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Was das Schaf zu blöken hat...Was das Schaf zu blöken hat...

Floyd Landis

Liebe Freunde!

Wenn meine Herrin nicht launisch ist und mich in meinem Pferch hin und her kommandiert, dann ist sie traurig. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Ständig surft sie im Internet der Hezbollah wegen, die Israel in einen Krieg zieht. Sie kreischt gestern richtig auf: Das Faz.net titelt: Scheich Hassan Nasrallah. Das skrupellose Gesicht der Hizbullah, dabei kann ein Gesicht gar nicht skrupellos sein, sondern nur sein Besitzer, und zwar ein Mensch. Eine Organisation kann nicht skrupellos sein, und ein Gesicht hat sie auch nicht, das sind keine Begriffe, mit denen die Eigenschaften der Hezbollah treffend beschrieben werden können; sind das Wortklaubereien, mit denen sie sich vielleicht Mut machen will? Nein, meint sie spitz und errät meine Gedanken, auf diese Weise entlastet die FAZ den Terroristenführer von seiner Verantwortung. Nicht er, sondern das Gesicht der Hezbollah ist angeblich skrupellos, letztlich also niemand. (1)

Wenn sie nur ahnte, wie sie mich aller Freuden beraubt mit ihrer Beckmesserei und dem ewigen Starren auf Informationen vom Kriegsschauplatz im Nahen Osten. Ich darf in diesem Jahr die Tour de France nicht sehen, weil ihre Interessen wichtiger sind, und weil Sheriff Lance Armstrong, die perfekte Rennmaschine, nicht mehr dabei ist. Der gewinnt siebenmal in Folge die Tour de France und hört dann einfach auf, peng! Seine Widersacher allerdings beenden ihre Neidkampagnen lange nicht, im Gegenteil, sie weiten sie bis zum George W. Bush aus. Dazu beschäftigt Le Monde einen Journalisten, der für die gesunde Umwelt zuständig ist, aber das Ausräuchern des Verpesters der französischen Landschaft will ihm nicht recht gelingen. (2)

Über die Tour de France ist alles gesagt, ich schaue lieber die 184. Folge von "Sturm der Liebe", diesem Klassiker in den Kulissen eines Hotels "Fürstenhof", dieser Einheit von Ort, Zeit und Handlung, meint meine Herrin, dann vergesse ich für eine Dreiviertelstunde die gesamte einseitige anti-israelische Berichterstattung der europäischen Mainstream Medien. "Katharina und Sven sind voneinander fasziniert, dennoch weiß Katharina, wohin sie gehört: zu Alexander." (3)

Könnt Ihr Euch so etwas vorstellen? Ja, giftet sie hinterher, "Katharina verläßt Alexander ...!" und dann folgen die alten Krimis im ZDF, "Ein Fall für Zwei" und die "SOKOs", Kommissar Schickl in jungen Jahren. Danke, ARD, danke, ZDF!

Wie staunt sie aber, daß statt ihrer geliebten vom Sturm der Gefühle und Leidenschaften gebeutelten Darsteller der Liebe am 19. Juli die Tour de France von der ARD ausgestrahlt wird. Da sieht sie, wie Floyd Landis, der ex-Leutnant des Lance Armstrong, mit acht Minuten Rückstand auf die Spitze aus der Führungsriege der Tour de France ausscheidet. Von der allwissenden Sportzeitung L´Équipe bis zum Provinzblatt des Südens L´Indépendant glaubt man ihn endgültig ausgeschaltet aus dem Kampf um den Sieg. Endlich sind die Amerikaner dort, wo man sie in aller Form bemitleiden kann, Floyd Landis gewinnt die Herzen der französischen Sportreporter. Meine Herrin ist traurig. So schlimm ist es also gekommen. Ich versuche, sie zu trösten, aber es hilft nicht.

Herrin, bitte ich am nächsten Tag, könntest du vielleicht so freundlich sein und trotzdem die Tour de France einschalten? Da sie aufs Nahostgeschehen gerade keinen Bock (hähähä!) hat, gewährt sie mir die Bitte. Ich gerate mitten in den Radsporttag, und was sehe ich? Dort radelt einsam Floyd Landis. Der arme Mann, blöke ich, auferstanden aus Ruinen, macht er doch weiter mit. Das liebe ich, das ist Sportsgeist. Wo sind denn die anderen Radler?

Liebe Freunde, da raffe ich es erst! Er ist nicht irgendwo hinten, wo ihn ein verspäteter Reporter filmt, sondern er führt das Feld an, das erst ungefähr acht Minuten später eine Pedale zeigt. In 130 Kilometern hat er alles wieder aufgeholt. Er liegt in der Gesamtwertung 30 Sekunden hinter Oscar Pereiro, im Gelben Trikot, und 12 Sekunden hinter dem zweitplazierten Carlos Sastre. Andreas Klöden, unser Klödi liegt auf Platz 4. Er gewinnt 2004 den zweiten Platz, hinter Lance Armstrong. Ihr könnt es Euch denken: wie schafft Floyd Landis das? fragen die Kommentatoren. Ist Floyd Landis auch eine Rennmaschine? Doping?

Aber im Gegensatz zu der Schlammschlacht, die Lance Armstrong 2004 über sich ergehen lassen muß, lese ich in diesem Jahr, daß die Teams den Floyd Landis völlig unterschätzt und eine Strategie gefahren hätten, die den Erfolg des Amerikaners gesichert habe. Dieser Erkenntnis noch nicht genug, setzt die Sonderkorrespondentin der Le Monde Elise Vincent noch eins drauf: Um zu siegen, bleibt für Carlos Sastre, Oscar Pereiro und Andreas Klöden, sich von ihrer Mentalität des Mannschaftskameraden zu befreien. Kühnheit lernt man nicht von heute auf morgen. "Landis ist eben Landis," stößt Oscar Pereiro in Morzine bewundernd hervor. (4)

"Ich schätze, Floyd Landis gewinnt die Tour", tippt T-Mobile-Kapitän Andreas Klöden, der in der Gesamtwertung an vierter Stelle rangiert, und liegt damit auf einer Linie mit den Spaniern Carlos Sastre (2.) und Oscar Pereiro (1.). "Zweiter wird Sastre, Dritter Pereiro - oder ich", glaubt der Deutsche. (5)

Wenn das die Haltung der europäischen Rennfahrer ist, daß sie nicht an sich glauben, dann werden sie heute beim Zeitfahren über 57 Kilometer wahrscheinlich von Floyd Landis abgehängt. Sie wollen es nicht anders, sie sagen es selbst. Angesagt aber wäre, etwas zu wagen wie Landis, der seine waghalsige Flucht am Vortag genau geplant hatte, meint Jörg Schallenberg. (6)

Und Elise Vincent äußert in der Le Monde eine Weisheit, die allgemein gültig ist: Siegen wird immer das Individuum, über die Mannschaft, die Partei, die Volksgemeinschaft, die Ummah.

Blök!
Euer Schaf
Hammelspringer
22. Juli 2006 - mit einem Link über den positiven Dopingtest, 27. Juli 2006

Hier habe ich das ausgerupft:

Reaktionen zum positiven Dopingtest bei Landis. dpa, Financial Times Deutschland, 27. Juli 2006
http://www.ftd.de/sport/radsport/99796.html?zid=45007

(1) Scheich Hassan Nasrallah. Das skrupellose Gesicht der Hizbullah. Von Günter Lerch, F.A.Z., 20.07.2006, Nr. 166 / Seite 8. FAZ.net, 20. Juli 2006
http://www.faz.net

(2) Tour de France mit "Sheriff" Lance Armstrong und "Judas" Jens Voigt. 24. Juli 2004
http://www.eussner.net/schaf_2004-09-18_22-55-05.html

Vertraulich: Das Amerika des Lance Armstrong. 28. Juli 2004
http://www.eussner.net/artikel_2004-07-28_20-43-47.html

(3) Sturm der Liebe Folge 184. DasErste.de, 20. Juli 2006
http://www.daserste.de/sturmderliebe/folgenarchiv_dyn~folge,184~cm.asp

(4) Floyd Landis retrouve sa place de favori après une échappée solitaire. Par Elise Vincent, LeMonde.fr, 21 juillet 2006
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-676968,36-797526@5 1-790871,0.html

(5) Samstag: Alle tippen auf Landis. sid, APA, red, derStandard.at/Sport, 21. Juli 2006
http://derstandard.at/?url=/?id=2525778

(6) Tour-Zeitfahren. Klödens letzte Chance. Von Jörg Schallenberg, SpiegelOnline, 21. Juli 2006
http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,428001,00.html


Quelle: http://www.eussner.net/schaf_2006-07-22_12-28-08.html
Copyright © by Gudrun Eussner | 21.11.2008, 09:58 Uhr