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Gudrun Eussner
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Was das Schaf zu blöken hat...öken hat...

Kerry oder Bush?

Liebe Freunde!

Ich bin in großer Gefahr, und ich weiß nicht, ob dies hier nicht mein letztes Geblöke sein wird. Schnell wird schaf reif fĂŒr Spieß oder Kochtopf. Menschen können niemals wahre Freunde sein.

Wie Ihr wißt, versuche ich, meiner Herrin ein guter Ratgeber zu sein, ich höre mir ausdauernd ihr stĂ€ndiges Genörgel ĂŒber Antiamerikaner, Antisemiten, Islamisten und andere Israelfeinde an, gebe ihr dabei meistens recht, liefere gar Argumente, reise fĂŒr sie nach den Haag zum Prozeß gegen den Sperrzaun - und das nicht nur, weil ich mir ein extra BĂŒschel Heu verdienen will, sondern selbstlos und ehrlich. Ihr habt mitbekommen, dass ich dennoch immer mehr eingeschrĂ€nkt werde, BĂŒcher- und Taschengeld werden mir vorenthalten, und auch die Fragen, ob ich mit auf Reisen will, sind mehr rhetorisch zu nennen. Meine Herrin sagt mir zwar, sie mĂŒsse mich vor "Friedensfreunden" schĂŒtzen, die mir an die Wolle wollen, ich aber glaube das kaum noch. Sie will mich maultot machen, das ist es.

Ich bin schon lange mit ihr einer Meinung, dass die Politik der Bush-Administration von Demokraten abgelöst werden sollte. John Kerry wÀre nicht der schlechtetes Nachfolger des George W. Bush, blök!

Nun aber reicht´s, alles hat seine Grenzen. In der Wahlnacht muß ich erdulden, dass meine Herrin fernguckt. Da sich mein Pferch direkt vorm Ferni befindet, kann ich die ganze Nacht nicht schlafen. Wenn ich dann ein wenig am Futter zupfe, kriege ich sofort an den Schafskopf: "Schaf, raschle nicht rum, gib Ruhe, ich will das hier verstehen!" Dann mache ich mich ganz klein und linse nur mit einem halben Auge ins ARD-Programm. Drei Grashalme zermalme ich noch - dann wage ich nichts mehr.

Der Chefredakteur des WDR Jörg Schönenborn, "Telestar" und Axel Springer PreistrĂ€ger, zustĂ€ndig fĂŒr die ARD-Studios in den USA, Tom Buhrow, Leiter des ARD-Studios in Washington, und eine Reihe zugeschalteter Journalisten berichten bis um 5 Uhr 30 sehr anregend vom Stand der Dinge. Die ARD-Journalisten sind dafĂŒr, dass Dubbya nach vier Jahren mit 9/11, Terror, Afghanistan- und Irakkrieg abgelöst wird. Sie machen daraus kein Hehl. Sie zittern mit. Meine Herrin, die sonst immer sehr kritisch ist, wenn sich Berichterstatter so dezidiert einseitig festlegen, scheint das gar nicht zu stören. Um sie zu Ă€rgern, blöke ich einmal: "Ich bin dafĂŒr, dass Bush PrĂ€sident bleibt!" Den wĂŒtenden Blick hĂ€ttet Ihr sehen sollen! Ich kannte meine Herrin gar nicht wieder.

Zur Unterhaltung liefern Jörg Schönenborn und Tom Buhrow nicht nur eine sehr lustige Satire ĂŒber den ferngelenkten Dubbya, sondern auch Sandra Maischberger, die zur Sendezeit sowieso mit ihrem Programm in der ARD drangewesen wĂ€re, wenn auch nicht so lange. Sie hat im Washingtoner Restaurant "Papa Razzi" bunte GĂ€ste, die kommen und gehen: den in Kalifornien lebenden Schauspieler Hardy KrĂŒger und seine amerikanische Frau Anita, den ehemaligen ARD-Korrespondenten in Washington Gerd Ruge, Spiegel-Online-Autor Henryk M. Broder, den Erfinder der "Achse des Bösen" und ex-PrĂ€sidentenredenschreiber David Frum, eine Stripperin der Kalendergirls "Babes against Bush", zwei frisch verheiratete Lesben mit Tochter, eine Iraksoldatin, die OSZE-Wahlbeobachterin Rita SĂŒĂŸmuth, die keine UnregelmĂ€ĂŸigkeiten bei der Wahl feststellt, u.a.

Ich kann sie mir nicht alle merken, und Papier zum Aufschreiben kriege ich nicht mehr, nix. Die Mehrheit der geladenen GĂ€ste ist jedenfalls fĂŒr John Kerry, sogar Henryk M. Broder, der von Sandra Maischberger an die Ă€ußerste Ecke des Tisches verbannt wird und von dort, nachdem die anderen GĂ€ste teils mehrfach das Wort ergreifen dĂŒrfen, endlich seine Minibombe hochgehen lassen kann: nicht mehr fĂŒr Bush, sondern in Los Angeles, nach einigen Wochen Aufenthalt, ĂŒberzeugt von Kerry. Zum Totlachen!

Da sitzt er, mit Sternenbanner-Schlips und seinen bekannten roten HosentrĂ€gern, wohl wissend, dass es nicht eingeladenen Journalisten wie Oliver Gehrs, von der "Frankfurter Rundschau", oder Marcus BĂ€cker, von der "Berliner Zeitung", vor Wut die Feder zittern lĂ€ĂŸt. So machen sie sich denn auch ĂŒber der "echten NervensĂ€ge" Henryk M. Broders "doofe Klamotten" und "das bloße Tragen einer Krawatte mit Sternenbanner und rote HosentrĂ€ger" her, ĂŒber diese "Fleisch gewordene und aggressiv geschmacklos gekleidete Fundamental-Opposition" (Marcus BĂ€cker). Die griesgrĂ€migen Langweiler reagieren wie Pawlowsche Hunde:

"Broder und Ruge bei Maischberger - das war fast so gruselig wie Halloween, journalistisch völlig ĂŒberflĂŒssig und zudem Geldverschwendung. Um all die PlattitĂŒden einzusammeln, die an ihrem Tisch abgesondert wurden, hĂ€tte Maischberger wirklich nicht in die USA fliegen mĂŒssen...", meint Oliver Gehrs, der sich um unsere Rundfunk- und FernsehgebĂŒhren sorgt, als wenn das ersparte Reisegeld fĂŒr Ruge und Broder sonst seiner Haushaltskasse zugefĂŒhrt wĂŒrde. Von Hardy KrĂŒgers GesĂŒlze, das schlimmer ist als das von Wim Wenders bei Sabine Christiansen, erwĂ€hnt er nichts: "Die letzten vier Jahre unter Bush waren die schlimmste Zeit, die ich in Amerika erlebt habe... Und wie Bush lĂŒgt. Das ist ja nicht zu glauben!" Schaf kann nur hoffen, dass Hardy KrĂŒger nicht wie Wim Wenders damit droht, nach Deutschland zurĂŒckzukehren - und die Drohung dann wahr macht. Ich bin nur ein einfaches Schaf, aber ich finde, die GĂ€ste von Sandra Maischberger sind alle interessant.

Der nuschelnde Gerd Ruge und der schrille Henryk M. Broder kriegen ARD-Honorar und Spesen, womit letzterer sich im Vorgriff in Los Angeles bei Hollywood eine glitzernde Paillettenweste mit Sternenbannermuster kauft. Das kriegt Oliver Gehrs nicht mit, weil die Weste erst so gegen 5 Uhr in das Blickfeld der Kamera tritt, da er schon dabei ist, seinen kulturell wertvollen Kommentar zu schreiben. Der geht am 3. November, um 16 Uhr 24 Minuten und 57 Sekunden, online.

Nun aber genug geblökt ĂŒber diese drittklassigen Neidhammel. Die sind es gar nicht, die mich mit meiner Herrin entzweien. Wir wissen schon lange, was von ihnen zu erwarten ist. Es ist auch nicht der von mir respektlos zum "Weihnachtsblogger" verballhornte Wahlnachtsblogger von Richard Herzinger "Ideen und IrrtĂŒmer". Wer Ideen hat, der begeht auch IrrtĂŒmer. Nein, ich kriege es mit ihr zu tun, als ich wage, in lautes Geblöke ĂŒber ihre Reaktion ĂŒber den Verlierer John Kerry auszubrechen.

"Schaf", sagt sie heute morgen, "in Europa sollen 65 Prozent aller Menschen traurig sein, dass John Kerry nicht gewonnen hat." Als ich ihren belĂ€mmerten Blick sehe, kriege ich ´nen Anfall: "Macht es dich nicht stutzig, dass du nichts anderes vorbringst als eine Fixierung auf die Politik der USA? Wohnen wir im 51. Staat, oder wo? Ahnst du vielleicht, warum in Europa so viele fĂŒr John Kerry sind? Ich sag´s dir: weil die EuropĂ€er keine eigene Politik auf die Beine kriegen, um den Herausforderungen der US-Politik etwas Brauchbares entgegenzusetzen!

Hast du dich nie gewundert, warum Russland, China und Israel fĂŒr George W. Bushs Wiederwahl sind? Das sind LĂ€nder, die wie die USA eigene in sich konsistente Vorstellungen ĂŒber ihre und ĂŒber die Weltpolitik haben. Sie warten nicht wie die EuropĂ€er darauf, dass ihnen der US-PrĂ€sident mundgerecht etwas hinwirft. Sie nörgeln nicht stĂ€ndig herum. Die EuropĂ€er lieben John Kerry, weil sie glauben, dass er wie sie gegen die jetzige US-Politik ist, gegen den Irakkrieg und gegen die Wirtschaftspolitik der Republikaner. Es ist bezeichnend, dass John Kerry wĂ€hrend des Wahlkampfes nicht klarmachen kann, wofĂŒr er steht; sonst wĂ€re die Begeisterung vieler EuropĂ€er ziemlich geschrumpft. Die EuropĂ€er meinen, John Kerry zu kennen, den aber kennen die Republikaner besser als er sich selbst. Die Mehrheit der europĂ€ischen Bevölkerung und die meisten europĂ€ischen Politiker haben noch weniger Ahnung."

Ich gebe zu, dass es ganz schön frech ist, was ich blöke, aber sagt ehrlich: habt Ihr verstanden, welche Politik die Demokraten gemacht hĂ€tten, oder ward Ihr wie meine Herrin und ich vor allem dafĂŒr, dass George W. Bush abgelöst wird? Das ist doch schon immer der Schlachtruf der Linken: "Gegen X! Weg mit Y! Tod dem Z!" Erinnert Ihr Euch nicht?

Wo ist die gemeinsame Politik der EU? Heute betreibt jeder seine eigene nationale Politik, worauf die einzelnen Staaten sogar noch stolz sind. Frankreich und Deutschland gehen ein ZweckbĂŒndnis ein, andere EU-Staaten dĂŒrfen von Fall zu Fall teilhaben - meistens nicht. Die Verfassung der EU ist umstritten, nur der Euro steht gut da, und das vor allem, weil der Dollar schwĂ€chelt. Die HĂ€lfte der EU-Staaten, davon sechs Staaten des "alten Europa", haben als Mitglieder der "Koalition der Willigen" Truppen im Irak (Stand: MĂ€rz 2004). Deutschland und Frankreich machen auf "Friedensfreunde" und lassen die Amerikaner im Irak am kalten Arm verhungern, weil das angeblich ihren nationalen Interessen entspricht. Selbst wenn das vor dem Irakkrieg gestimmt haben mag, so entspricht es jetzt niemandes Interessen, wenn der Irak auf Grund der verfehlten US-Politik im Chaos versinkt.

"Was hat sich die europÀische Politik von einem Sieg des Demokraten John Kerry versprochen?" frage ich meine Herrin, "und was hast du dir davon versprochen?"

Menschen haben immer zu viele Illusionen, vor allem Linke. Anstatt sich in ihren eigenen LĂ€ndern einzumischen und die Politiker auf Trab zu bringen, verlieren sie sich in ErsatzscharmĂŒtzeln, werden Globalisierungskritiker, verbinden sich mit Islamisten wie Tariq Ramadan und liefern sich Spiegelfechtereien mit den Republikanern der USA. Davon lassen die Vertreter des Parti communiste français (PCF) und die Maisausreißer NoĂ«l MamĂšre und Yves Contassot, Abgeordneter bzw. Sprecher der GrĂŒnen, auch heute nicht ab.

Von den notorischen Bush-Freunden, den UMP-Abgeordneten HervĂ© Mariton ("eine gute Nachricht nicht nur fĂŒr die USA, sondern auch fĂŒr Frankreich") und Alain Madelin ("Ich glaube die Welt bedarf eines Polizisten und der Furcht vor dem Polizisten") abgesehen, letzterer immer gern gesehener Gast im American Enterprise Institute (AEI), beide von Anfang an fĂŒr den Eintritt Frankreichs in den Irakkrieg, scheinen der Erste SekretĂ€r des Parti socialiste (PS) François Hollande und der PrĂ€sident der Union pour la DĂ©mocratie Française (UDF) François Bayrou die ersten zu sein, die aufwachen und die Konsequenzen ziehen wollen. Die Regierenden in Frankreich und Deutschland erschöpfen sich darin, dem Wahlsieger zu gratulieren. Angela Merkel "hofft auf ein besseres VerhĂ€ltnis zwischen Europa und den USA ... Dazu sollte jede Seite ihren Beitrag leisten". Na, dann warten wir einmal ab, was uns die neue US-Regierung anbietet!

Die USA werden weiterhin versuchen, ihre Politik durchzusetzen, wenngleich ihre Machtposition nicht mehr die ist wie vor dem 11. September 2001. Die Antwort der USA auf die islamistischen Terroristen hat der RĂŒstungsindustrie die Taschen gefĂŒllt, aber die USA haben inzwischen eine halbe Billion Dollar Schulden. Sie können morgen nicht den Iran, Syrien oder gar Saudi-Arabien angreifen, erst recht nicht im Alleingang. Sie mĂŒssen eine gemĂ€ĂŸigtere Politik betreiben. George W. Bush kann das eher vermitteln als John Kerry, der erst einmal hĂ€tte nachweisen mĂŒssen, dass er kein Weichei ist.

Das habe ich meiner störrischen Herrin beizubringen versucht, aber ich fĂŒrchte, Menschen können nicht pragmatisch denken. Sie mĂŒssen immer spinnen und Utopien nĂ€hren. Ich fĂŒrchte, dass ich eher am Spieß oder im Kochtopf lande, als dass meine Herrin auf mich hört.

Ich werde mich an die sechs SchĂ€fer der Fabeln des Gotthold Ephraim Lessing wenden. Einer von ihnen wird mich vielleicht aufnehmen und mich gegen den Wolf verteidigen. Bei meiner Herrin fĂŒhle ich mich nicht mehr sicher.

Blök!
Euer Schaf
Wahlbeobachter

4. November 2004

Aus den kargen WeidegrĂŒnden:

NĂ€chtliche Flirtversuche, von Marcus BĂ€cker. Berliner Zeitung,
BerlinOnline, 4. November 2004
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/media/392208.htm l?2004-11-04

Es war einmal in Amerika. Vor lauter Expertenrunden verschliefen die deutschen Sender in der US-Wahlnacht den Trend zugunsten des mutmaßlichen Siegers George W. Bush. VON OLIVER GEHRS. FR Online, 3. November 2004
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/medien/? cnt=568050

Mit D-Körbchen gegen Bush, von Henryk M. Broder, Washington.
Spiegel Online, 3. November 2004
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,326322,00.html

Katerstimmung nach dem Dauertalk, von Reinhard Mohr.
Spiegel Online, 3. November 2004
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,326259,00.h tml

Weltwoche-Wahlnachtsbloggen. Weblog: Richard Herzingers Ideen und IrrtĂŒmer. Weltwoche.CH, 31. Oktober 2004
http://weltwoche.typepad.com/herzinger/2004/10/weltwochewahl na.html

Perspectives on World History and Current Events. Coalition of the Willing
http://geocities.com/pwhce/willing.html

Kerry plutĂŽt que Bush pour la majoritĂ© des politiques français. L´Internaute - ActualitĂ©. Mercredi 27 octobre 2004, 09h54
http://www.linternaute.com/afp/depeche/dos1/041027095438.umq 3he31_i.shtml

La France se fait bon gré mal gré à la réélection de George Bush.
LEMONDE.FR avec Reuters, 03.11.04
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3222,36-385658,0.h tml

Gratulationen aus aller Welt, Spiegel Online, 4. November 2004
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,326317,00.h tml

Die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. The Project Gutenberg EBook of AusgewÀhlte Fabeln, by Gotthold Ephraim Lessing
http://www.outfo.org/literature/pg/etext05/7afbl10.txt

Mein eigenes Archiv findet Ihr hier:
http://www.eussner.net/schaf_sectionindex.html


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