 
Tour de France mit "Sheriff" Lance Armstrong und "Judas" Jens Voigt - Was das Schaf am 24. Juli 2004 zu blöken hatte ...
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Liebe Freunde!
Ich erdreiste mich, die heißen Tage nicht in der Ecke meines Pferches zu verdämmern, sondern ich drehe den Ferni auf und gucke die Tour de France. Nun ja, nicht die ganze Tour, aber doch die eine oder andere Etappe, schon allein, weil die Tour auch hier durch die Pyrenäen kommt und durch die Alpen, wo meine Herrin schon auf den Col de la Madeleine gestiegen und nach Le Grand-Bornand gewandert ist, wohin ich aber nicht darf, wie Ihr Euch denken könnt. Ich darf überhaupt nie nirgends hin.
Auffällig sind die Zuschauer am Straßenrand, sie stehen manchmal bis in die Mitte der Straße und behindern die Fahrer. Besonders toll finde ich es, wenn riesige Deutschlandfahnen vor nichtdeutschen Fahrern geschwenkt werden, so daß diese kaum noch die Straße überblicken können. Als wenn es nicht schon reichte, daß überall auf den Asphalt in großen Buchstaben Jan gemalt ist!
Der aber wird den Anforderungen so gar nicht gerecht, und wißt Ihr, warum nicht?
Ein Champion wie Armstrong lebt für das Radfahren, Jan fährt Rad, um zu leben. Ich bezweifle, dass er von seiner Psyche her überhaupt in der Lage ist, so ein Leben zu führen. Er ist keine Bestie, kein Killer. Das meint T-Mobile-Teamchef Walter Godefroot im Interview mit der französischen Sportzeitung L´Équipe. (1)
So sind wir Deutschen. Wir sind keine Bestien und keine Killer. Das mögen wir früher mal gewesen sein, aber wir haben aus der Geschichte gelernt. Wir sind heutzutage liebenswerte, friedfertige Softies, von der Psyche her gar nicht in der Lage, wie die perfekte Rennmaschine Lance Armstrong zu fahren. So sind sie, die Amerikaner: Bestien und Killer! Gewiß, Jan Ullrich gewinnt die Tour de France 1997, aber mehr spielerisch, denn er ist vorgesehen als der Wasserträger für Bjarne Riis. Es wird so ähnlich wie bei den türkischen Palastgarden sein, die haben ab dem 9. Jahrhundert ihre Herren auch mal eben spielerisch entmachtet. Denkt nur an die Ghasnawiden in Afghanistan und die Mamelukengarde in Ägypten. So dürft Ihr es Euch auch mit Jan Ullrich und Bjarne Riis vorstellen. Ich will von denen lernen. Vielleicht kann ich ja meine Herrin auch mal spielerisch ....
Ihr habt es recht verstanden: der Teamchef hält Lance Armstrong per Umkehrschluß für eine Bestie und einen Killer, denn wenn der gewinnt, dann nur deshalb. Er ist die perfekte Maschine, und der Stern meint, dazu habe sich Lance Armstrong selbst gemacht. Natürlich wird gegen ihn auch der Doping-Vorwurf erhoben, und wie bei deutschen Medien üblich, steht da: Armstrong soll gedopt haben. Wie es sich für deutsche Journalisten mit guten Gehältern gehört, recherchieren sie das nicht selbst, sondern berufen sich auf Experten, einen englischen ausgezeichneten Sportjournalisten und einen jahrelangen Radexperten der französischen L´Équipe. Die sind so das, was Uri Avnery für die Palästina-Solidarität und Noam Chomsky für die politische Analyse sind. Wenn man bei Lance Armstrong nichts findet, so ist das seiner Schlauheit und Raffinesse zuzuschreiben! (2)
Lance Armstrong wird aber nicht nur jenseits (Bestie, Killer), sondern auch diesseits des Gesetzes vermutet, nämlich von einem Kommentator der L´Équipe, als Sheriff: Ist George W. Bush ein Cowboy, so ist Lance Armstrong ein Sheriff. In der 18. Etappe weist er den Ausreißer Filippo Simeoni zurück ins Hauptfeld, widrigenfalls er mit seinem Team ankäme und ihn und seine achtköpfige Spitzengruppe abräumen würde. Mit Filippo Simeoni hat Lance Armstrong einen Rechtsstreit, denn er hat ihn in einem Doping-Prozeß einen Lügner genannt. Na, das ist doch was! Wegen so einer Kleinigkeit so böse zu werden! Ist das nötig, fragt schaf sich. (3)
Die meisten Rennkollegen, auch die von T-Mobile, sind allerdings auf der Seite von Lance Armstrong bei dieser Aktion. Das muß der Neid lassen. (4)
Ja, so ist der Lance Armstrong. Überhaupt, dessen Team, das fährt für ihn wie ´ne Eins. Das ist wie eine Speerspitze immer vorn zu sehen. Selbst mir Schaf wird das deutlich. Die wuseln da nicht so rum wie die Deutschen oder wie wir Schafe in der Herde, sondern die sind organisiert, die halten zusammen!
Wie der US-Präsident wird auch der Rad-Profi, der absolute Herrscher, bewundert und gehaßt. Vor dem Bergzeitfahren in Alpe d´Huez wird er anonym ernsthaft bedroht, während des Fahrens erhält er Buh-Rufe und Stinkefinger aus den Reihen der Zuschauer.
Er verstößt ungestraft gegen ungeschriebene Tour-Gesetze, wie im echten Wilden Westen eben. Wem hat er so mitgespielt, wem hat er mit einer Großanstrengung den zum Greifen nahen Etappensieg weggesprintet? Einem Deutschen, unserem sympathischen Andreas Klöden. Er macht das wie ein Kannibale, meint der. So haben wir noch eine Charakterisierung dieses Amerikaners. Wenn ihm nun noch einer nachweisen könnte, daß er jemanden richtig echt gefoltert hat, dann ...
Der sympathische Klödi, dem laut Bjarne Riis die Zukunft gehört, der hat nun nur noch Aussicht auf einen zweiten Platz; gegenwärtig liegt er 6 Minuten und 38 Sekunden hinter dem Kannibalen. Gemein! und Jan Ullrich, unser Ulle, kommt wahrscheinlich gar nicht aufs Podium, es sei denn, der Maschine Lance Armstrong würde in der letzten Etappe noch die untere hohlgebohrte Nockenwelle eiern oder der Zylinderblock rausfliegen.
Jetzt aber zu dem Berliner Judas Jens Voigt. Der fährt für das dänische CSC Team des Bjarne Riis; mit diesem Team hat er den Vertrag, den Favoriten Ivan Basso zu stützen. So kommt es, daß er, wie von Bjarne Riis beauftragt, Ulle daran hindert, einen erfolgreichen Angriff zu fahren. Das bringt ihm am nächsten Tag empörte Buh-Rufe, Judas-Plakate und die Beschimpfung mit Tiernamen seitens deutscher Fans. Dem Ulle kommen ob dieser Beschimpfungen des super Kumpels Jens Voigt fast die Tränen.
Der verbitterte Jens Voigt macht die unqualifizierte Berichterstattung in den deutschen Medien für sein Spießrutenlaufen verantwortlich. Als er auf Nachfrage des Reporters die ARD-Kommentatoren nennt, blendet das ZDF das Interview aufgrund eines Fehlers in der Regie aus. (5)
Es geht hier nicht um Staatspolitik oder um Krieg, sondern nur um Sport. Ich bin auf der Strecke als Vaterlandsverräter beschimpft worden. Das war offene Feindschaft. Die unberechtigte Kritik hat mich sehr getroffen, sagt Jens Voigt. Ja, die Globalisierung schlägt überall zu. Von jeder Kenntnis des internationalen Profi-Radsports unbeleckt, grölen die deutschen Ulle-Fans los. Wir werden wieder einmal benachteiligt. Jens Voigt habe dafür gesorgt, daß Lance Armstrong die Attacke von Jan Ullrich stoppen konnte. Er gehört für den ARD-Koordinator Hagen Boßdorf also zu einer Art Koalition der Willigen, die für den Amerikaner arbeiten. Es gibt daraufhin eine regelrechte Hexenjagd. Deutsche Fans laufen 30 Meter neben dem Fahrer her und beschimpfen ihn. Der bekommt Angst, daß sie ihn vom Rad stoßen. Jens Voigt meint, daß Hagen Boßdorf diese Hexenjagd gestartet habe. Er ist nebenbei Biograph des Jan Ullrich und parteiisch. (6)
Das ist selbst Walter Godefroot zu viel. Als dann noch das ZDF dem Jens Voigt den Saft abdreht, als dieser gerade beginnt, sich über die Berichterstattung des Senders zu beschweren, wird das Fernsehpublikum zu Hause böse. Das ZDF hat das aber nur aus Versehen so gemacht und nicht, um die Schelte für einen Kollegen wegzudrehen. So jedenfalls berichtet der ehemalige ZDF-Kollege Klaus Angermann, der das alles selbst miterlebt, im Wiesbadener Kurier.
Mir Schaf fällt auf, daß von dem Eklat an der Jens Voigt mit Engelszungen besungen wird. Ihm wird außerdem vor laufender Kamera eine schriftliche Stellungnahme überreicht, das ZDF entschuldigt sich bei dem Fahrer, der als vorbildlicher, fairer Sportler "rehabilitiert" wird. (7)
Freunde, Ihr seht, schaf braucht keinen Huf aus dem Pferch zu setzen, wenn nur der Ferni passend steht, und das Bild schön scharf ist. Bei einem Büschel Heu und reichlich frischem Wasser kann schaf den ganzen Tag Tour de France gucken und dabei seine Landsleute bewundern. Besonders schön finde ich aber, daß sich auch einige Kolleginnen Kühe auf die Piste machen, um die Show zu genießen. Leider werden sie ruckzuck vertrieben, wogegen keiner protestiert.
Jetzt bin ich noch gespannt, ob Lance Armstrong heil seine Runden auf dem Kopfsteinpflaster der Champs-Elysées drehen wird. Dann hat er den Rekord aufgestellt und zum sechsten Mal die Tour gewonnen, was den einen oder anderen Franzosen, Belgier und Spanier wurmen mag, denn das ist einmalig. Vier Tour de France Fahrer gewinnen diese Tour fünfmal: (8)
- der Franzose Jacques Anquetil, 1957 und 1961 bis 1964
- der Belgier Eddy Merckx, 1969 bis 1972 und 1974
- der Franzose Bernard Hinault, 1978 und 1979, 1981 und 1982 und 1985
- der Spanier Miguel Indurain, 1991 bis1995
Ich bin schon ganz aufgeregt.
Blök!
Euer Schaf
Anmerkungen
(1) Godefroot - Kritik: Ullrich fehlt der Killerinstinkt. Spiegel Online, 24. Juli 2004
http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,310339,00.html
(2) Lance Armstrong. Rätsel auf zwei Rädern. Stern
http://stern.de/sport-motor/sportwelt/?id=526284&eid=525907& nv=hp_sr
(3) "Sheriff" Lance Armstrong: Sein Wort ist Gesetz. Der Amerikaner wird bewundert und gehaßt. BZ, 24. Juli 2004, 19 Uhr 40
http://bz.berlin1.de/letour/040725/lance.html
(4) Profis stehen hinter Armstrong. derStandard.at, 24. Juli 2004, 20 Uhr 37
http://derstandard.at/
http://derstandard.at/druck/?id=1738930
(5) Erboster Jens Voigt versehentlich gestoppt. ZDF heute, 21. Juli 2004
http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/14/0,1367,HOME -0-2146862,00.html
(6) Das war eine Hexenjagd. Süddeutsche Zeitung Online, 22. Juli 2004
http://www.sueddeutsche.de
(7) In der Hektik der Life-Übertragung. Wiesbadener Kurier, 23. Juli 2004
http://www.wiesbadener-kurier.de/meldungen/objekt.php3?artik el_id=1555271
(8) Die Sieger der Tour de France
http://www.jadusport.de/radsport/tourdefrance.html
24. Juli 2004
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