer Gedanke!" Neue Gedanken aber - sind die nicht unserem Lande fern? Wohin sollten sie führen? Konnte schaf es nicht mit Entsetzen sehen, wie sie alle, von Linkspartei und SPD bis CDU/CSU und FDP die vernünftigen Vorschläge des Paul Kirchhof abserviert haben? Die "Jamaika"- Koalition würde uns auch in Rußland unglaubwürdig machen. Dort kann man es sich gar nicht vorstellen, daß der persönliche Freund des Wladimir Putin nicht mehr Kanzler sein könnte, und so meint man denn auch, wie die ZDF-Korrespondentin berichtet, es bestünde ein Patt und Gerhard Schröder bliebe Kanzler. In Rußland würde man solches sicher hinkriegen, blök! (8)
Da ist unser Außenminister allemal klüger und tritt mit sehr bewegten Worten von allen Ämtern bei den Grünen zurück. Schluß ist mit dem inoffiziellen Grünenvorsitz, bei dem Claudia Roth und Reinhard Bütikofer "His Masters Voice" spielen, und auch der Fraktionsvorsitz und ein Außenministerposten unter Angela Merkel locken ihn nicht. Gespannt kann schaf sein zu erfahren, mit der Aussicht auf welchen lukrativen Posten dem scheidenden Außenminister dieser Schritt in einen "neuen Lebensabschnitt" erleichtert wurde. (9)
Bereits der erste Schwenk der Fernsehkameras in die Reihen der Grünen, die solche Neuigkeiten vernehmen, zeigt, wieviele andere qualifizierte Mitglieder diese Partei hat, von Renate Künast bis Oswald Metzger. Joschka Fischer drängt und beißt sie über die Jahre alle weg. Er ist das für die Grünen, was Gerhard Schröder für die SPD ist: die Partei. Diese Doppel-Ich-AG hat jetzt ausgedient, meine ich Schaf.
Die USA sollten sich nicht solche Sorgen über das unklare Ergebnis der Bundestagswahl und eine folgende "Periode der Unsicherheit und Instabilität" machen. "Innenpolitische Nabelschau" wird nicht allzulange vorherrschen, dazu gibt es in CDU/CSU, FDP und bei den Grünen viel zu viele Politiker, die genau wissen, was sie selbst und was Deutschland zu verlieren hätten, wenn Gerhard Schröder in geheimer Wahl mit Leihstimmen der Linkspartei zum Kanzler gewählt und sich mit wechselnden Mehrheiten durch die nächsten Jahre wursteln würde. (10)
Blök!
Euer Schaf!
Beobachter der Koalitionsverhandlungen
21. September 2005 - erweiterte Fassung, mit einer Ergänzung in Anmerkung 2 sowie mit dem neuen Deutschlandlied
Parteienschrottplatz
(1) burro català
http://www.burrocatala.com/
Baillestavy
http://perso.wanadoo.fr/baillestavy/
(2) Schröderismus. Von Matthias Küntzel, Die Jüdische, 21. September 2005
http://www.juedische.at/TCgi/_v2/TCgi.cgi?target=home&Param_ Kat=3&Param_RB=9&Param_Red=4214
Gerhard Schröder. Aufputscher. Von Frank Schirrmacher. FAZ.NET, 19. September 2005
http://www.faz.net/s/RubAC861D48C098406D9675C0E8CE355498/Doc %7EE9776464D5AF64D068F7B7CDC27D554AD%7EATpl%7EEcommon%7EScon tent.html
(3) Experte erwartet Schröders Wiederwahl als Kanzler. TagesAnzeiger.ch, 19. September 2005
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/541733.html
(4) Funkspruch aus dem Bunker. Posted by jo@chim, antibuerokratieteam.de, 19. September 2005, 08:55
http://www.antibuerokratieteam.de/?p=372
(5) Die Berliner Runde. Moderatoren: Hartmann von der Tann und Nikolaus Brender, Video. ARD, Sonntag, 19. September 2005, 20:15 Uhr
http://www.tagesschau.de/video/0,1315,OID4766940_RESms120_PL Yinternal_NAV_BAB,00.html
(6) Presseportal. Vorläufiges amtliches Ergebnis der Bundestagswahl 2005, 20. September 2005, 1:40 Uhr
http://www.presseportal.de/story.htx?nr=726466
(7) Über Kanzler Schröder. Von Hans Zippert, WELT.de, 20. September 2005
http://www.welt.de/data/2005/09/20/778127.html
(8) Koalitionspoker in Berlin. ARD Tagesschau, Bettina Scharkus, 20. September 2005, 12:00 Uhr
http://www.tagesschau.de/video/0,1315,OID4775164_RES_NAV,00. html
(9) Fischer kündigt Rückzug an.
http://www.netzeitung.de/spezial/neuwahl2005/358842.html
Nach der Wahl: Alles offen. Fischer: Kein Minister unter Merkel. dpa, AP, ZDF. ZDF Politik&Zeitgeschehen, 19. September 2005
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/1/0,1872,2376705,00.html
(10) Tagesthemen. USA fürchten Nabelschau in Deutschland statt starker Führungsrolle. Greenpeace Magazin, 19. September 2005, 21:27 Uhr
http://www.greenpeace-magazin.de/magazin/tagesthemen/tt_list .php?p=32407&more=1#more32407
Das neue Deutschlandlied
Schröder, Schröder über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn er sich zum Schutz und Trutze
gegen böse Amis stellt,
Von dem Rhein bis an die Oder,
Und in Clausthal-Zellerfeld -
Schröder , Schröder über alles,
Über alles in der Welt!
Drei neue Strophen und die drei alten hier:
Das neue Deutschlandlied. Brutto oder netto, 9. September 2005
http://bruttonetto.twoday.net/stories/963741/