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Le Roussillon insolite (Anklicken zum Vergrößern)
Foto: Monsieur Boris
Le Roussillon insolite

Perpignan. Visa pour l´Image.
Zwei Tragödien und eine Bilanz

Die heiße Wahrheit, die unsere Stadt vierzehn Tage heimgesucht hat, weicht einem milden Vorherbst. Die MSM Frankreichs sehen´s schon seit dem 7. September so, da lĂ€uft die Fotoausstellung Visa pour l´Image erst seit einer Woche. Danach gibt´s außer Zusammenfassungen in der Wochenendausgabe nicht mehr groß etwas zu berichten, der Teil fĂŒr die Profis ist vorbei. (1)

Seit dem 13. September ist die vĂ©ritĂ© des clichĂ©s endlich abgehĂ€ngt, aber das hindert den IndĂ©pendant nicht, den Festival-Direktor Jean-François Leroy noch einmal wie eine Ikone vorzufĂŒhren, lĂ€ssig im Sessel lehnend, Perlenkettchen ums Handgelenk (Foto anbei), um seine Freunde trauernd, um den kĂ€mpferischen Christian Poveda und um den im Alter von 99 Jahren verstorbenen großen Fotografen Willy Ronis, den Großvater der Fotografen, dessen humanistische Fotos voller ZĂ€rtlichkeit sind fĂŒr ein Frankreich, das sich jeden Tag ein wenig mehr verliert. Damit meint er nicht etwa die Zerstörung der westlichen Kultur und Zivilisation durch die fortschreitende Islamisierung, sondern Boule, Baguette und BaskenmĂŒtze. (2)

Wer je Nachkriegsfotos von Paris gesehen hat, kennt das 1952 aufgenommene Foto des kleinen Blondschopfs, der mit dem französischsten aller Weißbrote im Laufschritt ĂŒber den Gehsteig eilt! (3)

Willy Ronis aber hat vor dem Zweiten Weltkrieg ganz andere Fotos aufgenommen, die sich nicht so beschreiben lassen, die nicht am Rand des Kitsches dĂŒmpeln. Der Sohn eines jĂŒdisch-ukrainischen Fotografen und einer jĂŒdisch-litauischen Pianistin, FlĂŒchtlingen vor den Pogromen Anfang des 20. Jahrhunderts, fotografiert Arbeiterdemonstrationen 1934, das Erstarken und die RegierungsĂŒbernahme der Volksfront, 1936. In den 30er Jahren verkehrt er mit den Giganten der Fotografie seiner Zeit, mit Robert Capa, David Seymour und Henri Cartier-Bresson. Gemeinsam legen sie das Fundament dessen, was in der Nachkriegszeit die "humanistische" Schule wird. 1938-39 berichtet er ĂŒber die Streiks der CitroĂ«n-Fabriken und die meisten der großen sozialen Bewegungen, er reist durch den Balkan. Mit Cartier-Bresson schließt er sich der den Kommunisten nahestehenden Association des Ecrivains et Artistes RĂ©volutionnaires an, der Vereinigung der RevolutionĂ€ren Schriftsteller und KĂŒnstler.

WĂ€hrend der Okkupation gelingt es Willy Ronis, nach SĂŒdfrankreich zu gelangen, wo er durch Zufallsbegegnungen als Theaterregisseur, Hilfs-Filmausstatter und Schmuckmaler arbeitet und sich durchschlĂ€gt. Seine TĂ€tigkeit als Fotograf nimmt er nach der Befreiung wieder auf.

Die Ă€sthetisch gelungenen Nachkriegsfotos haben nichts mehr von politischer Parteinahme, seine Themen sind Pariser Alltagsszenen, SchleppkĂ€hne auf der Seine, Boule-Spieler, lachende Kinder und Liebende mit und ohne Kinderwagen - im Figaro kann man eine Dia-Schau und ein Interview mit Willy Ronis in zwei Videos aufrufen. Er macht auch Mode- und Werbefotos. Mit anderen Fotografen setzt er sich dafĂŒr ein, daß die Fotografie als Kunstwerk anerkannt wird. Seine Fotos sind in der Tat kleine Kunstwerke, es sind Kleinode. (4)

Der Festival-Direktor kann die TrĂ€nen der Trauer ĂŒber die Toten nicht zurĂŒckhalten, vor allem ĂŒber Christian Poveda, der sich ebenfalls dem Menschlichen gewidmet hat, oder besser, dem Teil davon, der trotz des Horrors auf dem Grund der Augen dieser Jungen bliebe, deren tĂ€towiertes Gesicht die Zugehörigkeit zu diesen rivalisierenden Banden herausschreit, zu dieser Welt, in der das Leben und der Tod nur eine Gewehrkugel weit voneinander entfernt sind. "Sie sind Mörder, StraftĂ€ter ... Aber fĂŒr mich sind sie zu allererst Opfer", habe Christian Poveda zu ihm im letzten Jahr gesagt.

Jean-François Leroy benutzt Leben und Werk der beiden Fotografen zu seiner ganz privaten Sentimental Journey. (5)

Es folgt die Bilanz des Festivals, die rĂŒcklĂ€ufige Zahl der Akkreditierungen, New York Times zwei statt fĂŒnf, National Geographic sechs statt zwölf, und manche Medien seien gar nicht gekommen. Unter den etwa 3000 Akkreditierungen seien aber 40 Prozent zum ersten Mal erfolgt. Man muß damit rechnen, daß zukĂŒnftig ein Nachwuchs prĂ€sentiert wird, der sich in die Propagandastrategie des Festivals einfĂŒgt, pro-palĂ€stinensisch, Israel- und USA-feindlich, darin eingestreut einiger Kitsch aus Douce France, cher pays de mon enfance, oder gar humanistische Fotos voller ZĂ€rtlichkeit von Szenerien nach Art, wie sie meine geliebte SĂ€ngerin Frehel vorstellt, die schon damals das Schicksal des einsamen Obama kennt: Dans la tristesse et la nuit qui revient / Je reste seule, isolĂ©e sans soutien. In der Traurigkeit und der Nacht, die zurĂŒckkommt, / Bleibe ich einsam, ohne UnterstĂŒtzung isoliert. Vielleicht besingt sie ja in weiser Voraussicht schon stellvertretend das Ende des Messias: OĂč sont tous mes amants, / Tous ceux qui m´aimaient tant ? Wo sind alle meine Liebhaber, alle diejenigen, die mich so sehr geliebt haben? (6)

Was die Öffentlichkeit demnĂ€chst erwartet und zu erwarten hat, liest man im France Soir, der beschreibt, was in diesem Jahr gut angekommen ist: Les dessous de l´AmĂ©rique, etwa das, was tatsĂ€chlich hinter Amerika steckt, was man nicht jedem zeigt, die leicht schmuddelige UnterwĂ€sche. Man wird es kaum fassen, aber das subventioniert das Konsulat der USA in Marseille erstmalig in diesem Jahr mit dem Ziel, amerikanische Fotografen zu fördern. Das Konsulat zahlt, und auf dem Werbeplakat fĂŒr die Fotoausstellung sieht man ein Foto von Brennan Linsley, es zeigt GuantĂĄnamo Bay und sein GefĂ€ngnis. Bill Mesta, von der US Naval Base Cuba, tauscht dort nach der AmtseinfĂŒhrung von Barack Obama das PrĂ€sidentenfoto aus, endlich kommt George W. Bush von der Wand. DafĂŒr ist dem Außenministerium nichts zu teuer. Auf der offiziellen Visa-Site wird der US-Sponsor unter allen sonstigen nationalen und internationalen Sponsoren nicht erwĂ€hnt. (7)

Die Politik des neuen Herrn im Weißen Haus wird zĂŒgig umgesetzt: Außer den privilegierten Fotos von Callie Shell ĂŒber Obama aus den drei Jahren, die seiner Amtseinsetzung vorausgegangen sind, zĂ€hlen zur Auswahl 2009 des Festivals ebenfalls die Reportagen von EugĂšne Richards ĂŒber die RĂŒckkehr der amerikanischen Soldaten aus dem Irak und von Brenda Ann Kenneally PortrĂ€ts von Frauen einer Arbeiterklasse, die vom "American Dream" enttĂ€uscht ist. Denen allen gibt Barack Obama neue Hoffnung. (8)

Die Dummheit, NaivitĂ€t oder Böswilligkeit der französischen MSM kann kaum noch ĂŒbertroffen werden - vielleicht hin&wieder von den deutschen. StĂ©phanie Villeroy zeigt den Lesern ihr Lieblingsfoto. Visa pour l´Image - Barack Obama only. Sie stellt die Fotoserie aus den drei Jahren vor seiner PrĂ€sidentschaft so vor: Die Fotos von Callie Shell zeigen einen Obama allein vor den AnfĂ€ngen seiner Kampagne, und allein wĂ€hrend der ersten Monate seiner Amtszeit. Auf den Fotos ist Barack Obama aber meist nicht allein, er steht in einer Schule, damit ihn alle gut sehen können, auf ´ner Kiste und wirbt fĂŒr Change We Can Believe In und Hope, Obama macht vor Mitgliedern seines Wahlkampf-Teams KlimmzĂŒge, er ruht sich im Vorwahlkampf gemeinsam mit seiner Frau in New Hampshire aus - Lieblingsfoto der StĂ©phanie Villeroy, man sieht ihn unmittelbar vor der Inauguration inmitten zahlreicher Zuschauer voller Stolz und messiasĂ€hnlich auf dem blauen rotgerĂ€nderten Teppich stehen, die Augen geschlossen, er hört als PrĂ€sident in seinem BĂŒro, im Weißen Haus, seinen Mitarbeitern zu, wobei er wie der Zappel-Phillip auf dem Stuhl kippelt. Callie Shell, die Fotografin seines Vertrauens ist immer dabei - und da ist noch nicht einmal thematisiert, daß sein Gönner, der Multi-MilliardĂ€r und Menschenfreund George Soros, und dessen Mitarbeiter ihn unter der Leitung von David Axelrod schon mindestens vier Jahre betreuen. Der Aufbau des Barack Obama zum zukĂŒnftigen Bewerber ums Weiße Haus beginnt bereits vor den PrĂ€sidentschaftswahlen vom November 2004, seit der Zeit ist er nie mehr allein. (9)

Soweit zum Thema la vĂ©ritĂ©, die Wahrheit von Fotografien. Die wird Tausenden von BĂŒrgern von Perpignan, den umliegenden Dörfern und von nah&fern angereisten GĂ€sten vermittelt. Da das den Veranstaltern aber nicht reicht, geht es in der Erziehungswoche, der semaine scolaire, Education Week, vom 14. bis 18. September 2009, weiter mit der Indoktrination von Schulkindern, wahrscheinlich klassenweise.

Derweil sinniert Festival-Direktor Jean-François Leroy ĂŒber die Irrungen&Wirrungen des Lebens und Sterbens nach: Christian. Drei Kugeln in die Brust, eine in den Kopf: so etwas, das ist nicht das Leben. Er ist fest ĂŒberzeugt, daß die Bandenmitglieder ihn nicht erschossen haben; denn man habe seine Leiche samt seiner Uhr und dem Fotoapparat gefunden. Also gab es keinen Raub, und also war das ein Auftragsmord. Ich denke, das waren die Polizisten, weil er diesen Jugendlichen zu nahe war, er störte ... Barbara Gorrand fragt nach: Er störte, heißt das, er tat seine Arbeit? Ja, meint Jean-François Leroy, das sei wie bei allen anderen Fotografen, die die RealitĂ€t zeigten. Sein Tod hat uns niedergedrĂŒckt. Weil er nicht gerecht ist. (2)

Man soll es nicht fĂŒr möglich halten, aber dieser Mann weiß und bestimmt, was gerechter und was ungerechter Tod ist. So anmaßend wie dieses Urteil, so verfehlt und daneben ist das ganze Projekt.

16. September 2009

Quellen

(1) Perpignan. Visa pour lÂŽImage: Seit wann sagen Fotos die Wahrheit?
Roussillon, 7. September 2009
http://www.eussner.net/roussillon_2009-09-07_23-42-17.html

(2) "Visa n´attend pas que les gens soient morts pour les cĂ©lĂ©brer."
Recueilli par Barbara Gorrand, L´IndĂ©pendant, 16 septembre 2009, p. 2
http://tinyurl.com/psqza4

(3) Willy Ronis. Monsieur Photo
http://monsieurphoto.free.fr/index.php?menu=1&Id=3&ss_menu=1

(4) Willy Ronis mort d´un gĂ©ant de la photographie. Par Samuel Laurent.
2 Videos. Le Figaro, 12 septembre 2009
http://tinyurl.com/nud6gv

(5) Doris Day - Sentimental Journey # 2. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=xDFH8jzuHMw

Doris Day and Sentimental Journey. Written by
Bud Green, Les Brown and Ben Homer, 1944
http://www.thesjo.com/pages/dorisday.html

(6) Charles Trenet. Douce France. 1963. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=RApXJFVWzQc&feature=related

Douce France - Charles Trenet - Paroles de la chanson
http://fr.lyrics-copy.com/charles-trenet/douce-france.htm

Frehel - OĂč sont tous mes amants. Video. YouTube
http://www.youtube.com/watch?v=Bl8Mv-ziLAI

(7) Obama vs Cheney on Terror. Photo. Letter to the Editor.
By Bill Hurt, Bellevue, The Seattle Times, May 24, 2009
http://tinyurl.com/q8x6cr

Visa pour l´Image. National and International Sponsors
http://www.visapourlimage.com/sponsors/international.do

(8) Visa pour l´Image. Les dessous de l´AmĂ©rique. Par StĂ©phanie Villeroy,
France Soir, 11 septembre 2009
http://tinyurl.com/lwt3j7

(9) Visa pour l´Image - Barack Obama only. Par StĂ©phanie Villeroy,
France Soir, 10 september 2009
http://tinyurl.com/pjmkcd

McCain/Obama: Impressionen aus der Meta-Kampagne. 16. Oktober 2008
http://www.eussner.net/artikel_2008-10-16_23-59-56.html


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