 
Die mißlungene Operation der Franzosen in Mali
Liebe Freunde!
Meine Herrin fliegt demnächst für zwei Wochen nach Berlin, und da quengele ich, daß ich mit will. Hier vorm Ferni, in meinem verzinkten Drahtgitterpferch verhungere und verdurste ich doch, oder glaubt einer, Möhren hielten sich so lange frisch? Ausreichend Heu paßt nicht in den Pferch, und abgestandenes Wasser? Igittigitt! Den Ferni kann ich mit meinen Klauen eh nicht anwerfen, all die schönen Wiederholungen der Wiederholungen der Tatorte entgehen mir. (1)
Schaf, erwidert meine Herrin mürrisch auf mein Geblöke, ich schicke den Besitzer des katalanischen Esels, des burro català , der kann nach dir sehen, der wirft dir Heu und Wasser hin. Gemein! Das ist doch der mit dem Esel, der hinter der Eselin in den Pyrenäen her ist, wenn er den mitbringt, gibt´s wieder Zóre, dessen burro hat keinen Humor, das ist ein Nationalist wie sein Herr, der will nur katalanisch sein I-A in meinen Pferch kreischen, dann verstehe ich nix, und Herr und Esel entblöden sich nicht, über mich zu lachen. Habt Ihr mal ´nen Esel lachen gesehen? Diese gelben Zähne, grrr! (2)
Meine Herrin sieht, daß ich nicht begeistert bin über ihren Vorschlag. Da meint sie plötzlich: Du kannst dich verdient machen und mal nach der mißlungenen Operation des französischen Militärs in Mali schauen. Auch kannst du nachsehen, wieviele Aktivisten der Linkspartei, du weißt schon, diejenigen, die sich über die Israelis auf der Mavi Marmara aufgeregt haben, nun Anträge an den Deutschen Bundestag einreichen, die Regierung Frankreichs zu verurteilen, die einen Mann befreien will, der seit dem 20. April gefangen gehalten wird. Dann kannst du nachsehen, was die israelische PR aus dem Sturm des französischen Kommandos macht, ob er überhaupt vorkommt, ob ´ne Frage formuliert wird.
Was die Israelis damit zu tun haben, und was sie äußern sollten, weiß ich nicht.
Am Donnerstag, den 22. Juli 2010, in der Frühe, leiten die Franzosen zur Befreiung ihres Landsmanns Michel Germaneau, des 78-jährigen Mitarbeiters von Enmilal, einer kleinen französischen NRO, aus der Geiselhaft der Aqmi, der al-Qaida au Maghreb islamique, eine Operation des mauretanischen Militärs in Mali. Die mißlungene Operation am Hauptquartier der Terroristen, in der Sahara, fordert mindestens sechs Tote der Aqmi, vier der Gruppe können fliehen. Die Geisel, Einwohner von Marcoussis, bei Paris, ist von den Geiselnehmern inzwischen ermordet worden, in französisch nennt man das exécuté, umgebracht. (3)
Ich wittere eine Chance, doch mit nach Berlin zu dürfen, und schaue mich im Internet um. Sofort finde ich Mitglieder des Parti socialiste, den sozialistischen Bürgermeister von Marcoussis Olivier Thomas und einige andere Linke, die sich über die Bedingungen aufregen, unter denen der Angriff stattgefunden hat. Die Agentur ar-Reuters beliefert den Express, eine Zeitung aus dem selben Hause wie der Figaro.
Der Parti socialiste im Einklang mit dem Nouveau parti anticapitaliste des Briefträgers Olivier Besancenot beklagen das "fiasco" und den "raid raté", den mißlungenen Angriff. Da werde ich ganz jieperig. Jetzt werden sie die Verletzung der Souveränität eines fremden Landes anklagen. Die Geisel befindet sich in Mali, an der Grenze zu Algerien. Das Gebiet von Kidal, wo die Operation stattfindet, hat etwa die Größe Frankreichs. Wie staune ich, daß beim Parti socialiste davon gar keine Rede ist. Solche Argumente werden nur gegen Israel gebraucht, im Falle des mißlungenen französischen Angriffs in einem fremden Land, Mauretanien wird offiziell konsultiert und sein Militär einbezogen in die Operation, die anderen betroffenen Länder, Mali, Algerien und Niger, übergangen, beklagen sie nur den Umgang mit dem Leben französischer Bürger.
Die Linken links vom Parti socialiste, Jean-Luc Mélenchon, vom Parti de gauche, und der Vertreter des Nouveau parti anticapitaliste weisen darauf hin, daß die französische Operation in Mali, einem souveränen Land, ohne ein internationales Mandat stattgefunden hat. Der Bürgermeister dreht die Tatsachen um, in dem er sagt: "Möge man dem Terrorismus den Krieg erklären (...). Gleichzeitig das Leben von Franzosen aufs Spiel zu setzen, die aus humanitären Gründen dorthin gegangen sind, das ist eine fürchterliche Entscheidung."
Als wenn die Terroristen nicht systematisch auf der Geiseljagd wären! Der Bürgermeister und die Verantwortlichen von Enmilal, "Helfen um zu helfen", wären zu fragen, wie sie es dulden, gar fördern können, daß ein alter Mann von 78 Jahren sich in Lebensgefahr begibt. Es ist doch nicht zu fassen, daß verantwortliche Repräsentanten des französischen Staates ihre Bürger einem solchen Risiko aussetzen. Dafür wird der Bürgermeister auch noch vom Premierminister François Fillon empfangen! (4)
Derweil tobt Napoléon IV alias Nicolas Sarkozy herum und droht. Premierminister, Außen- und Innenminister, Generaldirektor der Äußeren (DGSE) und der Inneren Sicherheit (DCRI) sowie ein Vertreter des auf Dienstreise in Vietnam weilenden Verteidigungsministers, der Genralstabschef der Armeen und der Generalsekretär des Elysée werden am Montagmorgen zu einer Sitzung zusammengetrommelt.
Anschließend schickt der Staatspräsident seinen Außenminister Bernard Kouchner in die Region, nach Niamey/Niger, Bamako/Mali und Nouakchott/Mauretanien und läßt ihn dort fragen, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden seien, um französische Bürger in den drei Ländern zu schützen. Den Franzosen empfiehlt er, jetzt nicht in die Gegend zu reisen. Nun will er den Kampf gegen den Terrorismus verschärfen und erklärt, das Verbrechen an Michel Germaneau bleibe nicht ungestraft. (5)
Herrin, blöke ich beeindruckt, was Frankreich aber auch alles macht! Verletzt die Souveränität Malis, fällt dort in ein Gebiet ein, das so groß ist wie das Hexagon, informiert die anderen betroffenen Länder nicht, Mali kann der Terroristen dort nicht Herr werden, Algerien bereitet Operationen vor, bei denen solche Alleingänge wie der jetzige nicht gebraucht werden. Wenn ich mir vorstelle, Israel hätte auch nur einen Bruchteil solcher Handlungen begangen! Und dann noch gedroht: Wir werden euch für das Verbrechen bestrafen!
Nicht auszudenken, meint meine Herrin. Die nächste Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates wäre schon terminiert, der UN-Menschenrechtsrat hätte bereits eine Resolution verfaßt, aber wenn´s um Frankreich geht, dann krähen einige Linke herum und nutzen den mißlungenen Angriff zu nichts als zu ihren politischen Zwecken, und das war´s.
Zusammenhänge mit dem Verhalten der "internationalen Staatengemeinschaft" gegenüber Israel, wenn es sich gegen Terroraktivitäten aus der Türkei, aus Gaza und aus der vereinigten Linken der Welt zur Wehr setzt und dabei ein Angriff mißlingt, einen solchen Zusammenhang sieht niemand. Ihr glaubt´s nicht, liebe Freunde? Googlet doch mal "Michel Germaneau" + Israel, oder "Michel Germaneau" + "Mavi Marmara".
Und was ist jetzt, darf ich mit nach Berlin? - Das werde ich mir noch überlegen!
Menschen kennen keine Dankbarkeit, keine Empathie. Sie denken nur an sich, blök!
Derweil trauert Amadou Toumani Touré, der Präsident von Mali; um wen, wird nicht so recht klar; denn was hat er mit dem alten herzkranken Franzosen zu schaffen, der ihm nur Ärger einbringt? Schließlich hat man ihn aus Niger entführt, was er dort geleistet hat, sieht man auf der Site von Enmilal. Mit den Terroristen aber, die zur Aufbesserung ihrer Kriegskasse nur auf solche Helfer warten, müssen Amadou Toumani Touré und seine lustlosen Truppen fertig werden, und dann wird Nicolas Sarkozy auch noch frech, läßt sein Militär ungefragt ins Land einfallen und macht den Regierungen der Region Vorhaltungen, daß sie französische Bürger nicht schützen. Wie denn? (6)
Meine Herrin und ich hauen jetzt ab, es reicht für die nächsten zwei Wochen!
Blök!
Euer Schaf
Rufer in der Wüste
26./28. Juli 2010
In welcher Wüste ich das ausgerupft habe:
(1) Tatort Fans
http://tatort-fans.de/
(2) El burro catalÃ
http://www.burrocatala.com/
(3) "Michel Germaneau" "raid raté". Google.fr 1 450 résultats
http://tinyurl.com/2wsntze
Enmilal "aider pour aider"
http://www.enmilal.org/
(4) "Zones d´ombre" et "raid raté" évoqués sur la mort de Germaneau.
ar-Reuters, L´Express, 26 juillet 2010
http://tinyurl.com/352ekeo
(5) Otage français tué : Sarkozy promet des représailles. Le Figaro, 26 juillet 2010
http://tinyurl.com/2um9wd6
(6) Germaneau: Touré "triste et indigné". Le Figaro, 27 juillet 2010
http://tinyurl.com/25omjtd
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